Im Erzbistumsarchiv Paderborn hat sich ein Band mit Akten aus dem 17. und 18. Jahrhundert erhalten (Sign.: F1/V). Ihr Thema verrät die Überschrift, die ein Archivar mit sauberer Hand über das Inhaltsverzeichnis gesetzt hat – „Wunder“. Gemeint sind Wunder, die auf dem Gebiet der Diözese Paderborn aktenkundig geworden sind. Schon der Umfang des Bandes lässt erkennen, dass es viele waren. Im 18. Jahrhundert, das oft als „Jahrhundert der Aufklärung“ bezeichnet wird, ereigneten sich im Paderborner Land Wunder in großer Zahl. Für Glaubensgemeinschaften sind Wunder riskant. Einerseits sollte man darauf hoffen, gelten sie doch als Manifestation Gottes in der Welt. Nicht nur Christen, auch Juden und Muslime waren lange Zeit überzeugt, dass in Wundern die Allmacht Gottes offenbar werde und seine Anteilnahme am Geschick der Menschen, auch dass Wunder durch Fürbitten von Heiligen bewirkt werden können. Deshalb verlangten viele Gläubige danach, und die Kirche stimulierte diese Erwartung. Als man 1736 neunhundert Jahre Liborius in Paderborn feierte, forderten die Pfarrer die Gläubigen auf, von Wunderheilungen zu berichten, die durch Gebete zu dem Heiligen bewirkt worden seien. Allerdings können Wunder auch vorgetäuscht werden. Nur zu leicht wird der Wunderglaube zum Einfallstor für Hysterie und Manipulation. Deshalb hat die lateinische Kirche seit dem Mittelalter Verfahren entwickelt, um Wunderberichte zu prüfen. Wie das ablief, zeigen die Akten – das Verfahren ist der Grund, warum es sie gibt. Die Pfarrer mussten aufschreiben, was die Gläubigen erzählten, es also aus der Mündlichkeit in die Schriftlichkeit bringen, aus der Volkssprache ins Latein. Dabei sollten die Pfarrer kritisch nachfragen, die Gläubigen regelrecht verhören, um Betrugsversuche abzuwehren. Zusätzliche Sicherheit erhoffte man sich von einem Notar, der bei dem Gespräch dabei sein sollte. Seine Aufgaben bestanden darin feststellen, welchen Leumund der Erzähler des Wunders oder auch die Erzählerin hatten, ob sie als glaubwürdige Leute galten. Und er sollte das Gesprächsprotokoll beglaubigen. Als dritte Hürde konnte ein skeptischer Bischof eine Untersuchungskommission einsetzen, um die Unterlagen zu prüfen und in unsicheren Fällen weitere Zeugenaussagen einzuholen. All diese Vorgänge sind in den Akten belegt. Heutige Historikerinnen und Historiker lesen die Wunderakten als historische Zeugnisse. Sie geben Aufschluss nicht nur darüber, wo das Jahrhundert der Aufklärung auch ein Jahrhundert des Wunderglaubens war. Sie führen darüber hinaus vor, wie die katholische Kirche den Wunderglauben zugleich förderte und einzuhegen suchte – ein Beispiel für die Spannung zwischen Charisma und Institutionalisierung, auf der die Geschichte aller Glaubensgemeinschaften beruht.
Prof. Dr. Johannes Süßmann ist Professor für das Fach Geschichte am Historischen Institut der Universität Paderborn.
Vertreter*innen extremistischer Einstellungen setzen eigene Überzeugungen absolut. In ihren Selbst- und Weltbildern gibt es festgesetzte Bedingungen, die radikale Regeln zementieren, u.a. Zugehörigkeiten und Nicht-Zugehörigkeiten von Personengruppen definieren.
Ein wesentliches Merkmal extremistischer Einstellungen ist ihre Undurchlässigkeit. Sie dient der Selbsterhaltung und Selbstrechtfertigung des Extremismus. Eine offene Grundhaltung, die Annahme, dass auch andere Einstellungen tolerabel, akzeptabel, ja bereichernd sein können, würde den Kern des geschlossenen Selbst- und Weltverständnisses gefährden. Differente Erfahrungsräume werden konsequent distanziert, negiert, delegitimiert. Die Stärken multiperspektivischer Herangehensweisen kommen nicht zum Tragen, Wissens- und Erfahrungsräume werden verengt. Auf diesem Boden wachsen Ressentiments und Ausgrenzung.
Für freiheitlich-demokratische Gesellschaften ist daher die Frage essenziell, wie extremistische Einstellungen erworben werden, d.h. wie Radikalisierungsprozesse verlaufen und wie ihnen entgegengewirkt werden kann, um die für Demokratien zentralen Freiheits- und Gleichheitswerte zu schützen.[1]
Ein Umfeld, in dem Radikalisierungsprozesse stattfinden, sind Online-Plattformen. Influencer*innen nutzen Social-Media-Kanäle bei Instagram, TikTok, YouTube u.ä., um ihre Botschaften möglichst reichweitenstark und zugleich niedrigschwellig zu teilen. Die datengetriebenen Logiken der Plattformökonomien sorgen zugleich dafür, Nutzer*innen deren präferierte Inhalte in ihre Feeds zu spülen: Sie füttern sie mit mehr vom Ähnlichen, um ihre Aufmerksamkeit zu binden. Denn je mehr Zeit Nutzer*innen auf einer Plattform verbringen, umso lukrativer für das jeweilige Unternehmen. Verweildauer, Klicks und Views sind geldwert; sie werden analysiert und dienen in der Folge einer möglichst zielgenauen weiteren Adressierung der Nutzer*innen (z.B. für personalisierte Werbung). Influencer*innen, auch solche die Radikalisierungsprozesse über Online-Plattformen vorantreiben, kommunizieren nicht nur Inhalte, sondern nutzen technologische Infrastrukturen und ökonomische Mechanismen der Plattformen zur Verstärkung ihrer Reichweiten und damit ihrer Botschaften. Plattformen profitieren von jedweden Verweildauern ihrer Nutzer*innen. Eine Minimierung von Online-Traffic widerspräche ihrem Geschäftsmodell. In Konsequenz bedeutet das, dass plattforminhärente Logiken zur datengetriebenen Gewinnmaximierung auch Radikalisierungsprozessen zuträglich sind.
