2020 – Kein Jahresrückblick

Kein bedrückender Essay, dass dieses Weihnachten alles anders ist. Kein melancholischer Jahresrückblick mit Menschen, Emotionen und Bildern. Keine hitzige Diskussion über Zahlen, Maßnahmen, überholte Familienvorstellungen oder Gottesdienstregelungen. Keine zynische Coronaversion der Weihnachtsgeschichte à la „Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von der WHO ausging, dass alle Welt sich impfen ließe.“ Keine theologisch-ethische Abhandlung über Distanz als Zeichen von Nächstenliebe. Keine wirkungslose Dankesrede an Menschen in systemrelevanten Berufen. Keine selbstreferentiellen Erfahrungsberichte über Corona Blues, Quer„denker“-Demos vor der Haustür oder volle Innenstädte. Kein moralischer Fingerzeig auf all die Probleme, die während der Pandemie aus dem Fokus geraten. Und kein naives Hoffnungsgesäusel, dass nächstes Jahr alles besser wird. 

Nichts davon finden Sie in diesem Beitrag, denn das meiste haben Sie bereits zu Hauf gelesen, gehört, gedacht. Wie jedes Jahr hat auch 2020 jede*r unterschiedlich erlebt. Und wie jedes Jahr ist das Ende des letzten Kalendermonats auch in diesem Jahr eine gute Gelegenheit, sich für das kommende Jahr privat, beruflich und im Glauben zu fragen: Was kann weg, was soll bleiben? Was will ich vermeiden, was erreichen? Welche Beziehungen möchte ich beibehalten, welche beenden? Was macht mich zuversichtlich, was bereitet mir Sorgen? Wie lauten meine Wünsche, Hoffnungen, Ziele?

Vielleicht finden Sie in diesem Beitrag also in konzentrierter Form, was in allen BloKK-Beitragen dieses Jahr zu finden war und auch 2021 wieder zu finden sein wird: Anregungen zum Nachdenken über sich selbst, über andere, über Gott und die Welt. 

Und so schließe ich den letzten BloKK-Beitrag für das Jahr 2020 mit den Worten Dietrich Bonhoeffers, die er zum Jahreswechsel 1944/45 aus der Haft an seine Liebsten schrieb:

Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

Rebecca Meier ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Systematischen Theologie am Institut für Ev. Theologie der Universität Paderborn

Whoever Saves a Life Is as Though S/he Had Saved All Mankind

The last encyclical of Pope Francisco, “Fratelli Tutti”, comes out at a time, when religion has once again been brought to the fore, and as often in a manipulated form; once again to be harnessed for political interests. The world seems to be headed towards a “clash of civilizations”, in which “religion” plays an important role in fueling the aggressive discourse of cultural, national, ethnical and even racial superiority.

In the US, a travel ban is being issued, which is, in essence, a “Muslim ban”, seeking to bar “them” from entering the land. In India laws are issued – encouraged by some religious-nationalist tendencies – which by implication can divest Muslims in this country of their citizenship. In France, in reaction to a crime committed by someone “in the name of Islam”, the president holds an outright negative position against this religion as a whole, and declares it to be “a religion which is experiencing a crisis today, all over the world” and urges the need to build an “Islam des Lumières” (Islam of Enlightenment). That leads to a harsh reaction by the Muslims worldwide and fuels again, and much stronger, the anti-Western sentiment, bringing the Turkish president to openly attack his French counterpart. 

The world seems to be on the verge of a big clash, in which “religion” seems to play an important part. For Muslims like me, who live in the West, such an atmosphere of resentment on both sides, is even more bitter, if not alarming. Not just because we would either way have to be paying for this – by one side being stigmatized as “Muslim” by the other as “Westernized” – but mostly because we can see how much this crisis is deep-rooted in misunderstandings and misconceptions. That the problem basically lies in the lack of sympathy and recognition for the “other”. Only if, for a second, we could stop selfishly and arrogantly, seeing the world from our own sole perspectives, if we would stop understanding the world exclusivistically, many apparently big problems would easily disappear.  I, as a “Muslim” in the “West”, who has sympathy with both sides – since due to my placement between the two “worlds” can share both perspectives – can realize this; i.e. that the core of the matter is the lack of “recognition” and “sympathy” on both sides. And this, and just this is the root of all evil; the source of misunderstandings and thus the “clash” of civilizations/ worlds.

