Wort statt Wein

Das so genannte Weinwunder zu Kana (Joh 2,1-11) gehört zu den bekanntesten Wundern Jesu im Neuen Testament. Auch viele nicht-christliche Zeitgenoss*innen kennen es. Es hat im Johannes-Evangelium eine hervorgehobene Position, weil es das erste Wunder ist, das Jesus gemäß diesem Evangelium vollbracht hat. Die Gabe des Weins in dieser Wundererzählung steht für die Fülle des Lebens und für Lebensfreude, wie auch in der Hebräischen Bibel, wo – um nur drei Texte exemplarisch zu nennen – in Qohälät 9,7 und 10,19a+b sowie Psalm 104,14f. betont wird, dass Wein das Leben erfreuen kann. So schreibt Klaus Wengst in seinem Kommentar zum Johannesevangelium über dieses Wunder Jesu: „Allen verklemmten Moralisten und unfrohen Asketen zum Trotz nimmt diese Geschichte das Verlangen nach Lebensfreude positiv auf, die im Weingenuss zum Ausdruck kommt, und verheißt ihm Erfüllung.“[1]

Aber Wein wie auch andere alkoholhaltige Getränke erfreuen keineswegs immer nur das Leben, sondern können es auch massiv belasten, wenn Menschen Probleme mit Alkohol haben oder aus dem Leben nahestehender Menschen kennen und als Co-Abhängige davon betroffen sind. Dass der Alkoholkonsum Menschen und ihre Beziehungen zu anderen Menschen gefährden, sogar zerstören kann, wird in der Hebräischen Bibel ebenso klar zur Sprache gebracht wie die mit dem Wein verbundene Lebensfreude, vgl. Genesis 9,20-27.

Angesichts dieser mit Wein verbundenen Gefährdungen fragt Siegfried Bergler: „Müssen wir unbedingt glauben, dass unser Meister sich auch als Pannenhelfer für die Trinkprobleme einer Familienfeier, um nicht zu sagen als Förderer des Alkoholkonsums betätigen konnte?“[2]

Was ist mit dem Begriff ‚Wein‘ in der Geschichte vom Weinwunder zu Kana gemeint?

Dieser neutestamentliche Text wird oft vor dem Hintergrund des Dionysos-Mythos erklärt. Eine solche Erklärung legt es nahe, den dort genannten Wein lediglich als gegorenen, alkoholhaltigen Traubensaft zu verstehen. Dieses Verständnis ist jedoch keineswegs zwingend. Denn es ist zwar durchaus denkbar, dass Elemente aus dieser Tradition in den Text eingeflossen sind, aber angesichts der zahlreichen Bezüge zur Hebräischen Bibel sowie der Rezeption jüdischer Motive legt es sich nahe, ihn vor seinem biblisch-jüdischen Hintergrund zu verstehen.

Eine interessante Möglichkeit, dies zu tun, bietet Jochen Flebbe, indem er Johannes 2,1-11 als Bericht von der Gabe der Tora durch Jesus interpretiert und dies damit begründet, dass der Wein traditionell eine Metapher für die Tora ist.[3] Dabei bezieht er sich u.a. auf Shir Hashirim Rabba, wo dies dargelegt wird. Dort heißt es, dass im Weinkeller, am Sinai, die als Wein verstandene Tora gegeben wurde:

Er führte mich ins Weinhaus… Die Gemeinde spricht: Gott brachte mich in den großen Weinkeller, an den Sinai, und gab mir dort mein Panier, die Tora, die Gebote, die guten Werke, und ich nahm sie mit großer Liebe an. R. Abba sagte im Namen des R. Isaak: Die Gemeinde Israel spricht: Gott führte mich in den großen Weinkeller d.i. zum Sinai und gab mir von dort die Tora, aus welchem das Reine auf 49 Arten und auf ebenso viele Arten das Unreine erörtert wird und ich nahm es mit großer Liebe an, wie es heißt: Die Liebe ist sein Panier über mir.“[4]

Für das Verständnis des Textes als Bericht von der Gabe der Tora durch Jesus spricht auch die Zeitangabe „am dritten Tag“in Vers 1. Denn sie verweist auf die Offenbarung am Sinai mit der Gabe der Tora am dritten Tag, vgl. Exodus 19,11.16. Auch das Motiv der Hochzeit ist ein Hinweis auf die Gabe der Tora am Sinai, denn diese wird im antik-jüdischen und auch im rabbinischen Judentum als Hochzeit gedeutet.

