Zwischen Text, Theorie und Diskussion: Ein persönlicher Bericht aus dem Semesterkolloquium

Zwei intensive Tage voller Filterkaffee, Pizza, Snacks und vor allem intensiver Diskussionen über Texte, Begriffe und Erkenntnis. Am 13. und 14. Februar 2026 fand am Paderborner Institut für Islamische Theologie ein Forschungskolloquium statt, bei dem Promovierende sowie Lehrende des Instituts und des ZeKK ihre aktuellen Projekte vorstellten und gemeinsam diskutierten.

Den Auftakt gestalteten die Professoren.

Prof. Dr. Zishan Ghaffar führte uns in methodisch-exegetische Grundfragen ein: Wie viel dürfen und können wir in einen Text hineinlesen? Besonders spannend war die Frage, wie der Koran mit mehrdeutigen Aussagen umgeht – und ob er selbst eine eigene Hermeneutik formuliert, wenn er zwischen klaren (muḥkamāt) und mehrdeutigen (mutašābihāt) Versen unterscheidet.

Weiter ging es mit Prof. Dr. Idris Nassery. Theologisch und religionspädagogisch spielte er mit uns das Szenario „Mensch gegen Maschine“ durch. Zwischen ʿilm, iǧtihād und „Black-Box“-Modellen Künstlicher Intelligenz entstand ein spannungsreiches Gespräch über die epistemische Struktur von Wissen. Seine zugespitzte These blieb hängen: Islamische Normativität lebt vom Verstehen – nicht vom Berechnen.

Prof. Dr. Raid al-Daghistani entführte uns anschließend in mystische Gefilde. Aus seinem Lesebuch zu Begriffen islamischer und christlicher Mystik ließ er uns kosten – vielleicht etwas zu intensiv. Fast schon wäre aus dem Lesebuch ein Vokabular geworden.

Es ging weiter mit den Nachwuchsforschern.

Sarah Lebock präsentierte die schriftliche Ausarbeitung ihres IMOC-Vortrags und gewährte uns einen Einblick in die Praxis der psychosozialen Trauerbegleitung. Besonders eindrücklich war dabei, wie interreligiöse Impulse konkret in sozialarbeiterische Kontexte hineinwirken und welche hermeneutischen Chancen, aber auch Herausforderungen daraus entstehen können.

Auch Gülbahar Erdem bewegte sich in einem sensiblen Feld. Sie stellte ein anspruchsvolles Kapitel ihrer Dissertation vor, in dem sie die Begriffe „Krise“ und „Prüfung“ aus islamisch-religiöser Perspektive untersucht. Es wurde deutlich, dass die beiden Begriffe Leid nicht nur beschreiben. Vielmehr ist die Interpretation bereits impliziert und verweist auf Möglichkeiten des Umgangs.

Der zweite Tag begann und ich durfte den Auftakt machen. Ich stellte den Einstieg in das erste Kapitel meiner Dissertation vor, in dem es um die islamrechtliche Verantwortungsarchitektur geht.

Nach mir waren die Post-Docs an der Reihe.

Dr. Yael Attia führte uns in ihre aktuelle Forschung zur jüdischen Tradition ein und reflektierte das Thema „body and flesh“. Ihre Ausführungen machten deutlich, wie sehr körperbezogene Begriffe theologisch aufgeladen sind – und wie sie religiöse Anthropologien prägen.

Dr. Mohammad Abdelrahem ließ uns am Begriff der Wahrheit und an der Kategorie der „Richtigkeit“ zweifeln. Seine Auseinandersetzung mit der Maxime „kullu muǧtahid muṣīb“ öffnete den Raum für die Frage, ob und wie unterschiedliche Urteile zugleich legitim sein können.

Dr. Ahmed Husic nahm uns mit in ein europäisches Grenzgebiet und zeigte anhand seiner Forschung zu Hasan Kafi, wie eng politische Ethik, gesellschaftliche Ordnung und religiöse Argumentation miteinander verflochten sein können.

Den Abschluss bildete Dr. Stefan Kokew, der sein Buchprojekt zum Thema Toleranz vorstellte. Kaum präsentiert, wurde er auch schon praktisch herausgefordert. Mit Bravour konnte Dr. Stefan Kokev auch divergierende Meinungen bezüglich des Themas tolerieren.

Am Ende standen zwei dichte Tage intensiver Gespräche. Viele Fragen blieben offen. Gerade darin lag jedoch der eigentliche Gewinn. Wissenschaftliche Arbeit lebt von solchen Momenten gemeinsamer Reflexion, in denen Perspektiven aufeinandertreffen und neue Denkbewegungen entstehen.

Ein herzlicher Dank gilt auch Frau Katja Grashöfer und Frau Hannin Hamidi Abdullah für ihre bereichernde Teilnahme. Auch bedanken wir uns herzlich bei Frau Selin Avci und Frau Heike Troja, die mit ihrer tatkräftigen Unterstützung und organisatorischen Präsenz wesentlich zum Gelingen des Kolloquiums beigetragen haben.

