„Ich fühle mit ihnen…“

In den vergangenen Tagen und Wochen vergeht kein Tag, ohne dass ich die Zeitung öffne und mit Nachrichten über Naturkatastrophen konfrontiert werde: Hier steht ein nächster Waldbrand an, dort zieht ein ungewöhnlich starker Hurrikan auf, und ganz woanders kommt es wieder zu heftigen Überschwemmungen. Doch schienen mir solche oder ähnliche Nachrichten als Zeugnis eines auch vom Menschen mitverursachten Klimawandels zumeist sehr fern im klimatisch ausgewogenen Deutschland. Die Horror-Überflutungen in Ahrweiler, Ahrtal, Hagen und in zahlreichen weiteren Ortschaften vor wenigen Wochen jedoch rückten nicht nur geographisch, sondern auch emotional das unvorstellbare Leid der betroffenen Menschen in unser all Lebenswirklichkeit in Deutschland. So ohnmächtig und hilflos eine solche schreckliche Naturkatastrophe einen auch zunächst macht, so sehr traten für mich während und unmittelbar nach den Überflutungen auch so klar wie lange nicht mehr die Konturen dessen zutage, wer wir sind und wer wir sein wollen. So hat mir ein ganz zufälliger Halt an einer Raststätte im Ruhrgebiet das eindrucksvolle Mitgefühl und die Solidarität mit den Betroffenen Menschen klargemacht: Ein junger Mann, allenfalls 20 Jahre alt, war umgeben von einigen Polizeibeamten. Ich hatte mein Fahrzeug nur wenige Meter entfernt geparkt und konnte sehr deutlich die lautstarke Unterhaltung zwischen dem jungen Mann und den Polizeibeamten wahrnehmen. Der junge Mann hatte sich mit seinem Fahrrad auf die Autobahn begeben und wollte wohl von Arnsberg nach Hagen, um den von den Hochwassern betroffenen Menschen zu helfen. Während die Polizeibeamten mit aller Nüchternheit dem jungen Mann versuchten zu erklären, dass er nicht mit einem Fahrrad die Autobahn befahren dürfe, da er ansonsten sich und die anderen Verkehrsteilnehmer in erhebliche Gefahr bringe, erwiderte der junge Mann immer wieder: „Ich habe leider kein Auto, will aber den Menschen in Hagen helfen. Ich fühle mit ihnen und kann nicht untätig bleiben!“ Mitgefühl ist das Wesen des Gläubigen wird in einem Ausspruch des Gesandten Muḥammad überliefert. Nicht allein Empathie, also die Fähigkeit und Bereitschaft des Einfühlens, sondern Mitgefühl. Der Mitfühlende will handeln, also helfen, dort sein wo die Gegenwart Gottes erfahrbar wird. Der kanadische Wissenschaftler und Autor Paul Bloom hat es einmal so formuliert: „Empathie heißt, ich fühle das, was ein anderer Mensch fühlt. Mitgefühl bedeutet: Ich kümmere mich um den anderen, ich sorge für ihn.“ Beim Mitgefühl so Imam al-Ghazālī (gest. 1111) werden Herz und Verstand eins und münden in eine Handlung. Dieses Einstehen und die Verbundenheit des Einzelnen mit dem Schicksal der gesamten Schöpfung sei die Kernbotschaft aller Propheten so al-Ghazālī an anderer Stelle. Spannend ist, dass sich Mitgefühl hier nicht allein dem Menschen gegenüber erschöpft, sondern ebenso die Natur miteinbezieht. Ein Blick in die Prophetenbiographie Muḥammads und seiner tiefen Verbundenheit mit der Natur als Kind unter Beduinen sowie der Zeichen-Theologie des Korans lassen unverkennbar die Notwendigkeit des Mitgefühls mit der Natur offenbar werden. „Niemand ist eine Insel“ heißt es in einem Vers eines Gedichts des englischen Lyrikers John Donne. Auch wir nicht in Deutschland!

Dr. Idris Nassery ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Seminar für Islamische Theologie an der Universität Paderborn.

#feelyou #Mitgefühl #Klimawandel

Menschliche Schöpfungsverantwortung statt Strafe Gottes

Manchmal ist es erschreckend, wie schnell jemand bei der Beschäftigung mit einem biblischen Text von der Realität eingeholt werden kann. Mitte Juli erging es so den vielen Pfarrer*innen und Prädikant*innen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) – darunter auch einem der beiden Autor*innen dieses Textes –, die am siebten Sonntag nach Trinitatis den Gottesdienst verantworteten und nach der sogenannten Perikopenordnung eine Geschichte aus 1. Könige 17, 1-16 als Predigttext vorgegeben bekommen hatten.

