Oft Gesagt

Meine Mutter hat mir oft gesagt “Jeder Mensch hat seine Gründe. Dafür was er denkt, wie er handelt. Dafür was er nicht denkt und wie er nicht handelt. Bitte versuch diese Gründe zu verstehen und zügle dein Urteil.” Und so häufig ich mich in all den Jahren immer wieder dabei erwischt habe, mit dem Urteil schneller zu sein als mit der Suche nach Gründen, ist es sicherlich dieser Satz, der mir die Empathie eines Jesus von Nazareth, aber auch die hermeneutischen Anliegen diskursiv-komprehensiver Wissenschaftstheorien so sympathisch erscheinen lässt.

Der Gedanken verliert seine Trivialität in dem Moment, in dem wir darüber nachdenken, wie wir, acht Milliarden Menschen, zusammenleben wollen (und können!). Das gute Verständnis füreinander, für unsere Hoffnungen und Ängste, ist die Basis, von der Gerechtigkeitskonzepte aus ihren Sinn erhalten und nicht zuletzt in politischen oder wirtschaftlichen Institutionen verwurzelt werden.

In den letzten Jahren hat mich jedoch zunehmend ernüchtert, dass ich trotz bester Verstehensabsicht, die Welt und die Gründe der Menschen doch nur immer weniger zu begreifen vermag. Die Paradoxien und Widersprüchlichkeiten unserer weltweiten Entwicklungen lassen mich immer häufiger stolpern über vermeintlich gute Ziele, lähmen meine Geduld und Ausdauer. Einerseits leben und werben wir ständig dafür, die Gründe für eine bestimmte Weltdeutung oder eine Handlungsorientierung miteinander ins Gespräch zu bringen. Wir setzen darauf, dass die deliberative Verständigung am Ende ein Minimum an Rationalität bei einem Maximum an Heterogenität in den Entscheidungsfindungsprozessen gewährt. Andererseits merken wir ständig, dass der Rationalitätsnachweis uns nicht motiviert auch umzusetzen, was wir zuvor als das bessere, richtigere oder nachhaltigere Vorgehen bestimmt haben. 

Und ja, in religiöser und nicht-religiöser Weisheitsliteratur ist immer wieder die Rede davon, dass genau dies unsere Menschlichkeit ausmacht: Gutes zu wollen und es – along the way – dann doch zu vergessen, zu ignorieren, zu versäumen. 

Mittlerweile haben viele kluge Menschen diese beinah alltägliche (Selbst-)Erkenntnis soziologisch ausgearbeitet, psychologisch verklammert und durch unsere kulturellen Brenngläser fokussiert. Nun weiß ich, dass wir mit der Steigerungslogik  überfordert sind und uns deshalb lieber mit diversen Angeboten aus Internet und Medien zerstreuen, anstatt füreinander einzustehen; nun kann ich erklären, warum Ressourcenverbrauch, Ausbeutung und Naturzerstörung ständig zunehmen, obwohl uns niemals klarer war, dass die planetaren Grenzen erreicht sind; nun vermag ich die riesigen Autos, festungsähnlichen Häuser und ideologischen Glasperlenspiele als Überkompensation unserer Unsicherheit und Angst zu deuten. Und dennoch: Je besser ich die Gründe der Menschen zu verstehen meine, umso schwerer lässt sich der Status-quo akzeptieren. Sicher bin ich mit diesen Gedanken nicht alleine, denn zeitgleich nimmt die Suche nach alternativen, nachhaltigen, solidarischen Lebensformen zu. Konzepte wie Paradising oder Postgrowth ergründen Möglichkeiten, um das Gesollte als ein Gewolltes einholen zu können. Neben den Graswurzelbewegungen der letzten Jahre könnten gerade auch religiöse Gemeinschaften als Pionier*innen für Veränderungen ein sozialpolitisches Echo erzeugen, Mitmenschlichkeit nicht nur predigen, sondern lebbar machen. Und wenn uns auch hier ein ums andere Mal die Geschichte zu überholen droht, so fordert mein Glaube mich auf, nicht zu resignieren und in meiner Zeit das zu tun, was ich tun kann. Es ist dieser Glaube, an dem sich ohne Sentimentalitäten die Hoffnung auf eine humanere, friedlichere Zukunft entzündet. Und nun erinnere ich wieder meine Mutter, die auf mein Murren mit einem geduldigen Lächeln mindestens ebenso oft betont hat, dass es eben diese Hoffnung ist, die sich mit kleinherzigen Gründen nicht zufriedengeben kann. 

Dr. Anne Weber ist Stipendiatin am Graduiertenkolleg „Kirche in Zeiten der Veränderung“ an der Theologischen Fakultät Paderborn.

#Mutter #Hoffnung #Verstehen #Durchhalten

Ose Schalom Bimromav: Er, der in seinem hohen Himmel Frieden stiftet (Job 25,2)

Für einen jüdischen Weisen des 15. Jahrhunderts, Isaac Arama (1420-1494) war das Konzept von Shalom im Judentum mit seiner Vielzahl von Bedeutungen eine Art Stabilisator (Kaminski): „Shalom (…) ist das Element in der Natur, das die Bestandteile aller Dinge zusammenhält und stabilisiert, so dass sie ihre essentielle Qualität {ihre Integrität} bewahren.Das bedeutet auch, dass seine Abwesenheit in der Natur Spaltung und Degeneration zur Folge hat.

