Wir leben in Bildern – Warum die Bibel anders spricht, als wir denken

Wer von „Bildsprache“ hört, denkt vielleicht zuerst an Gedichte. An besonders schöne Formulierungen, an Metaphern, Gleichnisse und andere Stilmittel, die man irgendwann einmal im Deutschunterricht bestimmen musste. Im Alltag, so könnte man meinen, reden wir dagegen normalerweise ganz direkt.

Aber stimmt das überhaupt?

Wir sprechen ganz selbstverständlich in Bildern. Besonders deutlich zeigt sich das beim Argumentieren. Wir „greifen“ ein Argument an, „verteidigen“ unsere Position, suchen nach den „Schwachstellen“ der Gegenseite oder versuchen, einen Einwand zu „entkräften“. Eine Diskussion kann man „gewinnen“ oder „verlieren“, man kann sich „geschlagen geben“ oder mit einer bestimmten „Strategie“ vorgehen. Das sprachliche Bildfeld ist also das des Krieges.

Ähnlich verhält es sich in anderen Bereichen. Zeit erscheint wie ein kostbarer Besitz, den wir „sparen“, „verschwenden“ oder „investieren“ können. Probleme werden zu Lasten, die wir „tragen“ oder die uns „bedrücken“. Verstehen wird als Sehen beschrieben, wenn uns etwas „einleuchtet“, wir einen Zusammenhang „erkennen“ oder plötzlich „klarer sehen“. Solche Wendungen fallen im Alltag kaum auf. Gerade darin zeigt sich, wie tief Bildsprache unser Denken und Sprechen prägt.

Natürlich denken wir dabei meist weder an einen tatsächlichen Krieg noch an wirklichen Besitz, körperliche Lasten oder optisches Sehen. Trotzdem verstehen wir unmittelbar, was gemeint ist.

Bilder sind deshalb mehr als sprachlicher Schmuck. Sie helfen uns zu denken.

Wenn

Besonders deutlich wird das dort, wo wir über Dinge sprechen, die sich einer einfachen Beschreibung entziehen. Was ist Hoffnung? Was ist Liebe? Was ist Schuld? Was bedeutet Vertrauen? Und wie soll man eigentlich von Gott sprechen?

Man könnte versuchen, möglichst abstrakte Definitionen zu bilden. Doch selbst dann geraten wir erstaunlich schnell wieder in Bilder.

Die Bibel macht daraus kein Geheimnis. Im Gegenteil: Sie spricht geradezu im Überfluss in Bildern.

Gott ist ein Hirte (Ps 23,1; Joh 10,11).
Gott ist ein Fels (Dtn 32,4; Ps 18,3).
Gott ist Licht (Ps 27,1; 1 Joh 1,5).


Menschen können auf einem Weg gehen oder vom Weg abkommen (Ps 1,1–6; Spr 4,11–19; Mt 7,13–14). Das Reich Gottes gleicht einem Senfkorn (Mt 13,31–32), einem Schatz (Mt 13,44) und einem Festmahl (Mt 22,1–14; Lk 14,15–24). Jesus spricht vom Brot des Lebens (Joh 6,35), vom Weinstock (Joh 15,1–5), von Schafen (Joh 10,1–16) und von der Tür (Joh 10,7.9).

Solche Aussagen funktionieren gerade deshalb, weil wir aus unserer Lebenswelt bereits etwas mitbringen. Wer hört: „Der Herr ist mein Hirte“, erhält keine Definition Gottes. Stattdessen öffnet sich eine ganze kleine Welt: Ein Hirte führt, schützt, sucht Verlorenes, kennt seine Tiere und sorgt für sie. Das Bild sagt damit zugleich weniger und mehr als eine Definition. Weniger, weil Gott selbstverständlich kein Hirte im wörtlichen Sinn ist. Mehr, weil das Bild zahlreiche Beziehungen gleichzeitig sichtbar machen kann.

Auch unangenehme Bilder gehören dazu

Denn biblische Bildsprache ist keineswegs immer idyllisch.

Neben Hirten, Licht und Festmählern stehen Feuer (Jes 30,27–30; Jer 21,12; Offb 14,10; 20,9), Schwerter (Jes 34,5–6; Jer 25,31; Offb 1,16; 19,15), Blut (Jes 63,3; Ez 35,6; Offb 14,20; 16,6), Keltern (Jes 63,2–3; Joel 4,13; Offb 14,19–20; 19,15) und Becher (Ps 75,9; Jes 51,17.22; Jer 25,15–17; Offb 14,10; 16,19; 17,4; 18,6). Besonders die prophetischen Texte des Alten Testaments und die Johannesapokalypse entfalten eine dichte, häufig miteinander verbundene Bildwelt, in der Gericht, Zorn und Gewalterfahrung durch sinnlich-konkrete Bilder dargestellt werden. Gerade die Johannesapokalypse greift dabei vielfach prophetische Bildtraditionen auf, verbindet und steigert sie, sodass ihre Sprache heutigen Rezipierenden fremd oder sogar verstörend erscheinen kann.

Auch hier lohnt es sich, zunächst beim Bild selbst zu bleiben.

