Wo bin ich noch ich selbst?

Wir leben in einer Welt, die sich immer schneller zu drehen und wo ein Superlativ den Nächsten zu jagen scheint. Egal ob sportliche Höchstleistungen, bei denen z.B. Armand Duplantis jedes Jahr aufs Neue einen Weltrekord aufstellt, architektonische Wettkämpfe um das höchste Gebäude der Welt – der geplante Jeddah Tower soll die 1000m Marke überschreiten – oder politische Selbstüberschätzungen, bei denen mittlerweile ganzen Ländern Preisschilder verpasst werden, in der Gesellschaft ist ein Streben nach Macht, Anerkennung und ‚social Comparison‘ zu beobachten. Begleiterscheinung ist ein Vergleichswahn, der in einem Streben nach digitalem Perfektionismus und einer künstlich inszenierten Selbstdarstellung mündet. So werden Dynamiken, wie die ‚fear of missing out‘ oder der Stress, mit den inszenierten Lebenswirklichkeiten anderer Menschen mithalten zu müssen, ausgelöst, wodurch ein stetiger Wettlauf nach dem nächsten Event, Reiseziel oder Körperideal beginnt. Aus Vergleichswahn wird schnell Selbstoptimierungswahn, bei dem der eigene Selbstwert nur noch über digital vorzeigbare Leistungen und Statussymbole, wie kostspielige Erlebnisse oder ein durchtrainierter Körper, definiert und demnach von der Anerkennung einer breiten, globalen Masse abhängig gemacht wird. Produkt ist eine künstliche Inszenierung seiner selbst, welches sich auf die Suche nach dem nächsten ‚instagramable moment‘ begibt. In einer Welt, in der ein Post den nächsten jagt, in der wir durch den Alltag hetzen und in der selbst ‚digital detox‘ zum online vermarkteten social Media Trend wird, frage ich mich immer mehr, an welchen Orten oder in welchen Situationen man sich eigentlich noch so fühlt, wie sich selbst? Dass mich solche Phänomene selbst betreffen, obwohl ich keine Social-Media-Plattformen nutze, motiviert meine Suche um so mehr. Das eigentlich Erstrebenswerte einer Selbst-Optimierung erscheint mir dann nicht in der Suche nach externen Bestätigungen und Leistungen zu liegen, sondern in der Suche nach innerem Antrieb, nach inneren Leidenschaften und nach dem, was mich als Individuum wirklich ausmacht. Ohne auf andere Menschen zu schauen, sollte sich daher vielleicht jeder einmal die Frage stellen: Wer bin ich eigentlich, wenn ich ich selbst bin?