Shalom ist aber nicht nur ein stabiler Zustand, es ist das formende Element, das eine lebenswichtige Funktion erfüllt, wie die Luft für das Leben auf der Erde oder die DNA für die Übertragung der Erbmerkmale, die Menschen und die meisten Organismen auszeichnen. Es ist ein Element, das eine Tendenz zum Zusammenhalt und zur Einheit garantiert und Konflikte und die Möglichkeit der Zerstörung vermeidet oder abschwächt. 

Der Begriff Schalom hat die folgende Bedeutung (gemeinsam mit Salam aus dem Arabischen):

1. Vollständigkeit, Solidität, Wohlergehen

2. Sicherheit, Unversehrtheit (im Körper)

3. Wohlfahrt, Gesundheit, Wohlstand

4. Frieden, Ruhe, Zufriedenheit,

5. Frieden, Freundschaft

    a.  der menschlichen Beziehungen

    b. mit Gott besonders in der Bundesbeziehung

6. Frieden (vom Krieg)

7. Frieden (als Adjektiv)

8. Zustand. Begrüßung. Shalom Alechem

Vom abstraktesten Konzept bis zur banalen Begrüßung erscheint der Zustand von Schalom als ein Ideal, das keineswegs offensichtlich, sondern notwendig, erwünscht, zugleich erreichbar und utopisch ist. Es ist eine Herausforderung für eine Tradition, die glaubt, dass der Mensch das Göttliche und das Bösartige (ietzer hara) in sich trägt und dass sein Charakter durch den Kampf zwischen diesen Kräften bestimmt wird. Eine Binarität, die die Koexistenz des Bösen und dessen Wechsel mit Perioden des Wohlbefindens erklärt. 

Am Ende eines der wichtigsten Gebete der jüdischen Liturgie, des Kaddisch, heißt es „Ose schalom bimromav…“, (Er, der in seinem hohen Himmel Frieden stiftet. Job 25,2)

Das Gebet schreibt Gott, unter seinen unendlichen Fähigkeiten, die Fähigkeit zu, den Himmel zu befrieden. Das Interessante dabei ist, dass das Gebet davon ausgeht, dass es im Himmel auch Konflikte, Spannungen, vielleicht sogar Krieg gibt. Vielleicht spiegelt die Erde einen Schatten der himmlischen Konflikte wider? Und wenn ja, wie würden diese himmlischen Konflikte aussehen? Oder ist es andersherum? Spiegelt der Himmel die Spannungen wider, die auf der Erde herrschen, denn schließlich wurde der Mensch so erschaffen, wie er erschaffen wurde?

Das Gebet appelliert an ein göttliches Eingreifen, um Frieden zu erreichen, an eine Garantie von demjenigen, der mit seinem Wort erschafft und die Fäden dessen zieht, was in der Welt geschieht. Das Gebet wird mit einem Appell fortgesetzt, der zwar exklusiv ist, aber auch Raum für Zweideutiges lässt: … möge er Frieden über uns und über das ganze Volk Israel bringen, und wir sagen Amen.  In der traditioneller Liturgie ist dieses uns, jede einzelne jüdische Gemeinschaft. Heute, aber, interpretieren wir, dass dieses uns die gesamte Menschheit ist. Jeder Krieg und jeder Friedenszustand beeinflusst die ganze Welt. Diese Neuinterpretation eines alten Gebetes zeigt, dass wenn Frieden herrscht, dieser nicht exklusiv ist. Die Idee des Friedens des Himmels projiziert sich auf uns auf der Erde, auf uns als universelles Kollektiv und dann auch auf Israel.

In diesen Zeiten des Krieges brauchen wir dringend ein göttliches Eingreifen. Solange es keine Anzeichen dafür gibt, bete ich mit einer naiven Hoffnung, dass es den Menschen, die die Fäden über Leben und Tod in der Hand halten, gelingen wird, den dringenden Ruf nach Schalom in all seinen Bedeutungen zu akzeptieren. 

Liliana Furmann ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Pnina Navè Levinson Seminar für Jüdische Studien an der Universität Paderborn.

#Frieden #Schalom #Gebet #Krieg #Hoffnung

Dabei sein ist alles?

Ich bin Christ und Sportler. In meiner Freizeit spiele ich Tischtennis. Dies ging soweit, dass ich in Mannschaften gespielt habe, die einen gewissen professionellen Ansatz verfolgt haben und Spieler verpflichtet haben, die Geld mit diesem Sport verdienen. Zudem gehe ich gerne joggen. Es ist ein wunderbares Gefühl, wenn ich sehe, dass sich meine Laufzeit jedes Mal verbessert. Daher würde ich mich durchaus als leistungsorientierten Sportler bezeichnen.

„Dabei sein ist alles!“ Diese vielzitierte Aussage wird immer wieder mit der olympischen Idee in Verbindung gebracht und steht ein wenig im Widerspruch zu meinen Erfahrungen. Im Original von Pierre de Coubertin hieß es wohl: „Das Wichtigste bei den Olympischen Spielen ist nicht zu gewinnen, sondern daran teilzunehmen.“ Aber egal, welchen Ausspruch man verwendet, ergibt sich doch ein Gegensatz mit dem Wettkampfsport der Olympischen Spiele oder sämtlichen anderen großen Sportveranstaltungen. Ich möchte damit aufräumen! Schließlich ist das eigentliche olympische Motto: „Citius, altius, fortius“ (lat.: schneller, höher, stärker). Dieses Motto wird dem Drang nach Sensationen und Rekorden, für die die Olympischen Spiele berüchtigt sind, deutlich eher gerecht. Man muss bedenken, dass die Olympischen Spiele in der Zeit des Imperialismus entstanden sind. Wer hatte da schon Zeit und Interesse, an einem sportlichen Wettkampf gegen andere Staaten anzutreten und diesen den Vortritt zu lassen?

