Die euphorische Leere danach

Es ist geschafft. Die scheinbar unrealisierbare Abschlussarbeit, die mitunter jahrelange Recherche- und Schreibarbeit in all ihren (un)schönen Facetten mit sich brachte, ist abgegeben. Für die Mehrheit der Menschen setzt wohl nun das unbeschreibliche Gefühl einer der wesentlichsten Erleichterungen im Leben ein, bei der man die Steine, die einem vom Herzen purzeln, vermutlich in lawinenartiger Form herunterstürzen verspürt. Doch nicht nur die berühmten Herzsteine der inneren Sorgen scheinen zu verschwinden, sondern auch die Last, die man tagein tagaus neben dem normalen Alltagswahnsinn auf den Schultern trug. Endlich Zeit für all die Beziehungen und Träume, die während der unendlichen Arbeitsphasen zu kurz gekommen sind. Die Euphorie ist groß, man erhält bewundernde Glückwünsche, spürt Lebensgeister in sich zurückkehren, die man zwischen unzähligen Nachtschichten, Schlafmangel und Koffeinabhängigkeit verloren glaubte. Man kann sich diesem Moment der Glückseligkeit, dieser wohlwollenden Aufmerksamkeit hingeben. Doch, für manche brennt das Strohfeuer der Euphorie nur hell und kurz. Es verglüht im Moment, in dem das beängstigende Gefühl der „Leere danach“ einsetzt.

In Zeiten, in denen viele von uns in einem permanenten Krisenmodus versuchen, ihren Alltag mehr schlecht als recht zu bewältigen, scheint es mehr als geboten, genauer auf die persönlichen, mentalen Bedürfnisse abseits von Karriere, Konsum und Materialismus zu schauen. Gab das Projekt uns über Monate und Jahre einen Sinn durch geregelte Tagesabläufe, sehen sich nun nicht wenige Menschen mit dem Problem der Entlastungserschöpfung konfrontiert. Man kennt es vielleicht noch aus der Schulzeit, wenn man sich unbändig auf die Ferien freute, nur um dann direkt am ersten Tag krank zu werden. An dieser Stelle signalisiert der Körper, dass die Pause in mehrfacher Hinsicht notwendig ist. Die Anspannung fällt dermaßen stark ab, dass man mitunter glaubt, gar keine Spannung mehr verspüren zu können. Problematisch wird es dann, wenn sich aus dem Spannungsverlust auch ein Verlust an Lebensfreude entwickelt. Der Rausch der Euphorie über das Erreichte verwandelt sich in der Leistungsgesellschaft schnell zum lähmenden Kater der eigenen Antriebslosigkeit. Denn, nicht nur der Körper fordert seine Pausen, auch die Seele verdient Beachtung für die Zeiten, in denen man einfach nur „funktionieren“ musste. 

Diese „Leere danach“ zu überwinden, in der einem das Erreichte plötzlich bedeutungslos, beinah gleichgültig anmutet, ist besonders schwer, wenn man nicht auf ein intaktes soziales Umfeld zurückgreifen kann. Familie und Freunde sind in dieser Zeit umso wichtiger, nicht nur um sich die verdiente Bestätigung für die durchlebten Mühen als Seelenbalsam verschreiben zu lassen, sondern um das nun entstehende Vakuum mit Elementen zu füllen, die wieder Lust auf das Leben verbreiten. An dieser Stelle weiß sich auch derjenige besonders geschützt, der auf seinen Glauben vertrauen kann. Aus diesem ziehen viele Menschen die nötige Kraft, die es ermöglicht, die Zeit nach dem Abschluss eines großen Projekts für die eigene, heilsame Reflektion zu nutzen – ohne Sinn- und eigenem Bedeutungsverlust. Trost für die geschundene Seele finden wir im Gebet, indem wir unsere Dankbarkeit für das Erreichte zum Ausdruck bringen können. Nicht umsonst informiert uns der Koran darüber, dass unsere Herzen im Gedenken Gottes Ruhe finden werden (Q 13:28). Auch in der Bibel finden wir das göttliche Versprechen, dass Gott die Lebenskraft zurückbringt – sei das zu durchschreitende Tal noch so finster (Ps 23). Muslime und Christen finden gleichermaßen in Gott die Hilfe zur Selbsthilfe, wenn es darum geht, sich wieder mehr Aufmerksamkeit und Zuwendung zu schenken. Dieses Schöpfen neuer Kraft kann sich vor allem dann verstärken, wenn man alte Beziehungen pflegt und Neue eingeht. Das Verrichten guter Werke als Dienst am Menschen hat schon so manchem durch Phasen der eigenen Bedeutungslosigkeit geholfen. Vielleicht mag man auch das aus seiner Kindheit kennen: Das Lachen eines Menschen, dem man durch eine kleine Aufmerksamkeit geholfen hat, gibt einem die Kraft, sich neue Ziele und vielleicht auch neue, scheinbar unrealisierbare Projekte vorzunehmen.

David Koch hat in dieser Woche seine Dissertation zur Frage einer möglichen Würdigung Muhammads aus christlicher Perspektive im Fach Komparative Theologie in Paderborn eingereicht.

