Eine erfrischend andere Apokalypse

Der Weltuntergang hat Konjunktur, jedenfalls in der politischen Rhetorik. Beängstigend ist das dort, wo Konflikte und Kriege zum endzeitlichen Kampf stilisiert werden. Es hat also einen Grund, dass sich auch in der Theologie und den Kulturwissenschaften immer wieder neu damit befasst wird, was die Apokalyptik uns zu sagen hat – und wie sie heute popkulturell oder politisch aufgegriffen wird.

Weil die Sommerferien begonnen haben, verbinde ich dieses Thema mit einem Unterhaltungstipp für Tage, an denen es zu heiß zum Rausgehen ist, denn auch der Wetterbericht gibt Anlass, über apokalyptische Bilder nachzudenken.

Die spannendste Verarbeitung des Weltuntergangsthemas, das ich in den letzten Jahren gesehen habe, war die Science-Fiction-Serie „Pluribus“. Die Handlung setzt damit ein, dass sich ein Virus weltweit verbreitet. Die Infizierten werden nicht krank und verwandeln sich auch nicht in Zombies, wie in vergleichbaren Filmen. Die Katastrophe kommt vielmehr freundlich daher: die Menschheit wird zu einem einzigen „Wir“ und teilt ein kollektives Bewusstsein. Niemand kann jemand anderen mehr Böses tun, der Menschheitsschwarm kann nicht lügen, teilt dieselben Erinnerungen, und überhaupt ist er immer richtig glücklich. Die Protagonistin der Serie allerdings gehört mit einigen weiteren Menschen zu denen, die immun sind und kein Interesse haben, zum neuen „Wir“ zu gehören, das alles weiß, im Frieden lebt und die Grenzen der Menschlichkeit überwunden hat. Nicht nur ist das eine erfrischend andere Weltuntergangserzählung; es lässt sich schließlich darüber streiten, ob es überhaupt um den Weltuntergang geht oder doch eher um Erlösung. Die Serie wirft zugleich Fragen auf, mit denen wir heute konfrontiert sind: welche Zukunft ist erstrebenswert angesichts der Möglichkeiten Künstlicher Intelligenz und Vernetzung? Wird am Ende der einzelne Mensch überwunden?

Der katholische Fundamentaltheologe Johann Baptist Metz hat darauf bestanden, dass apokalyptisches Denken fest zum Christentum gehört und nicht einfach mit dem Verweis auf ältere Weltbilder verabschiedet werden kann. Dabei geht es nicht um Spekulationen über das Weltende oder andere Katastrophen. Im Blick hat Metz vielmehr die biblisch inspirierte Verheißung ausstehender Gerechtigkeit; die Geschichte des einzelnen Menschen darf nicht einfach vergessen werden zugunsten einer besseren Zukunft oder dem großen Nichts. Ins Fiktionale gewendet konfrontiert „Pluribus“ mit einer vergleichbaren Herausforderung. Die Serie rührt bei aller Science-Fiction-Neuheit an die uralte Frage, was es eigentlich heißt, ein Mensch zu sein, und um welchen Preis wir bereit wären, aus dem Menschsein auszubrechen.

Weltvollendung, ästhetisch?

Die Literatur kann die Rückkehr ins Paradies imaginieren, der apokalyptischen Weltzerstörung die Weltvollendung am Ende der Zeiten entgegenstellen. Als Bertolt Brecht nicht nur die Gewalt des NS-Regimes und die Zerstörung des 2. Weltkriegs zu verarbeiten hatte, sondern auch den ‚Sündenfall‘ des SED-Regimes, das den Volksaufstand des 17. Juni 1953 gewaltsam niederschlug und damit auch schon eine Keimzelle seines Legitimationsverlusts und des Scheiterns des ‚Sozialismus auf deutschem Boden‘ legte, da widmete er sich in seinen Buckower Elegien dem „Blumengarten“. Die zwei vierzeiligen Strophen des Gedichts lauten:

Am See, tief zwischen Tann und Silberpappel
Beschirmt von Mauer und Gesträuch ein Garten
So weise angelegt mit monatlichen Blumen,
Daß er vom März bis zum Oktober blüht.

Hier in der Früh, nicht allzu häufig, sitz ich
Und wünsche mir, auch ich mög allezeit 
In den verschiedenen Wettern, guten, schlechten
Dies oder jenes Angenehme zeigen.

Brecht greift die lange ästhetische, literarische und vor allem religiöse Tradition des Gartens auf, die ihn als ein Abbild des Paradieses versteht, im Judentum, im Christentum, im Islam. Der Garten ist ein Symbol der Vollendbarkeit, der Wiedervollendung der Welt. Auch der hier bedichtete Blumengarten zeigt eine ‚weise Anlage‘. Dass es nur ein Sommergarten ist, der „vom März bis zu Oktober blüht“, ein von einer Mauer ‚beschirmter‘ hortus conclusus, stört das lyrische Ich nicht. Der Blumengarten wird ihm zum Gegenüber seiner Imagination und diese befördert die Kraft seines Wunsches, „auch ich mög allezeit / […] / Dies oder jenes Angenehme zeigen.“ Der Wunsch ist noch unerfüllt, zukünftig ausgerichtet, utopisch; aber während der Blumengarten nur acht Monate blüht, wird das lyrische Ich seinen Wunsch auf „allezeit“ hin aussprechen. Weltvollendung ist mithin nicht die Wiederherstellung des alten Paradieses, sondern sie zeigt sich als Praxis, die vom Menschen ausgeht, noch zu erbringen ist und – das ist die kritische Spur, die hier hineingelegt wird – auch „nicht allzu häufig“ schon geprobt wird. Die „schlechten“ Wetter sind keineswegs vorüber; aber der Wunsch und die ihn zu realisieren versuchende Praxis „zeigen“ vielleicht schon Spuren eines Angenehmen, unter dessen Auspizien sich die Welt vollenden „mög“.

Johannes Schreiter, Weltvollendungsfenster im Ulmer Münster
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