Weltvollendung, ästhetisch?

Die Literatur kann die Rückkehr ins Paradies imaginieren, der apokalyptischen Weltzerstörung die Weltvollendung am Ende der Zeiten entgegenstellen. Als Bertolt Brecht nicht nur die Gewalt des NS-Regimes und die Zerstörung des 2. Weltkriegs zu verarbeiten hatte, sondern auch den ‚Sündenfall‘ des SED-Regimes, das den Volksaufstand des 17. Juni 1953 gewaltsam niederschlug und damit auch schon eine Keimzelle seines Legitimationsverlusts und des Scheiterns des ‚Sozialismus auf deutschem Boden‘ legte, da widmete er sich in seinen Buckower Elegien dem „Blumengarten“. Die zwei vierzeiligen Strophen des Gedichts lauten:

Am See, tief zwischen Tann und Silberpappel
Beschirmt von Mauer und Gesträuch ein Garten
So weise angelegt mit monatlichen Blumen,
Daß er vom März bis zum Oktober blüht.

Hier in der Früh, nicht allzu häufig, sitz ich
Und wünsche mir, auch ich mög allezeit 
In den verschiedenen Wettern, guten, schlechten
Dies oder jenes Angenehme zeigen.

Brecht greift die lange ästhetische, literarische und vor allem religiöse Tradition des Gartens auf, die ihn als ein Abbild des Paradieses versteht, im Judentum, im Christentum, im Islam. Der Garten ist ein Symbol der Vollendbarkeit, der Wiedervollendung der Welt. Auch der hier bedichtete Blumengarten zeigt eine ‚weise Anlage‘. Dass es nur ein Sommergarten ist, der „vom März bis zu Oktober blüht“, ein von einer Mauer ‚beschirmter‘ hortus conclusus, stört das lyrische Ich nicht. Der Blumengarten wird ihm zum Gegenüber seiner Imagination und diese befördert die Kraft seines Wunsches, „auch ich mög allezeit / […] / Dies oder jenes Angenehme zeigen.“ Der Wunsch ist noch unerfüllt, zukünftig ausgerichtet, utopisch; aber während der Blumengarten nur acht Monate blüht, wird das lyrische Ich seinen Wunsch auf „allezeit“ hin aussprechen. Weltvollendung ist mithin nicht die Wiederherstellung des alten Paradieses, sondern sie zeigt sich als Praxis, die vom Menschen ausgeht, noch zu erbringen ist und – das ist die kritische Spur, die hier hineingelegt wird – auch „nicht allzu häufig“ schon geprobt wird. Die „schlechten“ Wetter sind keineswegs vorüber; aber der Wunsch und die ihn zu realisieren versuchende Praxis „zeigen“ vielleicht schon Spuren eines Angenehmen, unter dessen Auspizien sich die Welt vollenden „mög“.