Radikalisierungsprävention im Online-Bereich, so lautet daher die Quintessenz, benötigt umfassende Perspektiven, um wirksam zu sein. Von dieser Grundannahme ausgehend fand am 19.03.2026 der vom Forum für Komparative Theologie im Rahmen der Internationalen Wochen gegen Rassismus organisierte Workshop „Zwischen Algorithmus und Ideologie – Radikale Wirkungsmechanismen und Rekrutierungsstrategien im Netz“ an der VHS Paderborn statt. Die Veranstaltung erfolgte in Kooperation mit der Integrationsagentur im Caritasverband Paderborn. Referent*in war eine*e Berater*in des Präventionsprogramm „Wegweiser – stark ohne islamistischen Extremismus“ für die Kreise Lippe, Höxter, Paderborn.
Basierend auf einer Einführung in den Themenkomplex, die sich der begrifflichen Differenzierung von Radikalismus und Extremismus[2] widmete, sowie einem kurzen Input zu verschiedene Radikalismen (politische, religiöse und sozio-kulturelle Formen), wurden anschließend Text- und Video-Beiträge auf Online-Plattformen gesichtet. Die gemeinsame Analyse des Materials erfolgte entlang der Frage, welche Strategien Protagonist*innen auf Social-Media-Plattformen nutzen, um insbesondere junge Menschen anzusprechen. Anhand der gewählten Beispiele ließ sich nachzeichnen, dass Influencer*innen Vertrautheit und Kontakt im digitalen Raum herzustellen versuchen, indem sie als typisch erkannte Problemlagen Jugendlicher thematisieren und oftmals zugleich bezeugen, diese Schwierigkeiten selbst zu erleben bzw. erlebt zu haben. Die Darstellung sozialer Ähnlichkeit bei gleichzeitiger Wahrnehmung und Anerkennung adoleszenter Bedürfniskonstellationen ist ein wesentliches Merkmal der Ansprache durch Influencer*innen. Herausforderungen und Orientierungsschwierigkeiten im Jugendalter werden explizit adressiert, Verständnis kommuniziert und emotionale Anschlussfähigkeit inszeniert. Dabei spielen geteilte Erfahrungsräume, auch diskriminierende, als Brückennarrative eine wesentliche Rolle, um Bindung und Gemeinschaft via Online-Communities zu initiieren. Die direkte Vermittlung inhaltlich-ideologischer Botschaften (z.B. Verhaltensweisen zur Abgrenzung) findet statt, steht aber nicht per se im Vordergrund. Stattdessen nutzen Influencer*innen verstärkt Annäherungen mittels Narrativen von Selbstfindung (‚Lifestyle‘) und Selbstbehauptung als positiv besetzten Werten, in die erst nachfolgend rigorose Botschaften und radikale Aussagen eingebettet werden.
Die generellen Möglichkeiten zur Interaktion mit Influencer*innen, ihre digitale Erreichbarkeit und zeitnahen Reaktionen auf Kommentare, Fragen, Likes suggerieren Nahbarkeit und persönliche Verbundenheit. Die (nicht nur jugendliche) Frage nach Orientierung wird mit einem Angebot zur Beziehung beantwortet. Interaktionsmöglichkeiten über Social-Media-Kanäle verstärken den Effekt dieses Angebots, indem sie zum wechselseitigen Austausch von Signalen sozialer Verbundenheit animieren. Parallel dazu greifen die bereits erläuterten Plattformlogiken der Aufmerksamkeitsökonomie: Um Nutzer*innen zu möglichst langen Verweildauern zu animieren, werden betreiber*innenseitig ähnliche Inhalte in deren Feeds präferiert. Auf diese Weise begegnen sich Influencer*innen und Nutzer*innen in rekursiven Schleifen wieder. Digitale Beziehungsgestaltung, datengetriebene Plattformlogiken und ökonomische Optimierung greifen ineinander.
[1] Katharina Leimbach arbeitet heraus, dass das Radikalisierungskonzept mit „Maßnahmen sozialer Kontrolle“ (Leimbach 2025, 12) einhergeht und damit Gefahr läuft, Hegemonien zu reproduzieren: „Die emotionalisierte und dramatisierte Aufladung des Begriffes erlaubt wenig alternative Lesarten und führt in der Konsequenz zu hegemonialen Wissensmustern, die das Phänomen stark ontologisieren und ätiologisch denken. Jede Beschäftigung mit Radikalisierung, selbst eine, die als kritisch verstanden werden kann, führt zu einer Aufrechterhaltung und Reproduktion spezifischer Gefahrenverständnisse.“ (a.a.O.) https://doi.org/10.1007/978-3-658-44905-6_32-2 (zuletzt abgerufen: 07.05.2026)
Das Argument unterstreicht die Wichtigkeit, immer wieder neu zu prüfen, an welcher Stelle der Begriff der Radikalisierung aus welchen Gründen steht und auf welcher Basis er genutzt wird. Es gilt darauf zu achten, das Radikalisierungskonzept nicht statisch zu denken und markierend zu nutzen, sondern Phänomene und Prozesse in ihrer Unterschiedlichkeit und Volatilität zu erfassen.
Lust und Frust liegen im Wissenschaftstransfer oft dicht beieinander. Die Lust entsteht dort, wo wissenschaftliche Erkenntnisse nicht im Elfenbeinturm verbleiben, sondern ihren Weg in die Gesellschaft, die Politik oder konkrete Praxisfelder finden und damit auf Resonanz stoßen. Diese Momente vermitteln Sinn und das Gefühl, mit der eigenen Expertise – oder der Expertise einer Forschungscommunity oder eines Teams – einen kleinen Beitrag zur Begegnung gesellschaftlicher Herausforderungen zu leisten. Wissenschaftstransfer kann inspirierend sein, weil er Dialog ermöglicht, neue Perspektiven eröffnet und die eigene Forschung durch Rückmeldungen aus der Praxis herausfordert und bereichert. Gerade in diesen bewegten Zeiten ist zum Beispiel der Wissenschaftstransfer zu Komparativer Theologie und ihre Aufbereitung für Handlungsfelder wie KiTAs, Schulen, Universitäten und andere Trägerschaften der Erwachsenenbildung nicht in ihrem Wert zu unterschätzen, um gesellschaftlichen Zusammenhalt zu fördern und Unterschiede als Lernchancen zu betrachten – zumindest dort, wo ihre Potenziale auf fruchtbaren Boden und Nachfrage stoßen. Umso besser, wenn ein solches Projekt landespolitische Unterstützung findet und gefördert wird.