Hier teilt Gott dem Propheten Elia mit, dass „diese Jahre weder Tau noch Regen kommen“ würden. Er lässt also wissentlich zu, dass eine große Trockenheit eintreten wird, oder – und das wäre der noch schwerere „Tatbestand“ – er schickt diese Dürre ganz bewusst. Eine Naturkatastrophe als Strafe Gottes? Diese Vorstellung gibt es seit Anbeginn der Zeit. Und Notsituationen wie bei Elia sind nicht nur Gegenstand von archaischen Erzählungen, sondern sie passieren auch heute jeden Tag – denken wir nur an die große Hungersnot in vielen Ländern Afrikas, aber auch auf anderen Kontinenten, und an die extreme Wasserknappheit, die vielerorts herrscht. In der Woche vor dem siebten Sonntag nach Trinitatis kam dann das erschreckende Gegenteil hinzu: Die Bilder von den Überschwemmungen aus Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und weiteren Teilen Europas werden wir so schnell nicht wieder vergessen. Eine Predigt über einen Text zu verfassen, in dem eine große Trockenheit die Menschen verhungern und verdursten lässt, während tatsächlich gewaltsame Wassermassen von einem Moment auf den anderen unzählige Existenzen vernichteten und so viele Menschenleben forderten, wurde dadurch zu einer extremen Herausforderung.

Aber: Können wir Gott tatsächlich verantwortlich machen für all die Not oder – vielmehr noch – sogar davon ausgehen, dass sie ganz bewusst von ihm so gewollt ist? Ist Gott dieser strafende Gott, der uns das große Unglück schickt, auf dass wir geläutert werden? Auch in der Coronapandemie war dies immer wieder zu hören. Doch ein Virus, das Menschen zum Nachdenken zwingt oder nur die „Bösen“, aber nicht die vermeintlich „Gerechten“ trifft: Das würde ihn, mit dem evangelischen Theologen Wolf Dieter Steinmann gesprochen, zu einem „Menschenfeind“ machen, weshalb Corona als Strafe Gottes in die Reihe der religiösen Verschwörungserzählungen gehört – auf einer Ebene mit jenen Schwurblern, die die Existenz der Gefahren des Coronavirus gänzlich leugnen.

In Bezug auf viele Naturkatastrophen ist eine wissenschaftliche Argumentation möglich, denn die Realität eines menschengemachten Klimawandels, der die Not von Millionen Menschen noch verschärft, lässt sich mit einem gesunden Menschenverstand nicht leugnen. Aus theologischer Sicht ist hier wichtig: Gottes Schöpfung ist ein Geschenk für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Der christliche Glaube ist mehr als nur die Hoffnung auf ein transzendentes Heil – er beinhaltet vor allem auch ein harmonisches, florierendes und nachhaltiges Leben im Angesicht Gottes im Hier und Jetzt. Hierbei wird dem Menschen durch seine Ebenbildlichkeit ein besonderer Auftrag zuteil. Er wurde nicht als König oder Untertan geschaffen, sondern mit der Aufgabe der Schöpfungsverantwortung versehen, die schöpferische Vielfalt auf der Welt zu bewahren. Die jüngsten Ereignisse haben noch einmal vor Augen geführt, dass die Schöpfung vor einer gravierenden globalen Herausforderung steht, die dringend menschliches Umdenken und Handlungsbedarf fordert. Schließlich ist dem evangelischen Theologen Jürgen Ebach zufolge der Mensch erst dann ganz Mensch, wenn er die Schöpfung ehrt.

Daraus zu schließen, dass die Menschen, die in den von den Überschwemmungen und anderen Katastrophen betroffenen Regionen ihr Hab und Gut oder ihr Leben verloren haben, selbst schuld daran seien, wäre jedoch nicht nur zutiefst zynisch, sondern ebenso unangebracht wie die Rede von einer Strafe Gottes. Wer Gott als Urheber derartiger Katastrophen behauptet, entzieht sich der eigenen Verantwortung. Stattdessen hat die gesamte Menschheit den Auftrag, die Schöpfung Gottes – Mensch, Tier und Natur – zu bewahren. Daher bedarf es nicht erst seit den schrecklichen Bildern der vergangenen Wochen einer globalen ökologisch und wirtschaftlich nachhaltigen Neuausrichtung. 