In diese Zeit passt auch wunderbar Friedrich Nietzsche und seine Vorstellungen vom Übermenschen. Das Ziel dieser Vorstellung ist es, sich selbst zu überbieten und seine eigenen Leistungen immer wieder aufs Neue zu übertreffen. Bei Leistungssportler:innen, insbesondere den Besten, findet man diesen Typus sehr oft. Talent und unbändiger Ehrgeiz führen immer wieder dazu, körperliche als auch geistige Bestleistungen zu erzielen. In letzter Zeit rückt gerade auch die mentale Verfassung mehr in den Mittelpunkt, wenn man an die Tennisspielerin Naomi Osaka, die Turnerin Simone Biles oder der Radrennfahrer Lennard Kämna denkt. Leistungssportler:innen, die dem mentalen Druck nicht gewachsen sind und Pausen einlegen müssen, um wieder Kraft zu schöpfen. Sind sie deswegen an der Definition „Citius, altius, fortius“ gescheitert?

Und auch wenn ich mich wegen Tischtennis wieder verrückt mache, weil es nicht immer leicht ist, Übermensch zu werden und jedes Spiel zu gewinnen, sollte ich mich vielleicht von Nietzsche abwenden und mich an die erste Definition erinnern: „Dabei sein ist alles“. Nicht, dass ich nicht gewinnen will, aber vielleicht gibt es einfach auch wichtigere Dinge. Es sollte doch Spaß machen, die kleine Plastikkugel über das Netz zu schlagen und eine gute Zeit in der Gemeinschaft meiner Mitspieler zu verbringen. Und der Sport sollte dazu da sein, Stress abzubauen und nicht aufzubauen, fit zu bleiben, sich zu integrieren, voneinander zu lernen und einander zu unterstützen.

Einige dieser Punkte spielen auch in meinem Christsein eine wichtige Rolle. Gemeinschaft, Hilfsbereitschaft und Integration sind für mich elementare Bestandteile meines Glaubens. Und zudem bietet mir Christus an, nach Niederlagen immer noch Mensch zu sein und mich trotz meiner Niederlagen anzunehmen. Dann ist möglicherweise dabei sein doch alles!

Julian Heise ist wissenschaftliche Hilfskraft am Institut für Katholische Theologie an der Universität Paderborn.

#Sport #Nietzsche #Olympia #Versagen #Glaube

Privilegierte Erkenntnis

Die Missbrauchskrise erschüttert nicht nur die Katholische Kirche in ihren Grundfesten. Sie befördert auch ein bereits stark verbreitetes säkulares Narrativ: Religion sei kein Segen für die Menschheit, sondern ein Fluch. Leider werden die kirchlichen Strukturen, die sexuellen Missbrauch und dessen Vertuschung in einem erschreckenden Ausmaß ermöglicht haben, tatsächlich auch religiös legitimiert. Beispielsweise hat die besondere Stellung des Priesters in der Gemeinde als Repräsentant Christi eine gewisse Vorstellung von Unantastbarkeit und Unfehlbarkeit zur Folge, welche ganze Gemeinden dazu brachte, Offensichtliches zu übersehen, Täter zu decken und Opfer einzuschüchtern. 

Um bei der Aufarbeitung dieser Krise nicht an der Oberfläche zu verharren, ist es unerlässlich, grundlegenden Strukturen des Machtmissbrauchs in Religionen zu analysieren und diese Strukturen von ähnlich beschaffenen gesellschaftlichen Strukturen abzugrenzen. Hier kann die komparativ-theologische Methode einen entscheidenden Beitrag liefern, indem die jeweiligen religionsspezifischen Strukturen ausfindig gemacht werden. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen missbrauchsbefördernde Elemente in unterschiedlichen religiösen Traditionen verglichen werden. Welche theologischen Denkmuster führen dazu, dass Menschen nicht in der Lage sind, sich gegen Missbrauch zu wehren, diesen eventuell gar nicht mehr als etwas Unerlaubtes oder Unmoralisches betrachten können? Warum sind Verantwortliche manchmal fest davon überzeugt, dass es Gottes Willen entspricht, Missbrauch zu vertuschen, um die Institution als Ganze zu schützen?

In fast allen Religionen sowie in einigen philosophischen Traditionen gibt es ein Phänomen, dass Karl Popper die Zuschreibung von privilegierter Erkenntnis nannte. Manche Personen hätten einfach einen „besseren Draht“ zu Gott oder dem Göttlichen. Dies können historische Personen, Religionsstifter oder Propheten, aber auch heute wirkende Religionsoberhäupter oder spirituelle Führungspersönlichkeiten sein: Päpste, Kalifen, die Zwölf Imame, Ältestenräte, Tirthankaras oder Bodhisattvas. Die Theorie privilegierter Erkenntnis ist an sich unproblematisch, da offensichtlich nicht jeder Mensch in jedem Bereich die gleichen Fähigkeiten besitzt. Fast jeder gläubige Mensch hat auch auf seinem spirituellen Weg andere Menschen kennengelernt, die genau deshalb einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen haben: Da hat jemand etwas begriffen, von dem man selbst noch weit entfernt ist, was man vielleicht noch nicht einmal in Worte fassen kann. 