Der christliche Hilmī Adīb, mein erster Lehrer der Koransure aḍ-Ḍuḥā

Manche Erinnerungen aus der Kindheit verlieren mit den Jahren an Schärfe. Andere hingegen bleiben seltsam lebendig. Sie kehren wieder, oft ausgelöst durch einen Geruch, einen Klang, einen Satz – oder, wie in meinem Fall, durch eine Koransure. Wenn ich heute die Sure 93 (auā) rezitiere, denke ich nicht nur an ihren Trost, ihre Schönheit und ihre Botschaft. Ich denke auch an einen Mann aus meiner Grundschulzeit in Ägypten: an Hilmī Adīb, den christlichen Schuldirektor, bei dem ich als muslimisches Kind eben diese Sure auswendig lernte.

Ich besuchte damals eine staatliche Grundschule in Ägypten. Unsere Klasse war konfessionell gemischt: Die meisten Kinder waren Muslime, einige wenige Christen. Im Religionsunterricht trennten sich unsere Wege. Die christlichen Schülerinnen und Schüler gingen mit ihrem Lehrer in einen benachbarten Raum, während wir muslimischen Kinder im Klassenzimmer blieben und von unserem muslimischen Religionslehrer unterrichtet wurden.

Der christliche Religionslehrer war zugleich unser Schuldirektor, Herr Hilmī Addb. Er war klein, kräftig, ernst und streng. Beim morgendlichen Appell ging er zwischen den Reihen hindurch und kontrollierte unsere Uniformen, die Länge unserer Fingernägel, die Sauberkeit unserer Schuhe und unsere Frisuren. Er verkörperte Ordnung, Disziplin und eine Form schulischer Autorität, die keinen Widerspruch duldete. Wir mieden unnötige Gespräche mit ihm und versuchten vor allem, nicht aufzufallen. Vielleicht war ich einer der wenigen muslimischen Schüler, zu denen er eine besondere Nähe hatte. Ich erinnere mich, wie ich meinen Vater bat, zu Herrn Adīb nach Hause gehen zu dürfen, um an seinen Wiederholungsstunden im Fach Arabisch teilzunehmen. Diese Stunden waren eigentlich für seine christlichen Schülergruppen gedacht. Mein Vater erlaubte es mir nur widerwillig. So saß ich dort als einziger muslimischer Schüler mitten unter christlichen Kindern und hörte seinem Unterricht zu.

Eines Tages fehlte unser muslimischer Religionslehrer, Herr ʿAlī. An diesem Morgen kam Hilmī Adīb und blieb bei uns mit seiner christlichen Gruppe im Klassenraum. Er sagte mit seiner festen, unmissverständlichen Stimme: „Öffnet eure Religionsbücher!“ Dann fragte er: „Auf welcher Seite ist Herr ʿAlī stehen geblieben?“ Der Unterricht begann mit der Koranaure 93 (auā). Herr Adib rezitierte die Verse mit sprachlicher Klarheit und einer Sicherheit, die uns sofort zur Aufmerksamkeit zwang:

„Bei der Morgenhelle, und bei der Nacht, wenn sie still wird!
Dein Herr hat sich weder von dir verabschiedet noch verabscheut Er dich.
Wahrlich, das Jenseits ist besser für dich als das Diesseits.
Und dein Herr wird dir geben, und du wirst zufrieden sein.
Hat Er dich nicht als Waise gefunden und dir Zuflucht gewährt?
Und Er fand dich suchend und leitete dich recht.
Und Er fand dich bedürftig und machte dich reich.
Darum weise die Waise nicht hart zurück,
und den Bittenden fahre nicht an,
und von der Gnade deines Herrn – davon sprich!“

 Wir sprachen sie nach, konzentriert und vorsichtig, bemüht, keinen Fehler zu machen. Merkwürdigerweise dachten wir nicht darüber nach, dass ein christlicher Direktor uns, muslimischen Kindern, eine Koransure beibrachte. Entscheidend war für uns nicht sein Glauben, sondern seine Autorität als Lehrer und unser Wunsch, richtig nachzulesen.

In der folgenden Woche kam Herr Adīb erneut in unsere Religionsstunde. Er wollte sehen, was geblieben war. In Anwesenheit unseres eigentlichen Religionslehrers fragte er jeden Einzelnen von uns die Sure auā ab. Was er uns beigebracht hatte, sollte sitzen. Es war, als hätte er für diesen Moment nicht nur eine Vertretung übernommen, sondern auch eine Verantwortung: dafür, dass Lernen ernst genommen wird, dass Sprache Sorgfalt verlangt und dass religiöse Bildung mehr ist als die bloße Weitergabe von Stoff.

Ein Jahr später beschloss mein sehr religiöser Vater, mich von der staatlichen Schule auf die islamische Azhar-Schule zu versetzen. Als er kam, um den Schulwechsel zu beantragen, versuchte Herr Adīb, ihn von dieser Entscheidung abzubringen. Ich sehe die Szene noch heute vor mir: Ich stand zwischen den beiden Männern und hörte ihrem Gespräch zu, bis Herr Adīb die Unterlagen schließlich widerwillig unterschrieb.

