Vertreter*innen extremistischer Einstellungen setzen eigene Überzeugungen absolut. In ihren Selbst- und Weltbildern gibt es festgesetzte Bedingungen, die radikale Regeln zementieren, u.a. Zugehörigkeiten und Nicht-Zugehörigkeiten von Personengruppen definieren.
Ein wesentliches Merkmal extremistischer Einstellungen ist ihre Undurchlässigkeit. Sie dient der Selbsterhaltung und Selbstrechtfertigung des Extremismus. Eine offene Grundhaltung, die Annahme, dass auch andere Einstellungen tolerabel, akzeptabel, ja bereichernd sein können, würde den Kern des geschlossenen Selbst- und Weltverständnisses gefährden. Differente Erfahrungsräume werden konsequent distanziert, negiert, delegitimiert. Die Stärken multiperspektivischer Herangehensweisen kommen nicht zum Tragen, Wissens- und Erfahrungsräume werden verengt. Auf diesem Boden wachsen Ressentiments und Ausgrenzung.
Für freiheitlich-demokratische Gesellschaften ist daher die Frage essenziell, wie extremistische Einstellungen erworben werden, d.h. wie Radikalisierungsprozesse verlaufen und wie ihnen entgegengewirkt werden kann, um die für Demokratien zentralen Freiheits- und Gleichheitswerte zu schützen.[1]
Ein Umfeld, in dem Radikalisierungsprozesse stattfinden, sind Online-Plattformen. Influencer*innen nutzen Social-Media-Kanäle bei Instagram, TikTok, YouTube u.ä., um ihre Botschaften möglichst reichweitenstark und zugleich niedrigschwellig zu teilen. Die datengetriebenen Logiken der Plattformökonomien sorgen zugleich dafür, Nutzer*innen deren präferierte Inhalte in ihre Feeds zu spülen: Sie füttern sie mit mehr vom Ähnlichen, um ihre Aufmerksamkeit zu binden. Denn je mehr Zeit Nutzer*innen auf einer Plattform verbringen, umso lukrativer für das jeweilige Unternehmen. Verweildauer, Klicks und Views sind geldwert; sie werden analysiert und dienen in der Folge einer möglichst zielgenauen weiteren Adressierung der Nutzer*innen (z.B. für personalisierte Werbung). Influencer*innen, auch solche die Radikalisierungsprozesse über Online-Plattformen vorantreiben, kommunizieren nicht nur Inhalte, sondern nutzen technologische Infrastrukturen und ökonomische Mechanismen der Plattformen zur Verstärkung ihrer Reichweiten und damit ihrer Botschaften. Plattformen profitieren von jedweden Verweildauern ihrer Nutzer*innen. Eine Minimierung von Online-Traffic widerspräche ihrem Geschäftsmodell. In Konsequenz bedeutet das, dass plattforminhärente Logiken zur datengetriebenen Gewinnmaximierung auch Radikalisierungsprozessen zuträglich sind.
Radikalisierungsprävention im Online-Bereich, so lautet daher die Quintessenz, benötigt umfassende Perspektiven, um wirksam zu sein. Von dieser Grundannahme ausgehend fand am 19.03.2026 der vom Forum für Komparative Theologie im Rahmen der Internationalen Wochen gegen Rassismus organisierte Workshop „Zwischen Algorithmus und Ideologie – Radikale Wirkungsmechanismen und Rekrutierungsstrategien im Netz“ an der VHS Paderborn statt. Die Veranstaltung erfolgte in Kooperation mit der Integrationsagentur im Caritasverband Paderborn. Referent*in war eine*e Berater*in des Präventionsprogramm „Wegweiser – stark ohne islamistischen Extremismus“ für die Kreise Lippe, Höxter, Paderborn.