Demgegenüber steht jedoch häufig Frust. Transferarbeit ist zeitintensiv, steht oft unter Zeitdruck und wird im wissenschaftlichen Alltag noch immer unzureichend honoriert. Publikationen und Drittmittel zählen mehr als verständliche Kommunikation oder langfristige Kooperationen mit Praxispartner*innen. Diese Anforderungen führen in befristeten wissenschaftlichen Qualifikationsphasen umso mehr zu einem Spagat. Hinzu kommen strukturelle Hürden: unterschiedliche Erwartungshaltungen, bürokratische Herausforderungen, Sprachbarrieren zwischen Wissenschaft, verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen und Praxis sowie politische oder wirtschaftliche Interessen, die Projekte und Diskursschwerpunkte überlagern können. Nicht selten erleben Forschende auch, dass ihre differenzierten Ergebnisse verkürzt dargestellt, missverstanden oder instrumentalisiert werden. Insofern ist hier der Wert des universitätsinternen Wissenschaftsmanagements, einer gelungenen Presse- und Kommunikationsarbeit sowie ausbalancierter Social-Media-Strategien für die Öffentlichkeitsarbeit nicht zu unterschätzen, um erfolgreich Impulse zu setzen.
Zwischen Lust und Frust bewegt sich der Wissenschaftstransfer somit in einem Spannungsfeld. Gerade diese Ambivalenz macht ihn jedoch zu einem zentralen Lernraum: Er zwingt dazu, Forschung neu zu reflektieren, Verantwortung zu übernehmen und Kommunikation als integralen Bestandteil wissenschaftlicher Arbeit zu begreifen. Er motiviert dazu, ständig neue Formate des Gesprächs, des Austauschs und des Dialogs zu entwickeln. Und er regt dazu an, die eigene Forschung immer wieder neu an gesellschaftlichen Desideraten und Herausforderungen zu verorten und zu messen.
Langfristig kann Wissenschaftstransfer nur dann gelingen, wenn Lust nicht durch strukturellen Frust erstickt wird, sondern beides produktiv miteinander in Beziehung gesetzt wird. Wünschenswert sind dafür nicht nur eine hochschulpolitische Unterstützung, die die Transferarbeit sichtbar macht und wertschätzt, sondern auch Austauschforen, um kritisch-konstruktiv neue Wege in der Wissenschaftstransferarbeit zu gestalten und dieser auch in der akademischen Lebenswelt Raum zu schaffen.
Für beides sind bereits Initiativen an der Universität Paderborn zu finden – und dennoch bleibt das Spannungsfeld des Wissenschaftstransfers eine Aufgabe für die Zukunft in der Hochschullandschaft, wenn es im Rahmen der akademischen Welt von engagierten Wissenschaftler*innen forciert und als lohnend erachtet werden soll.
In der bislang größten Studie zur Kirchenmitgliedschaft (KMU 6) – erstmals unter Einbezug Konfessionsloser und Katholik:innen – erhob die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) im Jahr 2022 nicht nur die Haltung gegenüber Kirche und einer Mitgliedschaft, sondern erfragte u.a. religiöse Sozialisation und Religiosität. Die Ergebnisse zeigen, dass das Elternhaus weiterhin eine zentrale Rolle für die religiöse Sozialisation spielt. Zugleich wird ein Rückgang religiöser Selbstverortung sichtbar: 32 Prozent der Befragten bezeichnen sich als uneingeschränkt nicht religiös, während 13 Prozent angeben, religiös zu sein.[1] Differenziert in kirchennahe und kirchenferne Religiosität – wobei beide rückläufig sind -, ergeben sich aus diesen Dimensionen vier religiös-säkulare Orientierungstypen. Mit einem Anteil von 56 Prozent stellt die Gruppe der Säkularen die Mehrheit der deutschen Bevölkerung dar. „Diese Gruppe gilt als kaum noch religiös ansprechbar“[2]: theologische Grundbegriffe werden nicht mehr verstanden, da religiöse Sprache für viele Menschen keinen Bezug mehr zu ihrer Lebenswirklichkeit aufweist – oder andersherum: die religiöse Sprechweise wird der Lebenswirklichkeit vieler Menschen nicht mehr gerecht.[3] Denn religiöses Sprechen ist mehr als ein Vorgang reinen Informationsaustausches. Es ist vielmehr (ein) Beziehungsgeschehen, bei dem die Belange der Sprechenden und Adressat:innen zugleich miteinbezogen werden. Hier entsteht angesichts der genannten Entwicklungen jedoch eine Leerstelle. Es fehlt an sprachlichen Formen, die geeignet sind, Menschen in ihrer jeweiligen Lebenswelt religiös zu erreichen.
Diese Leerstelle zeigt sich besonders deutlich im schulischen Kontext, wo der Religionsunterricht als ordentliches Lehrfach auf eine wachsende Zahl von Schüler:innen trifft, die kaum oder gar nicht religiös sozialisiert sind. Soll religiöse Kommunikation (hier) gelingen, bedarf es einer Sprachform, die die Lebenswirklichkeit der Adressat:innen berücksichtigt, die sie erreicht und die sie verstehen. Einen möglichen Ansatz zur Schließung dieser Leerstelle bietet m.E. das Konzept der Leichten Sprache.
Etwa seit dem Jahr 2000 wird eine sprachlich und inhaltlich stark vereinfachte Form des Deutschen unter dem Begriff „Leichte Sprache“ zusammengefasst. Ursprünglich entwickelt, um Menschen mit Lernschwierigkeiten Teilhabe am öffentlichen Leben zu ermöglichen, wird sie nun auch dort eingesetzt, wo Adressat:innen geringe Deutschkenntnisse oder Schwierigkeiten im Lese- und Hörverstehen haben. Eng verbunden mit den Termini „Inklusion“ und „Teilhabe“[4] – Begriffen, die oft mit dem Kontext Schule zusammengebracht werden – eignet sie sich aufgrund ihrer einfachen Strukturen als Mittel schriftsprachlicher Kommunikation in (inklusiven) Lernsettings. Sie kann nicht nur Schüler:innen mit Deutsch als weiterer Sprache den Zugang zu Texten vereinfachen, sondern mit Blick auf den Religionsunterricht allen Lernenden Zugänge zu biblischen oder religiös geprägten Texten eröffnen, deren Bedeutung aufgrund einer wohlmöglich eher unbekannten religiösen Schriftsprache sonst nur schwer zu erfassen ist.