Ein Glaubensweg ist kein theoretischer Weg, er besteht nicht aus Lernen von Informationen, dem Studieren von theologischen Argumenten, es ist ein Weg der Charakterformung, der darauf angewiesen ist, dass andere Personen als Orientierung für die Richtung einer solchen Entwicklung dienen. Meist sind dies charismatische Persönlichkeiten, manchmal aber auch Personen, denen von der Institution selbst ein besonderer Status zugeschrieben wird, ob durch (pseudo-)demokratische Legitimation, durch Abstammung, durch Ordination oder Weihe. Aufgrund ihrer privilegierten Erkenntnisfähigkeit müssen sie sich dann nicht mehr gegenüber dem „gemeinen Volk“ rechtfertigen. Oder es traut sich niemand mehr, die Integrität und Glaubwürdigkeit dieser wichtigen Person, die vielen Menschen Halt und Orientierung gibt, infrage zu stellen. 

Auch wenn es religionsspezifische Strukturen gibt, die Missbrauch befördern, glaube ich, dass es ebenso religionsspezifische Strukturen gibt, die diesem entgegenwirken können. Sowohl im abendländischen Monotheismus als auch in der östlichen Lehre der universalen Nicht-Zweiheit liegt ein großes ideologiekritisches Potenzial: Kein Mensch soll vergöttlicht, keine Lehre absolut gesetzt werden. Auch jede religiöse Erkenntnis bleibt immer vorläufig, man darf an allem zweifeln. Und keine einzelne Person hat eine so hohe spirituelle Autorität, dass sie sich nicht mehr rechtfertigen muss. Vor allem dann, wenn ihr eigenes persönliches Interesse gerade zufällig dem verkündeten Willen des Allmächtigen entspricht.

Vertr.-Prof. Dr. Johannes Grössl ist Vertretungsprofessor für Systematische Theologie an der Universität Paderborn.

#Religionen #Kirche #Missbrauch #Ideologiekritik #Erkenntnis

Entgegne dem Bösen mit Gutem

In dieser Zeit erinnere ich mich oft an einen Vers aus dem Quran: In der Schöpfungserzählung in der Sure 2, Vers 29, fragen die Engel Gott, warum er ein Wesen erschaffen will, der Unheil stiftet und Blut vergießt, als Gott ihnen verkündet, dass er den Menschen erschaffen will. Welch berechtigte Frage, denke ich, wenn ich die aktuellen Grausamkeiten sehe, die durch menschliches Handeln entstehen. Die unzähligen Opfer der Kriege in Ukraine, Syrien, Jemen, Palästina, Israel und weitere unzählige Krisengebiete zeigen, wie unberechenbar, erbarmungslos, machtsüchtig und rucksichtlos der Mensch sein kann. Auch die Umweltkrise führt uns vor, wie der Mensch durch Habsucht und materiellen Gewinnwahn seinen eigenen Lebensraum vernichtend missbraucht.   

Auf die Frage der Engel, antwortet Gott „Ich weiß, was ihr nicht wisst“. Gott in seiner Weisheit wusste, wozu der Mensch außerdem noch in der Lage ist: bedingungslos und unermüdlich den Menschen in Not zu helfen, mit ihnen das Wenige zu teilen, das sie selbst besitzen. Den traumatisierten Kindern, die nicht verstehen, warum sie aus ihrem vertrauten Heim entrissen wurden, schöne Geschichten erzählen und sie zum Lachen bringen, damit sie für einige Minuten ihr Leid vergessen. Das sind einige wenige Beispiele von Taten der Menschen, die derzeit nichts anderes tun, als Hoffnung zu geben. Menschen, die in Liebe und Hingabe sich der Menschlichkeit verpflichtet fühlen. Menschen, die die Schöpfung als Leihgabe dankbar annehmen und sie in Demut und Respekt und mit Sorgfalt nutzen.

Ja, Gott wusste welches Wesen er erschafft. Ein Wesen, das stets abwägen muss, um die richtige Entscheidung zu treffen, und Gott traut dem Menschen zu, dass er dies auch tut. Derzeit fällt es schwer zu glauben, dass die Krisen und Kriege enden werden und dass alle Menschen miteinander in Frieden leben. Es gibt aber keine Alternative zur Hoffnung und zum Handeln. 

Im Quran heißt es, wenn dem Bösen mit etwas entgegnet wird, was besser ist, also die Feindschaft mit Freundschaft und Güte entgegnen, wird der Feind wie ein vertrauter Freund. Dies können jedoch Menschen tun, die geduldig und glückselig sind (Q 41:34-35).

Ist dieses Versprechen utopisch oder wirklich? Ich bin davon überzeugt, dass dies ein Versprechen und eine Aufforderung ist, die den Menschen Zuversicht und Verantwortung mitteilt. Der steinige Weg zum Frieden ist begehbar, wenn der Mensch bereit ist, alle mögliche und komplexe Wege zu nutzen und die Spirale der Gewalt nicht mit mehr Gewalt durchbrechen will.

Hamideh Mohagheghi ist Lehrbeauftragte am Paderborner Instituts für Islamische Theologie.

