In den orthodoxen und katholischen Kirchen haben sich besondere Formen der Marienfrömmigkeit herausgebildet. In der Alten Kirche stritt man darüber, ob Maria als „Christusgebärerin“ oder als „Gottesgebärerin“ bezeichnet werden dürfe. Die letztere Bezeichnung hat sich dann im Streit durchgesetzt. Man nimmt an, dass gerade auch Katastrophen neue Formen der Frömmigkeit hervorgebracht haben. So führte die Justinianische Pest, die im Jahr 541 n. Chr. erstmals in Ägypten auftrat und sich anschließend über den Mittelmeerraum ausbreitete, zu einer besonderen Hinwendung zu den Heiligen und zu Maria. Die ersten noch erhaltenen Ikonen stammen ebenfalls aus dieser Zeit.
Der Akathistos-Hymnus zählt zu den bedeutendsten Zeugnissen der christlichen Hymnendichtung. Seit Jahrhunderten erklingt in ihm das Lob der Gottesmutter Maria. Sein Name verweist auf die Tradition, den Hymnus im Stehen zu singen – als Ausdruck der Ehrfurcht, der Freude und des Gebets. In kunstvoll gestalteten Anrufungen und biblischen Bildern betrachtet der Hymnus das Geheimnis der Menschwerdung Gottes. So verbindet der Akathistos-Hymnus Theologie und Poesie, Liturgie und persönliche Frömmigkeit. Der Hymnus besteht aus 24 Strophen, deren Anfangsbuchstaben das griechische Alphabet ergeben. In der ersten Hälfte wird, in Anlehnung an das Lukasevangelium, vom Besuch des Erzengels Gabriel bei Maria und von der Verkündigung erzählt. Der zweite Teil thematisiert das Geheimnis der Menschwerdung Gottes und seines Erlösungswerkes. Aufgrund seiner theologischen Aussagen wird der Text des Hymnus in die Zeit zwischen dem Konzil von Ephesus (431 n. Chr.) und dem Konzil von Chalkedon (451 n. Chr.) datiert.
Der Überlieferung nach wurde er erstmals am 7. August 626 n. Chr. in der Blachernen-Kirche in Konstantinopel gesungen. Zu dieser Zeit wurde die Stadt von Awaren und Persern angegriffen. Maria sollte mit diesem Hymnus um ihre Hilfe bei der Verteidigung der Stadt gebeten werden. Die Kirche der Gottesmutter von Blachernae war einer der zentralen Orte der Marienverehrung in der byzantinischen Hauptstadt. Dort wurden der Schleier und ein Kleid von Maria als Reliquien aufbewahrt. Die Kirche brannte im 15. Jahrhundert ab. Heute erhebt sich an ihrer Stelle ein Kirchengebäude aus dem 19. Jahrhundert. In der Kirche gab es mehrere Darstellungen, die Maria in Gebetshaltung zeigten. Daraus entwickelte sich der Ikonentyp „Blacherniotissa“, der Maria mit erhobenen Armen zeigt.
In seiner Enzyklika anlässlich des 1400. Jubiläums des Akathistos-Hymnus schreibt der Ökumenische Patriarch Bartholomaios: „Der Akathistos-Hymnus ruft jeden Gläubigen dazu auf, wachsam zu sein und standhaft zu bleiben – in Demut und Gebet – angesichts der großen Herausforderungen unserer Zeit, in diesen schweren Tagen voller Erschütterungen und kriegerischer Konflikte, die die Menschheit durchlebt.“ (Text in deutscher
Mit diesem Dokument zur Marienfrömmigkeit bietet Bartholomaios ein Deutungsangebot, das über den unmittelbaren historischen Rahmen hinausweist und ein Zeichen der Ermutigung für die heutige Zeit sein kann. Das Jubiläum zum 1.400. Jahrestag der überlieferten Gesänge des Akathistos-Hymnus bietet Anlass, dieses kostbare Erbe neu zu entdecken.
Es erinnert an die Kraft einer Tradition, die Generationen über Grenzen von Sprache, Zeit und Kultur hinweg im Glauben verbindet.
PD Dr. Richard Janus ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Evangelische Theologie der Universität Paderborn.
Ethik ist – vereinfacht formuliert – die wissenschaftliche Lehre vom richtigen Handeln. Sie reflektiert grundlegende Werte, Normen und Handlungen und fragt danach, wie der Mensch handeln soll, an welchen Werten er sich orientieren und was als gutes bzw. schlechtes Handeln zu bewerten ist. Der biblische Zugang unterscheidet sich von der philosophischen Ethik, denn die Bibel ist keine systematische ethische Abhandlung. Im Zentrum steht vielmehr der Mensch unter den Bedingungen der gerechten und barmherzigen Königsherrschaft Gottes, unter der er als Ebenbild Gottes in Freiheit und Gleichheit vor ihm steht. Daraus ergibt sich die Liebe zu Gott, wie sie im Schma Jisrael formuliert wird (Dtn 6,4), und zugleich die Liebe zum Mitmenschen. Die Gebote der Nächsten- und Fremdenliebe (Lev 19,18.33–36) zeigen, dass die Beziehung zu Gott unmittelbar mit dem sozialen Handeln verbunden ist. Gutes Handeln beruht auf einer gelingenden Beziehung zu Gott und realisiert sich im Verhältnis zum Mitmenschen. Soziale Gerechtigkeit ist damit Ausdruck der Herrschaft Gottes.[1]
Das Erste wie auch Zweite Testament (ET / ZT) bieten keine umfassend ausgearbeitete „Lehre von den sittlichen Werten, Normen und Handlungen“[2], wohl aber grundlegende ethische Forderungen für ein gerechtes und verantwortungsvolles Leben. Vor diesem Hintergrund ist auch die ersttestamentliche Rede vom Frieden (Schalom) zu verstehen. Der Begriff Schalom lässt sich nicht auf einen einzigen Aspekt reduzieren, sondern umfasst verschiedene miteinander verbundene Dimensionen. Eine erste Dimension betrifft die Vollständigkeit und Ordnung des Ganzen. Frieden bezeichnet die „lebensfördernde Geordnetheit der Welt“[3] und steht damit als Gegenbegriff zum Chaos. In der Weisheitsliteratur sind es Gott oder der König, die durch Stabilität und Ordnung Frieden schaffen. Frieden kann dabei auch durch Übermacht und Sieg über Gegner entstehen (vgl. Ps 2; 48). Bereits hier zeigt sich, dass Frieden nicht lediglich die Abwesenheit von Krieg bezeichnet, sondern einen umfassenden Zustand einer geordneten und lebensfördernden Welt.[4]
