„Gucken Sie nach vorne und bewältigen Sie die Gegenwart.“

Der mehrfach ausgezeichnete Kurzfilm „Masel Tov Cocktail“ (2020, derzeit in der ARD-Mediathek abrufbar) zeigt am Beispiel des Protagonisten Dimitri Lieberman (Dima) eindrucksvoll, mit welchen Herausforderungen, Stereotypen und Vorurteilen Menschen jüdischen Glaubens in Deutschland konfrontiert werden. Der Film beleuchtet dabei nicht nur die individuellen Erfahrungen von Jüdinnen*Juden, sondern hält auch der deutschen Gesellschaft einen Spiegel vor, indem er subtile wie offene Formen von Antisemitismus kritisch hinterfragt und in ihren historischen wie aktuellen Kontext stellt. Gegen Ende des Films widmet sich Dima dem Thema „Erinnern und Gedenken“ und stellt am Beispiel der Stolpersteine als Erinnerungssymbole für die Vergangenheit die Frage, ob wirklich alles aufgearbeitet ist. Seine Antwort darauf ist eindeutig: „Ich habe da einen Tipp für Sie. Gucken Sie nach vorne und bewältigen Sie die Gegenwart. […] Ach ja, die neuen Nazis, aber mit ihnen hat es ja nichts zu tun, oder?“ Mit der Neuen Rechten hat auch die Forderung nach einem „Schlussstrich“ unter die Erinnerungskultur an die Zeit des Nationalsozialismus Einzug gehalten, – ein Anliegen, dem angeblich mittlerweile mehr als die Hälfte der Deutschen zustimmen soll. Die Gefahren einer solchen Verdrängung werden jedoch deutlich, etwa durch Dimas Notwehrhaltung gegen die antisemitische Provokation seines Mitschülers Tobias auf der Schultoilette oder durch die Begegnung mit seinem Großvater am Stand einer blauen Partei, die unverkennbar der Alternative für Deutschland (AfD) ähnelt. Diese Partei instrumentalisiert Jüdinnen*Juden unter dem Vorwand der Antisemitismusbekämpfung, während sie tatsächlich antimuslimischen Rassismus normalisiert. Auch die Ergebnisse der amerikanischen NGO Anti-Defamation League (ADL) zeigen eindringlich, wohin eine unzureichende Auseinandersetzung mit der Geschichte führen kann. Sie kommt der Jüdischen Allgemeinen zufolge „zu einem alarmierenden Ergebnis: Fast die Hälfte aller Erwachsenen auf der Welt soll antisemitische Ansichten haben.“ Weiterhin wird berichtet, dass jede*r Fünfte noch nie vom Holocaust gehört habe – eine erschütternde Tatsache, insbesondere im Hinblick auf den bevorstehenden 80. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau.

Und so ist tatsächlich nicht ausgeschlossen, dass es unter den AfD-Wähler*innen und Sympathisant*innen womöglich einige Menschen gibt, die sich bei den jüngst von der AfD in Karlsruhe verteilten niederträchtigen „Abschiebetickets“ nicht an die „Zugtickets“ erinnert fühlen, die die Nazis 1933 zur Ausreise aus Deutschland an Jüdinnen*Juden verteilten. Ein Jahr nachdem eine Veröffentlichung des Recherchenetzwerks „Correctiv ein geheimes Treffen von Rechtsextremisten im November 2023 in Potsdam aufgedeckt hatte, bei dem konkrete Pläne zur Vertreibung von Millionen Menschen aus Deutschland ausgetauscht wurden, ist die mutmaßlich rechtsextreme Partei bundesweit im Umfrage-Hoch – und buhlt, teilweise erfolgreich, auch um die Gunst wertkonservativer Christ*innen und Jüdinnen*Juden.

Dabei sind Erinnern und Gedenken als religiöse und theologische Basiskategorie innerhalb der Religionen tief verwurzelt. Sie sind dabei nicht allein eine konservierende Praxis, sondern eine tiefgehende ethische und metaphysische Verpflichtung, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander in eine produktive Spannung setzt. Walter Benjamins Konzept des „Eingedenkens“ verleiht dieser Perspektive eine radikale Tiefe, indem es das Erinnern als einen Akt der Rettung versteht: Es gilt, das Leid der Vergangenheit nicht nur zu bewahren, sondern es aus der Vergänglichkeit zu erlösen. Das Eingedenken widersetzt sich der linearen Geschichtserzählung und mahnt, dass jede Vergangenheit in den Händen der Gegenwart liegt – nicht zur Verklärung, sondern zur Transformation.