Ein Becher etwa ist zunächst etwas Alltägliches. Jemand füllt ihn. Jemand reicht ihn weiter. Jemand trinkt daraus. Was im Becher ist, gelangt in den Körper und entfaltet dort seine Wirkung. Wein kann Freude bedeuten, aber auch Rausch und Kontrollverlust.

Biblische Texte können aus genau solchen Alltagserfahrungen theologische Bilder formen. Dann wird etwa Gottes Gericht als ein Becher beschrieben, den Menschen trinken müssen. Die abstrakte Aussage „Gott richtet“ wird dadurch geradezu körperlich vorstellbar: Das Gericht wird gereicht, aufgenommen und erlitten. Es bleibt nicht irgendwo außerhalb des Menschen.

Ob wir dieses Bild angenehm finden, ist dabei zunächst zweitrangig. Seine Aufgabe besteht gerade darin, etwas sichtbar und spürbar zu machen.

Bilder verändern unseren Blick

Vielleicht ist das überhaupt der entscheidende Punkt: Metaphern beschreiben die Wirklichkeit nicht nur. Sie lassen uns Wirklichkeit auf eine bestimmte Weise sehen.

Wer sein Leben als „Weg“ versteht, fragt nach Richtung, Abzweigungen und Ziel.

Wer eine Krise als „Sturm“ bezeichnet, denkt vielleicht an Durchhalten, Schutz und die Hoffnung darauf, dass der Sturm vorüberzieht.

Wer Gott als „Vater“ anspricht, aktiviert andere Vorstellungen als jemand, der von Gott als „Fels“ oder „Richter“ spricht.

Keine dieser Metaphern sagt alles. Jede hebt etwas hervor und lässt anderes in den Hintergrund treten.

Deshalb verwenden die Verfasser der biblischen Texte auch nicht nur ein einziges Bild für Gott, den Menschen oder die Welt. Die Vielzahl von Bildern schützt gerade davor, Gott auf eine einzige Vorstellung festzulegen. Gott ist Hirte – aber Gott ist nicht nur Hirte. Gott ist König – aber Gott ist nicht nur König. Gott wird als Fels bezeichnet, als Licht, als Vater, als Feuer.

Vielleicht braucht eine Wirklichkeit, die größer ist als unsere Begriffe, auch mehr als ein Bild.

Vielleicht lesen wir die Bibel ohnehin bildlicher als wir denken

Wenn wir biblische Texte lesen, begegnen sich zwei Bildwelten. Da ist die Bildwelt des Textes – geprägt von Herden, Weinbergen, Königen, Städten, Hochzeiten, Festen, Saat und Ernte. Und da ist unsere eigene Erfahrungswelt, aus der wir solche Bilder zunächst verstehen. Manche davon sind uns bis heute unmittelbar zugänglich, andere haben ihren selbstverständlichen Platz im Alltag verloren. Gerade deshalb lohnt es sich, genauer hinzusehen: Was bedeutete ein Hirte, ein Weinberg, ein König oder ein Festmahl innerhalb der Welt des Textes – und welche Vorstellungen verbinden wir heute damit?

Manches biblische Bild verstehen wir deshalb unmittelbar. Anderes müssen wir erst wieder kennenlernen.

Gerade das kann spannend sein. Denn die Frage lautet dann nicht nur: „Was bedeutet dieses Bild?“, sondern zunächst viel einfacher:

Was lässt mich dieser Text sehen?

Wer handelt?
Was geschieht?
Welche Erfahrungen aus dem Alltag werden aufgerufen?
Was verändert sich, wenn ich Gott, einen Menschen oder die Welt durch dieses Bild betrachte?

Vielleicht ist das eine gute Weise, biblische Texte zu lesen: nicht jedes Bild sofort in eine Lehrformel zu übersetzen, sondern ihm für einen Moment zu erlauben, ein Bild zu bleiben.

Denn manchmal verstehen wir etwas gerade dann besser, wenn es uns nicht erklärt, sondern vor Augen gestellt wird.

Abbildung 1 Dieses Bild wurde am 20.08.2025 mit ChatGPT generiert.


[1] In Anlehnung an George Lakoff/Mark Johnson, Metaphors We Live By, Chicago 1980. Das Werk gab den entscheidenden Impuls für die kognitive Metapherntheorie und die Einsicht, dass Metaphern nicht nur Stilmittel, sondern grundlegend für menschliches Denken und Verstehen sind.

Ein Raum zur Reflexion der eigenen Überzeugung

Mittlerweile liegt der Beginn meines Studiums an der Universität Paderborn im Jahr 2020 einige Jahre zurück. Das Lehramtsstudium hat mich von Anfang an angesprochen und fiel mir in vielen Bereichen leicht. Dennoch begleitete mich über einen längeren Zeitraum das Gefühl, dass mir eine Dimension fehlte, die mich auch auf persönlicher Ebene nachhaltig bewegte und herausforderte.