Zu diesen Textsorten gehören im religionsunterrichtlichen Zusammenhang neben Gleichnissen u.a. auch Psalmen, die sich aufgrund ihrer intensiven Auseinandersetzung mit dem biblischen Gott besonders für die Thematisierung von Gottesbildern sowie für die Rede von und mit Gott eignen. Während Gleichnisse sich einer heute vielfach nicht mehr eingängigen Bildwelt bedienen, sind die Psalmen von einer teils schwer verständlichen religiös-poetischen Sprache geprägt. Beide Textsorten setzen zudem ein kulturelles Wissen voraus und können sich auch daher im Unterrichtssetting als herausfordernd bzw. schwierig erweisen. Das kann – und darf – jedoch nicht dazu führen, sie nicht mehr zu thematisieren. Gerade die Psalmen bieten z.B. eine Vielfalt an Ausdrucksformen – von Vertrauen bis Protest, von Nähe bis Zweifel –, die es Heranwachsenden ermöglichen kann, mit persönlichen Erfahrungen und Vorstellungen anzuknüpfen sowie eigene Deutungen zu entwickeln. Damit dieses Potenzial unter den beschriebenen Bedingungen zur Geltung kommen kann, ist eine Übersetzung in Leichte Sprache sinnvoll.[5] Sie eröffnet Lernenden, die mit religiösen Ausdrucksformen wenig vertraut sind, Zugänge und ermöglicht dadurch eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Glauben.
Leichte Sprache kann hier als Brücke fungieren, indem sie Verständlichkeit schafft, ohne die inhaltliche Tiefe religiöser Texte grundsätzlich aufzugeben. Sie adressiert Heranwachsende als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft bzw. Gemeinschaft und schließt sie nicht durch komplexe Sprache aus. Vielmehr eröffnet sie Möglichkeiten, religiöse Kommunikation unter veränderten gesellschaftlichen Bedingungen neu zu gestalten.
So verstanden ist Leichte Sprache nicht nur ein didaktisches Hilfsmittel, sondern ein Beitrag zu einer inklusiven und anschlussfähigen Religionspädagogik, die auch in einer zunehmend säkular geprägten Gesellschaft tragfähig bleibt.
[3] Vgl. Flügge, Jargon/Florin, Herrschaft 159. Proportional dazu nimmt die religiöse Sprachfähigkeit ab (vgl. Waldenfels, Sprechen Sie kirchisch, 577).
[5] Für die Psalmen hat dies Sonja Hillebrand am Beispiel von Psalm 113 in ihrer Dissertationsschrift eindrücklich vorgestellt. Im Projekt „Bibel in Leichter Sprache“ wird derzeit an der Übertragung biblischer Texte in Leichte Sprache gearbeitet: vgl. https://www.bibel-leichte-sprache.de/ (Stand: 11.04.2026). Darüber hinaus bietet das „Evangelium in Leichter Sprache“ die Evangelientexte für die liturgische Praxis an (vgl. https://www.evangelium-in-leichter-sprache.de/; Stand: 11.04.2026).
Dr. Saskia Breuer ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für katholische Theologie der Universität Paderborn.
Das so genannte Weinwunder zu Kana (Joh 2,1-11) gehört zu den bekanntesten Wundern Jesu im Neuen Testament. Auch viele nicht-christliche Zeitgenoss*innen kennen es. Es hat im Johannes-Evangelium eine hervorgehobene Position, weil es das erste Wunder ist, das Jesus gemäß diesem Evangelium vollbracht hat. Die Gabe des Weins in dieser Wundererzählung steht für die Fülle des Lebens und für Lebensfreude, wie auch in der Hebräischen Bibel, wo – um nur drei Texte exemplarisch zu nennen – in Qohälät 9,7 und 10,19a+b sowie Psalm 104,14f. betont wird, dass Wein das Leben erfreuen kann. So schreibt Klaus Wengst in seinem Kommentar zum Johannesevangelium über dieses Wunder Jesu: „Allen verklemmten Moralisten und unfrohen Asketen zum Trotz nimmt diese Geschichte das Verlangen nach Lebensfreude positiv auf, die im Weingenuss zum Ausdruck kommt, und verheißt ihm Erfüllung.“[1]
Aber Wein wie auch andere alkoholhaltige Getränke erfreuen keineswegs immer nur das Leben, sondern können es auch massiv belasten, wenn Menschen Probleme mit Alkohol haben oder aus dem Leben nahestehender Menschen kennen und als Co-Abhängige davon betroffen sind. Dass der Alkoholkonsum Menschen und ihre Beziehungen zu anderen Menschen gefährden, sogar zerstören kann, wird in der Hebräischen Bibel ebenso klar zur Sprache gebracht wie die mit dem Wein verbundene Lebensfreude, vgl. Genesis 9,20-27.
Angesichts dieser mit Wein verbundenen Gefährdungen fragt Siegfried Bergler: „Müssen wir unbedingt glauben, dass unser Meister sich auch als Pannenhelfer für die Trinkprobleme einer Familienfeier, um nicht zu sagen als Förderer des Alkoholkonsums betätigen konnte?“[2]
Was ist mit dem Begriff ‚Wein‘ in der Geschichte vom Weinwunder zu Kana gemeint?
Dieser neutestamentliche Text wird oft vor dem Hintergrund des Dionysos-Mythos erklärt. Eine solche Erklärung legt es nahe, den dort genannten Wein lediglich als gegorenen, alkoholhaltigen Traubensaft zu verstehen. Dieses Verständnis ist jedoch keineswegs zwingend. Denn es ist zwar durchaus denkbar, dass Elemente aus dieser Tradition in den Text eingeflossen sind, aber angesichts der zahlreichen Bezüge zur Hebräischen Bibel sowie der Rezeption jüdischer Motive legt es sich nahe, ihn vor seinem biblisch-jüdischen Hintergrund zu verstehen.