#Krieg #Krise #Hoffnung #Liebe #Zuversicht

Das anstößige Kreuz

Für gläubige Christen steht in den nächsten Tagen das Osterfest bevor. Obwohl schon seit Wochen bunte Eier an den Sträuchern hängen und Schokoladeneier in den Regalen der Supermärkte liegen, ist heute erstmal Karfreitag. Heute steht das Gedenken des Todes Jesu am Kreuz im Mittelpunkt. Der Name des Karfreitags kommt vom althochdeutschen Wort kara, was „Trauer“, Kummer“, „Klage“ bedeutet. Es ist ein strenger Fastentag, während dessen kein Fleisch gegessen wird. Es werden keine Sakramente gefeiert und ich bin jedesmal wieder überrascht, wie leer und schmucklos die Kirche an diesem Tag wirkt, ohne Kerzen oder Altartücher. Die Geschichte des Leidens Jesu geht an diesem Tag besonders nahe.

Vor Ostern als der Feier der Auferstehung und der Rettung aller Menschen aus dem Tod gibt es also eine Zeit des Verzichts und der Trauer. Das heißt nicht, dass man sich immer besser freuen kann, wenn man vorher Leid oder Trauer erlebt hat. Oder noch schlimmer, dass es Leid geben muss, damit man sich danach besser freuen kann. Aber im Fall der Auferstehung Jesu gehören der Leidensweg Jesu und sein „Herabsteigen in das Reich des Todes“ zur Feier der Auferstehung dazu. Sie sind nur gemeinsam zu verstehen und zeigen Christen etwas mehr von Gott, indem sie hoffen lassen, dass er uns Menschen aus dem Tod errettet und im übertragenen Sinne auch aus unserer Gottesentfernung. 

Aber die Darstellung des leidenden Jesu am Kreuz bleibt anstößig. Obwohl die Medien nicht die Darstellung des Kriegsgrauens scheuen, scheint der stetige Anblick des Leidens im religiösen Kontext fremd. Navid Kermani, deutsch-iranischer Schriftsteller, Islamwissenschaftler und Muslim, drückt das in einem Zeitungsartikel 2009 provokant aus, wenn er eine solche Vergegenständlichung des Schmerzes als barbarisch kritisiert, ja als „Gotteslästerung und Idolatrie“[1]. Doch er bleibt dabei nicht stehen. Er findet einen eigenen Zugang durch das Gemälde „Kreuzigung“ von Guido Reni (1575-1642). In ihm erschloss sich für Kermani das Leiden Jesu als das Leiden und der Tod aller Menschen. Vielleicht kann Kermani einen Anstoß geben, das Geheimnis des Todes Jesu durch Kunst oder Musik verständlicher zu machen. Sie bieten das Potential, neue Zugänge zu Ostern zu finden, damit es mehr ist, als Ostereier und Osterhasen ;-).


[1] Vgl. Kermani, N., Bildansichten: Warum hast du uns verlassen? In: https://www.nzz.ch/warum_hast_du_uns_verlassen__guido_renis_kreuzigung-1.2195409

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Da_guido_reni,_crocifisso,_1650_ca._01.jpg

Dr. Cordula Heupts ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Katholisch-Theologischen Fakultät Bonn.

#Ostern #Auferstehung #Karfreitag #Kreuz #Kunst 

„Guter Flüchtling, böser Flüchtling: Leid nicht gegeneinander ausspielen“

Mittlerweile sind bereits sechs Wochen seit der russischen Invasion in die Ukraine vergangen, ohne dass Anzeichen erkennbar wären, die auf ein schnelles Ende der Barbarei Russlands hindeuten. Die täglichen Bilder aus der Ukraine von zerbombten Wohnhäusern, Angriffe auf Kliniken, Millionen von Familien auf der Flucht und tausende eingekesselte Menschen verändern grundlegend unsere Wahrnehmung und rütteln an Privilegien in Mitteleuropa. 

Spreche ich mit meinen Eltern über den Krieg in der Ukraine, so wirkt es für sie wie ein Alptraum, der sich erneut in einem anderen Ort der Welt abspielt: Sie selbst haben das Leid, welches die UDSSR mit ihrer Invasion am 26.12.1979 in Afghanistan über die gesamte Nation in mehr als zehn Jahren brachte noch sehr genau in Erinnerung. Ich persönlich habe das Grauen des Bürgerkriegs und die Anfänge des Taliban-Regime erlebt und erinnere mich nur zu gut als Kabul eingekesselt von einem Dutzend unterschiedlicher Gruppierungen dem Erdboden gleich zerbombt wurde. Nur zu gut können wir in der Familie, die selbst als Opfer des Kriegs zu Flüchtlingen wurden, das Leid und den Schmerz der Ukrainer nachempfinden. 