Im Jahr 2023 wurde ich auf das neu eingerichtete Fach Islamische Religionslehre aufmerksam. Als muslimisch sozialisierte, zugleich jedoch eher säkular aufgewachsene Person hatte ich bis dahin kaum Berührung mit einer tiefgehenden Auseinandersetzung mit dem eigenen Glauben. Im Verlauf meines Studiums gewann der Islam durch den Austausch mit meinen Mitstudierenden zunehmend an Bedeutung für mein Leben. Dadurch entstand ein wachsendes Interesse an religiösen Fragen und ihrer Bedeutung für meine eigene Lebensführung. Eine bewusste und methodische Reflexion der eigenen Überzeugungen entwickelte sich jedoch erst mit dem Einstieg in das Fach Islamische Religionslehre.

Bereits zuvor gehörte das Fragen zu meinem persönlichen Glaubensweg. Viele Überlegungen blieben jedoch unausgesprochen, weil sie mit der Sorge verbunden waren, religiöse Inhalte misszuverstehen oder ihnen nicht gerecht zu werden. Im Studium eröffnete sich schließlich ein Raum, in dem Fragen ausdrücklich willkommen waren und als Teil eines ernsthaften Ringens um Erkenntnis verstanden wurden. Mir wurde bewusst, dass kritische Reflexion und das aufrichtige Suchen nach Verständnis tief in der islamischen Gelehrsamkeit verwurzelt sind. Der Koran fordert den Menschen immer wieder dazu auf, sich mit dem Glauben bewusst auseinanderzusetzen und Überzeugungen nicht allein deshalb zu übernehmen, weil sie bereits von den Vorfahren vertreten wurden (vgl. Q 2:170). Entgegen einem unreflektierten Festhalten an den Überzeugungen der Vorfahren ermutigt der Islam zu einer kritischen Reflexion, die das eigene Verstehen vertieft.

Diese Erkenntnis hat meinen Blick auf die Religion nachhaltig verändert. Ich lernte, meine eigenen Überzeugungen zu begründen, unterschiedliche Positionen einzuordnen und den Islam mit größerer intellektueller Offenheit zu betrachten. Dadurch entwickelte sich zugleich ein tieferes Verständnis meiner eigenen Person und der Rolle, die der Glaube in meinem Leben einnimmt. Das Studium vermittelte mir zwar keine fertigen Antworten auf alle meine Fragen, befähigte mich jedoch dazu, einen reflektierten Zugang zu religiösen Fragestellungen zu entwickeln und Verantwortung für meine eigene Überzeugungsbildung zu übernehmen.

Wenn ich heute gefragt werde, ob mich dieses Studium erfüllt, kann ich diese Frage von Herzen bejahen. Mit etwas Abstand erkenne ich deutlich, wie sehr ich mich in den vergangenen Jahren verändert habe. Zu Beginn meines Studiums stand vor allem der Wunsch im Vordergrund, einen gesellschaftlich anerkannten Beruf zu ergreifen, finanzielle Sicherheit zu gewinnen und Wissen weiterzugeben. Heute verbinde ich Bildung jedoch vielmehr mit persönlichem Wachstum und innerer Erfüllung. Der Wunsch zu unterrichten speist sich für mich aus der Überzeugung, andere Menschen auf ihrem eigenen Bildungs- und Reflexionsweg begleiten zu dürfen. Möge mir das in meinem späteren Werdegang gelingen.

Mein besonderer Dank gilt allen Dozierenden, wissenschaftlichen Mitarbeitenden und Mitstudierenden für die zahlreichen Gespräche, Diskussionen und Denkanstöße, die meinen Studienweg bereichert und meine persönliche wie fachliche Entwicklung nachhaltig geprägt haben.

Ich werde meine Studienzeit stets im Herzen behalten.

… und hielten Rat über ihn, wie sie ihn umbrächten (Mk 3,6)


N 058, 13-10-2006, 10:57, 8C, 7380×4728 (288+3264), 100%, Custom, 1/120 s, R45.4, G17.6, B29.2

[1] Dass Luther bis 1545 das Partizip e˙siw¿pwn als praesens historicum übersetzt, ist schlicht genial. Dadurch nimmt er gleichsam den Leser mit in die Handlung. Spätere Revisionen haben das Tempus leider an die Umgebung assimiliert.

[2] Vgl. Apg 19,13

[3] Für aÓnacworei√n gebe ich dem «Entweichen» den Vorzug vor dem einfachen Fortgehen. Der Bezug zu dem, was sich soeben ereignet hat, erscheint mir allzu offensichtlich, nicht nur aufgrund der Konjunktion kai«. Auch erinnert es an Lk 4,29.30, eine Szene, in der Jesus der Mordabsicht der Gegner «entweicht». Die sprachliche Konstruktion freilich ist bei Lukas eine andere.

[4] Auffälligerweise findet sich die Flexion diela¿loun an keiner anderen Stelle der Bibel.

[5] Obwohl der Text uneinheitlich bezeugt ist: ¢aÓrcierei√ß kai« oi˚ grammatei√ß›…™e˙xeplh/sseto e˙pi« thØv didachØv aujtouv. ¢ 4 2 3 1 N © Ï13 1241  syh » gramm. kai oi Farisaioi 1424 pc | ™ exeplhssonto å ∂ 579. 892. 1424. 2542 al c vgmss |

[6] Über Hermann Menge (1841 – 1939) lohnt sich, ein Wort zu verlieren. Menge hatte zeitlebens das Amt eines Schullehrers inne, ist Verfasser einer Reihe nicht unerheblicher Lehrwerke zur griechischen und lateinischen Sprache und befasste sich erst während seines Ruhestandes mit der Übersetzung der Bibel.