Stephanie Lerke ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Evangelische Theologie der Technischen Universität Dortmund und Lehrbeauftragte am Institut für Evangelische Theologie der Universität Paderborn, Jan Christian Pinsch ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Evangelische Theologie der Universität Paderborn und Prädikant in der Lippischen Landeskirche.

#Schöpfungsverantwortung #Klimawandel #Nachhaltigkeit

Der ägyptische Lehrer

Am 5. Juli. 2021 war der 11. Gedenktag des ägyptischen Denkers Nasr Abu Zaid (gest. 5. Juli 2010). Ich habe von ihm gehört, bevor ich ein einziges Wort von ihm gelesen habe. In der Mittelschule hörte ich das Vorurteil, dass er in seinem Buch „Naqd al-ḫiṭāb ad-dīnī, Kairo 1992; Kritik des religiösen Diskurses“ über den Islam bzw. den Koran schlicht spricht. Dieses Vorurteil blieb in meinem Kopf bis ich anfing, Islamwissenschaft an der Al-Azhar Universität zu studieren. Damals begann ich, die Schriften von Nasr Abu Zaid zu lesen und seine Interviews auf YouTube zu schauen. Seine Geschichte hat mich berührt.

Es wurde klar für mich, dass er ein mutiger und ein verantwortungsvoller Mensch war. Als sein Vater starb, übernahm er die Verantwortung für seine Familie und er unterstützte seine kleinen Geschwister, bis sie selbst für sich sorgen konnten. Diese menschliche Seite von Abu Zaid hat mich sehr beeinflusst.

Nasr träumte davon, an der Universität zu studieren. Nach einer technischen Ausbildung konnte er, neben seiner Arbeit, seinen Traum erfüllen und er besuchte die Universität Kairo, um dort Arabistik zu studieren. Nach seinem Studium begann seine Karriere an der Universität. In 1990er Jahren geriet er wegen seiner Lesart bzw. seines andersartigen Verständnisses des Korans in Ägypten in scharfe Kritik. Einige Gelehrten beschuldigten ihn der Apostasie. Abu Zaid wurde scharf kritisiert, weil er den Koran in seinem geschichtlichen Kontext interpretieren wollte. Die bekannte Islamwissenschaftlerin Annemarie Schimmel (gest. 2003) sah in ihm einen „der herausragenden Köpfe der islamischen Welt, der den gefährlichen Versuch unternahm, den Koran für die Moderne zu öffnen“ (Tages Spiegel, 07.07.2010).

Manchmal denke ich, dass seine Gegner bzw. Kritiker ihm einen großen Gefallen getan haben. Denn aufgrund dieser scharfen Kritik wurde Nasr Abu Zaid berühmt und seine These verbreitete sich in der ganzen Welt. In seinem letzten Interview mit (Qantara.de.) sagte der bescheidene Forscher: „Ja, ich bin ein Opfer. Aber ich bin auch ein Zeuge des Wandels, der vonstattengeht, allen Grausamkeiten – wie in meinem Fall – zum Trotz. Der berühmte arabisch-spanische Philosoph Averroës wurde verurteilt. Doch seine Ideen haben sich trotzdem im Westen ausgebreitet“.

Ahmed Elshahawy ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Seminar für Islamische Theologie der Universität Paderborn.

#traum #Universität #Lehrer

Warum ich auf die Rückkehr der Hörsäle hoffe

Deutschland, so kann man nicht erst seit Pandemiebeginn immer wieder hören, hat Nachholbedarf bei der Digitalisierung. Dabei dürfte an den Universitäten vieles, trotz anfänglicher Improvisation, besser geklappt haben als andernorts. Ob im nächsten Jahr auch die Hörsäle wieder gefüllt sind wie vor der Krise, kann wohl niemand mit Sicherheit sagen. Dass Seminare davon leben, dass Menschen von Angesicht zu Angesicht miteinander reden und Ideen diskutieren, werden die allermeisten so sehen und sich auf eine Rückkehr zur Normalität freuen. Lange hielt ich es aber für eine gute Idee, Vorlesungen in Zukunft doch komplett digital und zum Mitnehmen anzubieten. Das Konzept von Pult, Sitzreihen und Mitschreiben schien mir veraltet und eher Traditionsgründe zu haben. Wieso nicht beim Spaziergang den Stoff als Podcast anhören – oder abends ein Video gucken, anstatt von Uhrzeit und Nahverkehr abhängig zu sein?