So ähnlich die Bilder des Leids und Unrechts sich von Afghanistan über Irak und Syrien bis hin zu Ukraine sind, so sehr scheint vieles im Ukrainekrieg anders zu sein: Bereits in den ersten Tagen dieses fürchterlichen Kriegs in der Ukraine hieß es hastig seitens amerikanischer oder britischer Journalist:innen, die Ukraine sei „kein Dritte-Welt-Land“, sondern eher „europäisch“ und „zivilisiert“. Gleich einige Tage später setzt ein ehemaliger hoher ukrainischer Staatsbediensteter in einem BBC Live-Interview nach als er emotional hervorhob, dass er täglich sehe wie „europäische Menschen mit blauen Augen und blonden Haaren“ getötet würden. Als wäre das Blut getöteter Menschen mit braunen Augen und dunklen Haaren nicht rot. Und auch andere europäische Polikter:innen wie etwa die österreichische Verfassungsministerin Karoline Edtstadler machten deutlich, dass es sich bei Ukrainern „nicht klassisch“ um Flüchtlinge handle, sondern um „Europäer, die nachbarschaftliche Hilfe und Schutz brauchen“. Auch Berlins Bürgermeisterin Franziska Giffey lobte kürzlich im Rahmen eines Interviews den Arbeitswillen ukrainischer Geflüchteter und implizierte zugleich, dass andere Geflüchtete zunächst nach Sozialleistungen fragten. Diese traurige Aufzählung „einzelner“ Statements ließe sich beliebig fortführen. Gemein ist ihnen allen, dass Menschen kategorisiert werden in all der Not, in echte und unechte, gute, böse oder nützliche Fliehende und die Solidarität – getragen vom Gebot der Menschlichkeit und der europäischen Werte – bestimmt wird von Hautfarbe, Religion und Herkunft. Noch vor wenigen Monaten sind Menschen aus Syrien und Afghanistan bei zweistelligem Minustemperaturen erfroren, an der Grenze zwischen Belarus und Polen. Ja, Polen, das EU-Land, das jetzt bereits über eine Millionen Menschen aus der Ukraine aufgenommen hat, verletzt sonst an seiner Ostgrenze die Mindeststandards von Völker- und Europarecht. Und noch gestern hat der Europarat die Zunahme widerrechtlicher Zurückweisungen (sog. Pushbacks) von Asylsuchenden an den europäischen Außengrenzen als „systematisches Problem“ angeprangert.

Nein, Leid darf nicht gegen Leid ausgespielt werden. Aber es wäre eine Vertiefung erfahrenen und bestehendem Leids, wenn Solidarität kategorisierend wäre. Gerade die Fastenzeit, die dieses Jahr im Christentum und Islam zeitlich zusammenfällt und zudem nächste Woche noch das jüdische Pessach-Fest hinzukommt, lädt ein diese Solidaritätsensorik im Herzen zu schärfen oder vor anhaftendem Rost zu befreien. Denn die Entsagung während der Fastenzeit soll nicht nur in uns die Selbstsucht mindern, sondern hat insbesondere einen sozialen Bezug und manifestiert in erster Linie sich in Barmherzigkeit und Solidarität. Daher bezeichnete der Prophet Muhammad den Monat Ramadan als den Monat der Mitmenschlichkeit. Möge diese Mitmenschlichkeit allen Menschen zuteil werden!

Dieses Bild zeigt Flüchtlinge aus Syrien oder doch auch Odessa (Ukraine)…

Jun.-Prof. Dr. Idris Nassery ist Juniorprofessor für Islamische Rechtswissenschaften am Seminar für Islamische Theologie an der Universität Paderborn.

#Peaceintheworld #Mitmenschlichkeit #Ramadan

„Auschwitz ist eine offene Wunde“

Ein etwas anderer Reisebericht über einen Samstag im März: Bis zum Ziel wären es von unserem Hotel mit dem Taxi nur ein paar Minuten gewesen, doch an diesem Morgen entschieden wir uns für einen Spaziergang. Wir überquerten den Fluss und bogen am Kreisverkehr links in die Hauptstraße ab, bis wir einen großen Wohnblock erreichten. Es war einiges los: Menschen machten sich auf den Weg zur Arbeit oder zum Einkauf, eine junge Frau schob einen Kinderwagen und grüßte fröhlich einer älteren Dame, die ihr auf dem Fahrrad entgegenkam. Schließlich erreichten wir einen Wohnblock. Hinter einem Kebab-Imbiss, der für günstige Mittagsangebote für Schüler warb, gingen wir über einen modernen Spielplatz. Kinder tobten an den Spielgeräten, die frischen Temperaturen des Morgens schienen sie nicht zu stören. Am Ende der Straße ging es nach links weiter, und als wir den großen Busparkplatz sahen, wussten wir, dass wir gleich unser Ziel erreicht haben würden. Unentwegt stiegen große Gruppen aus den Bussen und steuerten auf den Eingang der Gedenkstätte zu. Ein paar Jugendliche posierten für ein Selfie. Wer nicht direkt zum Museum ging, ließ sich von den großen Reklametafeln zum Kiosk oder einem der Restaurants locken.

Die Stadt, in der wir uns befanden, trägt den Namen Oświęcim und liegt in Südpolen, etwa 60 Kilometer von Kraków (Krakau) entfernt. Unter ihrem deutschen Namen Auschwitz erlangte sie traurige Berühmtheit. Wir waren an dem Ort angelangt, der als Synonym für eines der größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte steht: den nationalsozialistischen Völkermord an rund 6 Millionen Jüdinnen und Juden. Mit 18 Studierenden der Universität Paderborn unternahmen wir vom 11. bis 18. März 2022 eine Studienfahrt nach Auschwitz. Gemeinsam besichtigten wir das Konzentrationslager, zunächst das Stammlager Auschwitz I mit dem zynischen Schriftzug „Arbeit macht frei“, und dann, zwei Kilometer entfernt, das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Um das Gesehene zu verarbeiten, erwiesen sich Gespräche als wichtig und kostbar – untereinander, aber auch mit den Menschen vor Ort, dem deutschen Pfarrer Manfred Deselaers sowie einem deutschen Freiwilligendienstleistenden und den einheimischen Jugendlichen und jungen Erwachsenen. „Auschwitz ist eine offene Wunde“, erklärte uns Pfarrer Deselaers. Eine offene Wunde, der gar neue Wunden zugefügt werden? 