Diese kosmische Dimension wird durch eine soziale und ökonomische Perspektive ergänzt. Schalom bezeichnet auch das kollektive Wohlergehen einer Gemeinschaft und damit Sicherheit, Wohlstand und ein ausreichendes Auskommen. Frieden betrifft folglich die konkreten Lebensbedingungen der Menschen. Damit erhält der Schalom zugleich eine politische Dimension. In der altorientalischen Welt wird Frieden häufig als Befriedung durch die politische Macht eines Herrschers verstanden. Auch ersttestamentliche Texte greifen diese Vorstellung auf. Frieden und Macht stehen damit in einem ambivalenten Verhältnis: Politische Ordnung kann Frieden ermöglichen, zugleich stellt sich die Frage, ob ein solcher Frieden tatsächlich gerecht ist oder lediglich bestehende Machtverhältnisse stabilisiert.[5]
Frieden wird im ET nicht allein als Ergebnis menschlicher oder politischer Anstrengung verstanden, sondern zugleich als Geschenk und Segen Gottes (theologische Dimension). Besonders deutlich wird dies im aaronitischen Segen (Num 6,22–27): „Der HERR wende sein Angesicht dir zu und schenke dir Frieden.“ Frieden ist damit bis zu einem gewissen Grad unverfügbar und muss von Gott erhofft werden. Zugleich entbindet diese göttliche Dimension den Menschen niemals vom eigenen friedensstiftenden Handeln. Gerade im Zusammenspiel von göttlicher und menschlicher Aktion zeigt sich ein grundlegendes Merkmal alttestamentlicher Friedensvorstellungen: Der Mensch kann Frieden nicht vollständig herstellen, ist aber dazu aufgerufen, ihn mitzugestalten.[6]
Diese Verbindung zeigt sich besonders im Zusammenhang des Bundes zwischen Gott und Israel. Wo Israel nach Gottes Weisungen lebt, entstehen soziale Gerechtigkeit, Sicherheit, Fruchtbarkeit des Landes und Schutz vor Feinden. Frieden ist daher nicht nur innerlich oder spirituell zu verstehen, sondern zugleich politisch, sozial, wirtschaftlich und ökologisch. Schalom bezeichnet einen umfassenden Zustand gelingenden Lebens. Gerade deshalb gehören Frieden und Gerechtigkeit im ET untrennbar zusammen. Ein Frieden, der auf Kosten anderer oder durch die Festschreibung von Ungerechtigkeit entsteht, kann nicht als wirklicher Schalom gelten.
Diese kritische Perspektive tritt besonders in der prophetischen Tradition hervor. Propheten wie Micha und Jeremia verkünden nicht dort Frieden, wo tatsächlich Unheil und Ungerechtigkeit herrschen, sondern kritisieren jene, die „Frieden“ verkünden, obwohl kein Friede besteht (vgl. Jer 6,14; 8,11). Kern ersttestamentlicher Prophetie ist die Deutung der Wirklichkeit und das Aufzeigen von Handlungsoptionen. Micha und Jeremia machen deutlich, dass Frieden nicht mit der bloßen Aufrechterhaltung einer bestehenden Ordnung gleichgesetzt werden darf. Wo ein bestehender Friede Ungerechtigkeit festschreibt und die Schwächeren benachteiligt, kann seine Aufrechterhaltung selbst zum Problem werden. Frieden und Gerechtigkeit stehen deshalb nicht immer spannungsfrei nebeneinander, vielmehr muss sich Frieden daran messen lassen, ob er tatsächlich lebensfördernd und gerecht ist.
Auch die eschatologischen Friedensvorstellungen des ET sind von dieser Spannung geprägt. Für die kommenden Tage werden sowohl Völkerkampf als auch eine neue Friedensordnung angekündigt. Besonders deutlich zeigt sich diese Vielstimmigkeit in der Gegenüberstellung von Joel 4,10, wo Pflugscharen zu Schwertern werden, und Mi 4,3 bzw. Jes 2,2–4, wo Schwerter zu Pflugscharen werden. Die Friedensvision ist mit der Vorstellung verbunden, dass Gott Recht spricht und seine Ordnung zur Weltordnung wird. Zugleich bleibt die Frage nach der Macht, mit der diese Ordnung durchgesetzt wird, offen.
Besonders eindrücklich ist daher die Vision des Tierfriedens in Jes 11,6. Hier wird nicht nur die Gefährlichkeit der Tiere füreinander aufgehoben, sondern zugleich werden bestehende Machtstrukturen umgekehrt: Der Wolf liegt beim Lamm und die Raubkatze beim Ziegennachwuchs. Frieden bedeutet hier nicht lediglich Stabilität oder die Abwesenheit von Gewalt, sondern die Überwindung von Gewalt- und Herrschaftsverhältnissen. Der ersttestamentliche Schalom erweist sich somit als ein umfassendes Konzept, das die göttliche, soziale, wirtschaftliche, politische, ökologische und kosmische Dimension des Friedens miteinander verbindet. Frieden ist Geschenk Gottes und zugleich menschliche Aufgabe; er ist untrennbar mit Gerechtigkeit verbunden und darf nicht zur Verschleierung von Unrecht dienen. Frieden zu verkünden, wenn keiner da ist oder wenn er lediglich bestehende Macht- und Ordnungssysteme stabilisiert, widerspricht insbesondere dem prophetischen Zeugnis.
Frieden zu erhoffen und ihn zugleich gerecht und verantwortungsvoll mitzugestalten, bleibt dagegen ein grundlegendes Votum des Ersten Testaments.
Dr. Saskia Breuer ist Schulrätin i. K. am Erzbistum Paderborn.
[2] Schnelle, Udo. Theologie des Neuen Testaments, Stuttgart 2007, 295.
[3] Ebach, Ruth, Die Friedensbotschaft des Alten Testaments, in: Gräb-Schmidt, Elisabeth, Zeyher-Quattlender, Julian (Hg.), Friedensethik und Theologie. Systematische Erschließung eines Fachgebiets aus der Perspektive von Philosophie und christlicher Theologie (Religion – Konflikt – Frieden 9), Tübingen 2018, 101-116, hier: 102-104.
Zwei Tage, 21 Referierende aus Deutschland und Österreich, ein gemeinsames Anliegen: Am 8. und 9. Oktober 2026 hat die AG Schulseelsorge am Zentrum für Komparative Theologie (ZeKK) der Universität Paderborn nach Dortmund eingeladen (https://kw.uni-paderborn.de/zekk/schulseelsorge-in-religioeser-vielfalt-christliche-und-muslimische-ansaetze-im-dialog-1). Es war die bundesweit erste Fachtagung, die christliche und muslimische Ansätze der Schulseelsorge systematisch miteinander ins Gespräch brachte und den knapp 50 Teilnehmenden Möglichkeiten zum interreligiösen Austausch bot. Ein Rückblick.