[7] Vgl.etwa V. 2 kai« pareth/roun aujto\n ei˙ toi√ß sa¿bbasin qerapeu/sei aujto/n, iºna kathgorh/swsin aujtouv.

[8] eine jüdische Minderheit, die die Herrschaft des Tetrarchen Herodes Antipas (4 v.Chr. – 39 n.Chr.) unterstützte (Mt 22,16)

Schulpastoral als Resonanzraum

Das zuletzt veröffentlichte Deutsche Schulbarometer zeigt deutlich, was viele Schulen täglich erleben: Für 46 Prozent der Lehrkräfte stellt das Verhalten ihrer Schülerinnen und Schüler inzwischen die größte berufliche Belastung dar. Dieser Wert ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen und verweist auf eine Entwicklung, die Schulen zunehmend vor Herausforderungen stellt.[1] Die Ursachen hierfür sind vielfältig und lassen sich nicht auf einzelne Faktoren reduzieren. Aus schulpastoraler Sicht lohnt jedoch ein Perspektivwechsel: Statt ausschließlich auf das sichtbare Verhalten zu schauen, stellt sich die Frage, welche Bedürfnisse und Belastungen sich dahinter verbergen und wie Schule zu einem Ort werden kann, an dem Kinder und Jugendliche bewertungsfreie, personale Angebote erleben, um an ihrer Persönlichkeit zu arbeiten.

Kinder und Jugendliche wachsen heute in einer Lebenswelt auf, die von einer hohen Veränderungsdynamik geprägt ist. Digitale Medien, soziale Netzwerke und die rasante Entwicklung Künstlicher Intelligenz eröffnen neue Möglichkeiten, erhöhen aber zugleich den Druck, ständig erreichbar, vergleichbar und leistungsfähig zu sein. Viele Schülerinnen und Schüler verbringen zudem einen Großteil ihres Tages in der Schule. Belastungen und Stress, die im Alltag entstehen, zeigen sich daher häufig auch dort. Gleichzeitig bleibt im schulischen Alltag oft nur wenig Raum, diese Belastungen wahrzunehmen oder angemessen zu verarbeiten. Hinzu kommt, dass Schule zwangsläufig auch ein Ort der Leistungsbewertung ist. Gerade deshalb braucht sie ergänzend Räume, in denen Kinder und Jugendliche nicht primär nach ihren Leistungen beurteilt werden, sondern als Menschen wahrgenommen werden.

Genau hier setzt die Schulpastoral des Erzbistums Paderborn an. Sie versteht Schule als Lebensraum, in dem weit mehr gelernt wird als die Inhalte der Kernlehrpläne. Schulpastoral möchte Resonanzräume eröffnen – Orte der Begegnung, des Zuhörens und der persönlichen Entwicklung. Durch personale Angebote werden Schülerinnen und Schüler darin unterstützt, sich wahrgenommen zu fühlen, ihre eigenen Belastungen besser zu verstehen und Wege zu entdecken, mit Stress konstruktiv umzugehen.

Ein Beispiel hierfür ist das Projekt „Zeit für dich – Entspannung und Stille in der Schule“. Schülerinnen und Schüler aller Jahrgangsstufen lernen dort unterschiedliche Zugänge zur Entspannung kennen, reflektieren ihre bisherigen Strategien im Umgang mit Belastungen und erproben Methoden, die ihnen helfen können, sowohl individuell als auch gemeinsam in der Klassengemeinschaft zur Ruhe zu kommen. So wird Schulpastoral zu einem Resonanzraum, der Persönlichkeitsentwicklung fördert und einen Beitrag zu einer achtsamen Schulkultur leistet.


[1] https://bosch-stiftung.de/presse/deutsches-schulbarometer-verhalten-von-schuelerinnen-ist-die-groesste-belastung-fuer

Drei Hasen hoppeln über die Seidenstraße…

…und wollen uns etwas beibringen. Was könnte es sein?

„Das Dreihasenbild taucht zuerst in Motiven der chinesischen Sui-Dynastie (581–618) auf. ‚Es wird vermutet, dass das Drei-Hasen-Motiv als ein Archetypus zu sehen ist, der in allen Kulturen die gleiche Bedeutung hat. Welche das jedoch genau ist, ist unklar.‘[1] Über die Seidenstraße verbreitete es sich bis ins mittelalterliche Europa. Gehäuft kommt es in Südengland und Norddeutschland vor, meist an kirchlichen Gebäuden“, heißt es im Wikipedia Eintrag über das Dreihasenbild. Denn im mittelalterlichen Europa setzte sich die Auffassung durch, die drei Hasen symbolisieren…