Eine interessante Möglichkeit, dies zu tun, bietet Jochen Flebbe, indem er Johannes 2,1-11 als Bericht von der Gabe der Tora durch Jesus interpretiert und dies damit begründet, dass der Wein traditionell eine Metapher für die Tora ist.[3] Dabei bezieht er sich u.a. auf Shir Hashirim Rabba, wo dies dargelegt wird. Dort heißt es, dass im Weinkeller, am Sinai, die als Wein verstandene Tora gegeben wurde:
„Er führte mich ins Weinhaus… Die Gemeinde spricht: Gott brachte mich in den großen Weinkeller, an den Sinai, und gab mir dort mein Panier, die Tora, die Gebote, die guten Werke, und ich nahm sie mit großer Liebe an. R. Abba sagte im Namen des R. Isaak: Die Gemeinde Israel spricht: Gott führte mich in den großen Weinkeller d.i. zum Sinai und gab mir von dort die Tora, aus welchem das Reine auf 49 Arten und auf ebenso viele Arten das Unreine erörtert wird und ich nahm es mit großer Liebe an, wie es heißt: Die Liebe ist sein Panier über mir.“[4]
Für das Verständnis des Textes als Bericht von der Gabe der Tora durch Jesus spricht auch die Zeitangabe „am dritten Tag“in Vers 1. Denn sie verweist auf die Offenbarung am Sinai mit der Gabe der Tora am dritten Tag, vgl. Exodus 19,11.16. Auch das Motiv der Hochzeit ist ein Hinweis auf die Gabe der Tora am Sinai, denn diese wird im antik-jüdischen und auch im rabbinischen Judentum als Hochzeit gedeutet.
Wenn wir den Wein als Metapher für die Tora verstehen, sagt die Mutter Jesu also: „Sie haben keine Tora“ (Vers 3) – was zum einen erklärt, warum Jesus umgehend diesem Mangel abhilft, und zum anderen, warum dieses Wunder von so grundlegender Bedeutung ist, dass es das erste ist, das Jesus gemäß dem Johannes-Evangelium vollbringt.
Jeder der in Vers 6 genannten sechs Krüge umfasst zwei oder drei Metretes – ein attisches Maß, das ca. 39 Litern entspricht. Die Krüge fassen insgesamt also zwischen 468 und 702 Liter. Die Angabe dieser immens großen Menge des späteren Weins kann als Hinweis auf die an keine Grenzen gebundene Gabe der Tora verstanden werden.
Die kritische Frage des Speisemeisters an den Bräutigam in Vers 10 hat dementsprechend die Funktion, die hohe Qualität des Weins – und damit den hohen Wert der Tora – zu unterstreichen. Es ist eine rhetorische Frage, auf die der Bräutigam nicht antwortet.
Die Geschichte vom so genannten Weinwunder zu Kana kann bei Leser*innen, die selber und/oder ihnen nahestehende Menschen Probleme mit Alkohol haben, Irritationen auslösen. Wenn dieser Text jedoch so verstanden wird, dass es hier letztlich nicht um eine große Menge qualitativ hochwertigen Weins geht, sondern um die Zuwendung Jesu zu Menschen, kann dies den Irritationen entgegenwirken.
In diesem Zusammenhang ist von Relevanz, dass die Wunder im Johannes-Evangelium durchweg als Zeichen benannt werden, die als solche über sich hinausweisen, was in diesem Fall heißt, dass der Wein als Metapher für die Tora verstanden werden kann – die Weisung, mit der Gott den Menschen hilft, ihr Leben zu gestalten. Durch das sprachliche Bild des Weins wird also zum Ausdruck gebracht, dass Mangel in Fülle verwandelt wird, wenn Gott sich den Menschen zuwendet und sich in seinem Wort offenbart.
[1] Klaus Wengst, Das Johannesevangelium. Neuausgabe in einem Band (Theologischer Kommentar zum Neuen Testament, Bd. 4), Stuttgart 2019, 92.
[2] Siegfried Bergler, Von Kana in Galiläa nach Jerusalem. Literarkritik und Historie im vierten Evangelium (Münsteraner Judaistische Studien, Bd. 24), Berlin 2009, 1.
[3] Vgl. Jochen Flebbe, Jesus Tora. Christologie und Gesetz im Johannesevangelium vor dem Hintergrund antik-jüdischer Torametaphorik (Bonner Biblische Beiträge, Bd. 190), Göttingen 2020, 227f.
Die Begründung für die Verantwortung, die wir im Umgang mit unserem Planeten und seinen Ressourcen gegenüber künftigen Generationen zeigen müssen, erfolgt meist anhand des Brundtland-Berichts “Our Common Future”, der 1983 von der UN eingesetzten Weltkommission für Umwelt und Entwicklung unter dem Vorsitz der damaligen norwegischen Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland. Dort folgt aus einem Verständnis intergenerationaler Gerechtigkeit die Handlungsanweisung für heutige (ökonomische) Entscheidungen gemäß eines “development that meets the needs of the present without compromising the ability of future generations to meet their own needs“. Genau dieses fundamentale auf Verteilungsgerechtigkeit beruhende Nachhaltigkeitsverständnis wird von Mark Sagoff in seinem Buch “The Economy of the Earth” (Cambridge University Press, 1988) in Frage gestellt. Folgt man den Überlegungen von Sagoff, dann laufen Gerechtigkeitsüberlegungen bei dem, was wir für künftige Generationen schützen und vorhalten sollen, ins Leere. So gäbe es kaum Entscheidungen, die wir heute treffen, die nicht auch im Sinne der Präferenzen und Bedürfnisse künftiger Generationen sind. Warum das so ist, begründet er mit zwei grundlegenden Fakten, die die Bedürfnisse künftiger Generationen prägen: Erstens, Präferenzen werden durch Werbung geprägt. Durch geschickte Werbekampagnen werden sich nachfolgende Generationen immer darin beeinflussen lassen, das gut zu finden, was wir hinterlassen. Zweitens und vielleicht noch viel erschreckender, werden nachkommende Generationen das gut finden, was sie vorfinden. Das hat einfach damit zu tun, dass sie nichts vermissen können, was sie nicht kennengelernt haben. Sie können den vorgefundenen Zustand nicht mit dem nicht eingetretenen Zustand vergleichen, um darüber ihre Präferenzen auszubilden. Noch deutlicher wird das in den Überlegungen des Philosophen Derek Parfit, der künftigen Generationen das Recht, sich über das Hinterlassene zu beschweren, mit dem Argument abspricht, dass unsere heutigen Konsum- und Lebensentscheidungen immerhin zur Zeugung der künftigen Generation geführt haben. Hätten wir andere Pläne mit unserem Leben gehabt, würde es sie gar nicht geben. Folgt daraus nun, dass wir gar keine Verantwortung gegenüber unseren Nachfahren haben und mit unserer Umwelt heute machen können, was wir wollen? Im Gegenteil, unsere Verantwortung ist sogar noch größer. Wir prägen mit unseren heutigen Entscheidungen die Identität künftiger Generationen. Unser Umgang mit der Umwelt prägt direkt die Präferenzen und Bedürfnisse künftiger Generationen, in den Worten von Sagoff: “If we leave an environment that is fit for pigs, they will be like pigs.” Wir müssen also nicht nur eine Welt hinterlassen, die wir für uns als lebenswert erachten und damit auch prägen wird, was künftige Generationen als Lebenswelt schätzen werden. Vor allem müssen wir unseren Nachkommen die Wertschätzung für eine intakte, gesunde Umwelt mit einer hohen Biodiversität lehren. Das Erfordernis für ökologisch nachhaltiges Handeln folgt damit nicht aus einem Gebot der Verteilungsgerechtigkeit, sondern ist Teil der moralisch-ästhetischen Erziehung und Prägung, die wir zum Erhalt unseres Wertekodex aka Verständnis von Zivilisation an künftige Generationen weitergeben müssen.