#innereleere #lebenskraft #glaube #reflektion #mentalhealth

Mawlid

Diese Woche wird in vielen Gemeinden der islamischen Welt Mawlid (auch bekannt als ʿĪd Mīlād an-Nabī) – nämlich das Andenken an den Geburtstag des Propheten Muḥammad ﷺ gefeiert. Dieses Fest wird am 12. Tag im dritten Monat des islamischen Kalenders, Rabīʿ al-Awwal, gefeiert, was in diesem Jahr dem 8. Oktober entspricht. Etymologisch bedeutet Rabīʿ al-Awwal „der erste Frühling.“ Da aber der islamische Kalender ein Mondkalender ist, wechselt auch der erste Frühling die Jahreszeiten. Zu Ehren des Propheten erhielt dieser Monat den Zusatz „der Edle“ (aš-šarīf). Am 12. Rabīʿ al-Awwal wurde der Prophet im Jahr 571 geboren. Einigen Überlieferungen zufolge ist der Prophet am selben Datum im Jahr 622 in Medina angekommen und hat am selben Datum im Jahr 632 die Welt verlassen. 

Das Mawlid-Fest ist an sich kein religiöses Fest; diesem Datum wurde zu Zeiten des Propheten und den ersten Generationen der Muslime keine Bedeutung zugemessen. Erst später, zu Zeiten der Fatimidendynastie (ca. 910 – 1171 n. Chr.) begannen Muslime feierliche Zeremonien zu Ehren des Propheten zu organisieren. Später verbreitete sich diese Praxis unter Muslimen in einer Mehrheit der islamischen Welt. Gerade die Tatsache, dass Mawlid kein religiöses Fest ist, war der Grund, dass einige Gruppen – anlehnend an die Tradition des Propheten und der ersten Generationen – die Mawlid-Feierlichkeiten für eine „Erneuerung in der Religion“ (bidʿa) erklärten und für verboten hielten.

Einerseits gibt es tatsächlich Fälle, in denen das Ehren des Propheten etwas übertrieben geäußert wird, während die tatsächlichen religiösen Pflichten vernachlässigt werden. Andererseits bin ich der Meinung, dass viele Muslime wenig über das Leben und die Botschaft des Propheten wissen, und die Zeit des Mawlid nutzten könnten mehr über dem Propheten, dem „schönen Vorbild“ (uswa ḥasana) – wie Prophet Muḥammad ﷺ im Koran beschrieben wird (Q 33:31) – zu lernen. Solange man der Tatsache bewusst ist, dass Mawlid keine religiöse Pflicht ist, wie etwa das Gebet, ist das Ehren des Propheten in dieser Zeit eine gute Tat, die der koranischen Botschaft aus Q 33:56 entspricht: „Allāh und seine Engel sprechen den Segen über den Propheten. Ihr Gläubigen, sprecht den Segen über ihn, und grüßt ihn mit dem Friedensgruß.“ 

In den Moscheen und Gemeinden werden in diesen Tagen Loblieder zu Ehren des Propheten gesungen, es wird an die Ereignisse aus seinem Leben erinnert, und verschiedene öffentliche Veranstaltungen und Feste werden in vielen Städten der islamischen Welt zum Andenken an den Propheten organisiert.

Auch für das Paderborner Institut für Islamische Theologie (PIIT) fängt mit dem Beginn des Semesters und der ersten Generation der Studierenden der Islamischen Religionslehre in diesem „edlen Monat“ ein „erster Frühling“ an. In diesem Sinne, ʿīd mabrūk

Ahmed Husić ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Paderborner Institut für Islamische Theologie.

#Mawlid #Prophet #Muhammad #Rabi al-Awwal #Islam #Frühling

Wo stehe ich, wo kann ich anders?

Vom 9. bis 11. September 2022 fand die gemeinsame Jahrestagung der Gesellschaft für wissenschaftliche Religionspädagogik und des Arbeitskreises Gemeindepädagogik unter dem Motto „Wo stehe ich, wo kann ich anders?“ in Erfurt statt. Dieser Ort war ganz passend gewählt, denn dort steht jemand, zumindest als Statue, dem man ganz ähnliche Worte in den Mund gelegt hat. Die Statue von Martin Luther, ganz in der Nähe des Erfurter Augustinerklosters, fordert auf sich zu positionieren. Denn einfach nur gut finden kann man Martin Luther nicht, dafür hat er sich zum Beispiel zu jüd*innenfeindlich geäußert. Einfach nur schlecht finden geht auch nicht, dafür ist sein Beitrag zur Entwicklung von Theologie und Kirche zu bedeutend. Und keine Meinung zu Luther zu haben, ist für evangelische Christ*innen auch schwierig. Der Anblick der Statue fordert dazu auf, sich differenziert mit dem eigenen Verhältnis zu Religion im Allgemeinen, zur eigenen Religion und zu anderen Religionen sowie zur Vermittlung religiöser Bildung zu beschäftigen.