An der Azhar-Schule lernte den Koran vollständig auswendig. Doch die Sure auā hatte ich längst mitgenommen – von meinem christlichen Lehrer Hilmi Adīb. Bis heute begleitet mich diese Erinnerung. Wenn ich die Sure lese, mit meinen Kindern rezitiere oder im Gebet spreche, erscheint manchmal sein Gesicht vor meinem inneren Auge. Dann lächle ich. Zwischen den Zeilen meines Muṣḥaf steht für mich auch eine Erinnerung an diesen Mann, der meiner religiösen Biographie an einem unerwarteten Punkt eingeschrieben ist.

Vielleicht liegt gerade darin eine tiefe Einsicht für religionspädagogisches Nachdenken heute. Religiöse Bildung vollzieht sich nicht nur in konfessioneller Eindeutigkeit, institutioneller Trennung oder klaren Zuständigkeiten. Sie geschieht auch in Begegnungen, in Haltungen, in sprachlicher Sorgfalt, in verkörperter Autorität und in jener Form des Respekts, die den anderen nicht vereinnahmt, ihm aber dennoch etwas Wertvolles vermittelt. Ein christlicher Direktor, der muslimischen Kindern eine Koransure beibringt, mag auf den ersten Blick ungewöhnlich erscheinen. In meiner Erinnerung ist diese Szene jedoch ein Beispiel dafür, wie selbstverständlich religiöse Koexistenz im Alltag werden kann, wenn sie von Ernsthaftigkeit, pädagogischer Integrität und menschlicher Achtung getragen ist.

So ist die Sure auā für mich Teil einer Erinnerung an gelebte Nachbarschaft zwischen Christentum und Islam, an schulische Disziplin und an eine Form stiller Anerkennung, die weit über das Klassenzimmer hinausreicht.

Eine Kur für Philosoph*innen

In seiner beeindruckend detailreichen Hegel Biographie erinnert Klaus Vieweg an einen Brief Hegels an Windischmann vom 27.05.1810, in dem wir so etwas wie „die von Hegel empfohlene Selbsttherapie für Philosoph*innen“ finden können. Karl Joseph Hieronymus Windischmann war ein begeisterter Leser Hegels – 1807 hatte er eine enthusiastische Rezension der Phänomenologie des Geistes geschrieben; 1818 wurde er Philosophieprofessor in Bonn. Für Windischmann ist die Phänomenologie des Geistes eine Art selbsttherapeutisches Buch, “das Elementarbuch der Befreiung der Menschen”. In seinem Brief an Hegel vom 27.04.1810 erzählt er Hegel zuerst davon, dass es sich seit geraumer Zeit in einem beunruhigenden psychischen Zustand befindet: “meine drückende Lage wird mir zum Fels auf der Brust […] alles, was ich getrieben und geschrieben, ekelt mich an”  dann weist er selbst auf den Weg hin, durch den eine Genesung erfolgen könnte: “dieses leidige Wesen muss ich los werden und ich kann es nicht gründlicher, als wenn ich alles andere mit Macht wegschleudernd mich allein wieder der Wissenschaft hingebe und aufs neue das System der Wissenschaft studiere”. Mit “Wissenschaft” und das “System der Wissenschaft” ist der Inhalt der Phänomenologie des Geistes gemeint – dazu schreibt Windischmann: “Das Studium Ihres Systems der Wissenschaft hat mich überzeugt, daß dieses Werk einst, wann die Zeit des Verständnisses kommt, als das Elementarbuch der Befreiung des Menschen angesehen werden wird”. Also ist das, was Windischmann meint, wenn er “Befreiung der Menschen” schreibt, die Heilung der geistigen Krankheit, die durch das Studium der (Hegelschen) Philosophie und Wissenschaft zustande kommt.

Wollten wir diese Selbstdiagnose Windischmann verallgemeinern und ihr folgen, müssten wir, um von unseren psychischen Störungen zu genesen, Hegel studieren.

Hegels Antwort an Windischmann und seine empfohlene Selbsttherapie ist leicht anders und subtiler. Hegel berichtet, dass er selbst “ein paar Jahre an dieser Hypochondrie bis zur Entkräftigung gelitten” hatte, dass alle Menschen in ihrem Leben “den nächtlichen Punkt der Kontraktion ihrer Wesen” erleben. “Fahren Sie getrost fort; die Wissenschaft, die Sie in dieses Labyrinth des Gemüts geführt, ist allein fähig, Sie herauszuleiten und zu heilen”.

Die Philosophie ist also für Hegel zugleich Ursache der Krankheit und Weg zu deren Heilung. Die von Hegel empfohlene Selbsttherapie ist also keine Therapie für normale Menschen, sondern für Philosoph*innen. Es geht um die Art der Genesung geistiger Krankheiten, die von der Philosophie selbst verursacht wurden und nur uns Philosoph*innen betreffen. Es geht dabei um die geistige Erdrückung, das Labyrinth des Gemüts, Steckenbleibens und sich im Kreise drehen in labyrinthischen Gängen, die durch das Scheitern bei der Denkarbeit verursacht und nur durch das Weitermachen bei der philosophischen Arbeit geheilt werden.