Basierend auf einer Einführung in den Themenkomplex, die sich der begrifflichen Differenzierung von Radikalismus und Extremismus[2] widmete, sowie einem kurzen Input zu verschiedene Radikalismen (politische, religiöse und sozio-kulturelle Formen), wurden anschließend Text- und Video-Beiträge auf Online-Plattformen gesichtet. Die gemeinsame Analyse des Materials erfolgte entlang der Frage, welche Strategien Protagonist*innen auf Social-Media-Plattformen nutzen, um insbesondere junge Menschen anzusprechen. Anhand der gewählten Beispiele ließ sich nachzeichnen, dass Influencer*innen Vertrautheit und Kontakt im digitalen Raum herzustellen versuchen, indem sie als typisch erkannte Problemlagen Jugendlicher thematisieren und oftmals zugleich bezeugen, diese Schwierigkeiten selbst zu erleben bzw. erlebt zu haben. Die Darstellung sozialer Ähnlichkeit bei gleichzeitiger Wahrnehmung und Anerkennung adoleszenter Bedürfniskonstellationen ist ein wesentliches Merkmal der Ansprache durch Influencer*innen. Herausforderungen und Orientierungsschwierigkeiten im Jugendalter werden explizit adressiert, Verständnis kommuniziert und emotionale Anschlussfähigkeit inszeniert. Dabei spielen geteilte Erfahrungsräume, auch diskriminierende, als Brückennarrative eine wesentliche Rolle, um Bindung und Gemeinschaft via Online-Communities zu initiieren. Die direkte Vermittlung inhaltlich-ideologischer Botschaften (z.B. Verhaltensweisen zur Abgrenzung) findet statt, steht aber nicht per se im Vordergrund. Stattdessen nutzen Influencer*innen verstärkt Annäherungen mittels Narrativen von Selbstfindung (‚Lifestyle‘) und Selbstbehauptung als positiv besetzten Werten, in die erst nachfolgend rigorose Botschaften und radikale Aussagen eingebettet werden.
Die generellen Möglichkeiten zur Interaktion mit Influencer*innen, ihre digitale Erreichbarkeit und zeitnahen Reaktionen auf Kommentare, Fragen, Likes suggerieren Nahbarkeit und persönliche Verbundenheit. Die (nicht nur jugendliche) Frage nach Orientierung wird mit einem Angebot zur Beziehung beantwortet. Interaktionsmöglichkeiten über Social-Media-Kanäle verstärken den Effekt dieses Angebots, indem sie zum wechselseitigen Austausch von Signalen sozialer Verbundenheit animieren. Parallel dazu greifen die bereits erläuterten Plattformlogiken der Aufmerksamkeitsökonomie: Um Nutzer*innen zu möglichst langen Verweildauern zu animieren, werden betreiber*innenseitig ähnliche Inhalte in deren Feeds präferiert. Auf diese Weise begegnen sich Influencer*innen und Nutzer*innen in rekursiven Schleifen wieder. Digitale Beziehungsgestaltung, datengetriebene Plattformlogiken und ökonomische Optimierung greifen ineinander.

[1] Katharina Leimbach arbeitet heraus, dass das Radikalisierungskonzept mit „Maßnahmen sozialer Kontrolle“ (Leimbach 2025, 12) einhergeht und damit Gefahr läuft, Hegemonien zu reproduzieren: „Die emotionalisierte und dramatisierte Aufladung des Begriffes erlaubt wenig alternative Lesarten und führt in der Konsequenz zu hegemonialen Wissensmustern, die das Phänomen stark ontologisieren und ätiologisch denken. Jede Beschäftigung mit Radikalisierung, selbst eine, die als kritisch verstanden werden kann, führt zu einer Aufrechterhaltung und Reproduktion spezifischer Gefahrenverständnisse.“ (a.a.O.) https://doi.org/10.1007/978-3-658-44905-6_32-2 (zuletzt abgerufen: 07.05.2026)
Das Argument unterstreicht die Wichtigkeit, immer wieder neu zu prüfen, an welcher Stelle der Begriff der Radikalisierung aus welchen Gründen steht und auf welcher Basis er genutzt wird. Es gilt darauf zu achten, das Radikalisierungskonzept nicht statisch zu denken und markierend zu nutzen, sondern Phänomene und Prozesse in ihrer Unterschiedlichkeit und Volatilität zu erfassen.
[2] Zu den Begriffsgeschichten von ‚Radikalismus‘ und ‚Extremismus‘, die je eigene und zugleich verwobene Begriffsgeschichten haben, siehe für eine erste Orientierung: https://www.bpb.de/lernen/bewegtbild-und-politische-bildung/reflect-your-past/313920/abgrenzung-von-extremismus-radikalismus-und-radikalisierung/ (zuletzt abgerufen: 07.05.2026)
Dieser Beitrag wurde von den Autor*innen des Forums für Komparative Theologie verfasst.