Dass die weltweite Gesellschaft angesichts des belastenden Erbes nach Auschwitz weiterhin herausgefordert ist, zeigt sich jüngst im Krieg in der Ukraine. Mit dem Vorwand der „Entnazifizierung“ begann seitens Russlands ein Feldzug, der seit einigen Wochen viel Leid, Zerstörung und Tod sowie eine weltweite Erschütterung mit sich brachte. Unter den Leidtragenden sind auch die Überlebenden nationalsozialistischer Verfolgung. Sie brauchen jetzt mehr denn je unsere Hilfe, heißt es im neugegründeten Hilfsnetzwerk für Überlebende der NS-Verfolgung in der Ukraine. Menschen, die einst den nationalsozialistischen Schrecken überlebt hatten, sind neuen individuell und gesellschaftlich tiefgehenden physischen und psychischen Wunden ausgesetzt. Doch die Willkommenskultur und von Nächstliebe erfüllten Begegnungen mit ukrainischen Geflüchteten in Oświęcim ließen in dem bedrückenden Schatten der örtlichen NS-Vergangenheit und des aktuellen Krieges einen einprägsamen Hoffnungsschimmer erscheinen.

All diese Eindrücke und Gedanken nahmen wir mit, als wir abends wieder zurück zum Hotel gingen. Nachdem wir den Busparkplatz hinter uns ließen und um die Ecke bogen, über den Spielplatz, vorbei am Kebab-Imbiss und den Wohnblocks, wurde es ruhiger. Die KZ-Gedenkstätte ist in Oświęcim einer der größten Arbeitgeber, zugleich kämpft die Stadt um Normalität. In der polnischen Sprache unterscheiden die Menschen zwischen Oświęcim und Auschwitz. Das hilft den Einwohner*innen, dass die hässlichen Narben ein wenig verheilen können, die die Deutschen in ihrer Stadt hinterlassen haben. In der deutschen Sprache bleibt Auschwitz derweil fest verankert – als mahnendes Gedenken eines „Nie wieder“, als Aufruf an uns, unsere Studierenden und alle folgenden Generationen, nicht aus Schuld, sondern aus Verantwortung.

Stephanie Lerke ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Evangelische Theologie der Technischen Universität Dortmund und Lehrbeauftragte am Institut für Evangelische Theologie der Universität Paderborn, Jan Christian Pinsch ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Evangelische Theologie der Universität Paderborn und Lehrbeauftragter am Institut für Evangelische Theologie und Religionspädagogik der Julius-Maximilians-Universität Würzburg.

#Auschwitz #Verantwortung #Ukraine

Der gute Lehrer

Heute Morgen habe ich die folgende Koranstelle gelesen (3:159): „Wegen der Barmherzigkeit von Gott warst du zu ihnen milde. Doch wärst du grob und harten Herzens gewesen, sie wären dir davongelaufen. Daher verzeihe ihnen, und bitte für sie um Vergebung! Und berate dich mit ihnen in der Sache! Wenn du dich entschlossen hast, so vertraut auf Gott! Siehe, Gott liebt die Gottesvertrauenden.“
فَبِمَا رَحْمَةٍۢ مِّنَ ٱللَّهِ لِنتَ لَهُمْ ۖ وَلَوْ كُنتَ فَظًّا غَلِيظَ ٱلْقَلْبِ لَٱنفَضُّواْ مِنْ حَوْلِكَ ۖ فَٱعْفُ عَنْهُمْ وَٱسْتَغْفِرْ لَهُمْ وَشَاوِرْهُمْ فِى ٱلْأَمْرِ ۖ فَإِذَا عَزَمْتَ فَتَوَكَّلْ عَلَى ٱللَّهِ ۚ إِنَّ ٱللَّهَ يُحِبُّ ٱلْمُتَوَكِّلِينَ
Beim Lesen der Sure muss ich immer wieder genau an dieser Stelle eine Pause einlegen und mir meine Gedanken darüber machen. Oft kann ich nicht weiterlesen, denn diese Stelle spricht über pädagogische Werte, die mich berühren. Die Koranstelle spricht über einige Eigenschaften des Propheten Muhammad und wie er mit seinen Gefährten bzw. seinen Anhängern umgegangen ist. Als ich die obengenannte Stelle gelesen habe, habe ich mich spontan an die Eigenschaften und den Charakter eines guten Lehrers bzw. eines guten Anführers gedacht. Dann habe ich mich eine Frage gestellt: Was macht eine gute Lehrerin / einen guten Lehrer aus? Eine allgemeine Antwort habe ich hier in der genannten Koranstellegefunden: Lehrer*innen sollen barmherzig gegenüber Schüler*innen bzw. Studierenden sein. Außerdem sollten sie einen „guten Draht“ zu ihnen haben. Sie sollen sie unterstützen, ihnen zuhören und offene Diskussionen mit ihnen führen. Darüber hinaus ist das Ziel guten Unterrichts, den Horizont der SuS zu erweitern. Es reicht nicht aus, dass Lehrer*innen viel Fachwissen haben, sondern müssen auch viele weitere pädagogische Kompetenzen besitzen. Diese pädagogischen Kompetenzen ermöglichen ihnen binnendifferenziert zu denken.
Die Sira-Literatur (Biografie des Propheten Mohammed) berichtet uns viele Situationen von ihm, in denen er auf verschiedene Erziehungsmethoden zurückgreift. Oft verdeutlicht er seine Konzepte durch Erzählungen und Gleichnisse. Er hört sehr gut zu und gibt seinen Gefährten die Chancen, ihre Meinungen frei zu äußern und seine Meinungen zu kritisieren. Darüber hinaus nahm er vielmals Kritiken der Anderen an.
Viele Gefährten fragten den Gesandten Mohammed, was denn die beste Tat sei: Der Prophet Mohammad erwiderte: Das hängt von der Situation ab. Als Abu Dharr ihm sagte: „Gesandter Gottes, rate mir zu einer guten Tat!“, entgegnete er: „Sei dir Gottes bewusst, wo auch immer du bist; reinige dich von deinen Sünden, indem du ihnen sofort eine gute Tat folgen lässt; und behandle die Menschen so gut wie möglich!“ Ein anderer Gefährte fragte ihn: „O Gesandter Gottes, rate mir zu einer guten Tat, aber fasse dich kurz, damit ich mich auch an sie erinnere!“ Der Prophet Mohammad antwortete ihm: „Lasse dich nicht von Zorn übermannen!“ Der Mann fragte ihn noch zwei weitere Male, und der Prophet gab jedes Mal die gleiche Antwort.