Was Kinder und Jugendliche mit in die Schule bringen
Schule ist mehr als ein Lernort, er ist Lebens- und Erfahrungsraum, in dem Kinder und Jugendliche wichtige Phasen ihrer (Identitäts-)Entwicklung durchleben. Hierhin bringen sie alles mit, was sie bewegt: Freude und aber auch Trauer, Angst, Konflikte zu Hause oder die Fragen, wo sie eigentlich hingehören, was der Sinn ihres Lebens ist oder ob Gott einem verzeiht, auch wenn man Mist gebaut hat. In einigen Schulen gibt es Menschen, die in solchen Momenten für die Schüler:innen da sind, zuhören und begleiten, Glauben und Spiritualität zulassen, die das Schulleben mitgestalten und einen wichtigen Auftrag für die ganze Schulgemeinschaft leisten: die Schulseelsorge. Der Begriff in evangelischer Perspektive; auf katholischer Seite spricht man von Schulpastoral. Doch nicht nur die Schüler:innen, auch im Lehrerkollegium oder Mitarbeiter:innen der Betreuung und Mensa, Menschen an der Schule können sich an die Schulseelsorge wenden, die als Teil des Care-Teams (Schulsozialarbeit, Krisenteams etc.) in Schulen tätig ist. Dass evangelische Religionslehrkräfte in diesem Feld tätig sind, ist eine junge Entwicklung. Sie durchlaufen hierfür eine Qualifizierung, um ein professionelles Verständnis und Kompetenzen zu erwerben und somit als Schulseelsorger:innen tätig zu werden.
Unsere Schulen von heute sind von weltanschaulicher, kultureller und religiöser Vielfalt geprägt. Neben etablierten christlichen Angeboten fehlen bisher Konzepte muslimischer Schulseelsorge. Es stellen sich im Kontext der seelsorglichen Versorgung deshalb u. a. die Fragen: Wie kann Schulseelsorge allen Schüler:innen gerecht werden? Brauchen muslimische Schüler:innen eine eigene Form von Seelsorge – welche Bedarfe haben sie und in welchen lebensweltlichen Besonderheiten leben sie? Wer kann im muslimischen Kontext seelsorgliche Begleitung in der Schule anbieten? Die Tagung bot einen Raum, um diese und andere Fragen wissenschaftlich und aus der Praxisperspektive zu diskutieren, Bedarfe zu verdeutlichen, aber auch Chancen einer interreligiösen Zusammenarbeit anzudenken.
Zwei Kreise, eine Schnittmenge
Das Tagungsmotiv brachte das Anliegen der Organisatorinnen auf den Punkt: zwei Kreise auf einer Schultafel. Ein erster Entwurf und eine provokante Darstellung: Was ist für die Schulseelsorge, die christlich gestaltet und verantwortet wird, wichtig? Was wäre – derzeit noch hypothetisch – für eine muslimische Schulseelsorgekonzeption bedeutsam? Auf der einen Seite stehen Evangelium, christliche Grundhaltung und kirchliche Verantwortung, auf der anderen Koran, islamisches Menschenbild und Gottvertrauen.
Dazwischen liegt eine Schnittmenge, in der sich der Schulalltag abspielt: Feiern, Übergänge, Räume, Kommunikation und Krisenbegleitung. Die Wurzeln sind verschieden – die Aufgaben, vor denen Seelsorgende an Schulen stehen, sind es oft nicht. Während der Tagung vergrößerten sich die Kreise und damit natürlich auch die Schnittmenge. Dass die Frage: „Worauf gründet sich seelsorgliches Handeln in beiden Traditionen und wie wird sie umgesetzt?“ im Tandem verhandelt wurde, war Programm und zog sich durch die gesamte Tagung.
Am ersten Tag ging es darum, die Fundamente für eine gemeinsame Denkbewegung zu legen: Begriffsbestimmungen von Schulseelsorge und Schulpastoral, Entwicklungen, theologische Schwerpunkte sowie Unterschiede in der Umsetzung katholischer und evangelischer Tradition zeigten die Vielfalt im innerchristlichen Kontext auf. Die muslimische Perspektive und Bedarfe wurde islamtheologisch und aus derzeit laufenden Forschungsarbeiten dargestellt und durch Erfahrungen aus Praxis und den lebensweltlichen Herausforderungen belegt. Ein Schwerpunkt lag auf der Rolle der Religionslehrkräfte. Besonders Lehrkräfte im Islamischen Religionsunterricht werden häufig zu Vertrauenspersonen ihrer Schüler:innen, sind für seelsorgliche Begleitung aber kaum ausgebildet. Deutlich wurde, dass eine strukturell verankerte muslimische Schulseelsorge notwendig ist, aber auch, dass es – unabhängig von religiöser Zugehörigkeit – um die Frage geht, was die Lebenswelt junger Menschen in einer vielfältigen Gesellschaft für Schulseelsorge bedeutet.
Am zweiten Tag wurde eine multireligiöse Feier gemeinsam erlebt und anschließend reflektiert. Ein weiteres Thema war die Qualifizierung von Schulseelsorger:innen. Dabei zeigte sich, dass Seelsorge auf Bündnispartner innerhalb und außerhalb der Schule angewiesen ist. Aber auch, dass gesamtgesellschaftliche Veränderungen und diverse Anforderungen im Kompetenzprofil von Seelsorgenden zu einem Umdenken führen sollte und Ausbildungen neue Kompetenzbereiche brauchen. Ein Blick nach Österreich regte dazu an, stärker auf die Schnittstellen zwischen den Religionsgemeinschaften zu schauen. Auch die Hochschulseelsorge kam zur Sprache. Dort stoßen muslimische Studierende bis heute auf institutionelle Hürden. Im Rückblick wurde das innovative Tandem-Konzept der Tagung gewürdigt. Und einiges konnte nicht ausreichend thematisiert werden, so die antimuslimischen Rassismus- und Diskriminierungserfahrungen sowie die Intersektionalität als Teil der Lebensrealität muslimischer Kinder und Jugendlichen.
Der erste Schritt ist gemacht, der Weg ist lang
Die Tagung hat einiges in Bewegung gebracht. Erstmals fand ein Austausch zwischen muslimischen, katholischen und evangelischen Perspektiven statt – die interreligiösen Perspektiven auf Schulseelsorge wurden hier systematisch und zum ersten Mal bundesweit in einer eigenen Fachtagung zusammengeführt. Damit hat die AG Schulseelsorge ein Themenfeld geöffnet, das für den Schulalltag längst relevant ist, wissenschaftlich aber noch am Anfang steht.
Konsequent im Tandem. Fast jedes Panel war so besetzt, dass christliche und muslimische Stimmen nebeneinander zu Wort kamen – ebenso Wissenschaft und Praxis. Selbst Moderation und Rückblick lagen in gemischten Händen. So wurde Dialog nicht nur zum Thema, sondern zur Form der Tagung. Die gleiche Augenhöhe und das wertschätzende Miteinander waren zentral.