Die Auseinandersetzung mit der eigenen, vor allem professionellen Positionalität war Ziel und Gegenstand der Tagung. Der Blick auf religiöse Bildung am Lernort Schule war interessant, da sich in Diskussionen und Workshops eine gewisse Zurückhaltung zeigte. Dass man sich als Lehrkraft in vielen Situationen gar nicht positionieren müsse, war oft Konsens. Die Frage, ob man sich überhaupt nicht positionieren kann, schließt sich aus meiner Sicht direkt an. Was bedeutet es, in einer konkreten Situation keine Position zu ergreifen? Und wie sehr werden damit Haltungen gestärkt, die eigentlich keine Haltungen sind, sondern dadurch auffallen, dass sie unverbindlich bleiben und bloß keine Richtung anzeigen?

Die Grundproblematik, die sowohl in den Vorträgen als auch in den Workshops thematisiert wurde, ist die, dass alles, was mit Religion in Vielfalt zusammenhängt, als so offen präsentiert werden will, dass man bloß niemandem etwas tut. Diese Beobachtung wurde in einem Workshop aufgenommen, in dem einer typischen Floskel zum Religionsunterricht auf den Grund gegangen wurde: „Es gibt kein richtig oder falsch.“ Das ist zwar oftmals gut gemeint und begegnet mir als Grundsatz häufig, insbesondere im Kontext inklusiver Religionspädagogik, hinterlässt bei mir aber die Frage, ob damit nicht eine Form von Gleichgültigkeit kultiviert wird, die sich gegen jegliche Form der Positionierung wehrt. Gleichgültigkeit in Zusammenhang mit religiösen Bildungsprozessen erscheint mir nicht erstrebenswert. Damit bin ich bei dem Titel meines Beitrags angelangt: Wo stehe ich, wo will ich anders? Mit der Entscheidung, sich positionieren zu wollen, geht die Aufgabe einher, sich positionieren zu können. Zur Bestimmung des eigenen gesellschaftlichen, theologischen und religionspädagogischen Standortes wird die Fähigkeit zur kritischen Selbstreflexion benötigt. Diese Standortbestimmung beinhaltet folgende Frage: Wo stehe ich, was heißt das für die anderen? Und damit ist die Auseinandersetzung mit eigenen Privilegien sowie Diskriminierungs- und Marginalisierungserfahrungen verbunden. Antworten auf diese Frage können dazu führen, die eigene Position regelmäßig zu verändern, nicht gleichgültig, sondern ganz bewusst.

Wo stehe ich, wo will ich hin? Das ist die Anschlussfrage, die ich mir stelle, nicht nur für mich, sondern auch bezogen auf Menschen, die mit mir gemeinsam religiöse Bildungswege gehen bzw. die ich auf ihren Wegen ein Stück weit begleite. Diese Frage immer wieder neu zu stellen, ist eine schöne Aufgabe.

Dr. Vera Uppenkamp ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Evangelische Theologie an der Universität Paderborn.

#Positionierung #religiöseBildung #Inklusion #Luther #Erfurt #Religion #Unterricht

Religious Ostentation: there is always a better way to do it…

Nowadays, it is normal and acceptable to share pictures about your holidays in the Maldives, your new top model car, or maybe your private plane on your social media accounts to get more “likes” and “comments” from others. However, when it comes to recording yourself while visiting a religious place or taking a selfie while doing prayer in an attempt to get a positive response from people, things become critical, and a kind of showing off records its presence.

Showing off is known in Islam by the term “al- Riyaa”, it is the act of offering an act of worship with the intention of making people not only see it but also praise and admire the doer.  I recently watched a video about a young Muslim YouTuber who recorded his donation campaign and shared his pictures with the people he had helped. The act received a massive density of comments, and most of them were negative. In one of the comments the words “he could do it in a better way just like X”, and they mentioned the name of another guy who seems to do the same thing, triggered my curiosity to know how this X has done it in a” better way”.

 It was not very difficult to find him, Mr. X became already famous but at the same time, his face was not known. He is a young man who travels to help others and records videos to sensitize people, but at the same time, he shows only his back, and even his head was covered with a hoodie. This slight difference in doing it, made the audience focuses on the act rather than the doer.  The idea seems to be genius to avoid the trap of showing off, however, there is always a better way to do it. Perhaps, if he also had covered the faces of the people he helped, he would protect their privacy and dignity.

Nadia Saad ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Paderborner Institut für Islamische Theologie.