Sicherlich werden die Erfahrungen der letzten Monate helfen, dass neue Formate in den Unialltag aufgenommen werden. Auch in Paderborn haben wir eine Online-Ideenwerkstatt und die Videointerviewreihe „ZeKK live“ gestartet. Zugleich merke ich inzwischen stärker, was nur vor Ort geht. Zur Wahrheit gehört, dass ich im Studium längst nicht in jeder Vorlesung war, und längst nicht jede aufmerksam verfolgt habe. Dennoch erinnere ich mich an Hörsaalmomente, die mein Interesse am Fach entscheidend geweckt haben, und die meistens mit den Mitstudierenden zu tun hatten. Wenn etwa jemand plötzlich auf die Ausführungen des Professors reagiert und murmelt: „Das stimmt doch nicht.“ Wenn ich mich richtig erinnere, ging es in diesem Fall um die Frage, ob werdende Eltern zugleich den Tod ihres Kindes immer schon in Kauf genommen haben. Oder wenn durch die Reihen hinweg Kopfnicken oder -schütteln anzeigt, dass der Vorlesungsstoff mit zur Kaffeepause oder in die Mensa genommen wird. Oft war die Vorlesung selbst dann nur der Auftakt für weitere Gespräche, und oft waren es diese Momente, in denen mir ein Problem erst deutlich geworden ist. Wie sehr diese Alltagsroutinen mein Studium geprägt haben, wurde mir erst klar, als viele der kleinen Austauschmöglichkeiten wegfielen. Eine gute Vorlesung lässt sich genauso gut und genauso schlecht digitalisieren wie ein Konzert. Der „Inhalt“ lässt sich auch anders transportieren, aber dann fehlt entscheidendes. Bis zum Beweis des Gegenteils hoffe ich daher auf die Rückkehr des Hörsaals. Und Terminabsprachen, die auch eine E-Mail hätten sein können, dürfen gern weiter per Zoom stattfinden

Lukas Wiesenhütter ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Katholische Theologie der Universität Paderborn.

#Digitalisierung #Hörsaal #Rückkehr

Emanzipation des weiblichen Körpers

Der Bundesrat hat „ein Gesetz mit Vorschriften zur äußeren Erscheinung von Beamten gebilligt… Das Gesetz stieß bei islamischen Verbänden auf Widerstand, weil sie ein Kopftuchverbot durch die Hintertür befürchten“.[1]

Kaum lese ich die Nachricht, kommt mir der Kopftuchzwang in einigen muslimischen Ländern wie Iran und Saudi-Arabien in den Sinn. Der Zwang zum Tragen des Kopftuchs auf der einen und das Verbot des Tragens auf der anderen Seite – wenn auch beschränkt auf die Berufsgruppe der Beamtinnen – sind für mich als Frau und Muslima zwei Seiten einer Medaille. Beide diktieren mir, „was ich tragen darf und was nicht“. Beide schreien mir „mit der Kraft des Gesetzes“ zu: Ich kann nicht arbeiten, wenn ich mich nicht an bestimmte Kleidervorschriften halte. Ich kann nicht meinen eigenen Lebensunterhalt verdienen – was mich finanziell und sozial unabhängig macht –, wenn ich mich nicht so kleide, wie „sie“ es „mir“ sagen. 

Die eine Seite setzt mir kraft des Gesetzes eine Kopfbedeckung auf, die andere entfernt sie kraft des Gesetzes. Auf beiden Seiten entscheide nicht ICH über meinen eigenen Körper, sondern SIE entscheiden. Trotz der großen Unterschiede auf beiden Seiten – und beide sehen sich als die „falsche Seite“ – sind sie sich in ihrem Willen, über die Frau zu bestimmen, wesentlich ähnlicher als sie zugeben würden. Für beide Seiten ist der Körper der Frau das kontroverse Thema.

Für mich ist das, was ein System von Ideen und Gedanken zu einem „ideologischen System“ macht, eben gerade der Körper der Frau. Wo er zum „Schlachtfeld“ wird, zur eigentlichen Barriere, die über Fortschritt, den Grad der Emanzipation und Integration entscheidet, hat das Patriarchat den Gesetzgeber ersetzt. Wo über das „Erbe der Aufklärung“ und „die Verteidigung der Menschenrechte“ gesprochen wird, geht es dann um das Aufrechterhalten einer männlichen Ordnung, die Frauen als abgeleitet von ihr definiert. 

