Wo bin ich noch ich selbst?

Wir leben in einer Welt, die sich immer schneller zu drehen und wo ein Superlativ den Nächsten zu jagen scheint. Egal ob sportliche Höchstleistungen, bei denen z.B. Armand Duplantis jedes Jahr aufs Neue einen Weltrekord aufstellt, architektonische Wettkämpfe um das höchste Gebäude der Welt – der geplante Jeddah Tower soll die 1000m Marke überschreiten – oder politische Selbstüberschätzungen, bei denen mittlerweile ganzen Ländern Preisschilder verpasst werden, in der Gesellschaft ist ein Streben nach Macht, Anerkennung und ‚social Comparison‘ zu beobachten. Begleiterscheinung ist ein Vergleichswahn, der in einem Streben nach digitalem Perfektionismus und einer künstlich inszenierten Selbstdarstellung mündet. So werden Dynamiken, wie die ‚fear of missing out‘ oder der Stress, mit den inszenierten Lebenswirklichkeiten anderer Menschen mithalten zu müssen, ausgelöst, wodurch ein stetiger Wettlauf nach dem nächsten Event, Reiseziel oder Körperideal beginnt. Aus Vergleichswahn wird schnell Selbstoptimierungswahn, bei dem der eigene Selbstwert nur noch über digital vorzeigbare Leistungen und Statussymbole, wie kostspielige Erlebnisse oder ein durchtrainierter Körper, definiert und demnach von der Anerkennung einer breiten, globalen Masse abhängig gemacht wird. Produkt ist eine künstliche Inszenierung seiner selbst, welches sich auf die Suche nach dem nächsten ‚instagramable moment‘ begibt. In einer Welt, in der ein Post den nächsten jagt, in der wir durch den Alltag hetzen und in der selbst ‚digital detox‘ zum online vermarkteten social Media Trend wird, frage ich mich immer mehr, an welchen Orten oder in welchen Situationen man sich eigentlich noch so fühlt, wie sich selbst? Dass mich solche Phänomene selbst betreffen, obwohl ich keine Social-Media-Plattformen nutze, motiviert meine Suche um so mehr. Das eigentlich Erstrebenswerte einer Selbst-Optimierung erscheint mir dann nicht in der Suche nach externen Bestätigungen und Leistungen zu liegen, sondern in der Suche nach innerem Antrieb, nach inneren Leidenschaften und nach dem, was mich als Individuum wirklich ausmacht. Ohne auf andere Menschen zu schauen, sollte sich daher vielleicht jeder einmal die Frage stellen: Wer bin ich eigentlich, wenn ich ich selbst bin?