In diesem Verständnis ist das Erinnern nicht bloß retrospektiv, sondern zugleich gegenwarts- und zukunftsorientiert. Es fordert, die unterdrückten Stimmen und Erfahrungen der Geschichte zu hören und ihre Forderungen in der Gegenwart wirksam werden zu lassen. Gerade die christliche Tradition verdeutlicht diese doppelte Ambivalenz: Sie war Trägerin einer Ethik der Solidarität, zugleich aber auch Ursprung und Verstärker jahrhundertelanger Judenfeindschaft, die den modernen Antisemitismus und letztlich den Nationalsozialismus ideologisch vorbereitete. Hier zeigt sich die unerbittliche Forderung des Eingedenkens nach kritischer Selbstbefragung und der Überwindung jener Strukturen, die das Vergangene mit der Gegenwart verbinden.

Die Vorstellung eines „Schlussstrichs“ unter die Erinnerungskultur ist aus dieser Perspektive eine konzeptionelle Fehlannahme, ja eine ethische Zumutung. Sie reduziert das Erinnern auf ein historisches Relikt, das überwunden werden soll, und verweigert ihm seine transformative Dimension. Benjamin mahnt, dass in einem solchen Bruch nicht Befreiung, sondern die Gefahr des Vergessens und der Wiederholung liegt. Erinnerung ist kein abgeschlossenes Kapitel, sondern ein immerwährendes Verhältnis, das sich in jedem Moment neu konstituiert.

Religiöse Bildung trägt in diesem Spannungsfeld eine besondere Verantwortung. Sie darf Erinnerung nicht nur als rituelle Praxis vermitteln, sondern muss sie im Benjamin’schen Sinne als dialektische Bewegung entfalten: ein fortwährender Versuch, das Vergangene in seiner Unabgeschlossenheit zu denken und aus ihm jene ethischen Verpflichtungen zu ziehen, die zur Gestaltung einer gerechteren Welt notwendig sind. Das „stetige Eingedenken des Leids“ wird so nicht zur Last, sondern zur Quelle einer radikalen Verantwortung, die das Vergangene mit einer besseren Zukunft versöhnt – nicht durch Vergessen, sondern durch ein waches und schöpferisches Erinnern.

Angesichts der Verantwortung, die das Erinnern an die Vergangenheit mit sich bringt, ist die Teilnahme an der Bundestagswahl ein entscheidender Akt. Jede Stimme trägt dazu bei, eine Gesellschaft zu stärken, die Antisemitismus, Geschichtsverfälschung und Spaltung entgegenwirkt.

Walter Benjamins Idee, dass die Vergangenheit in den Händen der Gegenwart liegt, erinnert uns daran, dass politisches Handeln nicht nur unsere Zukunft prägt, sondern auch die Deutungshoheit über unsere Geschichte. Ein „Schlussstrich“ bedeutet das Risiko von Verdrängung und Wiederholung – eine Gefahr, der wir uns durch bewusste politische Entscheidungen entgegenstellen müssen.

Die Wahl ist daher nicht nur ein Recht, sondern eine Verpflichtung: für eine Politik, die Erinnerungskultur schützt, Verantwortung ernst nimmt und eine gerechte, reflektierte Zukunft ermöglicht. Nutzen Sie diese Gelegenheit.

Das Bild entstand auf einer Studienfahrt von Stephanie Lerke und Jan Christian Pinsch mit Paderborner Studierenden nach Auschwitz und zeigt das im Block 27 der Gedenkstätte aufgestellte „Book of Names“ mit den Namen von 4,8 der rund 6 Millionen Jüdinnen*Juden, die während des Holocaust ermordet wurden.

Das Leben feiern

Religionen feiern das Leben. Regelmäßig wiederkehrend, mit einer nicht endenden Ausdauer, gleichförmig und doch sich immer wieder auch selbst erneuernd. Juden, Christen und Muslime verstehen das Leben als Gottesgeschenk und wertschätzen es als Teil der göttlichen Schöpfung. Jeder Gottesdienst, jedes Gebet, jeder Gesang ist ein Ausdruck des lebendigen Daseins vor Gott, in dem der Mensch das eigene Leben vor seinem Schöpfer bedenkt, bespricht, feiert. Das geschieht lobend, dankend und jubelnd ebenso wie bittend, klagend und zweifelnd. Denn die Medaille des Lebens hat immer zwei Seiten, eine helle und eine dunkle, eine leichte und eine schwere, eine freundlich antwortende und eine rätselhaft widerständige. Nicht alles fügt sich unmittelbar sichtbar ein in den oftmals behaupteten großen Sinnzusammenhang. Brüche und Risse sind sichtbar, Wunden bleiben zurück, das einzelne Leben ist Fragment. Wer anderes behauptet, lebt entweder nicht in dieser Welt oder macht leere Heilsversprechen, die der erfahrbaren Realität nicht standhalten können.