#al-Riyaa #Ostentation #Showingoff #Trap #Influencer #Socialmedia

Schöpfung, Universität und Schule

Jährlich findet Anfang September der ökumenische Tag der Schöpfung statt. Dieser für 2022 von der ACK (Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland) entwickelte Festtag bereichert das Kirchenjahr, indem von Christ*innen konfessionsübergreifend die Relevanz der Schöpfungstheologie herausgestellt wird. Ihr Bekenntnis zur Schöpfung lautet sinngemäß: Wir sind alle Geschöpfe Gottes und sollten anlässlich des Festes immer wieder neu dankbar und besonnen sein. Dazu kann gehören, den Bewahrungsauftrag aus Gen 2,15 zu reflektieren und beherzigen: 

Und Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte. (Luther 2017)

2022 wird dieser Auftrag von der ACK durch ein Tagesmotto der in Karlsruhe anstehenden ÖRK-Vollversammlung ergänzt: „Die Liebe Gottes versöhnt und eint die leidende Schöpfung“. [1] Darin klingt auch das menschliche Scheitern und die göttliche Vergebung an, worüber ich mit Studierenden dieses Semester nachgedacht habe. Deshalb möchte ich auch hier in diesem Blog Schöpfung in ökumenischer Perspektive in den Blick nehmen. Außerdem halte ich das Thema für schulische und universitäre Kontexte über die Theologien hinaus für zukunftsweisend. 

Mein Blockseminar Anfang April trug den Titel „Schöpfung als Thema im Religionsunterricht“. Zum Beginn der Veranstaltungswahl hatte ich in kürzester Zeit über 70 Anmeldungen. Diese riesige studentische Begeisterung für das Thema hatte ich nicht erwartet. Auch in den vorbereitenden Reflexionsaufgaben und während der Seminararbeit zeigte sich die Bereitschaft der Teilnehmenden, das facettenreiche Thema Schöpfung zu ergründen. Alle Studierende hatten teils unabhängig von ihrer religiösen Sozialisation zahlreiche Vorerfahrungen und Berührungspunkte mit Schöpfungserzählungen aus der Kindheit und Jugend. Im Austausch zeigte sich, dass die hohe Beteiligung nicht allein mit der Zugehörigkeit zur Fridays for Future-Generation zu begründen ist. Gerade die komplexeren Fragen (z. B. „Wie kann man auf Basis der biblischen Zeugnisse mit Schüler*innen über die Fragen nach Schöpfung und Evolution, nach dem individuellen Lebensbeginn und dem Beginn der Welt sprechen?“ oder „Welche Verantwortung tragen Kirchen angesichts der Schöpfungsaufträge in dem Versuch der Abwendung der Klimakatastrophe?“) wurden von den Studierenden teils kontrovers diskutiert.

Auch nach dem Blockseminar zeigte sich in Sprechstunden, bei Prüfungen und Hausarbeiten ein Run auf Themenaspekte innerhalb der Schöpfungstheologie. Sei es gendersensible Exegese der Schöpfungserzählungen, ethische Implikationen, Schöpfungsaussagen in Glaubensbekenntnissen oder (religions-)pädagogische Umsetzungsmöglichkeiten – das Thema trifft für zukünftige Lehrkräfte trotz Corona- und Kriegsberichterstattung den Nerv der Zeit. In Schulen, aber auch in Universitäten, sollten wir Lehrenden uns deshalb von zukünftigen Generationen fragen lassen, ob wir den Bewahrungsauftrag umsetzen. In diesem Sinne möchte ich mein eigenes Dasein und Handeln als Geschöpf Gottes immer wieder reflektieren, und sei es wenigstens einmal im Jahr anlässlich des Tages der Schöpfung.

Ich möchte alle Lesenden an der studentischen Begeisterung und Diskussionsfreude für praxisbezogene Schöpfungstheologie teilhaben lassen und die Reflexion anregen, ob der Tag der Schöpfung auch interreligiös und interdisziplinär Anknüpfungspunkte bietet. Denn Handlungsaufforderungen mit Schöpfungsbezug lassen sich auch jenseits von jüdisch-christlich tradierten Bibeltexten finden, beispielsweise im Jonas’schen Imperativ:

Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden. (Hans Jonas: Das Prinzip Verantwortung, Wiesbaden 1985, S. 36)

Allen Mitgeschöpfen, die sich angesprochen fühlen, einen gesegneten, reflexionsreichen Tag der Schöpfung! 


[1] ACK (Hrg.): Ökumenischer Tag der Schöpfung 2022, https://www.oekumene-ack.de/themen/glaubenspraxis/oekumenischer-tag-der-schoepfung/2022/, Zugriff: 19.07.2022.

Logo des Schöpfungstags 2022 des ACK (abrufbar unter: https://www.oekumene-ack.de/fileadmin/user_upload/schoepfungstag/Karlsruhe_2022/TdS2022_ACK_KeyVisualText_CMYK.jpg)

Anne Breckner ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Evangelische Theologie der Universität Paderborn.

#tagderschöpfung #Schöpfung #Bildung #Studium #Lehre #Klimakrise #FFF #Reflexion #Genesis #Bibel #Unterricht #Religion #Kirche #Universität #Paderborn #Unipaderborn

Der kleine Abstand

Der kleine, aber auch radikalste, Unterschied zwischen gesund sein und krank sein, spürt man unter anderem spätestens bei der ersten Drehung der Drehtür, wenn man ein Krankenhauses betritt. 

Die Schritte führen uns in eine Art Paralleluniversum, in dem persönliche und bekannte Regeln und Zeiten verschwinden und bringen uns näher an seine transitorischen Bewohner:innen die im Wesentlichen von einer Krankheit gezeichnet sind oder sich auf dem Weg der Heilung befinden.