Deshalb habe ich die Nase voll vom Burka-Streit, vom Kopftuch-Streit, von dem Narrativ von „Hijab als Symbol für die Unterdrückung der muslimischen Frauen“. Ich habe die Nase voll von all den oberflächlichen Streitigkeiten, die eigentlich kein wirkliches Problem ansprechen,[2] sondern eher Teil eines westlichen Narratives sind, das in das alte Meta-Narrativ über den „Orient“ passt[3] – d.h. dass muslimische Frauen unterdrückt sind, dass ihr Körper von den patriarchalischen Systemen versklavt wird usw. Meine Frage als muslimische Frau inmitten all dieser wahnsinnig lauten Stimmen der Auseinandersetzung ist: Warum sind es oft „andere“, die „im Namen der muslimischen Frauen“ sprechen? Warum sollen „andere“ immer für die muslimische Frau entscheiden? Warum wird dieses Thema zum eigentlichen Thema der Emanzipation und Integrationsfähigkeit erklärt? Selbst wenn der Islamismus eine Ideologie ist, die es zu bekämpfen gilt, warum macht man wieder den Körper der Frau zum Schlachtfeld? Warum sollen Frauen für den männlichen ideologischen Krieg bezahlen?

Von einem System der Freiheit und des Respekts vor den Menschenrechten lässt sich nur sprechen, wenn nicht der Frauenkörper weiterhin das Thema der Auseinandersetzung ist. Denn: Keine Freiheit ist möglich ohne die Freiheit des weiblichen Körpers – und über diese Freiheit bestimmen Frauen selbst.


[1] https://www.welt.de/politik/deutschland/article230971383/Bundesrat-Kopftuchverbot-durch-die-Hintertuer.html

[2] Mehr dazu: https://www.yorkshirepost.co.uk/news/how-many-muslim-women-actually-wear-burqa-university-professor-busts-burqa-myths-582474

[3] Nach Edward Saids bahnbrechendem Werk „Orientalismus“ sind wir uns mehr denn je solche problematischen dominanten Diskurse und Meta-Narrative bewusst.


Foto oben von Akram Saryani, das Michelangelos „Die Erschaffung Adams“ modelliert (unten).

Dr. Saida Mirsadri ist Mitarbeiterin am Seminar für Islamische Theologie der Universität Paderborn.

#Handsoffmyhijab, #Frauenemanzipation, #Patriarchat

Über Hanna(h)s

Unter dem Hashtag #IchbinHanna ist der Frust junger Akademiker*innen in Deutschland endlich laut und hörbar geworden. Deren Arbeitsbedingungen werden oft als prekär bezeichnet, sind aber im Verhältnis zum allgemeinen Arbeitsrecht eher absurd zu nennen. Ein anderes Wort verdient ein System nicht, in dem der Staat zulässt und fördert, was er andernorts strikt unterbindet, dass nämlich Menschen ohne Angabe von Gründen und ohne Ansehung der Leistung ihre Anstellung verlieren dürfen bzw. müssen und damit ihre Lebensgrundlage. Die wirtschaftlichen, sozialen und psychischen Folgen für die jungen Wissenschaftler*innen sind ebenso gut dokumentiert wie die Konsequenzen für Wissenschaft und Bildung selbst. Es ist für eine der stärksten Wirtschaftsmächte der Welt, die sich auch gerne in der Bildungspolitik vorne sehen würde, schlicht beschämend, dass es nicht gelingt, hier wirklichen Fortschritt zu erzielen. Der Versuch des BMBF, für das bestehende System über die kindergartentaugliche Erzählung von Hanna zu werben, ist zum Glück krachend gescheitert und hat einen öffentlichen Sturm der Empörung ausgelöst. Allerdings finde ich den Namen Hanna recht gut gewählt, weil ich ihn mit zwei Frauen assoziiere, die für mich als Philosophen und Theologen wichtig sind.

Da ist zum einen natürlich Hannah Arendt, deren praktische Philosophie nicht nur auf die großen humanitären Katastrophen, sondern gerade auf den Alltag gesellschaftlichen Zusammenlebens gerichtet ist. Sie hat wie keine zweite deutlich gemacht, dass sich niemand in einem Unrechtssystem verstecken darf. Jede*r einzelne, jede Ministerin, aber auch jeder Rektor und jede Professorin, hat aus Freiheit die Verantwortung zu tun, was ihr und ihm unmittelbar möglich ist, um Ungerechtigkeit zu verhindern. Niemand hat das Recht, sich in die Unmündigkeit der Systempflicht zu flüchten, um seine eigene Macht auf dem Rücken Schwächerer zu etablieren. 