Die Ambivalenz unseres je individuell gelebten Lebens zwischen Freude und Trauer, Angst und Hoffnung wird insbesondere in Zeiten des Jahreswechsels bewusst. Viele nehmen sich die Zeit, um das Auf und Ab des vergangenen Jahres zu reflektieren, um erwartungsvoll oder auch besorgt auf das vorauszublicken, was kommen mag. Leben lässt sich nur in dieser Zweiseitigkeit begreifen, alles andere wäre naiv. Und doch – oder gerade deshalb feiern Religionen immer wieder das Leben, und zwar aus ihrer je eigenen Hoffnung auf Heilwerden und Vollendung heraus. Gibt es eine Welt, in der alle Risse und Wunden geheilt werden und in der alles Fragmentarische ganz werden kann? Mindestens die Bibel und der Koran erzählen davon auf vielfältige Weise.

Die Ambivalenz des Lebens, das Feiern des Lebens und auch die fragile Hoffnung auf besseres Leben werden besonders in den diversen geprägten Zeiten der religiösen Festkalender offenkundig und unmittelbar erfahrbar. Gerade erst liegt das jüdische Chanukkafest ebenso hinter uns wie der christliche Weihnachtsfestkreis, der aus katholischer Sicht am Sonntag nach dem sogenannten Dreikönigstag endet. Das an Chanukka erinnerte und gefeierte Lichtwunder während der Wiedereinweihung des zweiten Jerusalemer Tempels holt die Hoffnung auf Überwindung von Unterdrückung und Fremdbestimmung in die Gegenwart: jeden Tag etwas mehr mit der Entzündung einer weiteren Kerze auf der Chanukkia, acht Tage lang. Die weihnachtliche Frohbotschaft über die göttliche Menschwerdung können Christinnen und Christen nicht erzählen, ohne zugleich auch die lebensbedrohlichen Umstände dieser Geburt zwischen Flucht und Armut zu erwähnen. Hier wie dort gehören Licht und Schatten zusammen. Die Bedrohtheit allen Lebens wird auch am kürzlich gefeierten Dreikönigstag deutlich. Die in der Weihnachtsgeschichte des Matthäusevangeliums erwähnten Sterndeuter kommen nach Betlehem, um das Leben mit reichhaltigen Gastgeschenken zu feiern und um die Erscheinung (Epiphanie) des lebensbejahenden Gottes in den Niederungen dieser Welt zu bezeugen. Auch das geschieht unter den Bedrohungen von Macht und Herrschaft durch König Herodes und den biblisch erwähnten Kindermord von Betlehem. Der in katholischen Gemeinden gepflegte Brauch der Sternsinger, die Anfang Januar von Haus zu Haus gehen und einen Segen sprechen, ist Symbol für das Leben. Das häusliche Leben wird unter die geglaubte Anwesenheit Gottes gestellt, es wird wertgeschätzt und gefeiert.

In einer zunehmend säkularer werdenden Gesellschaft mögen solche Rituale wie das in vielen Städten gepflegte öffentliche Entzünden der Kerzen an der Chanukkia oder das Durch-die-Straßen-Ziehen der Sternsinger hier und da auf Irritation, Verwunderung und Ablehnung stoßen. Zudem wird das persönliche Bekenntnis durch das allzu weltliche Handeln in den religiösen Institutionen immer wieder kräftig auf die Probe gestellt. Es braucht Mut und Vertrauen, um sich auf das Angebot eines religiösen Lebensstils einzulassen, nach innen und außen. Und es braucht eine Naivität zweiten Grades, die trotz Kritik und allem Nicht-mehr-Glauben-Können dennoch unmittelbar hoffen kann: auf ein friedvolles Leben und auf einen lebenswerten Frieden im Großen und Kleinen. Juden, Christen und Muslime feiern das Leben gerade trotz seiner nichtfeierlichen Abgründe, die uns jedes Jahr begegnen und herausfordern. Aber sie tun es, zeitenüberdauernd und religionsübergreifend, als „gefährliche Erinnerung“ (J. B. Metz) an einen menschenfreundlichen Gott mit vielen Namen, den Lebensspendenden, Bewahrer und Schutzherr allen Lebens.

Tony Cragg: Iʼm alive (Wuppertal-Barmen 2005, Edelstahl)

Bildquelle: https://skulpturen.kulturraum.nrw/wuppertal/tony-cragg/im-alive.html