Erleben statt nur darüber reden. Mit der multireligiösen Feier am Freitagmorgen wurde ein zentrales Praxisfeld der Schulseelsorge unmittelbar erfahrbar – und danach gemeinsam befragt. Neues und Bekanntes aus den religiösen Traditionen durfte hier zum Tragen kommen.
Viele Perspektiven an einem Tisch. Wissenschaftler:innen und Forschende aus der islamischen und christlichen Theologie, Religions- und Erziehungswissenschaft, Lehrkräfte aus islamischem, evangelischem und katholischem Religionsunterricht sowie Menschen aus der seelsorglichen Praxis. Sie alle haben aktiv ihren Beitrag zu der Tagung geleistet.
Der Blick über den Tellerrand. Erfahrungen aus Österreich und aus der Hochschulseelsorge zeigten, dass es lohnt, über die eigenen Strukturen hinauszuschauen und hinzuhören.
Vielleicht das Wertvollste an diesen zwei Tagen stand in keinem Programm: die Gespräche und das Kennenlernen. In den Diskussionen nach den Beiträgen, beim Kaffee und beim gemeinsamen Abendessen begegneten sich Menschen, die sonst selten am selben Tisch sitzen – die Professorin und der Religionslehrer, die Seelsorgerin aus München und die Kollegin aus Wien, christliche und muslimische Stimmen.
Es wurde nachgefragt, erzählt und weitergedacht – mit Neugier aufeinander und mit Respekt vor dem, was die anderen mitbringen. Gerade dort, wo Erfahrungen aus dem Schulalltag auf theologische Reflexion trafen, entstand ein Austausch, der Lust auf mehr gemacht hat.
„Schulseelsorge soll zur Humanisierung der Schulkultur beitragen“, wurde in einigen Beiträgen betont. Das ist ein wertvolles Anliegen, das nur gelingen kann, wenn es Menschen gibt, die sich hierfür einsetzen. IRU-Lehrenden den Weg zu ebnen und ihnen die Möglichkeit einer Professionalisierung zukommen zu lassen, wird die bestehende Schulseelsorge verändern und bereichern.
Nach diesen zwei Tagen ist vor allem eines klar: Das Gespräch über Schulseelsorge in religiöser Vielfalt hat gerade erst begonnen. Fragen nach interreligiöser Zusammenarbeit an Schulen und nach gemeinsamen Fortbildungen werden die AG Schulseelsorge am ZeKK weiter begleiten – damit Kinder und Jugendliche in der Schule Menschen finden, denen sie vertrauen und die ihnen zuhören, ganz gleich, woran sie glauben. Ende 2027 werden die Tagungsbeiträge in einem Sammelband erscheinen.
Gülbahar Erdem ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Islamische Religionspädagogik am Paderborner Institut für Islamische Theologie der Universität Paderborn.
Die absolute Mehrheit hat die AfD zwar verpasst, dennoch hat der Ausgang der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt nicht nur bei vielen Betroffenen vor Ort, sondern auch bundesweit große Besorgnis ausgelöst. Eine als gesichert rechtsextrem eingestufte Partei, die die Würde des Menschen und den fundamentalen Glauben, dass jeder Mensch als Ebenbild Gottes geschaffen ist, radikal in Frage stellt, erlangte 43,8 Prozent der Stimmen.
Richtig ist aber, dass die politische Rechte mit wachsendem Erfolg auf eine konservative christliche Wähler*innenschaft abzielt. Das Ziel kirchlichen Handelns muss immer ein offener Dialog sein – auch mit Mitgliedern aus den eigenen Reihen, die anfällig für diese Positionen sind. Gleichzeitig müssen sich die Kirchen aber aufgrund ihrer eigenen Geschichte entschieden abgrenzen gegenüber menschenfeindlichen und demokratiegefährdenden Positionen. Diese klare Haltung gibt es von Vertreter*innen der evangelischen und katholischen Kirchen genauso wie aus den Freikirchen. Ein Beispiel sind die (Spät-)Aussiedler*innen: Sie hat die AfD besonders in den Blick genommen, mit einer eigenen Gruppierung „Russlanddeutsche für die AfD“ und gezielten Ansprachen etwa durch Alice Weidel. Auch hier haben sich führende Vertreter klar positioniert, dass die AfD für Christ*innen keine wählbare Partei sei und Jesus diese niemals gewählt hätte. Die Mehrheit der Russlanddeutschen – wie im Übrigen auch noch immer der Menschen in Sachsen-Anhalt – wählt demokratische Parteien.
Zwischen den Landeskirchen und zahlreichen Freikirchen gibt es gerade auch bei diesem Thema vielfältige Kooperationen und oftmals einen Schulterschluss. Viele von ihnen arbeiten auch gemeinsam in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) Deutschland. Zum AfD-Wahlprogramm in Sachsen-Anhalt hatte der Vorstand der ACK bereits im Frühjahr 2026 eine gemeinsame Stellungnahme veröffentlicht, die sich gegen eine Instrumentalisierung und für die Demokratie positioniert. Der Grundsatz lautet dabei: „Einheit in versöhnter Verschiedenheit“.
Dr. Stephanie Lerke ist Studienrätin im Hochschuldienst an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster. Dr. Jan Christian Pinsch ist Lehrkraft für besondere Aufgaben an der Universität Bielefeld, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Evangelische Theologie der Universität Paderborn und Lehrbeauftragter am Institut für Evangelische Theologie und Religionspädagogik der Julius-Maximilians-Universität Würzburg.
Abschiede gehören zu den Dingen, auf die man sich erstaunlich schlecht vorbereiten kann. Man kennt das Datum, packt Koffer, organisiert alles und weiß genau, wann das Flugzeug geht. Dann kommt der Moment, und plötzlich hilft einem diese ganze Vorbereitung überhaupt nicht.
In der islamischen Tradition gibt es eine Abschiedsformel, die auf den Propheten Muḥammad a.s. zurückgeht und die mich in den letzten Tagen anspricht: „Ich vertraue Allah deine Religion, das dir Anvertraute und den Ausgang deiner Taten an“ (Astawdiʿu llāha dīnaka wa-amānataka wa-ḫawātīma ʿamalik). In verschiedenen muslimischen Sprachräumen haben sich daraus oder daneben kürzere Abschiedsformeln eingebürgert: „In Gottes Obhut“ (fī amānillāh) oder im Türkischen „sei Gott anvertraut“ (Allah’a emanet ol), verkürzt auch im Bosnischen Allahimanet!
Eigentlich ist das eine ziemlich genaue Beschreibung dessen, was bei einem Abschied geschieht. Solange die geliebte Person in unserer Nähe ist, können wir noch vieles tun: helfen, eingreifen, erinnern, nachfragen, aufpassen. Irgendwann aber steht man vor einem Abschied. Von da an werden unsere Möglichkeiten kleiner. Die Sorgen, aber … die werden größer.