Schließlich war das wichtigste pädagogische Prinzip meines guten Lehrers bzw. des Propheten Muhammed, dass er sich selbst als lebendiges Beispiel präsentierte.

Ahmed Elshahawy ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Seminar für Islamische Theologie der Universität Paderborn.

#Lehrer #Prophet #Muhammad #Kompetenz

Das Bild der Woche

Es gibt ein drastisches Gedankenspiel von Immanuel Kant, mit dem er das Bewusstsein der Freiheit aufzeigen will. Man stelle sich vor, der Tyrann bedrohe einen mit dem Tod. Um dem Galgen zu entkommen, müsse man stattdessen einen Unschuldigen ausliefern. Es ist kaum möglich, dieses Bild vor Augen zu haben, ohne die erschreckende Frage: Was würde ich tun? Für Kant ist klar, dass der so gefragte Mensch weiß, was er tun sollte, nämlich niemals einen Unschuldigen dem Tod ausliefern und lieber selbst die Todesstrafe auf sich nehmen: „Ob er es tun würde, oder nicht, wird er vielleicht sich nicht getrauen zu versichern; daß es ihm aber möglich sei, muß er ohne Bedenken einräumen.“[1]

Wenn Menschen in widrigsten Umständen das Gesollte tun, rufen sie diese Frage hervor, die auch Kant provoziert hatte. Selbst dann noch, wenn wir selbst weit weg, zuhause vor dem Laptop im Warmen sitzen. So ging es mir, als ich das Bild dieser Woche gesehen habe. Es zeigt Marina Owsjannikowa. Die Fernsehredakteurin ist für ein paar Augenblicke in den russischen Nachrichten zu sehen, direkt hinter der Sprecherin. Sie hebt ein Plakat hoch, auf dem die Worte „No War“ zu lesen sind, ehe der nächste Einspieler läuft und der Moment vorbei ist. Das Foto ging seitdem um die Welt. Wie jedes Bild in diesem Krieg ist es selbst einer grausamen Debatte über seine Bedeutung und Hintergründe ausgesetzt – ein Puzzlestück in einem Konflikt, der auch mit Bildern und auf Social Media gekämpft wird. Was würde ich tun?

Christlich gesprochen, ist es ein Zeichen des Prophetischen, das Evangelium konkret werden zu lassen, auch dann noch, wenn die Umstände dem entgegenstehen. Dass die Kirchen hinter diesem Anspruch zurückbleiben, überrascht kaum, denn er ist bitterernst. Das Blutrot der Kardinalsgewänder erinnert etwa daran, dass sie bis zum Tod dem Glauben treu bleiben sollen. Doch prophetisches Wirken ist ausdrücklich auch die Berufung der sogenannten Laien (Lumen Gentium 35)

Vor einigen Jahren habe ich an einer Studienreise nach Russland teilgenommen, deren Hauptthema die Verfolgung der Russisch-Orthodoxen Kirche im vergangenen Jahrhundert war.[2] In vielen Gesprächen haben wir gelernt, dass es mitunter Kooperation mit dem Staat gab, die keine prophetische Kraft erkennen ließ, zugleich aber immer wieder Menschen, die bis zum Äußersten ihren Glauben gelebt haben und heute als Neomärtyrer verehrt werden. Einer der in Deutschland bekanntesten ist Alexander Schmorell, Mitglied der Weißen Rose. 

Wenn etwas in diesen Tagen Hoffnung macht, dann dies, dass es Meschen gibt, die bereit sind, Nein zu sagen, wo es leichter wäre, zu schweigen. 


[1] Kant, Kritik der praktischen Vernunft, A 54.

[2] https://petersburger-dialog.de/theologenreise-moskau-jekaterinburg-st-petersburg-14-22-september-2018/.

Lukas Wiesenhütter ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Theologischen Fakultät Bonn.

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