In diesen Gängen und Aufzügen beginnt der Besuchende, ohne es zu merken, die Energie zu regulieren, die er aus dem Leben „draußen“ mitbringt: von den beruflichen Verpflichtungen, von einem Streit mit den Kindern, von der Organisation des Alltags. 

Es ist notwendig eine Einstimmung auf die Szene des Ortes zu schaffen. Wir tun dies beispielsweise, indem wir den Rhythmus der Sprache und der Bewegungen verlangsamen, die Stimme senken und weicher gestikulieren.

Die Gesprächsthemen am Krankenbett werden existenziell: körperliches und psychisches Wohlbefinden, die Anpassung an eine Routine unter Fremden, der Körper, der den „invasiven“ Praktiken ausgesetzt ist, der Verlust der Privatsphäre und sogar der individuellen Identität.

Bei dieser absoluten Verwandlung, die ein Vorher und Nachher für die betroffenen Individuen schafft, wird nicht nur der Kranke verwandelt, sondern auch die Menschen um ihn herum. Das Offensichtliche hört auf, offensichtlich zu sein, und man findet sich selbst für die Banalitäten des Lebens dankbar, wenn man von Krankheit ist.  

Wir ertappen uns beim Segnen.  

In der jüdischen Tradition wird geschätzt, dass ein Mensch mindestens 100-mal am Tag einen Segen spricht. Man segnet das Aufwachen, also den Moment, wenn man den Schlaf hinter sich lässt und zum Wachsein zurückzukehrt, man segnet, dass der Körper seine lebenswichtigen Funktionen wiedererlangt, man segnet, dass man nach dem göttlichen Ebenbild erschaffen wurde, man ist dankbar für das Trinken und Essen, man segnet seine Kinder, dafür, dass man einen besonderen Moment erlebt. Am Ende eines Tages segnet man das Schlafengehen.  Neben diesen und vielen anderen Segnungen, schreibt man Gott immer die Güte zu, das Gesegnete zu schenken.  

Der Ursprung der Segenssprüche liegt nahe am Ursprung der Flüche, wo das, was ausgedrückt wird, sei es durch Dank oder Fluch (eine Praxis, die in der jüdischen Tradition viel kritisiert und abgelehnt wird), das Potenzial hat, Wirklichkeit zu werden.

Bei den zeitgenössischen Praktiken wie der Positiven Psychologie und der Achtsamkeit, werden der Akt der Dankbarkeit und die Achtsamkeit für jeden lebenswichtigen Moment als wichtige Ressourcen für das Erreichen von Wohlbefinden angesehen. Diese Handlungen wurden schon sehr früh von den Religionen entdeckt, um das Bewusstsein dafür zu wecken, dass das Gegebene auch als magisch und /oder wundersam angesehen werden kann, aber nicht nur wegen seines göttlichen Ursprungs, sondern auch wegen der bloßen Tatsache seiner Präsenz.

Das erinnert mich an meinen früheren BloKK-Artikel, in dem ich erwähnte, dass das Konzept des Shaloms nicht nur Frieden bedeutet, sondern auch Gesundheit oder Wohlbefinden.  

Im rabbinischen Kommentar zu Buch Numeri, in Numeri Rabba 11, finden wir einen langen Midrasch zu Num. 6, 26:  „Der Ewige wendete sein Antlitz dir zu und gebe dir Frieden.“

Neben vielen anderen Interpretationen des Verses wird erwähnt, dass es keinen größeren Segen gibt als den Segen von SHALOM. 

Numeri 6, 26, schafft es in seiner Knappheit und Schönheit, eine Offenbarung zu beschreiben, wie sie nur Jakob (Genesis 32,31) und Moses (und Exodus 33,11) erlebt haben können und die wir in Momenten der Verletzlichkeit auch gerne erleben würden:

SHALOM zu haben, sich des Friedens, der Gesundheit und der Vollständigkeit zu erfreuen, bedeutet nichts weniger, als Gottes Blick auf unserem Gesicht zu spüren.

Liliana Furman ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Pnina Navè Levinson Seminar für Jüdische Studien an der Universität Paderborn.

#Health #illness #blessing

Building Bridges

In the humid, sweltering heat of June this year, I joined Christians and Muslim scholars from around the world in rural Virginia for the Building Bridges Seminar. For more than 20 years now, this initiative has brought together scholars from both faiths for intensive study and discussion around themes of mutual interest. This year, our discussions addressed the theme of “mercy and grace.” The initiative, led for many years by the former Archbishop of Canterbury Dr. Rowan Williams, is now chaired by Daniel Madigan, a Jesuit scholar who has studied and taught Islam while also being engaged in Christian ministry throughout the world. But for many, Madigan is first and foremost someone who teaches by example how to live as a person with a deep commitment to a faith tradition, while being receptive, even welcoming, towards a critique of one’s religious tradition from outsiders. 