An dieser Stelle beginnt das Anvertrauen. Man gibt den geliebten Menschen nicht auf. Man gibt nur den Anspruch auf, ihn jederzeit sehen, begleiten oder bewahren zu können.
Auch der Koran tut nicht so, als müsste Gottvertrauen den Abschiedsschmerz beseitigen. Jakob trauert um Yūsuf so sehr, dass der Koran sogar von den körperlichen Spuren seiner Trauer erzählt. „O mein Schmerz um Yūsuf!“, ruft er aus, und seine Augen werden vor Trauer weiß (Q 12:84). Zugleich verliert er seine Hoffnung auf Gott nicht.
Als Ibrāhīm seine Frau und seinen Sohn in einem „Tal ohne Saat“ zurücklässt, lässt ihn der Koran sagen:
„Unser Herr, ich habe einige aus meiner Nachkommenschaft in einem Tal ohne Saat bei deinem heiligen Haus wohnen lassen, unser Herr, damit sie das Gebet verrichten. So laß die Herzen einiger Menschen sich ihnen zuneigen und beschere ihnen etwas von den Früchten, auf daß sie dankbar seien“ (Q 14:37)
Man liest dieses Gebet Ibrāhīms anders, wenn man selbst erfahren hat, wie es ist, jemanden zurückzulassen. Man erkennt den Kloß im Hals, den Druck auf seiner Brust, mit dem er, ein Prophet Gottes, so menschlich seine Geliebten Gott anvertraut: Mein Gott, lass sie ihren Weg finden. Sorge dafür, dass es ihnen an nichts fehlt…
Jakob spricht seine Trauer aus, Ibrāhīm macht aus seiner Sorge ein Gebet. Der Koran bewahrt beides. Wer glaubt, muss einen Abschied nicht weniger schmerzhaft finden. Gottvertrauen beginnt gerade dort, wo die eigene Fürsorge an ihre Grenze kommt.
Vielleicht ist das der Grund, weshalb Abschiede besonders schwer werden, wenn Menschen beginnen, ihre eigenen Wege zu gehen. Man weiß, dass genau das geschehen soll. Und man hätte sie trotzdem gern noch ein wenig länger in Reichweite…
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.
[…]
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!
(Aus: Hermann Hesse, Stufen)
Fi amānillāh, golube!
Dr. Ahmed Husić ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Islamische Normlehre am Paderborner Institut für Islamische Theologie.
Sie haben es wieder getan. Am 1. Juli 2026 wurden vier neue Bischöfe in Écône in der Schweiz geweiht. Allerdings ohne die Zustimmung des Papstes, denn es handelt sich um Mitglieder der Piusbruderschaft, der Fraternitas Sacerdotalis Sancti Pii X. Im Jahr 1970 gründete der Erzbischof von Dakar, Marcel Lefebvre, diese Priestervereinigung, die sich gegen die Reformen des 2. Vatikanischen Konzils wandte, an dem Lefebvre selbst teilgenommen hatte. Schon im Jahr 1988 hatte er im Alter von 82 Jahren selbst vier neue Bischöfe geweiht, um das Weiterleben der Bruderschaft zu sichern. Mit diesem Akt stellte er sich und seine Mitbrüder außerhalb der römisch-katholischen Kirche. Im Jahr 2009 kam es zu Verhandlungen mit dem Vatikan und Papst Benedikt XVI. hob die Exkommunikation der vier Bischöfe auf. Darunter war auch Richard Williamson, der sich als Antisemit und Holocaustleugner hervorgetan hatte. In Deutschland war er wegen Volksverhetzung verurteilt worden. Auch unter Papst Franziskus I. gab es weitere Gespräche. Nach der erneuten Bischofsweihe hebt die römisch-katholische Kirche nun hervor, dass die Piusbruderschaft sich damit selbst aus der Kirche ausgeschlossen habe und spricht von einem Schisma im Sinne des Kirchenrechts. Der Vatikan hat hier recht klar und eindeutig seine Position klargemacht, denn alle ihre Geistlichen sind exkommuniziert. Allerdings ist die Piusbruderschaft mittlerweile über die ganze Welt verteilt. Nach ihren Angaben gehörten über 700 Priester im Jahr 2025 zu ihnen. Die Gesamtzahl der Anhänger:innen gab sie für 2009 mit 600.000 an. Auf ihrer Homepage gibt die Bruderschaft Auskunft über ihre Lehre: Abgelehnt wird der sogenannte Modernismus, weil er zu einer Relativierung der Wahrheit führe. Die Bruderschaft will gerade an den göttlichen Wahrheiten festhalten. Entsprechend besteht die Religionsfreiheit des Menschen darin, sich der richtigen wahren Religion – also der katholischen – anzuschließen. Der Staat hat auch die Aufgabe „fehlerhafte“ Religionen nicht zu fördern. Ökumene bedeutet dann, auf der Seite der Wahrheit zu stehen und diese zu verteidigen. Deshalb kann Kirche auch nie demokratisch sein, sondern wahrt die Hierarchie der Ämter. Nur die traditionelle Liturgie bewahrt den Opfercharakter der Messe, die Gott im Mittelpunkt des Gottesdienstes lässt und nicht den Menschen an seine Stelle stellt. – Schon diese Einlassungen zum Thema Kirche und Glauben zeigen deutlich, was die Piusbrüder denken und wollen. Ein dialogisches Gespräch über unterschiedliche Formen von Religion oder Konfessionen ist mit ihnen nicht möglich. Und da sind viele andere problematische Fragen noch gar nicht Thema geworden, dann auch in der Ethik hat man eine entsprechende Härte. Besonders schmerzlich ist freilich, das Festhalten an judenfeindlichen Positionen, die für den christlichen Glauben nicht akzeptabel sind. Der Begriff „Schisma“ weist darauf hin, dass sich eine Gruppe nicht mehr als die rechtmäßige Autorität in einer Konfession anerkennt und damit nicht mehr in der Lage ist, Kirche zu repräsentieren. Dabei geht es – wie im Fall der Piusbruderschaft – um nichtkanonische Weihen von Bischöfen, mit denen sie sich selbst ausgeschlossen haben. Die Lehre steht hier aber nicht zur Disposition; in diesem Fall müsste man von „Häresie“ sprechen. Der Vatikan hat im Juli festgestellt, dass alle Mitglieder und Gottesdienstbesucher:innen sich im Schisma befinden und exkommuniziert sind. Das bedeutet für die Sakramentsverwaltung, dass Sakramente, die Priester der Bruderschaft spenden, unrechtmäßig und damit ungültig sind. Das Erzbistum Köln listet auf seiner Homepage Kirchen auf, in denen die tridentinische Messe rechtmäßig gefeiert wird. Damit wird Menschen, die die alte Form der Messe bevorzugen, eine Möglichkeit gegeben, nicht zu den Piusbrüdern zu gehen. Aber ist damit das eigentliche Problem wirklich benannt? Wohl kaum – aber wie bekommt man es kirchenrechtlich sonst in den Griff? Natürlich kann man über die mangelnde Erlaubnis des Papstes für die Bischofswahl reden und damit auf die entsprechenden Paragraphen des CIC (can. 1364 § 1) hinweisen. Damit ist ein Problem im Umgang mit ultratraditionalistischen Kreisen angegangen. Damit sind aber die ultrakonservativen Einlassungen zur Lehre, dem Kirchenverständnis oder der Lebensführung noch nicht zum Thema geworden. Dabei ist gerade diese theologische Ausrichtung, welche zum Thema zu machen wäre. Würde man die Diskussion um traditionalistische theologische Einstellungen führen, dann würde man nicht nur mit den Piusbrüdern über die kirchliche Lehre reden, sondern auch mit anderen Teilen des römischen Katholizismus, die ähnliche und gleiche Ansichten wie in der Piusbruderschaft haben, aber ihr nicht angehören wollen und können.