Die biblische Prophetin Hanna betrachtet die Mächtigen mit mitleidiger Schärfe, weil sie sich über etwas zu definieren versuchen, was sie nicht sind. Man ist nicht an sich mächtig, sondern hat Macht nur in einem bestimmten System: „Niemand ist stark durch eigene Kraft.“ (1 Sam 2,9) Statt sich verzweifelt an die eigene Relevanz zu klammern soll der Mensch einsehen, dass nur sein Tun zählt.

Es kommt also nicht nur darauf an, dass etwas getan wird, sondern darauf, dass jede*r tut, was ihm und ihr möglich ist. So lässt sich der langfristig unausweichliche Systemwechsel noch sinnvoll und mit politischem Gestaltungsspielraum beeinflussen. Andernfalls verspricht nur noch der Kollaps Erlösung – mit der Apokalypse kennt sich die biblische Hanna übrigens auch gut aus.

Dr. Aaron Langenfeld ist Vertretungsprofessor für Dogmatik und Dogmengeschichte unter Berücksichtigung fundamentaltheologischer Fragestellungen an der Universität Vechta.  

#IchbinHanna

Eine ärztliche Beratung

Bei unserem ersten Arztbesuch hat dieser uns (meine Frau und ich) herzlich empfangen. Nachdem wir mit ihm einige gesundheitlichen Fragen besprochen haben, fing der Arzt, der in 80er-Jahre von Syrien nach Deutschland wegen des Studiums gereist ist, an seine beeindruckende Geschichte zu erzählen. Er erzählte uns, wie er und seine Familie in einem libanesischen Flüchtlingslagern nach 1948 gelitten hatten, als er und seine Familie gezwungen wurden ihr Land Palästina zu verlassen. Weiterhin erzählte er uns von Schwierigkeiten und Herausforderungen, mit denen er in seinen ersten Jahren in Deutschland konfrontiert war. Wie er all diese Herausforderungen überwand schließlich seine Doktorarbeit mit erfolgreich abgeschlossen hat und seine Karriere in Deutschland begann. „Mein Leben war nicht leicht, ich musste mir viel Mühe geben und Tag und Nacht arbeiten, damit ich meinem Professor, der damals grundsätzlich keine Ausländer angenommen hatte, zeige,n konnte dass ich es schaffen kann“, sagte der Arzt mit einem sehr ernsten Blick. Wir folgten seiner Geschichte mit großem Interesse, weil ein Teil davon uns berührt. Wir als ausländische Studierende haben einige der von ihm geschilderten Situationen erlebt und wir sind ebenso mit ähnlichen Herausforderungen in unserem Leben konfrontiert. Am Ende sagte er uns: „Ihr müsst auch viel lernen und euch viel Mühe geben, damit ihr euren großen Traum erfüllen könnt.“ Schließlich dankten wir ihm sowohl für seine ärztliche Beratung als auch für seinen guten Rat, dazu haben wir ihn mit einer vollen Motivation und Zufriedenheit verabschiedet. Während unserer Rückfahrt nach Paderborn hat uns diese inspirierende Geschichte unseres arabischen Arztes begleitet. Ich glaube, auf solch Geschichten der Geflüchteten sollten wir einen Blick werfen.  

Ahmed Elshahawy ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Seminar für Islamische Theologie der Universität Paderborn.

#Lebensnah #Erfahrungen #Träume

Sehen und Gesehen-Werden

Sich endlich wieder sehen zu können, ohne Einladungslinks verschicken und ohne die Kamerazugriffserlaubnis aktivieren zu müssen – das könnte die Errungenschaft dieses Sommers sein. Die letzten Monate haben uns gezeigt, welcher Wert darin steckt, den und die Andere*n nicht nur im 3:4-Format zu sehen, sondern sich, im wahrsten Sinne des Wortes, ein umfassendes Bild vom Gegenüber machen zu können. 

Wirklich zu sehen und gesehen zu werden hat aber nicht nur etwas mit physischer Präsenz zu tun. Es geht um Aufmerksamkeit und um die Empfänglichkeit für die Wünsche, Sorgen, Ängste und Gedanken meines Gegenübers. Das bedeutet allerdings auch, dass ich selbst nicht gesehen werden kann, wenn ich mich unter Verschluss halte. Oder wie Simon and Garfunkel es formulieren: “I am a rock, I am an island, I’ve built walls, A fortress deep and mighty, That none may penetrate, I have no need of friendship; friendship causes pain, It’s laughter and it’s loving I disdain, I am a rock, I am an island, Don’t talk of love.” Ohne Zugänglichkeit, ohne Verletzlichkeit und ohne Angreifbarkeit also keine Beziehung, so könnte man resümieren. 