…die Trinität des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Im Rahmen dieser Interpretation avancierte das Dreihasenbild im Kreuzgang des Doms in Paderborn zum Dreihasenfenster, 1975 zum Bischofswappen und ist heute eines der Wahrzeichen der Stadt Paderborn.[2]

„In der christlichen Kunst ist das Motiv des Hasen ebenfalls häufig zu finden, besonders auf Werken aus der Zeit des Mittelalters, wo der Hase […] für Fruchtbarkeit oder Fröhlichkeit steht. Obwohl der Hase in der Bibel als unreines Tier aufgelistet wird, welches von den Israeliten nicht gegessen werden darf, wird er trotzdem häufig auch als Symbol für die Auferstehung Christi gedeutet, was wiederum die Symbolik des Osterhasen erklären würde“,

heißt es in der „Hasengeschichte“ der Stadt Paderborn.[3]

Wollen uns die Hasen warnen?

2025 springen die drei Hasen im Kommunalwahlkampf in Paderborn in das gesellschaftliche Feld der Politik. Die Partei DIE PARTEI kombiniert das Dreihasenbild satirisch und provokativ mit Anspielungen auf nationalsozialistische Symbolik.

„Nach Angaben der Partei verstand sich die Aktion als künstlerisch-satirische Simulation einer politischen Realität und ausdrücklich nicht als Wahlwerbung oder Kampagne, sondern als Warnung vor gesellschaftlicher Gewöhnung an politische Symbolik und an deren zunehmende Entkopplung von inhaltlicher Auseinandersetzung“.[4]

Geteilte Freude ist doppelte Freude

Der Partei DIE PARTEI zufolge fordern uns die drei Hasen also zu mehr inhaltlicher Auseinandersetzung mit politischer Symbolik auf. Das beinhaltet natürlich auch eine Auseinandersetzung mit der politischen Bedeutung der drei Hasen selbst.

Zentral für die politische Botschaft scheint zu sein, dass sich drei Hasen drei Ohren so teilen, dass jede*r zwei Ohren zur Verfügung hat. Entsprechend symbolisieren die drei Hasen Verteilungsgerechtigkeit, einen schonenden und effizienten Umgang mit Ressourcen, Kooperation und Eintracht.      

Bild: A.Savin, Wikipedia

#Dreihasenbild #Dreihasenfesnster #Trinität #Politik


[1] file:///C:/Users/Admin/Downloads/Hasengeschichte.pdf [23.07.2026].

[2] https://www.paderborn.de/tourismus-kultur/sehenswuerdigkeiten/Hasenfenster_Sehensw.php [23.07.2026].

[3] file:///C:/Users/Admin/Downloads/Hasengeschichte.pdf [23.07.2026].

[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Dreihasenbild [23.07.2026].

Eine erfrischend andere Apokalypse

Der Weltuntergang hat Konjunktur, jedenfalls in der politischen Rhetorik. Beängstigend ist das dort, wo Konflikte und Kriege zum endzeitlichen Kampf stilisiert werden. Es hat also einen Grund, dass sich auch in der Theologie und den Kulturwissenschaften immer wieder neu damit befasst wird, was die Apokalyptik uns zu sagen hat – und wie sie heute popkulturell oder politisch aufgegriffen wird.

Weil die Sommerferien begonnen haben, verbinde ich dieses Thema mit einem Unterhaltungstipp für Tage, an denen es zu heiß zum Rausgehen ist, denn auch der Wetterbericht gibt Anlass, über apokalyptische Bilder nachzudenken.

Die spannendste Verarbeitung des Weltuntergangsthemas, das ich in den letzten Jahren gesehen habe, war die Science-Fiction-Serie „Pluribus“. Die Handlung setzt damit ein, dass sich ein Virus weltweit verbreitet. Die Infizierten werden nicht krank und verwandeln sich auch nicht in Zombies, wie in vergleichbaren Filmen. Die Katastrophe kommt vielmehr freundlich daher: die Menschheit wird zu einem einzigen „Wir“ und teilt ein kollektives Bewusstsein. Niemand kann jemand anderen mehr Böses tun, der Menschheitsschwarm kann nicht lügen, teilt dieselben Erinnerungen, und überhaupt ist er immer richtig glücklich. Die Protagonistin der Serie allerdings gehört mit einigen weiteren Menschen zu denen, die immun sind und kein Interesse haben, zum neuen „Wir“ zu gehören, das alles weiß, im Frieden lebt und die Grenzen der Menschlichkeit überwunden hat. Nicht nur ist das eine erfrischend andere Weltuntergangserzählung; es lässt sich schließlich darüber streiten, ob es überhaupt um den Weltuntergang geht oder doch eher um Erlösung. Die Serie wirft zugleich Fragen auf, mit denen wir heute konfrontiert sind: welche Zukunft ist erstrebenswert angesichts der Möglichkeiten Künstlicher Intelligenz und Vernetzung? Wird am Ende der einzelne Mensch überwunden?