Right at this moment comes Pope’s encyclical, calling all humans, brothers and sisters – and not in faith, but in humanity. And for the first time in the Christian history, I, as a Muslim, feel addressed and recognized by a papal document – which was not even felt by “Nostra Aetate”. In this piece of document, he not only openly regards the Grand Imam of al-Azhar as an inspiration to his encyclical and mentions him often times, but also refers subtly to some Islamic concepts and to the qur’anic verses. For instance, when he begins his appeal with the qur’anic motif-phrase of “In the name of God”, or when he announces in the that very appeal: “In the name of innocent human life that God has forbidden to kill, affirming that whoever kills a person is like one who kills the whole of humanity, and that whoever saves a person is like one who saves the whole of humanity”. [1] 

Yes! Realizing the fact that we are created but from a single soul/ self/ person/ breath [2], we can appreciate that we are much more united and interdependent than we think. This fact is nowhere more highlighted than in “religions”. Therefore, just as religions can sharpen differences and lead to the dead-end of dialogue, they can also help us out of this impasse. The choice is ours!

[1] Resonating the Quran 5: 32: “That is why We decreed for the Children of Israel that whoever kills a soul, without [its being guilty of] manslaughter or corruption on the earth, is as though he had killed all mankind, and whoever saves a life is as though he had saved all mankind”.
[2] Qur’an 7: 189. 

Saida Mirsadri ist Doktorandin am Zentrum für Komparative Theologie und Kulturwissenschaften in Paderborn.

 

Ein Planet braucht viele Stimmen

Am 30. November konnte ich über Live-Stream am #13. Berliner Klimagespräch der Klima Allianz Deutschland teilhaben. Der Titel der Veranstaltung war: Ein Planet braucht viele Stimmen – Interkulturalität und Klimaschutz. Diskutiert wurde mit Kübra Gümüşay, Autorin und Publizistin, Imeh Ituen, Sozialwissenschaftlerin und Klimaaktivistin, Martin Ladach, Projektleiter beim Bergwaldprojekt und Zohra Mojaddedi, Grüne Hamburg. Der Politikwissenschaftler Ario Mirzaie führte als Moderator durch den Abend. 

Es ist schnell erklärt, dass der Klimaschutz eine Menschheitsaufgabe ist und den Einsatz aller Menschen egal welcher Herkunft und welcher Religion erfordert. Gerade Menschen des globalen Südens sind jetzt schon viel stärker vom Klimawandel betroffen. Trotzdem scheint der Klimaprotest im bunten Deutschland geprägt von weißen, akademisch gebildeten Menschen, zumindest in der Öffentlichkeit. Deshalb wurde zurecht im Berliner Klimagespräch die Frage gestellt: Wie können Klimaprotest und die öffentliche Darstellung inklusiver und vielfältiger werden?

Mich hat begeistert: Es gibt bereits viele Initiativen! #RamadanPlasticFast ist beispielsweise eine Kampagne der muslimisch-deutschen Organisation Nour Energy, die dazu aufruft, im Ramadan zum Green Iftar einzuladen und sich so für die Umwelt einzusetzen. Nour Energy hat 2010 damit begonnen, Photovoltaik-Anlagen auf Moschee-Dächern in Deutschland zu installieren. Yesil Çember ist die bundesweit erste türkischsprachige Umweltorganisation und steht für die barrierefreie Umweltbildung aller Bürger*innen in Deutschland. Die Initiative Musik und Klima wurde vom interreligiösen Musikprojekt Trimum e.V. gestartet, um mithilfe von Musik die gesellschaftliche Vielfalt in der Klimabewegung sichtbarer zu machen.

Wer ein bisschen länger im Netz sucht, findet auch weitere Vereine und Initiativen. Aber auch ich muss feststellen, dass sie nur durch bewusste Suche auffallen. Wenn diese kulturelle und religiöse Vielfalt in der Klimabewegung sichtbarer wäre, könnten umso mehr Menschen angesprochen werden uns sich engagieren. Deshalb erzähle ich hier davon und hoffe, dass Sie es weitererzählen.