Wenn wir den Wein als Metapher für die Tora verstehen, sagt die Mutter Jesu also: „Sie haben keine Tora“ (Vers 3) – was zum einen erklärt, warum Jesus umgehend diesem Mangel abhilft, und zum anderen, warum dieses Wunder von so grundlegender Bedeutung ist, dass es das erste ist, das Jesus gemäß dem Johannes-Evangelium vollbringt.

Jeder der in Vers 6 genannten sechs Krüge umfasst zwei oder drei Metretes – ein attisches Maß, das ca. 39 Litern entspricht. Die Krüge fassen insgesamt also zwischen 468 und 702 Liter. Die Angabe dieser immens großen Menge des späteren Weins kann als Hinweis auf die an keine Grenzen gebundene Gabe der Tora verstanden werden.

Die kritische Frage des Speisemeisters an den Bräutigam in Vers 10 hat dementsprechend die Funktion, die hohe Qualität des Weins – und damit den hohen Wert der Tora – zu unterstreichen. Es ist eine rhetorische Frage, auf die der Bräutigam nicht antwortet.

Die Geschichte vom so genannten Weinwunder zu Kana kann bei Leser*innen, die selber und/oder ihnen nahestehende Menschen Probleme mit Alkohol haben, Irritationen auslösen. Wenn dieser Text jedoch so verstanden wird, dass es hier letztlich nicht um eine große Menge qualitativ hochwertigen Weins geht, sondern um die Zuwendung Jesu zu Menschen, kann dies den Irritationen entgegenwirken.

In diesem Zusammenhang ist von Relevanz, dass die Wunder im Johannes-Evangelium durchweg als Zeichen benannt werden, die als solche über sich hinausweisen, was in diesem Fall heißt, dass der Wein als Metapher für die Tora verstanden werden kann – die Weisung, mit der Gott den Menschen hilft, ihr Leben zu gestalten. Durch das sprachliche Bild des Weins wird also zum Ausdruck gebracht, dass Mangel in Fülle verwandelt wird, wenn Gott sich den Menschen zuwendet und sich in seinem Wort offenbart.


[1] Klaus Wengst, Das Johannesevangelium. Neuausgabe in einem Band (Theologischer Kommentar zum Neuen Testament, Bd. 4), Stuttgart 2019, 92.

[2] Siegfried Bergler, Von Kana in Galiläa nach Jerusalem. Literarkritik und Historie im vierten Evangelium (Münsteraner Judaistische Studien, Bd. 24), Berlin 2009, 1.

[3] Vgl. Jochen Flebbe, Jesus Tora. Christologie und Gesetz im Johannesevangelium vor dem Hintergrund antik-jüdischer Torametaphorik (Bonner Biblische Beiträge, Bd. 190), Göttingen 2020, 227f.

[4] Shir Hashirim Rabba 2,4, zitiert nach: Flebbe, a.(Anm. 3)a.O., 125.

“If we leave them an environment that is fit for pigs, they will be like pigs.”  