Prof. Dr. René Fahr ist Professor im Bereich Betriebswirtschaftslehre, insb. Corporate Governance an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften der Universität Paderborn.
Heute ist Karfreitag. Die Verlockung ist groß sich innerlich schon auf Ostern einzurichten. Dann feiern Christen endlich die Auferstehung, die Überwindung des Todes, das Ende von all den Schrecken. Aber heute ist Karfreitag. Heute erinnern sich Christen an die Kreuzigung und den Tod Jesu.
In den Jahren vor seinem Tod haben sich viele Menschen um Jesus geschart. Menschen sind ihm gefolgt, weil sie ihm und seiner Botschaft geglaubt haben. Jesus wendete sich ohne Angst Menschen zu, die häufig am Rande der Gesellschaft lebten. Er unterstützte Menschen darin, wieder ein Leben in Würde führen zu können. Das Besondere an ihm war, dass er dies mit dem Anbruch der Herrschaft Gottes verband. Er sagte von sich selbst: „Wenn ich aber die Dämonen durch den Finger Gottes austreibe, dann ist das Reich Gottes schon zu euch gekommen.“ (Lk 11,20) Jesu Deutung seines eigenen Handelns ist nicht zu überschätzen. Es ist zwar der Finger Gottes, der die Dämonen austreibt, doch Gott wirkt im Handeln Jesu. Und mit Jesu Handeln bricht das Reich Gottes an.
Viele Menschen, die Jesus gefolgt sind, werden daran geglaubt haben. Umso schockierender muss es gewesen sein, dass dieser Mensch, der doch eigentlich Leben in Fülle bringen sollte, plötzlich gewaltsam stirbt. Der evangelische Theologe Wolfhart Pannenberg markiert pointiert das Problem: Wenn Jesus für sich in Anspruch nimmt, dass die Herrschaft Gottes in seinem Handeln beginnt, wie kann er dann einen gewaltsamen Tod am Kreuz sterben, der offensichtlich genau das Gegenteil der Herrschaft Gottes ist?
Jesu Tod schockiert nicht nur, sondern provoziert schmerzhafte Fragen. Vielleicht haben sich die Menschen in Jesus getäuscht. Vielleicht hatte er einen gut gemeinten, aber letztlich überzogenen Anspruch, den er am Ende nicht einhalten konnte.
Die Liturgie des Karfreitags endet mit dem Tod Jesu. Die Hoffnungen, die Menschen auf das anbrechende Reich Gottes gesetzt haben, ergeben keinen Sinn mehr. Ihre Erwartungen wurden durch das Kreuz widerlegt. Das ist Karfreitag. Der Tod widerspricht immer wieder in grausamer Weise Erwartungen an das Leben. Wer Ostern feiern möchte, muss diese Einsicht todernst nehmen.
Markus Adolphs ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forum für Komparative Theologie an der Universität Bonn.
Zwei intensive Tage voller Filterkaffee, Pizza, Snacks und vor allem intensiver Diskussionen über Texte, Begriffe und Erkenntnis. Am 13. und 14. Februar 2026 fand am Paderborner Institut für Islamische Theologie ein Forschungskolloquium statt, bei dem Promovierende sowie Lehrende des Instituts und des ZeKK ihre aktuellen Projekte vorstellten und gemeinsam diskutierten.
Den Auftakt gestalteten die Professoren.
Prof. Dr. Zishan Ghaffar führte uns in methodisch-exegetische Grundfragen ein: Wie viel dürfen und können wir in einen Text hineinlesen? Besonders spannend war die Frage, wie der Koran mit mehrdeutigen Aussagen umgeht – und ob er selbst eine eigene Hermeneutik formuliert, wenn er zwischen klaren (muḥkamāt) und mehrdeutigen (mutašābihāt) Versen unterscheidet.
Weiter ging es mit Prof. Dr. Idris Nassery. Theologisch und religionspädagogisch spielte er mit uns das Szenario „Mensch gegen Maschine“ durch. Zwischen ʿilm, iǧtihād und „Black-Box“-Modellen Künstlicher Intelligenz entstand ein spannungsreiches Gespräch über die epistemische Struktur von Wissen. Seine zugespitzte These blieb hängen: Islamische Normativität lebt vom Verstehen – nicht vom Berechnen.
Prof. Dr. Raid al-Daghistani entführte uns anschließend in mystische Gefilde. Aus seinem Lesebuch zu Begriffen islamischer und christlicher Mystik ließ er uns kosten – vielleicht etwas zu intensiv. Fast schon wäre aus dem Lesebuch ein Vokabular geworden.
Es ging weiter mit den Nachwuchsforschern.
Sarah Lebock präsentierte die schriftliche Ausarbeitung ihres IMOC-Vortrags und gewährte uns einen Einblick in die Praxis der psychosozialen Trauerbegleitung. Besonders eindrücklich war dabei, wie interreligiöse Impulse konkret in sozialarbeiterische Kontexte hineinwirken und welche hermeneutischen Chancen, aber auch Herausforderungen daraus entstehen können.
Auch Gülbahar Erdem bewegte sich in einem sensiblen Feld. Sie stellte ein anspruchsvolles Kapitel ihrer Dissertation vor, in dem sie die Begriffe „Krise“ und „Prüfung“ aus islamisch-religiöser Perspektive untersucht. Es wurde deutlich, dass die beiden Begriffe Leid nicht nur beschreiben. Vielmehr ist die Interpretation bereits impliziert und verweist auf Möglichkeiten des Umgangs.