Dieses Prinzip gilt auch für die Gott-Mensch-Beziehung. Dabei geht es hier nicht nur um die Verletzlichkeit des Menschen vor Gott, sondern auch um die Verletzlichkeit Gottes selbst. 

Der Sinn des Offenbarungsglaubens, wie er nicht nur im Christentum, sondern auch in Judentum und Islam zum Tragen kommt, ist es, dass Gott sich zugänglich und sichtbar macht. Das Buch Hosea beschreibt eindrücklich die Emotionen Gottes angesichts des Verhaltens des Volkes Israel. Gott ist zornig, eifersüchtig, vergebend. Und Gott will erkannt und geliebt werden – „Denn an Liebe habe ich Gefallen, nicht an Schlachtopfern, an Gotteserkenntnis mehr als an Brandopfern.“ (Hos 6,6). Gott riskiert aber auch, dass die Menschen seine Liebe nicht erwidern, auf Abstand gehen und jede Beziehung zu ihm verweigern. Insofern macht sich Gott verletzlich, wenn er die Freiheit des Menschen unbedingt achtet und damit aufs Spiel setzt, dass sein Heilsplan für die Welt, sein Heilsplan mit jedem einzelnen Menschen nicht aufgeht. Dabei betont der Theologe Karl Rahner: das Beziehungsangebot Gottes an den Menschen bleibt und wird nicht mehr zurückgezogen. Das macht Gottes Bundestreue aus, die zwar jede Form der Treue übersteigt, zu denen Menschen in der Lage sind. Allerdings bildet sich diese Treue in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen ab, wenn wir es wirklich ernst mit unserem Gegenüber meinen und uns bemühen, den und die Andere*n wirklich zu sehen. 

Dr. Cornelia Dockter ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Katholische Theologie der Universität Paderborn.

#Offenbarung #Verletzlichkeit #Beziehung 

Heilige Monate

„Die Anzahl der Monate bei Allāh ist zwölf Monate in dem Buch Allāhs am Tag, als Er die Himmel und die Erde erschuf.  Davon sind vier heilig. Dies ist die rechte Religion. Darum tut (euch selbst) in ihnen kein Unrecht an…“ (Q 9:36) 

Heute beginnt einer der vier auserwählten Monate im Islam, Ḏū l-Qaʿda, der 11. Monat im islamischen Kalender und der erste der drei aufeinanderfolgenden heiligen Monate. Den Namen Ḏū l-Qaʿda (w. der Monat des Verzichts bzw. des Zurückhaltens) trägt dieser Monat noch aus vorislamischer Zeit: arabische Stämme haben in diesem Monat auf gegenseitiges Kämpfen verzichtet und sich für die Pilgerfahrt im Folgemonat vorbereitet. Die Sicherheit der von Weitem anreisenden Pilger sollte dabei garantiert werden. Der o.g. Koranvers spezifiziert nicht die konkreten heiligen Monate, um die es sich handelt. Dies wird hingegen in der Abschiedspredigt des Propheten Muḥammad ﷺ erläuter: „…Das Jahr hat 12 Monate. Vier davon sind heilig: drei aufeinanderfolgende, Ḏū l-Qaʿda, Ḏū l-Ḥiǧǧa und Muḥarram, und der Monat Raǧab…“ (Ṭabarī, Tafsīr11/440). Die Besonderheit dieser durch den Koran und den Ḥadīṯ festgelegten Zeit liegt nicht nur in dem gesellschaftlichen Aspekt der Sicherheit der Pilger, die durch das Verbot der Kriegszüge noch vor dem Islam gewährleistet und durch den Koran bestätigt wurde. 

Vielmehr wurde diese Verordnung um eine zusätzliche innere Dimension erweitert: durch das Gebot „…darum tut (*euch selbst*) in ihnen kein Unrecht an…“  wird der Schwerpunkt auf die innere Ruhe eines jeden Menschen gesetzt. Und der Prophet warnt, dass die Sünden in heiligen Monaten schwerwiegender sind als in anderen Zeiten. 

