Eine Kur für Philosoph*innen

In seiner beeindruckend detailreichen Hegel Biographie erinnert Klaus Vieweg an einen Brief Hegels an Windischmann vom 27.05.1810, in dem wir so etwas wie „die von Hegel empfohlene Selbsttherapie für Philosoph*innen“ finden können. Karl Joseph Hieronymus Windischmann war ein begeisterter Leser Hegels – 1807 hatte er eine enthusiastische Rezension der Phänomenologie des Geistes geschrieben; 1818 wurde er Philosophieprofessor in Bonn. Für Windischmann ist die Phänomenologie des Geistes eine Art selbsttherapeutisches Buch, “das Elementarbuch der Befreiung der Menschen”. In seinem Brief an Hegel vom 27.04.1810 erzählt er Hegel zuerst davon, dass es sich seit geraumer Zeit in einem beunruhigenden psychischen Zustand befindet: “meine drückende Lage wird mir zum Fels auf der Brust […] alles, was ich getrieben und geschrieben, ekelt mich an”  dann weist er selbst auf den Weg hin, durch den eine Genesung erfolgen könnte: “dieses leidige Wesen muss ich los werden und ich kann es nicht gründlicher, als wenn ich alles andere mit Macht wegschleudernd mich allein wieder der Wissenschaft hingebe und aufs neue das System der Wissenschaft studiere”. Mit “Wissenschaft” und das “System der Wissenschaft” ist der Inhalt der Phänomenologie des Geistes gemeint – dazu schreibt Windischmann: “Das Studium Ihres Systems der Wissenschaft hat mich überzeugt, daß dieses Werk einst, wann die Zeit des Verständnisses kommt, als das Elementarbuch der Befreiung des Menschen angesehen werden wird”. Also ist das, was Windischmann meint, wenn er “Befreiung der Menschen” schreibt, die Heilung der geistigen Krankheit, die durch das Studium der (Hegelschen) Philosophie und Wissenschaft zustande kommt.

Wollten wir diese Selbstdiagnose Windischmann verallgemeinern und ihr folgen, müssten wir, um von unseren psychischen Störungen zu genesen, Hegel studieren.

Hegels Antwort an Windischmann und seine empfohlene Selbsttherapie ist leicht anders und subtiler. Hegel berichtet, dass er selbst “ein paar Jahre an dieser Hypochondrie bis zur Entkräftigung gelitten” hatte, dass alle Menschen in ihrem Leben “den nächtlichen Punkt der Kontraktion ihrer Wesen” erleben. “Fahren Sie getrost fort; die Wissenschaft, die Sie in dieses Labyrinth des Gemüts geführt, ist allein fähig, Sie herauszuleiten und zu heilen”.

Die Philosophie ist also für Hegel zugleich Ursache der Krankheit und Weg zu deren Heilung. Die von Hegel empfohlene Selbsttherapie ist also keine Therapie für normale Menschen, sondern für Philosoph*innen. Es geht um die Art der Genesung geistiger Krankheiten, die von der Philosophie selbst verursacht wurden und nur uns Philosoph*innen betreffen. Es geht dabei um die geistige Erdrückung, das Labyrinth des Gemüts, Steckenbleibens und sich im Kreise drehen in labyrinthischen Gängen, die durch das Scheitern bei der Denkarbeit verursacht und nur durch das Weitermachen bei der philosophischen Arbeit geheilt werden.