Franz von Assisi – Pionier des interreligiösen Dialogs

Anlässlich des 800. Todestages Franz von Assisis am 3. Oktober 2026 gibt es in diesem Jahr viele Feiern und Gedenkveranstaltungen. In Assisi wurde bereits zu Jahresbeginn das Jubiläumsjahr zu Ehren des Heiligen eröffnet. Italien gedenkt des Franziskus am 4. Oktober, seinem offiziellen Gedenktag, mit einem nationalen Feiertag. Auch das Erzbistum Paderborn feiert am 12. September 2026 in Dortmund ein Franziskusfest mit dem Titel: „800 Jahre einfach leben“, um an das Wirken dieses außergewöhnlichen Mannes zu erinnern https://www.erzbistum-paderborn.de/themen-angebote/dioezesanes-franziskusfest/. Wer ist dieser Mann gewesen, dass wir nach 800 Jahren noch an ihn denken und sein Erbe feiern? Am bekanntesten ist vielleicht sein Sonnengesang. Papst Johannes Paul II. erklärte Franziskus 1980 zudem zum Patron des Umweltschutzes und der Ökologie. Er ist bekannt für seinen Einsatz für Frieden und ein Leben in Einfachheit. Seine Spiritualität wird seit seiner Ordensgründung von den Franziskanerinnen und Franziskanern gelebt.  Ein weniger bekannter Aspekt seines Wirkens ist Franziskus’ Rolle als Pionier des interreligiösen Dialogs. Wie ist es dazu gekommen?  Im Jahr 1219, während des Kreuzzugs von Damiette, reiste Franziskus bis Palästina und schloss sich dort dem Kreuzfahrerheer an, das auf dem Weg nach Ägypten war. Er kam ins Lager der Kreuzzugsheere bei den lateinischen Christen an. Papst Innozenz III hatte 1213 zum 5. Kreuzzug aufgerufen ins so genannte „Heilige Land“. Sein offizielles Ziel war, die Stadt Jerusalem zurückzuerobern. Zur Rechtfertigung des Vorgehens diente im Kreuzzugsaufruf ein sehr polemisches Islambild. Die Zielgruppe der Polemik, die Kreuzfahrer, wussten weder von den Machtinteressen des Papstes noch davon, dass die muslimischen Heere bei der Einnahme Jerusalems alle Christen geschont hatten. Hat auch Franziskus die Ansicht geteilt, dass die Muslime grausame Ungläubige waren? Oder ging es ihm bei seiner Reise nach Palästina um die Nachfolge Jesu an den Orten seines Wirkens? Das genaue Anliegen des Franziskus lässt sich nicht historisch ermitteln. In Ägypten belagerte das Kreuzfahrerheer die strategisch wichtige Hafenstadt Damiette im Nildelta. Dort soll Franziskus zu den feindlichen Truppen des muslimischen Heers hinüber gegangen sein. Es ist unklar, wie lange Franziskus im muslimischen Lager blieb und was während dieser Zeit im Lager des Sultans geschah. Erstaunlich ist, dass Franziskus das muslimische Lager betreten und auch wieder verlassen konnte. Die Muslime hatten allen Grund, Franziskus zu misstrauen oder ihn zu verachten. Wurde er als Bote oder Überläufer hereingelassen? Doch auch nach der Erkenntnis, dass er beides nicht war, hat man ihn wieder entlassen.  Es soll ein Gespräch mit dem Sultan gegeben haben. Ist das Treffen zwischen dem italienischen Bettelmönch und dem mächtigen Sultan mehr als eine Legende? Dafür spricht die Erwähnung in außerfranziskanischen Quellen wie bei dem Kreuzzugs-Chronisten Oliver von Paderborn sowie durch den muslimischen Chronisten Ibn al Zayyát al Tádilí. Sultan Malik al Kamil gilt als einer der bedeutendsten muslimischen Herrscher des Mittelalters. 1219 war er genau wie Franziskus noch keine 40 Jahre alt. Er soll hoch gebildet, friedliebend und beim Volk sehr beliebt gewesen sein. Die Tatsache, dass er mit Franziskus gesprochen hat, beweist einmal mehr seine Größe und Toleranz. Eine sehr sympathische Vermutung ist, dass Franziskus den muslimischen Mystikern ähnelte und Franziskus und Malik Al Kamil die Leidenschaft für die Spiritualität der Mystik teilten (vgl. Vincenzo Mansour aus Damiette, Franziskaner). Wir wissen nicht, worüber Franziskus mit dem Sultan gesprochen hat, aber ihre Begegnung wurde zu einem frühen interreligiösen Dialog. Darauf deutet ein mit eigener Hand geschriebenes Pergament hin, auf dem Franziskus ein Gebet und Lobpreis aufgeschrieben hat, das sehr an Gebete aus dem Koran und die 99 Namen Allahs erinnert. Fast die Hälfte all dieser Namen hat Franziskus notiert, verbunden mit der Bitte um Frieden. Und konsequenterweise änderte Franziskus seine Sicht auf die Mission der Muslime, was sich in seinen Ordensschriften nachlesen lässt. Trotz aller Friedensbemühungen konnte Franziskus die bevorstehende Schlacht nicht verhindern. Franziskus hat das dramatische Ende des Kreuzzugs nicht mehr vor Ort erlebt. Am 5. November 1219 fiel Damiette nach 18 Monaten Belagerung. Das Massaker, das die Kreuzfahrer anrichteten, war unbeschreiblich grausam.

Auch heute müssen wir die Kriege einiger machthungriger und grausamer Herrscher beobachten oder sogar erleben. Vielleicht kann das Franziskus-Jubiläum ein Anlass sein, immer wieder mutig auf den religiös Anderen zuzugehen und das Gespräch zu suchen, egal wieviel Hass und Angst geschürt wird.

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