In Anbetracht der gesellschaftlichen und politischen Konflikte letzter Zeit im Nahen Osten scheint mir, dass sich unsere heutige Zeit nach diesen beiden Dimensionen der Sicherheit und der Ruhe besonders sehnt. Der Wunsch nach dem Frieden soll in den Gebeten der Gläubigen in den folgenden heiligen Monaten erklingen, insbesondere für die Heilige Stadt Jerusalem – eine „Stadt des himmlischen und des irdischen Friedens“.

Wegen der Dynamik unseres Lebens vergessen wir sehr oft die auserwählten Tage, Nächte, Orte und Ereignisse. Sie verbleiben nur als Notizen in unseren Kalendern und wir vernachlässigen ihre Bedeutung und Heiligkeit. In einem bekannten Ḥadīṯ erläutert der Prophet Muḥammad ﷺ was Gott alles ausgezeichnet und geheiligt hat: „Gott hat einige Dinge in seiner Schöpfung auserwählt: von den Engeln und Menschen – die Gesandten, von der Rede – das Gedenken Gottes (ḏikr), von den Orten auf der Erde – die Gebetshäuser, von den Monaten – den Ramadan und die heiligen Monate, von den Tagen – den Freitag und von den Nächten – die Nacht der Bestimmung (laylat al-qadr).“ (Ebd. 445). 

Das Ehren und Schätzen der Heiligkeit folgender drei Monate gehört zur „Gottesfurcht der Herzen“ (taqwā l-qulūb) (Q 22:32). Die heiligen drei Monate bieten dem Menschen die Möglichkeit seiner Seele Raum zu schaffen, sich von der Weltlichkeit zu befreien und die Gottesfurcht zu erlangen. Und genauso wie das Sündigen in diesen Monaten schwerwiegender ist, ist die Wert der rechtschaffenen Taten in dieser Zeit besonders belohnungswert…

Ahmed Husić ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Seminar für Islamische Theologie der Universität Paderborn.

#Verzicht #Frieden #Ruhe

Freundschaft

Das Thema der dieses Jahr leider nur rein digital stattfindenden Paderborn Conference of Comparative Theology ist die Freundschaft. Freundschaft ist eines der großen Ziele komparativ theologischen Arbeitens. Und wenn ich überlege, was am ZeKK in dem vergangenen Jahrzehnt entstanden ist, so sind es gerade die Freundschaften zu meinen nichtchristlichen Kolleg*innen, die für mich am wertvollsten sind.

Freundschaft ist für religionsübergreifendes Arbeiten vor allem deshalb so bedeutsam, weil sie Andersheit zu würdigen vermag. Bei meiner Freundin oder meinem Freund kann ich es gut haben, dass er oder sie anders ist als ich. Ich kann mich sogar für die Dinge begeistern, die ihn oder sie froh und glücklich machen, die ihn oder sie im Leben tragen und bewegen. Auch die Religion einer anderen Person erscheint in einem neuen Licht, wenn sie meine Freundin ist. Und dieses Licht ist nicht nur freundlicher, sondern vor allem von einem tieferen Verstehen geprägt. Denn Freundschaft hilft uns, die Wirklichkeit genauer zu sehen. Liebe macht manchmal blind, aber Freundschaft macht Lust ganz genau hinzuschauen.

Freundschaft bedeutet aber auch füreinander einzutreten. In der komparativ theologischen Arbeit stehen wir oft Rücken an Rücken, um einander den Rücken freizuhalten, aber auch um mehr zu sehen. Freunde stehen für uns ein, wenn es uns schlecht geht und wir unfair behandelt werden. Freundschaft macht die Häme und Rechthaberei unmöglich, die interreligiöse Beziehungen so lange unheilvoll überlagert haben. Sie führt uns mitten hinein in den Lebensvollzug Jesu, der sein Leben hingibt für seine Freunde und darin den tiefsten Sinn des Lebens sieht. Ist es nicht wundervoll gerade dieses Zeugnis religionsverbindend zu weiten?

Ein letzter Punkt noch. Freundschaften machen das Leben lebenswert, sie machen Lust auf das Leben, wecken Sehnsucht nach mehr. Sie leisten also genau das, was auch Religionen schaffen wollen. Nach christlichem Zeugnis sucht auch Gott unsere Freundschaft und er will in zwischenmenschlichen Freundschaften erfahrbar sein. Wie schön, dass ich davon am ZeKK in den letzten Jahren so viel erfahren durfte. 

Klaus von Stosch ist Professor für Katholische Theologie und Vorsitzender des Zentrums für Komparative Theologie und Kulturwissenschaften (ZeKK) an der Universität Paderborn.

#Freundschaft #interreligiöseBeziehungen #Sehnsucht