Der zweite Tag begann und ich durfte den Auftakt machen. Ich stellte den Einstieg in das erste Kapitel meiner Dissertation vor, in dem es um die islamrechtliche Verantwortungsarchitektur geht.
Nach mir waren die Post-Docs an der Reihe.
Dr. Yael Attia führte uns in ihre aktuelle Forschung zur jüdischen Tradition ein und reflektierte das Thema „body and flesh“. Ihre Ausführungen machten deutlich, wie sehr körperbezogene Begriffe theologisch aufgeladen sind – und wie sie religiöse Anthropologien prägen.
Dr. Mohammad Abdelrahem ließ uns am Begriff der Wahrheit und an der Kategorie der „Richtigkeit“ zweifeln. Seine Auseinandersetzung mit der Maxime „kullu muǧtahid muṣīb“ öffnete den Raum für die Frage, ob und wie unterschiedliche Urteile zugleich legitim sein können.
Dr. Ahmed Husic nahm uns mit in ein europäisches Grenzgebiet und zeigte anhand seiner Forschung zu Hasan Kafi, wie eng politische Ethik, gesellschaftliche Ordnung und religiöse Argumentation miteinander verflochten sein können.
Den Abschluss bildete Dr. Stefan Kokew, der sein Buchprojekt zum Thema Toleranz vorstellte. Kaum präsentiert, wurde er auch schon praktisch herausgefordert. Mit Bravour konnte Dr. Stefan Kokev auch divergierende Meinungen bezüglich des Themas tolerieren.
Am Ende standen zwei dichte Tage intensiver Gespräche. Viele Fragen blieben offen. Gerade darin lag jedoch der eigentliche Gewinn. Wissenschaftliche Arbeit lebt von solchen Momenten gemeinsamer Reflexion, in denen Perspektiven aufeinandertreffen und neue Denkbewegungen entstehen.
Ein herzlicher Dank gilt auch Frau Katja Grashöfer und Frau Hannin Hamidi Abdullah für ihre bereichernde Teilnahme. Auch bedanken wir uns herzlich bei Frau Selin Avci und Frau Heike Troja, die mit ihrer tatkräftigen Unterstützung und organisatorischen Präsenz wesentlich zum Gelingen des Kolloquiums beigetragen haben.
Tarik Eroglu ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Paderborner Institut für Islamische Theologie der Universität Paderborn.
Manche Erinnerungen aus der Kindheit verlieren mit den Jahren an Schärfe. Andere hingegen bleiben seltsam lebendig. Sie kehren wieder, oft ausgelöst durch einen Geruch, einen Klang, einen Satz – oder, wie in meinem Fall, durch eine Koransure. Wenn ich heute die Sure 93 (aḍ–Ḍuḥā) rezitiere, denke ich nicht nur an ihren Trost, ihre Schönheit und ihre Botschaft. Ich denke auch an einen Mann aus meiner Grundschulzeit in Ägypten: an Hilmī Adīb, den christlichen Schuldirektor, bei dem ich als muslimisches Kind eben diese Sure auswendig lernte.
Ich besuchte damals eine staatliche Grundschule in Ägypten. Unsere Klasse war konfessionell gemischt: Die meisten Kinder waren Muslime, einige wenige Christen. Im Religionsunterricht trennten sich unsere Wege. Die christlichen Schülerinnen und Schüler gingen mit ihrem Lehrer in einen benachbarten Raum, während wir muslimischen Kinder im Klassenzimmer blieben und von unserem muslimischen Religionslehrer unterrichtet wurden.
Der christliche Religionslehrer war zugleich unser Schuldirektor, Herr Hilmī Addb. Er war klein, kräftig, ernst und streng. Beim morgendlichen Appell ging er zwischen den Reihen hindurch und kontrollierte unsere Uniformen, die Länge unserer Fingernägel, die Sauberkeit unserer Schuhe und unsere Frisuren. Er verkörperte Ordnung, Disziplin und eine Form schulischer Autorität, die keinen Widerspruch duldete. Wir mieden unnötige Gespräche mit ihm und versuchten vor allem, nicht aufzufallen. Vielleicht war ich einer der wenigen muslimischen Schüler, zu denen er eine besondere Nähe hatte. Ich erinnere mich, wie ich meinen Vater bat, zu Herrn Adīb nach Hause gehen zu dürfen, um an seinen Wiederholungsstunden im Fach Arabisch teilzunehmen. Diese Stunden waren eigentlich für seine christlichen Schülergruppen gedacht. Mein Vater erlaubte es mir nur widerwillig. So saß ich dort als einziger muslimischer Schüler mitten unter christlichen Kindern und hörte seinem Unterricht zu.
Eines Tages fehlte unser muslimischer Religionslehrer, Herr ʿAlī. An diesem Morgen kam Hilmī Adīb und blieb bei uns mit seiner christlichen Gruppe im Klassenraum. Er sagte mit seiner festen, unmissverständlichen Stimme: „Öffnet eure Religionsbücher!“ Dann fragte er: „Auf welcher Seite ist Herr ʿAlī stehen geblieben?“ Der Unterricht begann mit der Koranaure 93 (aḍ–Ḍuḥā). Herr Adib rezitierte die Verse mit sprachlicher Klarheit und einer Sicherheit, die uns sofort zur Aufmerksamkeit zwang:
„Bei der Morgenhelle, und bei der Nacht, wenn sie still wird! Dein Herr hat sich weder von dir verabschiedet noch verabscheut Er dich. Wahrlich, das Jenseits ist besser für dich als das Diesseits. Und dein Herr wird dir geben, und du wirst zufrieden sein. Hat Er dich nicht als Waise gefunden und dir Zuflucht gewährt? Und Er fand dich suchend und leitete dich recht. Und Er fand dich bedürftig und machte dich reich. Darum weise die Waise nicht hart zurück, und den Bittenden fahre nicht an, und von der Gnade deines Herrn – davon sprich!“
Wir sprachen sie nach, konzentriert und vorsichtig, bemüht, keinen Fehler zu machen. Merkwürdigerweise dachten wir nicht darüber nach, dass ein christlicher Direktor uns, muslimischen Kindern, eine Koransure beibrachte. Entscheidend war für uns nicht sein Glauben, sondern seine Autorität als Lehrer und unser Wunsch, richtig nachzulesen.