Außerdem sollten sich die Organisationen, die große Öffentlichkeit erlangt haben, darum bemühen, dass ihre Klimabewegung inklusiver wird. Wo sind BIPoC (Black, Indigenous and People of Color), Juden, Muslime, Menschen mit Behinderung in der Debatte repräsentiert? Dafür braucht es, so Imeh Ituen, Narrative, Symbole und Perspektiven, von denen sich diese Menschen angesprochen fühlen. Themen, wie die gesteigerte Betroffenheit von geflüchteten Menschen, wie der Kolonialismus haben in der Klimabewegung noch kaum Platz. Klima darf nicht als singuläres Problem gesehen werden. Deshalb argumentiert Kübra Gümüşay für mich sehr verständlich dafür, in der Klimakrise auch Rassismus und Sexismus als Missstände zu bedenken, weil in allen dreien eine eingeschränkte Perspektive verabsolutiert werde. Nur eine Bewegung, die diese Beschränktheit in allen Missständen erkenne, könne auch nachhaltig handeln. Die Inklusivität ist selbstverständlich auch eine Frage von Strukturen in den Organisationen. Warum gibt es in der öffentlichen Klimabewegung viele engagierte Frauen? Kübra Gümüşay beobachtet, dass es zum Beispiel bei Fridays for future einen Safe space für Frauen gibt. Genauso sei es möglich, einen sicheren Raum für Menschen zu schaffen, die rassifiziert werden. 

Für das Klima und unsere Gesellschaft hoffe ich, dass die Klimabewegung kultursensibler wird und die Perspektivenvielfalt als Gewinn wahrnimmt.

Dr. Cordula Heupts ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Systematischen Theologie am Institut für Katholische Theologie der Universität Paderborn.

Saying No to the Normal

As Christmas draws near, many of us are faced with a painful choice: should we meet our parents, grandparents and vulnerable relatives, possibly exposing them to the dangers of the COVID-19 virus? Or do we spend the holidays alone, hoping that by this time next year there will be a vaccine that allows us to be with our families safely once again?

The hope that things will slowly go back to normal might be enough to keep some of us going through this dark winter without being able to see our loved ones. But we should never forget that what might seem normal to us is actually scary, terrifying and dangerous to most people.

While I long for things to return to normal, to go dancing with my friends all night and sitting in a café all afternoon observing people go about their lives, I am haunted by the idea that the normal we will all return to will be a normal that was, for many people, brutish, hellish and miserable. Many refugees and immigrants are forced to leave their homes, often without their husbands, wives, children and parents. Suffering the combined violence of international human trafficking gangs and the inhumanity of nation states that author ever more restrictive and despotic immigration policies, many of these immigrants spend decades, perhaps their whole lives, trying and failing to reconnect with their loved ones. I recently came across a tweet by an immigrant who mentioned that European immigration policies meant that they had not had an opportunity to see their own parents for almost 20 years and could never be with their families at moments of shared joy, grief and trauma, such as the birth or death of a family member. How perverse that we as a culture celebrate the right to a family life yet allow such monstrous separations between family members.

But why must we return to things as they were? The pandemic restrictions and lockdowns allow us to consider whether or not our old ways of doing things were always the best. The pandemic is not just a time to dream about how life used to be also to imagine new ways of living. Many tech companies in California, which drive so much of the innovation that the rest of the world then catches up with, have already announced that they expect their workforce to be working from home for the indefinite future. This is a tremendously liberating move, allowing people to determine how to arrange their work life balance and to embrace greater flexibility in their work schedules. I want to laugh and cry when I consider how much time we all used to waste on journeys to and from our places of work when it turns out we could have been equally effective, if not more so, working from home. The daily rituals of our lives, such as going to work and back home at the end of the working day, often induce a false sense of community, making us think that our lives are more or less similar to those of everyone else. Having our daily routines and rituals taken away from us allows us to reconsider our unique experiences and needs as individuals. Hopefully, the new normal to which we return is one where our individual experiences and needs will not be overlooked.

Dr. Abdul Rahman Mustafa ist Mitarbeiter am Seminar für Islamische Theologie der Universität Paderborn.