The Building Bridges initiative is distinct from many other interfaith dialogues between Christians and Muslims. Despite being founded in the aftermath of 9/11, the initiative largely privileges theological over overtly political dialogue. This is, it must be said, never an easy distinction to maintain. Will such theological dialogue even be possible in a xenophobic and racist climate in which travelling to locations such as the USA and Europe has been made increasingly burdensome not only for Muslims (as expressed in the so called “ Muslim travel ban” of the Trump administration) but also for citizens of Asian and African nations who, even after meeting the onerous, expensive and humiliating set of tests involved in applying for visit visas to Europe and North America, often end up with their travel applications denied. 

Many attempts at Christian-Muslim dialogue have produced embarrassing platitudes about love, harmony and co-existence, without really addressing the reasons Christians and Muslims continue to find themselves in conflict. The results of these dialogues are usually a foregone conclusion shared by all or most of the participants, so that nothing new is really learnt in the act of coming together and talking with those from a different religious tradition. Building Bridges, by contrast, focuses not on resolving the differences between Christianity and Islam but on what Rowan Williams describes as an effort to improve “the quality of our disagreements.” Christians and Muslims will always continue to disagree about many things. But there is no reason for this disagreement to be based on a miscommunication, a failure to understand what the other side is actually saying (as opposed to what one side thinks or is told the other is saying) and an arrogance that makes one side think it has nothing to learn from those whose accounts of the world are different from its own. Adopting a posture of receptivity, of an openness to being the object of another’s interest, critique, acceptance or rejection, might be considered a vulnerable and undesirable one for believers to inhabit. Perhaps what is required is the cultivation of pious faith rather than nourishing our appetite for skepticism. But for some, the truth of their faith is realized when they are forced to suspend their comfortable and unquestioned ways of thinking and to respond to those whose ways of seeing and living in the world are strange, different, and – perhaps – wrong. There is nothing wrong with thinking that someone else is wrong. But it is better to not have the wrong reasons for thinking so.

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Dr. Abdul Rahman Mustafa ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Paderborner Institut für Islamische Theologie.

#interfaith #islam #christianity #theology #comparative #dialogue

Wüste Dürre

Wir stecken immer noch tief in der Klima-Krise. Hat man früher das weit entfernte Afrika bedauert, das von Dürren geplagt wurde, ist dies nun auch in Deutschland und Europa der Fall. Jeden Tag gibt es Waldbrände, Felder vertrocknen und die Pegelstände der Flüsse kommen langsam aber sicher bei Null an. Falls Regen fällt, ist es oft zu viel oder kann wegen der Trockenheit nicht gut vom Boden aufgenommen werden.

Seit Jahrzehnten wissen wir, dass unser bisheriger Lebensstil einen Klimawandel hervorruft, doch viel getan hat sich nicht. Viele Länder haben durch die Konsumgesellschaft kaufstarker Nationen bereits mit indirekten Folgen zu tun: Seien es verseuchte Flüsse durch die Förderung von Rohstoffen für unsere Mobiltelefone, wodurch kein Fischen mehr möglich ist oder ein steigender Meeresspiegel, der die Lebensgrundlage des Wohnens verhindert, küstennahe Böden versalzt und so Ackerflächen zerstört. 

Auch in Europa sind nun solche indirekten Folgen spürbar: Durch die niedrigen Pegelstände des Rheins können so weniger Güter verschifft werden, in Frankreich müssen viele Kernkraftwerke heruntergefahren werden, weil die Flüsse zum Kühlen der Reaktoren zu warm geworden sind. 

Der Klimawandel ist also schon lange bekannt, direkte und indirekte Folgen sind auch bei uns deutlich spürbar und die Politik? Tut gefühlt nichts, versucht sich in einem „Weiter so!“ Es kommt zur Politikverdrossenheit, bei der man mit der politischen Situation unzufrieden ist und resigniert, obwohl es viele gute Initiativen und Aufrufe für mehr Klimagerechtigkeit gibt.

Was sich zunächst vielleicht wie ein schöpfungstheologischer Text angefühlt hat, soll allerdings eine andere Wendung nehmen. Denn so wie Trockenheit und Dürre mit das prägendste Bild des Klimawandels in Deutschland ist, so wüst und dürr kommt mir oft die katholische Kirche vor.

Tausende Mitglieder wenden sich ab, gerade in der jüngeren Generation geht kaum noch jemand in den Gottesdienst. Schuld daran sind die eh schon unverzeihlichen Missbrauchsfälle, der Umgang damit und die zögernde Haltung, moderner zu werden. Dazu kommt eine rigide Sexualmoral, an die sich seit Jahrzehnten nur die wenigsten katholischen Gläubigen halten. 

Doch auch wie in Bezug auf die Klimakrise gibt es viele gute Initiativen, die zum einen das Vertrocknen in der Kirche selbst aufhalten wollen und zum anderen auf diejenigen Missstände aufmerksam machen, die zum Vertrocknen führen. Allerdings scheinen die Entscheider wie in der Umweltkrise nur halbherzige Schritte zu unternehmen, um der Dürre entgegenzuwirken – oder tun Dinge, die die Krise noch verstärken oder zumindest den status quo beibehalten. Zunehmend nimmt man also auch in religiösen Belangen eine Verdrossenheit war, wenn man so will eine „Religionsverdrossenheit“.