PD Dr. Richard Janus ist Wissenschaftlicher Mitarbeit am Institut für Evangelische Theologie der Universität Paderborn und Generalsekretär des Evangelischen Bundes
Wer von „Bildsprache“ hört, denkt vielleicht zuerst an Gedichte. An besonders schöne Formulierungen, an Metaphern, Gleichnisse und andere Stilmittel, die man irgendwann einmal im Deutschunterricht bestimmen musste. Im Alltag, so könnte man meinen, reden wir dagegen normalerweise ganz direkt.
Aber stimmt das überhaupt?
Wir sprechen ganz selbstverständlich in Bildern. Besonders deutlich zeigt sich das beim Argumentieren. Wir „greifen“ ein Argument an, „verteidigen“ unsere Position, suchen nach den „Schwachstellen“ der Gegenseite oder versuchen, einen Einwand zu „entkräften“. Eine Diskussion kann man „gewinnen“ oder „verlieren“, man kann sich „geschlagen geben“ oder mit einer bestimmten „Strategie“ vorgehen. Das sprachliche Bildfeld ist also das des Krieges.
Ähnlich verhält es sich in anderen Bereichen. Zeit erscheint wie ein kostbarer Besitz, den wir „sparen“, „verschwenden“ oder „investieren“ können. Probleme werden zu Lasten, die wir „tragen“ oder die uns „bedrücken“. Verstehen wird als Sehen beschrieben, wenn uns etwas „einleuchtet“, wir einen Zusammenhang „erkennen“ oder plötzlich „klarer sehen“. Solche Wendungen fallen im Alltag kaum auf. Gerade darin zeigt sich, wie tief Bildsprache unser Denken und Sprechen prägt.
Natürlich denken wir dabei meist weder an einen tatsächlichen Krieg noch an wirklichen Besitz, körperliche Lasten oder optisches Sehen. Trotzdem verstehen wir unmittelbar, was gemeint ist.
Bilder sind deshalb mehr als sprachlicher Schmuck. Sie helfen uns zu denken.
Wenn abstrakte Dinge plötzlich sichtbar werden
Wenn
Besonders deutlich wird das dort, wo wir über Dinge sprechen, die sich einer einfachen Beschreibung entziehen. Was ist Hoffnung? Was ist Liebe? Was ist Schuld? Was bedeutet Vertrauen? Und wie soll man eigentlich von Gott sprechen?
Man könnte versuchen, möglichst abstrakte Definitionen zu bilden. Doch selbst dann geraten wir erstaunlich schnell wieder in Bilder.
Die Bibel macht daraus kein Geheimnis. Im Gegenteil: Sie spricht geradezu im Überfluss in Bildern.
Gott ist ein Hirte (Ps 23,1; Joh 10,11). Gott ist ein Fels (Dtn 32,4; Ps 18,3). Gott ist Licht (Ps 27,1; 1 Joh 1,5).
Menschen können auf einem Weg gehen oder vom Weg abkommen (Ps 1,1–6; Spr 4,11–19; Mt 7,13–14). Das Reich Gottes gleicht einem Senfkorn (Mt 13,31–32), einem Schatz (Mt 13,44) und einem Festmahl (Mt 22,1–14; Lk 14,15–24). Jesus spricht vom Brot des Lebens (Joh 6,35), vom Weinstock (Joh 15,1–5), von Schafen (Joh 10,1–16) und von der Tür (Joh 10,7.9).
Solche Aussagen funktionieren gerade deshalb, weil wir aus unserer Lebenswelt bereits etwas mitbringen. Wer hört: „Der Herr ist mein Hirte“, erhält keine Definition Gottes. Stattdessen öffnet sich eine ganze kleine Welt: Ein Hirte führt, schützt, sucht Verlorenes, kennt seine Tiere und sorgt für sie. Das Bild sagt damit zugleich weniger und mehr als eine Definition. Weniger, weil Gott selbstverständlich kein Hirte im wörtlichen Sinn ist. Mehr, weil das Bild zahlreiche Beziehungen gleichzeitig sichtbar machen kann.
Auch unangenehme Bilder gehören dazu
Denn biblische Bildsprache ist keineswegs immer idyllisch.
Neben Hirten, Licht und Festmählern stehen Feuer (Jes 30,27–30; Jer 21,12; Offb 14,10; 20,9), Schwerter (Jes 34,5–6; Jer 25,31; Offb 1,16; 19,15), Blut (Jes 63,3; Ez 35,6; Offb 14,20; 16,6), Keltern (Jes 63,2–3; Joel 4,13; Offb 14,19–20; 19,15) und Becher (Ps 75,9; Jes 51,17.22; Jer 25,15–17; Offb 14,10; 16,19; 17,4; 18,6). Besonders die prophetischen Texte des Alten Testaments und die Johannesapokalypse entfalten eine dichte, häufig miteinander verbundene Bildwelt, in der Gericht, Zorn und Gewalterfahrung durch sinnlich-konkrete Bilder dargestellt werden. Gerade die Johannesapokalypse greift dabei vielfach prophetische Bildtraditionen auf, verbindet und steigert sie, sodass ihre Sprache heutigen Rezipierenden fremd oder sogar verstörend erscheinen kann.
Auch hier lohnt es sich, zunächst beim Bild selbst zu bleiben.
Ein Becher etwa ist zunächst etwas Alltägliches. Jemand füllt ihn. Jemand reicht ihn weiter. Jemand trinkt daraus. Was im Becher ist, gelangt in den Körper und entfaltet dort seine Wirkung. Wein kann Freude bedeuten, aber auch Rausch und Kontrollverlust.