Der katholische Fundamentaltheologe Johann Baptist Metz hat darauf bestanden, dass apokalyptisches Denken fest zum Christentum gehört und nicht einfach mit dem Verweis auf ältere Weltbilder verabschiedet werden kann. Dabei geht es nicht um Spekulationen über das Weltende oder andere Katastrophen. Im Blick hat Metz vielmehr die biblisch inspirierte Verheißung ausstehender Gerechtigkeit; die Geschichte des einzelnen Menschen darf nicht einfach vergessen werden zugunsten einer besseren Zukunft oder dem großen Nichts. Ins Fiktionale gewendet konfrontiert „Pluribus“ mit einer vergleichbaren Herausforderung. Die Serie rührt bei aller Science-Fiction-Neuheit an die uralte Frage, was es eigentlich heißt, ein Mensch zu sein, und um welchen Preis wir bereit wären, aus dem Menschsein auszubrechen.

Weltvollendung, ästhetisch?

Die Literatur kann die Rückkehr ins Paradies imaginieren, der apokalyptischen Weltzerstörung die Weltvollendung am Ende der Zeiten entgegenstellen. Als Bertolt Brecht nicht nur die Gewalt des NS-Regimes und die Zerstörung des 2. Weltkriegs zu verarbeiten hatte, sondern auch den ‚Sündenfall‘ des SED-Regimes, das den Volksaufstand des 17. Juni 1953 gewaltsam niederschlug und damit auch schon eine Keimzelle seines Legitimationsverlusts und des Scheiterns des ‚Sozialismus auf deutschem Boden‘ legte, da widmete er sich in seinen Buckower Elegien dem „Blumengarten“. Die zwei vierzeiligen Strophen des Gedichts lauten:

Am See, tief zwischen Tann und Silberpappel
Beschirmt von Mauer und Gesträuch ein Garten
So weise angelegt mit monatlichen Blumen,
Daß er vom März bis zum Oktober blüht.

Hier in der Früh, nicht allzu häufig, sitz ich
Und wünsche mir, auch ich mög allezeit 
In den verschiedenen Wettern, guten, schlechten
Dies oder jenes Angenehme zeigen.

Brecht greift die lange ästhetische, literarische und vor allem religiöse Tradition des Gartens auf, die ihn als ein Abbild des Paradieses versteht, im Judentum, im Christentum, im Islam. Der Garten ist ein Symbol der Vollendbarkeit, der Wiedervollendung der Welt. Auch der hier bedichtete Blumengarten zeigt eine ‚weise Anlage‘. Dass es nur ein Sommergarten ist, der „vom März bis zu Oktober blüht“, ein von einer Mauer ‚beschirmter‘ hortus conclusus, stört das lyrische Ich nicht. Der Blumengarten wird ihm zum Gegenüber seiner Imagination und diese befördert die Kraft seines Wunsches, „auch ich mög allezeit / […] / Dies oder jenes Angenehme zeigen.“ Der Wunsch ist noch unerfüllt, zukünftig ausgerichtet, utopisch; aber während der Blumengarten nur acht Monate blüht, wird das lyrische Ich seinen Wunsch auf „allezeit“ hin aussprechen. Weltvollendung ist mithin nicht die Wiederherstellung des alten Paradieses, sondern sie zeigt sich als Praxis, die vom Menschen ausgeht, noch zu erbringen ist und – das ist die kritische Spur, die hier hineingelegt wird – auch „nicht allzu häufig“ schon geprobt wird. Die „schlechten“ Wetter sind keineswegs vorüber; aber der Wunsch und die ihn zu realisieren versuchende Praxis „zeigen“ vielleicht schon Spuren eines Angenehmen, unter dessen Auspizien sich die Welt vollenden „mög“.

Johannes Schreiter, Weltvollendungsfenster im Ulmer Münster
Bildrechte obliegen Andreas Müller (@andreasmuellerdiakoniepfarrer)

Wo bin ich noch ich selbst?

Wir leben in einer Welt, die sich immer schneller zu drehen und wo ein Superlativ den Nächsten zu jagen scheint. Egal ob sportliche Höchstleistungen, bei denen z.B. Armand Duplantis jedes Jahr aufs Neue einen Weltrekord aufstellt, architektonische Wettkämpfe um das höchste Gebäude der Welt – der geplante Jeddah Tower soll die 1000m Marke überschreiten – oder politische Selbstüberschätzungen, bei denen mittlerweile ganzen Ländern Preisschilder verpasst werden, in der Gesellschaft ist ein Streben nach Macht, Anerkennung und ‚social Comparison‘ zu beobachten. Begleiterscheinung ist ein Vergleichswahn, der in einem Streben nach digitalem Perfektionismus und einer künstlich inszenierten Selbstdarstellung mündet. So werden Dynamiken, wie die ‚fear of missing out‘ oder der Stress, mit den inszenierten Lebenswirklichkeiten anderer Menschen mithalten zu müssen, ausgelöst, wodurch ein stetiger Wettlauf nach dem nächsten Event, Reiseziel oder Körperideal beginnt. Aus Vergleichswahn wird schnell Selbstoptimierungswahn, bei dem der eigene Selbstwert nur noch über digital vorzeigbare Leistungen und Statussymbole, wie kostspielige Erlebnisse oder ein durchtrainierter Körper, definiert und demnach von der Anerkennung einer breiten, globalen Masse abhängig gemacht wird. Produkt ist eine künstliche Inszenierung seiner selbst, welches sich auf die Suche nach dem nächsten ‚instagramable moment‘ begibt. In einer Welt, in der ein Post den nächsten jagt, in der wir durch den Alltag hetzen und in der selbst ‚digital detox‘ zum online vermarkteten social Media Trend wird, frage ich mich immer mehr, an welchen Orten oder in welchen Situationen man sich eigentlich noch so fühlt, wie sich selbst? Dass mich solche Phänomene selbst betreffen, obwohl ich keine Social-Media-Plattformen nutze, motiviert meine Suche um so mehr. Das eigentlich Erstrebenswerte einer Selbst-Optimierung erscheint mir dann nicht in der Suche nach externen Bestätigungen und Leistungen zu liegen, sondern in der Suche nach innerem Antrieb, nach inneren Leidenschaften und nach dem, was mich als Individuum wirklich ausmacht. Ohne auf andere Menschen zu schauen, sollte sich daher vielleicht jeder einmal die Frage stellen: Wer bin ich eigentlich, wenn ich ich selbst bin?