Auch ein anderer Begriff aus dem politischen Umfeld ist mittlerweile in der Kirche angekommen, er nennt sich „mütend“ und stammt aus der Corona-Zeit. Er bedeutet eine Mischung aus wütend und müde und lässt sich prima auf die Klima- und Kirchenkrise anwenden. Man ist wütend auf die Situation, seien es die Verfehlungen in der weltweiten Klimakrise oder der Unwille in der katholischen Kirche, sich etwas moderner zu gestalten. Man ist aber auch gleichzeitig müde, da sowohl in der Klimapolitik als auch in der katholischen Kirche schon lange auf die Missstände aufmerksam gemacht wird, sich aber nicht viel ändert. 

Nun ist Wut aber eine durchaus kreative Emotion, die inspirieren kann. Hoffentlich bleiben diejenigen, die sich noch für die Kirche und für das Klima einsetzen, in ihrer Mütigkeit wütend genug, sich aktiv für Klimagerechtigkeit und ein Wiederaufleben der Kirche einzusetzen. 

Benedikt Körner ist verantwortlich für den interreligiösen Dialog des Erzbistums Paderborn.

#Mütend #Verdrossenheit #Wüste #Klimawandel #Krise #Kirche #Politik

“Self-Evidencing Brain”[1] and the Power of Belief

Many years ago, I remember, in a French language course, we were shown a French TV report about the popularity of an institute in Paris that offered courses on Astrology. The whole report was so shocking to me, as I would never have expected that citizens of a country which is regarded as one of the cradles of modern rationalism in the history of thought would embrace superstitious beliefs as such so fervently. 

I had forgotten this report until I met a friend who had studied science both in Iran and in Germany, and who showed a remarkable tendency toward believing astrological anticipations because of her personal experience, which had proved to her, on several occasions, the accuracy of such anticipations. In a discussion with my friend, I tried to explain away the matter of the occasional accuracy of astrological anticipations by referring to the fact that, sometimes, the mere belief that something is to happen, actually, makes it real. But honestly, I had no theoretical framework to support this claim of mine. The only examples that I had in mind came from two fictional works depicting how the darkest characters in those stories made their anticipated fate come true by simply believing the prophecies they had heard from some clairvoyants who had anticipated those fates, and how the actions conducted by those characters, which were originally meant to prevent their anticipated fates, did actually cause the realization of those anticipations. One of those two characters was, obviously, Lord Voldemort from the Harry Potter series whose story is known almost to everyone, and the other one was Rumpelstiltskin in Once upon a Time (an ABC adventure series), who, despite all his effort to prevent a clairvoyant’s prediction that his actions on the battlefield would make his son grow up fatherless, by mere belief in the words of that clairvoyant actively made his predicted fate come true. It was obvious to myself at that time that my argument based on two examples from two fictional works was not more convincing than the claims made by the believers of astrology!

It was not until I encountered the notion of “self-evidencing”, a key term in the field of Cognitive Science and widely explored by philosopher Jakob Hohwy and neuroscientist Karl Firston, that I found a theoretically plausible explanation for my above-stated claim. In simple terms, self-evidencing refers to a never-ending process in the life of every living being throughout which that living being assures oneself of one’s own existence by acting in the world in such a way that its predictions about the outside world and, in the case of the human subject, its inner convictions and belief systems, again and again, prove themselves to be true. In other words, I prove to myself that I really exist by adjusting my relationship to the outside world in a way that the outside world always responds to my expectations of it. Neuroscientists today are more and more convinced that the human brain, just like any living organism in the world, is actually a self-evidencing brain. Our inner convictions and our belief systems are so powerful in shaping our expectations of the world that they directly influence, not only our way of thinking, but also our perception or observation of “reality”. So, maybe, the human embrace of the culture of clairvoyance, which has lasted even to the present day, lies in the simple fact that the inner conviction to the truth of a prophecy one hears about one’s future actually affects one’s experience in the world in such a way that the expected future, through nothing but a cognitive error, appears to be unavoidable. Now, as soon as this cognitive error is recognized, and as soon as the human being learns about the power of one’s own beliefs, that is where, I assume, emancipation from the grip of fate occurs, and that is where the human being provided with an incredibly vast panorama of possibilities will be able to live one’s humanly authentic life. 


[1] This is the title of a philosophical paper by Jakob Hohwy. For detailed information about this topic, see, Hohwy, Jakob, “The Self-Evidencing Brain”, in: Noûs, Vol.50, Issue 2, June 2016, pp. 259-285.

Nasrin Bani Assadi ist Doktorantin an der Universität Bonn.

