Abschiede gehören zu den Dingen, auf die man sich erstaunlich schlecht vorbereiten kann. Man kennt das Datum, packt Koffer, organisiert alles und weiß genau, wann das Flugzeug geht. Dann kommt der Moment, und plötzlich hilft einem diese ganze Vorbereitung überhaupt nicht.
In der islamischen Tradition gibt es eine Abschiedsformel, die auf den Propheten Muḥammad a.s. zurückgeht und die mich in den letzten Tagen anspricht: „Ich vertraue Allah deine Religion, das dir Anvertraute und den Ausgang deiner Taten an“ (Astawdiʿu llāha dīnaka wa-amānataka wa-ḫawātīma ʿamalik). In verschiedenen muslimischen Sprachräumen haben sich daraus oder daneben kürzere Abschiedsformeln eingebürgert: „In Gottes Obhut“ (fī amānillāh) oder im Türkischen „sei Gott anvertraut“ (Allah’a emanet ol), verkürzt auch im Bosnischen Allahimanet!
Eigentlich ist das eine ziemlich genaue Beschreibung dessen, was bei einem Abschied geschieht. Solange die geliebte Person in unserer Nähe ist, können wir noch vieles tun: helfen, eingreifen, erinnern, nachfragen, aufpassen. Irgendwann aber steht man vor einem Abschied. Von da an werden unsere Möglichkeiten kleiner. Die Sorgen, aber … die werden größer.
An dieser Stelle beginnt das Anvertrauen. Man gibt den geliebten Menschen nicht auf. Man gibt nur den Anspruch auf, ihn jederzeit sehen, begleiten oder bewahren zu können.
Auch der Koran tut nicht so, als müsste Gottvertrauen den Abschiedsschmerz beseitigen. Jakob trauert um Yūsuf so sehr, dass der Koran sogar von den körperlichen Spuren seiner Trauer erzählt. „O mein Schmerz um Yūsuf!“, ruft er aus, und seine Augen werden vor Trauer weiß (Q 12:84). Zugleich verliert er seine Hoffnung auf Gott nicht.
Als Ibrāhīm seine Frau und seinen Sohn in einem „Tal ohne Saat“ zurücklässt, lässt ihn der Koran sagen:
„Unser Herr, ich habe einige aus meiner Nachkommenschaft in einem Tal ohne Saat bei deinem heiligen Haus wohnen lassen, unser Herr, damit sie das Gebet verrichten. So laß die Herzen einiger Menschen sich ihnen zuneigen und beschere ihnen etwas von den Früchten, auf daß sie dankbar seien“ (Q 14:37)
Man liest dieses Gebet Ibrāhīms anders, wenn man selbst erfahren hat, wie es ist, jemanden zurückzulassen. Man erkennt den Kloß im Hals, den Druck auf seiner Brust, mit dem er, ein Prophet Gottes, so menschlich seine Geliebten Gott anvertraut: Mein Gott, lass sie ihren Weg finden. Sorge dafür, dass es ihnen an nichts fehlt…
Jakob spricht seine Trauer aus, Ibrāhīm macht aus seiner Sorge ein Gebet. Der Koran bewahrt beides. Wer glaubt, muss einen Abschied nicht weniger schmerzhaft finden. Gottvertrauen beginnt gerade dort, wo die eigene Fürsorge an ihre Grenze kommt.
Vielleicht ist das der Grund, weshalb Abschiede besonders schwer werden, wenn Menschen beginnen, ihre eigenen Wege zu gehen. Man weiß, dass genau das geschehen soll. Und man hätte sie trotzdem gern noch ein wenig länger in Reichweite…
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.
[…]
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!
(Aus: Hermann Hesse, Stufen)
Fi amānillāh, golube!

Dr. Ahmed Husić ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Islamische Normlehre am Paderborner Institut für Islamische Theologie.