Franz von Assisi – Pionier des interreligiösen Dialogs

Anlässlich des 800. Todestages Franz von Assisis am 3. Oktober 2026 gibt es in diesem Jahr viele Feiern und Gedenkveranstaltungen. In Assisi wurde bereits zu Jahresbeginn das Jubiläumsjahr zu Ehren des Heiligen eröffnet. Italien gedenkt des Franziskus am 4. Oktober, seinem offiziellen Gedenktag, mit einem nationalen Feiertag. Auch das Erzbistum Paderborn feiert am 12. September 2026 in Dortmund ein Franziskusfest mit dem Titel: „800 Jahre einfach leben“, um an das Wirken dieses außergewöhnlichen Mannes zu erinnern https://www.erzbistum-paderborn.de/themen-angebote/dioezesanes-franziskusfest/. Wer ist dieser Mann gewesen, dass wir nach 800 Jahren noch an ihn denken und sein Erbe feiern? Am bekanntesten ist vielleicht sein Sonnengesang. Papst Johannes Paul II. erklärte Franziskus 1980 zudem zum Patron des Umweltschutzes und der Ökologie. Er ist bekannt für seinen Einsatz für Frieden und ein Leben in Einfachheit. Seine Spiritualität wird seit seiner Ordensgründung von den Franziskanerinnen und Franziskanern gelebt.  Ein weniger bekannter Aspekt seines Wirkens ist Franziskus’ Rolle als Pionier des interreligiösen Dialogs. Wie ist es dazu gekommen?  Im Jahr 1219, während des Kreuzzugs von Damiette, reiste Franziskus bis Palästina und schloss sich dort dem Kreuzfahrerheer an, das auf dem Weg nach Ägypten war. Er kam ins Lager der Kreuzzugsheere bei den lateinischen Christen an. Papst Innozenz III hatte 1213 zum 5. Kreuzzug aufgerufen ins so genannte „Heilige Land“. Sein offizielles Ziel war, die Stadt Jerusalem zurückzuerobern. Zur Rechtfertigung des Vorgehens diente im Kreuzzugsaufruf ein sehr polemisches Islambild. Die Zielgruppe der Polemik, die Kreuzfahrer, wussten weder von den Machtinteressen des Papstes noch davon, dass die muslimischen Heere bei der Einnahme Jerusalems alle Christen geschont hatten. Hat auch Franziskus die Ansicht geteilt, dass die Muslime grausame Ungläubige waren? Oder ging es ihm bei seiner Reise nach Palästina um die Nachfolge Jesu an den Orten seines Wirkens? Das genaue Anliegen des Franziskus lässt sich nicht historisch ermitteln. In Ägypten belagerte das Kreuzfahrerheer die strategisch wichtige Hafenstadt Damiette im Nildelta. Dort soll Franziskus zu den feindlichen Truppen des muslimischen Heers hinüber gegangen sein. Es ist unklar, wie lange Franziskus im muslimischen Lager blieb und was während dieser Zeit im Lager des Sultans geschah. Erstaunlich ist, dass Franziskus das muslimische Lager betreten und auch wieder verlassen konnte. Die Muslime hatten allen Grund, Franziskus zu misstrauen oder ihn zu verachten. Wurde er als Bote oder Überläufer hereingelassen? Doch auch nach der Erkenntnis, dass er beides nicht war, hat man ihn wieder entlassen.  Es soll ein Gespräch mit dem Sultan gegeben haben. Ist das Treffen zwischen dem italienischen Bettelmönch und dem mächtigen Sultan mehr als eine Legende? Dafür spricht die Erwähnung in außerfranziskanischen Quellen wie bei dem Kreuzzugs-Chronisten Oliver von Paderborn sowie durch den muslimischen Chronisten Ibn al Zayyát al Tádilí. Sultan Malik al Kamil gilt als einer der bedeutendsten muslimischen Herrscher des Mittelalters. 1219 war er genau wie Franziskus noch keine 40 Jahre alt. Er soll hoch gebildet, friedliebend und beim Volk sehr beliebt gewesen sein. Die Tatsache, dass er mit Franziskus gesprochen hat, beweist einmal mehr seine Größe und Toleranz. Eine sehr sympathische Vermutung ist, dass Franziskus den muslimischen Mystikern ähnelte und Franziskus und Malik Al Kamil die Leidenschaft für die Spiritualität der Mystik teilten (vgl. Vincenzo Mansour aus Damiette, Franziskaner). Wir wissen nicht, worüber Franziskus mit dem Sultan gesprochen hat, aber ihre Begegnung wurde zu einem frühen interreligiösen Dialog. Darauf deutet ein mit eigener Hand geschriebenes Pergament hin, auf dem Franziskus ein Gebet und Lobpreis aufgeschrieben hat, das sehr an Gebete aus dem Koran und die 99 Namen Allahs erinnert. Fast die Hälfte all dieser Namen hat Franziskus notiert, verbunden mit der Bitte um Frieden. Und konsequenterweise änderte Franziskus seine Sicht auf die Mission der Muslime, was sich in seinen Ordensschriften nachlesen lässt. Trotz aller Friedensbemühungen konnte Franziskus die bevorstehende Schlacht nicht verhindern. Franziskus hat das dramatische Ende des Kreuzzugs nicht mehr vor Ort erlebt. Am 5. November 1219 fiel Damiette nach 18 Monaten Belagerung. Das Massaker, das die Kreuzfahrer anrichteten, war unbeschreiblich grausam.