#Astrology #science #brain #self-evidence #HarryPotter

Die Totengräber der Menschenrechte oder: Wieso jedes Leben schutzwürdig ist

„Das sehr weite Verständnis der USA von der Reichweite bewaffneter Konflikte sowie die offiziell vertretene Annahme, Angriffe seien selbst außerhalb bewaffneter Konflikte präventiv schon zulässig, wenn ein potenzieller Gegner noch keinen konkreten Angriff plant, wecken Zweifel, ob die generelle Einsatzpraxis für Angriffe […] dem Unterscheidungsgebot des humanitären Völkerrechts genügt. […] Der Senat hat keine Anzeichen dafür feststellen können, dass diese völkerrechtlich zum Schutz der Zivilbevölkerung zwingend notwendige Differenzierung in ausreichendem Maße erfolgt. Verlässliche Informationen über Drohnenangriffe […] einschließlich solcher von offiziellen amerikanischen Stellen deuten vielmehr darauf hin, dass die völkerrechtlich erforderliche Unterscheidung nicht nur im Einzelfall nicht genügend vorgenommen wird.“ 

Diese sehr treffende und völkerrechtlich in sich stimmige Passage aus dem Urteil des Oberverwaltungsgerichts Münster vom 19.03.2019 zum Drohnenkrieg der USA vom bundesdeutschen Boden aus hat – wie ich meine – unmissverständlich deutlich gemacht, dass die US-amerikanische Praxis der „extrajudicial killings“ (außergerichtliche Tötung) mit dem internationalen Völkerrecht unvereinbar ist. Die US-amerikanische Interpretation des Völkerrechts, die im Rahmen ihres „war on terror“ jedes ihrer Zielobjekte so behandelt, als seien sie staatliche Angreifer, sieht in „extrajudicial killings“ ein völkerrechtlich zulässiges militärisches Mittel. Zwar hat die Revision der Bundesregierung gegen das Münsteraner Urteil beim Bundesverwaltungsgericht im November 2021 Erfolg gehabt, aber das letzte Wort hat in diesem Herbst das Bundesverfassungsgericht unter der Leitung des Verfassungsrichters Peter M. Huber, der hoffentlich entlang der Argumentation des Münsteraner Urteils die Völkerrechtswidrigkeit der „extrajudicial killings“ nochmals für die Rechtsprechung und Lehre konkretisieren wird. Als in der vergangenen Woche Aiman al-Sawahiri, der Anführer des Terrornetzwerks Al-Qaida, in Kabul auf den Balkon seiner Wohnung mittels zweier sprengstofffreier Geschosse, die mit einem Gewicht von je 45 Kilogramm und ausfahrbaren Klingen, in kaum auffindbare Fetzen heimtückisch ermordet wurde, war den Leitmedien wichtiger, sich der Begeisterung für die US-amerikanische Drohnentechnik hinzugeben, als nach der Rechtmäßigkeit der heimtückischen Tötung eines Schwerverbrechers zu fragen. Und unsere Politiker: Schweigen vor dem Freund! Keine Silbe dazu, dass der Mord eines dringend verdächtigen mutmaßlichen Schwerverbrechers und Terroristen in Kabul ebenso einen Verstoß gegen die UN-Menschrechtskonvention (Art. 3, 8, 9, 10, 11) und die Europäische Menschrechtskonvention (Art. 2, 6) darstellt, wie etwa der Mord eines mutmaßlichen Schwerverbrechers in Deutschland oder den USA. 

Ebenso schweigsam waren die Vertreter der Religionsgemeinschaften. Dabei gab es schon furchtlose und aufrichtige Stimmen gegen die endlose Spirale der Rachegelüste gegenüber mutmaßlichen Terroristen. Nicht nur Papst Franziskus oder der katholische Theologe Eugen Drewermann argumentierten immer wieder ausgehend von Feindesliebe im Christentum für die Durchbrechung der Gewaltspirale, sondern auch die evangelische Theologin Margot Käßmann forderte als EKD-Vorsitzende im Jahre 2016 „Terroristen mit Beten und Liebe zu begegnen“. Gemeint war durch Käßmann, dass Rachegelüste keinen Platz haben sollten in der staatlichen Terrorbekämpfung und die Christen sich der Stärke der Feindesliebe bewusst sein sollten.

Für mich, mit dem Herkunftsland Afghanistan, der durch den Terror der Taliban nicht nur seine Wurzeln verloren hat, sondern zahlreiche Familienangehörige, ist die eindrucksvolle Feindesliebe im Christentum eine Herausforderung und zugleich Einladung in meiner eignen religiösen Tradition nach Anknüpfungspunkten der Durchbrechung der emotionalen Vergeltungslogik zu suchen. So heißt es in einer bemerkenswerten Koranpassage: „Nicht gleichen einander die gute Tat und die schlechte. Wehre ab mit der besseren! Dann ist der, mit dem du in Feindschaft lebst, wie ein inniger Freund und Beistand.“ (41:34) Mag eine solche Koranpassage in Anbetracht des Leids durch den internationalen Terror verstören und weltfremd wirken, so ist es doch eine Aufforderung für Frieden, Vergebung, das Gute und Wahrhafte einzutreten, um so Feindschaft durch Freundschaft zu ersetzen.   

Jun.-Prof. Dr. Idris Nassery ist Juniorprofessor für für Islamische Rechtswissenschaften am Paderborner Institut für Islamische Theologie.

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