Die Begründung für die Verantwortung, die wir im Umgang mit unserem Planeten und seinen Ressourcen gegenüber künftigen Generationen zeigen müssen, erfolgt meist anhand des Brundtland-Berichts “Our Common Future”, der 1983 von der UN eingesetzten Weltkommission für Umwelt und Entwicklung unter dem Vorsitz der damaligen norwegischen Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland. Dort folgt aus einem Verständnis intergenerationaler Gerechtigkeit die Handlungsanweisung für heutige (ökonomische) Entscheidungen gemäß eines “development that meets the needs of the present without compromising the ability of future generations to meet their own needs“. Genau dieses fundamentale auf Verteilungsgerechtigkeit beruhende Nachhaltigkeitsverständnis wird von Mark Sagoff in seinem Buch “The Economy of the Earth” (Cambridge University Press, 1988) in Frage gestellt. Folgt man den Überlegungen von Sagoff, dann laufen Gerechtigkeitsüberlegungen bei dem, was wir für künftige Generationen schützen und vorhalten sollen, ins Leere. So gäbe es kaum Entscheidungen, die wir heute treffen, die nicht auch im Sinne der Präferenzen und Bedürfnisse künftiger Generationen sind. Warum das so ist, begründet er mit zwei grundlegenden Fakten, die die Bedürfnisse künftiger Generationen prägen: Erstens, Präferenzen werden durch Werbung geprägt. Durch geschickte Werbekampagnen werden sich nachfolgende Generationen immer darin beeinflussen lassen, das gut zu finden, was wir hinterlassen. Zweitens und vielleicht noch viel erschreckender, werden nachkommende Generationen das gut finden, was sie vorfinden. Das hat einfach damit zu tun, dass sie nichts vermissen können, was sie nicht kennengelernt haben. Sie können den vorgefundenen Zustand nicht mit dem nicht eingetretenen Zustand vergleichen, um darüber ihre Präferenzen auszubilden. Noch deutlicher wird das in den Überlegungen des Philosophen Derek Parfit, der künftigen Generationen das Recht, sich über das Hinterlassene zu beschweren, mit dem Argument abspricht, dass unsere heutigen Konsum- und Lebensentscheidungen immerhin zur Zeugung der künftigen Generation geführt haben. Hätten wir andere Pläne mit unserem Leben gehabt, würde es sie gar nicht geben. Folgt daraus nun, dass wir gar keine Verantwortung gegenüber unseren Nachfahren haben und mit unserer Umwelt heute machen können, was wir wollen? Im Gegenteil, unsere Verantwortung ist sogar noch größer. Wir prägen mit unseren heutigen Entscheidungen die Identität künftiger Generationen. Unser Umgang mit der Umwelt prägt direkt die Präferenzen und Bedürfnisse künftiger Generationen, in den Worten von Sagoff: “If we leave an environment that is fit for pigs, they will be like pigs.” Wir müssen also nicht nur eine Welt hinterlassen, die wir für uns als lebenswert erachten und damit auch prägen wird, was künftige Generationen als Lebenswelt schätzen werden. Vor allem müssen wir unseren Nachkommen die Wertschätzung für eine intakte, gesunde Umwelt mit einer hohen Biodiversität lehren. Das Erfordernis für ökologisch nachhaltiges Handeln folgt damit nicht aus einem Gebot der Verteilungsgerechtigkeit, sondern ist Teil der moralisch-ästhetischen Erziehung und Prägung, die wir zum Erhalt unseres Wertekodex aka Verständnis von Zivilisation an künftige Generationen weitergeben müssen.

Prof. Dr. René Fahr ist Professor im Bereich Betriebswirtschaftslehre, insb. Corporate Governance an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften der Universität Paderborn.