Biblische Texte können aus genau solchen Alltagserfahrungen theologische Bilder formen. Dann wird etwa Gottes Gericht als ein Becher beschrieben, den Menschen trinken müssen. Die abstrakte Aussage „Gott richtet“ wird dadurch geradezu körperlich vorstellbar: Das Gericht wird gereicht, aufgenommen und erlitten. Es bleibt nicht irgendwo außerhalb des Menschen.
Ob wir dieses Bild angenehm finden, ist dabei zunächst zweitrangig. Seine Aufgabe besteht gerade darin, etwas sichtbar und spürbar zu machen.
Bilder verändern unseren Blick
Vielleicht ist das überhaupt der entscheidende Punkt: Metaphern beschreiben die Wirklichkeit nicht nur. Sie lassen uns Wirklichkeit auf eine bestimmte Weise sehen.
Wer sein Leben als „Weg“ versteht, fragt nach Richtung, Abzweigungen und Ziel.
Wer eine Krise als „Sturm“ bezeichnet, denkt vielleicht an Durchhalten, Schutz und die Hoffnung darauf, dass der Sturm vorüberzieht.
Wer Gott als „Vater“ anspricht, aktiviert andere Vorstellungen als jemand, der von Gott als „Fels“ oder „Richter“ spricht.
Keine dieser Metaphern sagt alles. Jede hebt etwas hervor und lässt anderes in den Hintergrund treten.
Deshalb verwenden die Verfasser der biblischen Texte auch nicht nur ein einziges Bild für Gott, den Menschen oder die Welt. Die Vielzahl von Bildern schützt gerade davor, Gott auf eine einzige Vorstellung festzulegen. Gott ist Hirte – aber Gott ist nicht nur Hirte. Gott ist König – aber Gott ist nicht nur König. Gott wird als Fels bezeichnet, als Licht, als Vater, als Feuer.
Vielleicht braucht eine Wirklichkeit, die größer ist als unsere Begriffe, auch mehr als ein Bild.
Vielleicht lesen wir die Bibel ohnehin bildlicher als wir denken
Wenn wir biblische Texte lesen, begegnen sich zwei Bildwelten. Da ist die Bildwelt des Textes – geprägt von Herden, Weinbergen, Königen, Städten, Hochzeiten, Festen, Saat und Ernte. Und da ist unsere eigene Erfahrungswelt, aus der wir solche Bilder zunächst verstehen. Manche davon sind uns bis heute unmittelbar zugänglich, andere haben ihren selbstverständlichen Platz im Alltag verloren. Gerade deshalb lohnt es sich, genauer hinzusehen: Was bedeutete ein Hirte, ein Weinberg, ein König oder ein Festmahl innerhalb der Welt des Textes – und welche Vorstellungen verbinden wir heute damit?
Manches biblische Bild verstehen wir deshalb unmittelbar. Anderes müssen wir erst wieder kennenlernen.
Gerade das kann spannend sein. Denn die Frage lautet dann nicht nur: „Was bedeutet dieses Bild?“, sondern zunächst viel einfacher:
Was lässt mich dieser Text sehen?
Wer handelt? Was geschieht? Welche Erfahrungen aus dem Alltag werden aufgerufen? Was verändert sich, wenn ich Gott, einen Menschen oder die Welt durch dieses Bild betrachte?
Vielleicht ist das eine gute Weise, biblische Texte zu lesen: nicht jedes Bild sofort in eine Lehrformel zu übersetzen, sondern ihm für einen Moment zu erlauben, ein Bild zu bleiben.
Denn manchmal verstehen wir etwas gerade dann besser, wenn es uns nicht erklärt, sondern vor Augen gestellt wird.
Abbildung 1 Dieses Bild wurde am 20.08.2025 mit ChatGPT generiert.
Daniel Wiebe ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Katholische Theologie im Fachbereich Biblische Theologie (Neues Testament) an der Universität Paderborn.
[1] In Anlehnung an George Lakoff/Mark Johnson, Metaphors We Live By, Chicago 1980. Das Werk gab den entscheidenden Impuls für die kognitive Metapherntheorie und die Einsicht, dass Metaphern nicht nur Stilmittel, sondern grundlegend für menschliches Denken und Verstehen sind.
Mittlerweile liegt der Beginn meines Studiums an der Universität Paderborn im Jahr 2020 einige Jahre zurück. Das Lehramtsstudium hat mich von Anfang an angesprochen und fiel mir in vielen Bereichen leicht. Dennoch begleitete mich über einen längeren Zeitraum das Gefühl, dass mir eine Dimension fehlte, die mich auch auf persönlicher Ebene nachhaltig bewegte und herausforderte.
Im Jahr 2023 wurde ich auf das neu eingerichtete Fach Islamische Religionslehre aufmerksam. Als muslimisch sozialisierte, zugleich jedoch eher säkular aufgewachsene Person hatte ich bis dahin kaum Berührung mit einer tiefgehenden Auseinandersetzung mit dem eigenen Glauben. Im Verlauf meines Studiums gewann der Islam durch den Austausch mit meinen Mitstudierenden zunehmend an Bedeutung für mein Leben. Dadurch entstand ein wachsendes Interesse an religiösen Fragen und ihrer Bedeutung für meine eigene Lebensführung. Eine bewusste und methodische Reflexion der eigenen Überzeugungen entwickelte sich jedoch erst mit dem Einstieg in das Fach Islamische Religionslehre.
Bereits zuvor gehörte das Fragen zu meinem persönlichen Glaubensweg. Viele Überlegungen blieben jedoch unausgesprochen, weil sie mit der Sorge verbunden waren, religiöse Inhalte misszuverstehen oder ihnen nicht gerecht zu werden. Im Studium eröffnete sich schließlich ein Raum, in dem Fragen ausdrücklich willkommen waren und als Teil eines ernsthaften Ringens um Erkenntnis verstanden wurden. Mir wurde bewusst, dass kritische Reflexion und das aufrichtige Suchen nach Verständnis tief in der islamischen Gelehrsamkeit verwurzelt sind. Der Koran fordert den Menschen immer wieder dazu auf, sich mit dem Glauben bewusst auseinanderzusetzen und Überzeugungen nicht allein deshalb zu übernehmen, weil sie bereits von den Vorfahren vertreten wurden (vgl. Q 2:170). Entgegen einem unreflektierten Festhalten an den Überzeugungen der Vorfahren ermutigt der Islam zu einer kritischen Reflexion, die das eigene Verstehen vertieft.
Diese Erkenntnis hat meinen Blick auf die Religion nachhaltig verändert. Ich lernte, meine eigenen Überzeugungen zu begründen, unterschiedliche Positionen einzuordnen und den Islam mit größerer intellektueller Offenheit zu betrachten. Dadurch entwickelte sich zugleich ein tieferes Verständnis meiner eigenen Person und der Rolle, die der Glaube in meinem Leben einnimmt. Das Studium vermittelte mir zwar keine fertigen Antworten auf alle meine Fragen, befähigte mich jedoch dazu, einen reflektierten Zugang zu religiösen Fragestellungen zu entwickeln und Verantwortung für meine eigene Überzeugungsbildung zu übernehmen.