Die Begründung für die Verantwortung, die wir im Umgang mit unserem Planeten und seinen Ressourcen gegenüber künftigen Generationen zeigen müssen, erfolgt meist anhand des Brundtland-Berichts “Our Common Future”, der 1983 von der UN eingesetzten Weltkommission für Umwelt und Entwicklung unter dem Vorsitz der damaligen norwegischen Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland. Dort folgt aus einem Verständnis intergenerationaler Gerechtigkeit die Handlungsanweisung für heutige (ökonomische) Entscheidungen gemäß eines “development that meets the needs of the present without compromising the ability of future generations to meet their own needs“. Genau dieses fundamentale auf Verteilungsgerechtigkeit beruhende Nachhaltigkeitsverständnis wird von Mark Sagoff in seinem Buch “The Economy of the Earth” (Cambridge University Press, 1988) in Frage gestellt. Folgt man den Überlegungen von Sagoff, dann laufen Gerechtigkeitsüberlegungen bei dem, was wir für künftige Generationen schützen und vorhalten sollen, ins Leere. So gäbe es kaum Entscheidungen, die wir heute treffen, die nicht auch im Sinne der Präferenzen und Bedürfnisse künftiger Generationen sind. Warum das so ist, begründet er mit zwei grundlegenden Fakten, die die Bedürfnisse künftiger Generationen prägen: Erstens, Präferenzen werden durch Werbung geprägt. Durch geschickte Werbekampagnen werden sich nachfolgende Generationen immer darin beeinflussen lassen, das gut zu finden, was wir hinterlassen. Zweitens und vielleicht noch viel erschreckender, werden nachkommende Generationen das gut finden, was sie vorfinden. Das hat einfach damit zu tun, dass sie nichts vermissen können, was sie nicht kennengelernt haben. Sie können den vorgefundenen Zustand nicht mit dem nicht eingetretenen Zustand vergleichen, um darüber ihre Präferenzen auszubilden. Noch deutlicher wird das in den Überlegungen des Philosophen Derek Parfit, der künftigen Generationen das Recht, sich über das Hinterlassene zu beschweren, mit dem Argument abspricht, dass unsere heutigen Konsum- und Lebensentscheidungen immerhin zur Zeugung der künftigen Generation geführt haben. Hätten wir andere Pläne mit unserem Leben gehabt, würde es sie gar nicht geben. Folgt daraus nun, dass wir gar keine Verantwortung gegenüber unseren Nachfahren haben und mit unserer Umwelt heute machen können, was wir wollen? Im Gegenteil, unsere Verantwortung ist sogar noch größer. Wir prägen mit unseren heutigen Entscheidungen die Identität künftiger Generationen. Unser Umgang mit der Umwelt prägt direkt die Präferenzen und Bedürfnisse künftiger Generationen, in den Worten von Sagoff: “If we leave an environment that is fit for pigs, they will be like pigs.” Wir müssen also nicht nur eine Welt hinterlassen, die wir für uns als lebenswert erachten und damit auch prägen wird, was künftige Generationen als Lebenswelt schätzen werden. Vor allem müssen wir unseren Nachkommen die Wertschätzung für eine intakte, gesunde Umwelt mit einer hohen Biodiversität lehren. Das Erfordernis für ökologisch nachhaltiges Handeln folgt damit nicht aus einem Gebot der Verteilungsgerechtigkeit, sondern ist Teil der moralisch-ästhetischen Erziehung und Prägung, die wir zum Erhalt unseres Wertekodex aka Verständnis von Zivilisation an künftige Generationen weitergeben müssen. 

Die große Enttäuschung

Heute ist Karfreitag. Die Verlockung ist groß sich innerlich schon auf Ostern einzurichten. Dann feiern Christen endlich die Auferstehung, die Überwindung des Todes, das Ende von all den Schrecken. Aber heute ist Karfreitag. Heute erinnern sich Christen an die Kreuzigung und den Tod Jesu.

In den Jahren vor seinem Tod haben sich viele Menschen um Jesus geschart. Menschen sind ihm gefolgt, weil sie ihm und seiner Botschaft geglaubt haben. Jesus wendete sich ohne Angst Menschen zu, die häufig am Rande der Gesellschaft lebten. Er unterstützte Menschen darin, wieder ein Leben in Würde führen zu können. Das Besondere an ihm war, dass er dies mit dem Anbruch der Herrschaft Gottes verband. Er sagte von sich selbst: „Wenn ich aber die Dämonen durch den Finger Gottes austreibe, dann ist das Reich Gottes schon zu euch gekommen.“ (Lk 11,20) Jesu Deutung seines eigenen Handelns ist nicht zu überschätzen. Es ist zwar der Finger Gottes, der die Dämonen austreibt, doch Gott wirkt im Handeln Jesu. Und mit Jesu Handeln bricht das Reich Gottes an.

Viele Menschen, die Jesus gefolgt sind, werden daran geglaubt haben. Umso schockierender muss es gewesen sein, dass dieser Mensch, der doch eigentlich Leben in Fülle bringen sollte, plötzlich gewaltsam stirbt. Der evangelische Theologe Wolfhart Pannenberg markiert pointiert das Problem: Wenn Jesus für sich in Anspruch nimmt, dass die Herrschaft Gottes in seinem Handeln beginnt, wie kann er dann einen gewaltsamen Tod am Kreuz sterben, der offensichtlich genau das Gegenteil der Herrschaft Gottes ist?

Jesu Tod schockiert nicht nur, sondern provoziert schmerzhafte Fragen. Vielleicht haben sich die Menschen in Jesus getäuscht. Vielleicht hatte er einen gut gemeinten, aber letztlich überzogenen Anspruch, den er am Ende nicht einhalten konnte.

Die Liturgie des Karfreitags endet mit dem Tod Jesu. Die Hoffnungen, die Menschen auf das anbrechende Reich Gottes gesetzt haben, ergeben keinen Sinn mehr. Ihre Erwartungen wurden durch das Kreuz widerlegt. Das ist Karfreitag. Der Tod widerspricht immer wieder in grausamer Weise Erwartungen an das Leben. Wer Ostern feiern möchte, muss diese Einsicht todernst nehmen.