In der folgenden Woche kam Herr Adīb erneut in unsere Religionsstunde. Er wollte sehen, was geblieben war. In Anwesenheit unseres eigentlichen Religionslehrers fragte er jeden Einzelnen von uns die Sure aḍ–Ḍuḥā ab. Was er uns beigebracht hatte, sollte sitzen. Es war, als hätte er für diesen Moment nicht nur eine Vertretung übernommen, sondern auch eine Verantwortung: dafür, dass Lernen ernst genommen wird, dass Sprache Sorgfalt verlangt und dass religiöse Bildung mehr ist als die bloße Weitergabe von Stoff.
Ein Jahr später beschloss mein sehr religiöser Vater, mich von der staatlichen Schule auf die islamische Azhar-Schule zu versetzen. Als er kam, um den Schulwechsel zu beantragen, versuchte Herr Adīb, ihn von dieser Entscheidung abzubringen. Ich sehe die Szene noch heute vor mir: Ich stand zwischen den beiden Männern und hörte ihrem Gespräch zu, bis Herr Adīb die Unterlagen schließlich widerwillig unterschrieb.
An der Azhar-Schule lernte den Koran vollständig auswendig. Doch die Sure aḍ–Ḍuḥā hatte ich längst mitgenommen – von meinem christlichen Lehrer Hilmi Adīb. Bis heute begleitet mich diese Erinnerung. Wenn ich die Sure lese, mit meinen Kindern rezitiere oder im Gebet spreche, erscheint manchmal sein Gesicht vor meinem inneren Auge. Dann lächle ich. Zwischen den Zeilen meines Muṣḥaf steht für mich auch eine Erinnerung an diesen Mann, der meiner religiösen Biographie an einem unerwarteten Punkt eingeschrieben ist.
Vielleicht liegt gerade darin eine tiefe Einsicht für religionspädagogisches Nachdenken heute. Religiöse Bildung vollzieht sich nicht nur in konfessioneller Eindeutigkeit, institutioneller Trennung oder klaren Zuständigkeiten. Sie geschieht auch in Begegnungen, in Haltungen, in sprachlicher Sorgfalt, in verkörperter Autorität und in jener Form des Respekts, die den anderen nicht vereinnahmt, ihm aber dennoch etwas Wertvolles vermittelt. Ein christlicher Direktor, der muslimischen Kindern eine Koransure beibringt, mag auf den ersten Blick ungewöhnlich erscheinen. In meiner Erinnerung ist diese Szene jedoch ein Beispiel dafür, wie selbstverständlich religiöse Koexistenz im Alltag werden kann, wenn sie von Ernsthaftigkeit, pädagogischer Integrität und menschlicher Achtung getragen ist.
So ist die Sure aḍ–Ḍuḥā für mich Teil einer Erinnerung an gelebte Nachbarschaft zwischen Christentum und Islam, an schulische Disziplin und an eine Form stiller Anerkennung, die weit über das Klassenzimmer hinausreicht.
Dr. Mohammed Abdelrahem ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Paderborner Institut für Islamischen Theologie der Universität Paderborn.
In seiner beeindruckend detailreichen Hegel Biographie erinnert Klaus Vieweg an einen Brief Hegels an Windischmann vom 27.05.1810, in dem wir so etwas wie „die von Hegel empfohlene Selbsttherapie für Philosoph*innen“ finden können. Karl Joseph Hieronymus Windischmann war ein begeisterter Leser Hegels – 1807 hatte er eine enthusiastische Rezension der Phänomenologie des Geistes geschrieben; 1818 wurde er Philosophieprofessor in Bonn. Für Windischmann ist die Phänomenologie des Geistes eine Art selbsttherapeutisches Buch, “das Elementarbuch der Befreiung der Menschen”. In seinem Brief an Hegel vom 27.04.1810 erzählt er Hegel zuerst davon, dass es sich seit geraumer Zeit in einem beunruhigenden psychischen Zustand befindet: “meine drückende Lage wird mir zum Fels auf der Brust […] alles, was ich getrieben und geschrieben, ekelt mich an” dann weist er selbst auf den Weg hin, durch den eine Genesung erfolgen könnte: “dieses leidige Wesen muss ich los werden und ich kann es nicht gründlicher, als wenn ich alles andere mit Macht wegschleudernd mich allein wieder der Wissenschaft hingebe und aufs neue das System der Wissenschaft studiere”. Mit “Wissenschaft” und das “System der Wissenschaft” ist der Inhalt der Phänomenologie des Geistes gemeint – dazu schreibt Windischmann: “Das Studium Ihres Systems der Wissenschaft hat mich überzeugt, daß dieses Werk einst, wann die Zeit des Verständnisses kommt, als das Elementarbuch der Befreiung des Menschen angesehen werden wird”. Also ist das, was Windischmann meint, wenn er “Befreiung der Menschen” schreibt, die Heilung der geistigen Krankheit, die durch das Studium der (Hegelschen) Philosophie und Wissenschaft zustande kommt.
Wollten wir diese Selbstdiagnose Windischmann verallgemeinern und ihr folgen, müssten wir, um von unseren psychischen Störungen zu genesen, Hegel studieren.
Hegels Antwort an Windischmann und seine empfohlene Selbsttherapie ist leicht anders und subtiler. Hegel berichtet, dass er selbst “ein paar Jahre an dieser Hypochondrie bis zur Entkräftigung gelitten” hatte, dass alle Menschen in ihrem Leben “den nächtlichen Punkt der Kontraktion ihrer Wesen” erleben. “Fahren Sie getrost fort; die Wissenschaft, die Sie in dieses Labyrinth des Gemüts geführt, ist allein fähig, Sie herauszuleiten und zu heilen”.
Die Philosophie ist also für Hegel zugleich Ursache der Krankheit und Weg zu deren Heilung. Die von Hegel empfohlene Selbsttherapie ist also keine Therapie für normale Menschen, sondern für Philosoph*innen. Es geht um die Art der Genesung geistiger Krankheiten, die von der Philosophie selbst verursacht wurden und nur uns Philosoph*innen betreffen. Es geht dabei um die geistige Erdrückung, das Labyrinth des Gemüts, Steckenbleibens und sich im Kreise drehen in labyrinthischen Gängen, die durch das Scheitern bei der Denkarbeit verursacht und nur durch das Weitermachen bei der philosophischen Arbeit geheilt werden.
Apl. Prof. Dr. Elena Ficara ist Außerplanmäßige Professorin im Fach Philosophie am Institut für Humanwissenschaften der Universität Paderborn.