Glaube und Verantwortung. Kirche und Rechtsextremismus nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt

Die absolute Mehrheit hat die AfD zwar verpasst, dennoch hat der Ausgang der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt nicht nur bei vielen Betroffenen vor Ort, sondern auch bundesweit große Besorgnis ausgelöst. Eine als gesichert rechtsextrem eingestufte Partei, die die Würde des Menschen und den fundamentalen Glauben, dass jeder Mensch als Ebenbild Gottes geschaffen ist, radikal in Frage stellt, erlangte 43,8 Prozent der Stimmen.

Die leitenden Geistlichen der Evangelischen Kirche im Rheinland, der Evangelischen Kirche von Westfalen und der Lippischen Landeskirche haben als Reaktion darauf die gemeinsame Erklärung „Wer glaubt, übernimmt Verantwortung“ veröffentlicht, in der es heißt: „Als Kirche widersprechen wir, wo die gottgegebene Würde von Menschen verletzt wird, wir treten ein für den Dialog miteinander über Grenzen hinweg und leben die Hoffnung, die Gott in uns wirkt. Das ist unsere Aufgabe als Kirche in der Nachfolge Jesu Christi – so wie es in unserem gemeinsamen Bekenntnis formuliert ist: Die Kirche ,erinnert an Gottes Reich, an Gottes Gebot und Gerechtigkeit und damit an die Verantwortung der Regierenden und Regierten.‘ (Barmer Theologische Erklärung, These V).“

Die Barmer Theologische Erklärung war im Kirchenkampf im Dritten Reich das zentrale Dokument der Bekennenden Kirche gegen die Irrlehren der Deutschen Christen, die die vollständige Verschmelzung des christlichen Glaubens mit der nationalsozialistischen Ideologie angestrebt hatten. In vielen protestantischen Kirchen ist sie eine Bekenntnisschrift. Doch seit vielen Jahren bedienen sich ausgerechnet Rechtsextremist*innen auf revisionistische Weise dieser historischen Hintergründe, um die evangelischen Landeskirchen zu diskreditieren, so etwa 2019 die AfD Thüringen in ihrem selbsternannten „Kirchenpapier“ mit dem Titel „Unheilige Allianz. Der Pakt der Evangelischen Kirche mit dem Zeitgeist und den Mächtigen“. Die Haltung der EKD zum Rechtsstaat der Bundesrepublik Deutschland setzte sie darin gleich mit der Haltung der Deutschen Christen während der NS-Diktatur, nur dass es heute der „linksgrüne Doktrinarismus“ sei, dem sich die Amtskirchen unterwerfen würden.

Auch im Wahlprogramm der AfD Sachsen-Anhalt werden die großen Kirchen scharf kritisiert. „Diese hätten sich vielfach von ihrem christlichen Auftrag entfernt und seien vor allem gesellschaftspolitisch tätig geworden“, analysierte das evangelische Sonntagsblatt. „Die AfD stört sich insbesondere am kirchlichen Engagement für Klimaschutz, Migration, Demokratie und die Akzeptanz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt. Weil die Kirchen damit aus Sicht der Partei ihre eigentliche Aufgabe verfehlten, könnten sie keine besondere staatliche Stellung mehr beanspruchen.“ Stattdessen suggeriert die AfD eine inhaltliche Nähe zu Freikirchen und Baptistengemeinden und stellt ihnen Finanzmittel in Aussicht. Tatsächlich ist es Teil der Vereinnahmungsstrategie der politischen Rechten, ein homogenes Bild einer freikirchlichen Wählerschaft zu konstruieren. Das entspricht keinesfalls der Realität und es spielt ihnen regelrecht in die Hände, wenn medial dieses stereotype Bild übernommen wird.

Richtig ist aber, dass die politische Rechte mit wachsendem Erfolg auf eine konservative christliche Wähler*innenschaft abzielt. Das Ziel kirchlichen Handelns muss immer ein offener Dialog sein – auch mit Mitgliedern aus den eigenen Reihen, die anfällig für diese Positionen sind. Gleichzeitig müssen sich die Kirchen aber aufgrund ihrer eigenen Geschichte entschieden abgrenzen gegenüber menschenfeindlichen und demokratiegefährdenden Positionen. Diese klare Haltung gibt es von Vertreter*innen der evangelischen und katholischen Kirchen genauso wie aus den Freikirchen. Ein Beispiel sind die (Spät-)Aussiedler*innen: Sie hat die AfD besonders in den Blick genommen, mit einer eigenen Gruppierung „Russlanddeutsche für die AfD“ und gezielten Ansprachen etwa durch Alice Weidel. Auch hier haben sich führende Vertreter klar positioniert, dass die AfD für Christ*innen keine wählbare Partei sei und Jesus diese niemals gewählt hätte. Die Mehrheit der Russlanddeutschen – wie im Übrigen auch noch immer der Menschen in Sachsen-Anhalt – wählt demokratische Parteien.

Zwischen den Landeskirchen und zahlreichen Freikirchen gibt es gerade auch bei diesem Thema vielfältige Kooperationen und oftmals einen Schulterschluss. Viele von ihnen arbeiten auch gemeinsam in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) Deutschland. Zum AfD-Wahlprogramm in Sachsen-Anhalt hatte der Vorstand der ACK bereits im Frühjahr 2026 eine gemeinsame Stellungnahme veröffentlicht, die sich gegen eine Instrumentalisierung und für die Demokratie positioniert. Der Grundsatz lautet dabei: „Einheit in versöhnter Verschiedenheit“.