Auch heute müssen wir die Kriege einiger machthungriger und grausamer Herrscher beobachten oder sogar erleben. Vielleicht kann das Franziskus-Jubiläum ein Anlass sein, immer wieder mutig auf den religiös Anderen zuzugehen und das Gespräch zu suchen, egal wieviel Hass und Angst geschürt wird.

Quellennachweise:

Wahre Wunder

Im Erzbistumsarchiv Paderborn hat sich ein Band mit Akten aus dem 17. und 18. Jahrhundert erhalten (Sign.: F1/V). Ihr Thema verrät die Überschrift, die ein Archivar mit sauberer Hand über das Inhaltsverzeichnis gesetzt hat – „Wunder“. Gemeint sind Wunder, die auf dem Gebiet der Diözese Paderborn aktenkundig geworden sind. Schon der Umfang des Bandes lässt erkennen, dass es viele waren. Im 18. Jahrhundert, das oft als „Jahrhundert der Aufklärung“ bezeichnet wird, ereigneten sich im Paderborner Land Wunder in großer Zahl. Für Glaubensgemeinschaften sind Wunder riskant. Einerseits sollte man darauf hoffen, gelten sie doch als Manifestation Gottes in der Welt. Nicht nur Christen, auch Juden und Muslime waren lange Zeit überzeugt, dass in Wundern die Allmacht Gottes offenbar werde und seine Anteilnahme am Geschick der Menschen, auch dass Wunder durch Fürbitten von Heiligen bewirkt werden können. Deshalb verlangten viele Gläubige danach, und die Kirche stimulierte diese Erwartung. Als man 1736 neunhundert Jahre Liborius in Paderborn feierte, forderten die Pfarrer die Gläubigen auf, von Wunderheilungen zu berichten, die durch Gebete zu dem Heiligen bewirkt worden seien. Allerdings können Wunder auch vorgetäuscht werden. Nur zu leicht wird der Wunderglaube zum Einfallstor für Hysterie und Manipulation. Deshalb hat die lateinische Kirche seit dem Mittelalter Verfahren entwickelt, um Wunderberichte zu prüfen. Wie das ablief, zeigen die Akten – das Verfahren ist der Grund, warum es sie gibt. Die Pfarrer mussten aufschreiben, was die Gläubigen erzählten, es also aus der Mündlichkeit in die Schriftlichkeit bringen, aus der Volkssprache ins Latein. Dabei sollten die Pfarrer kritisch nachfragen, die Gläubigen regelrecht verhören, um Betrugsversuche abzuwehren.  Zusätzliche Sicherheit erhoffte man sich von einem Notar, der bei dem Gespräch dabei sein sollte. Seine Aufgaben bestanden darin feststellen, welchen Leumund der Erzähler des Wunders oder auch die Erzählerin hatten, ob sie als glaubwürdige Leute galten. Und er sollte das Gesprächsprotokoll beglaubigen. Als dritte Hürde konnte ein skeptischer Bischof eine Untersuchungskommission einsetzen, um die Unterlagen zu prüfen und in unsicheren Fällen weitere Zeugenaussagen einzuholen. All diese Vorgänge sind in den Akten belegt. Heutige Historikerinnen und Historiker lesen die Wunderakten als historische Zeugnisse. Sie geben Aufschluss nicht nur darüber, wo das Jahrhundert der Aufklärung auch ein Jahrhundert des Wunderglaubens war. Sie führen darüber hinaus vor, wie die katholische Kirche den Wunderglauben zugleich förderte und einzuhegen suchte – ein Beispiel für die Spannung zwischen Charisma und Institutionalisierung, auf der die Geschichte aller Glaubensgemeinschaften beruht.