Wenn ich heute gefragt werde, ob mich dieses Studium erfüllt, kann ich diese Frage von Herzen bejahen. Mit etwas Abstand erkenne ich deutlich, wie sehr ich mich in den vergangenen Jahren verändert habe. Zu Beginn meines Studiums stand vor allem der Wunsch im Vordergrund, einen gesellschaftlich anerkannten Beruf zu ergreifen, finanzielle Sicherheit zu gewinnen und Wissen weiterzugeben. Heute verbinde ich Bildung jedoch vielmehr mit persönlichem Wachstum und innerer Erfüllung. Der Wunsch zu unterrichten speist sich für mich aus der Überzeugung, andere Menschen auf ihrem eigenen Bildungs- und Reflexionsweg begleiten zu dürfen. Möge mir das in meinem späteren Werdegang gelingen.
Mein besonderer Dank gilt allen Dozierenden, wissenschaftlichen Mitarbeitenden und Mitstudierenden für die zahlreichen Gespräche, Diskussionen und Denkanstöße, die meinen Studienweg bereichert und meine persönliche wie fachliche Entwicklung nachhaltig geprägt haben.
Ich werde meine Studienzeit stets im Herzen behalten.
Dieser Beitrag wurde von einem Studierenden der Islamischen Religionslehre an der Universität Paderborn verfasst.
PD Dr. habil. Mathias Kissel ist Privatdozent am Institut für Evangelische Theologie der Universität Paderborn.
[1] Dass Luther bis 1545 das Partizip e˙siw¿pwn als praesens historicum übersetzt, ist schlicht genial. Dadurch nimmt er gleichsam den Leser mit in die Handlung. Spätere Revisionen haben das Tempus leider an die Umgebung assimiliert.
[3] Für aÓnacworei√n gebe ich dem «Entweichen» den Vorzug vor dem einfachen Fortgehen. Der Bezug zu dem, was sich soeben ereignet hat, erscheint mir allzu offensichtlich, nicht nur aufgrund der Konjunktion kai«. Auch erinnert es an Lk 4,29.30, eine Szene, in der Jesus der Mordabsicht der Gegner «entweicht». Die sprachliche Konstruktion freilich ist bei Lukas eine andere.
[4] Auffälligerweise findet sich die Flexion diela¿loun an keiner anderen Stelle der Bibel.
[6] Über Hermann Menge (1841 – 1939) lohnt sich, ein Wort zu verlieren. Menge hatte zeitlebens das Amt eines Schullehrers inne, ist Verfasser einer Reihe nicht unerheblicher Lehrwerke zur griechischen und lateinischen Sprache und befasste sich erst während seines Ruhestandes mit der Übersetzung der Bibel.
Das zuletzt veröffentlichte Deutsche Schulbarometer zeigt deutlich, was viele Schulen täglich erleben: Für 46 Prozent der Lehrkräfte stellt das Verhalten ihrer Schülerinnen und Schüler inzwischen die größte berufliche Belastung dar. Dieser Wert ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen und verweist auf eine Entwicklung, die Schulen zunehmend vor Herausforderungen stellt.[1] Die Ursachen hierfür sind vielfältig und lassen sich nicht auf einzelne Faktoren reduzieren. Aus schulpastoraler Sicht lohnt jedoch ein Perspektivwechsel: Statt ausschließlich auf das sichtbare Verhalten zu schauen, stellt sich die Frage, welche Bedürfnisse und Belastungen sich dahinter verbergen und wie Schule zu einem Ort werden kann, an dem Kinder und Jugendliche bewertungsfreie, personale Angebote erleben, um an ihrer Persönlichkeit zu arbeiten.
Kinder und Jugendliche wachsen heute in einer Lebenswelt auf, die von einer hohen Veränderungsdynamik geprägt ist. Digitale Medien, soziale Netzwerke und die rasante Entwicklung Künstlicher Intelligenz eröffnen neue Möglichkeiten, erhöhen aber zugleich den Druck, ständig erreichbar, vergleichbar und leistungsfähig zu sein. Viele Schülerinnen und Schüler verbringen zudem einen Großteil ihres Tages in der Schule. Belastungen und Stress, die im Alltag entstehen, zeigen sich daher häufig auch dort. Gleichzeitig bleibt im schulischen Alltag oft nur wenig Raum, diese Belastungen wahrzunehmen oder angemessen zu verarbeiten. Hinzu kommt, dass Schule zwangsläufig auch ein Ort der Leistungsbewertung ist. Gerade deshalb braucht sie ergänzend Räume, in denen Kinder und Jugendliche nicht primär nach ihren Leistungen beurteilt werden, sondern als Menschen wahrgenommen werden.
Genau hier setzt die Schulpastoral des Erzbistums Paderborn an. Sie versteht Schule als Lebensraum, in dem weit mehr gelernt wird als die Inhalte der Kernlehrpläne. Schulpastoral möchte Resonanzräume eröffnen – Orte der Begegnung, des Zuhörens und der persönlichen Entwicklung. Durch personale Angebote werden Schülerinnen und Schüler darin unterstützt, sich wahrgenommen zu fühlen, ihre eigenen Belastungen besser zu verstehen und Wege zu entdecken, mit Stress konstruktiv umzugehen.
Ein Beispiel hierfür ist das Projekt „Zeit für dich – Entspannung und Stille in der Schule“. Schülerinnen und Schüler aller Jahrgangsstufen lernen dort unterschiedliche Zugänge zur Entspannung kennen, reflektieren ihre bisherigen Strategien im Umgang mit Belastungen und erproben Methoden, die ihnen helfen können, sowohl individuell als auch gemeinsam in der Klassengemeinschaft zur Ruhe zu kommen. So wird Schulpastoral zu einem Resonanzraum, der Persönlichkeitsentwicklung fördert und einen Beitrag zu einer achtsamen Schulkultur leistet.
Schulpastoral versteht sich damit nicht als zusätzliches Angebot neben dem Unterricht, sondern als Beitrag zu einer Schulkultur, in der Beziehung, Resonanz und Persönlichkeitsentwicklung bewusst gefördert werden. Gerade angesichts der Ergebnisse des Deutschen Schulbarometers kann sie Räume eröffnen, in denen Schülerinnen und Schüler Selbstregulation, Selbstwirksamkeit und Zugehörigkeit erfahren. So leistet sie einen wichtigen Beitrag zu einer Schule, die Bildung nicht nur als Wissensvermittlung, sondern als ganzheitliche Entwicklung des Menschen versteht.
Julian Heise ist Referent für Schulpastoral beim Erzbistum Paderborn.