Im Gespräch mit Kolleg:innen und Studierenden aus den Theologien und Kulturwissenschaften in Paderborn werden bei mir Erinnerungen lebendig an meinen Doktorvater Christoph Schwöbel. Christoph Schwöbel hat Theologie im Gespräch gelebt und Theologie als Gespräch verstanden. Dieses lebendige Gespräch mit theologischer Tiefe und menschlicher Weitherzigkeit ist durch seinen plötzlichen Tod im September 2021 verstummt. Gleichzeitig eröffnet seine dialogische Theologie gegenwärtig neue Gespräche, an denen sich Menschen aus unterschiedlichen Wissenschaften, Konfessionen, Religionen, Ländern und Kulturen beteiligen. Das Vermächtnis seiner dialogischen Theologie gewinnt so aktuell neu an Bedeutung in einer herausfordernden gesellschaftlichen Situation. Gespräche verhärten sich in polarisierten Debatten. Theologisches Orientierungswissen und kirchliche Bindung schwinden. Die Konvivenz in einer freiheitlichen pluralistischen Gesellschaft und regelbasierten internationalen Ordnung wird durch autoritäre Bewegungen, neue Kriege und Gewalt fragil. Und angesichts digitaler Medialität und künstlicher Intelligenz entsteht die Frage: Was zeichnet eigentlich zwischenmenschliche kommunikative Beziehungen aus im Vergleich zu technischer Kommunikation mit KI-Chatbots?
In dieser neuen Situation haben 2025 die Theologinnen Judith Wolfe und Margaret McKerron einen Band mit Gesprächsbeiträgen veröffentlicht zu: „Christoph Schwöbel: Theology in Conversation“. Dabei wird deutlich, dass eine dialogische Theologie in evangelischer Perspektive, wie Christoph Schwöbel sie prägte, drei Gesprächsrichtungen miteinander verbindet:
Zum einen führt das Gespräch über theologisches Orientierungswissen nach innen in die Tiefe biblischer Quellen und historischer Traditionslinien des eigenen Glaubens. Hier machte Christoph Schwöbel in Anknüpfung an die reformatorische und moderne protestantische Theologie als trinitätstheologische Rahmentheorie stark, dass Gott sich in christlicher Perspektive selbst im Gespräch als dreieiner Gott im Gespräch offenbart.
Zum anderen führt dieses theologische Orientierungswissen gleichzeitig nach außen in die Weite des offenen Gesprächs mit anderen Wissenschaften und Künsten, Konfessionen und Religionen. In den Kulturwissenschaften pflegte er das Gespräch mit der Philosophie über Metaphysik und Hermeneutik, mit der Musikwissenschaft über die Werke von Johann Sebastian Bach, und mit der Literaturwissenschaft über Religion im Werk von Thomas Mann. In den Theologien pflegte er das ökumenische Gespräch mit der römisch-katholischen Theologie über Grund und Gegenstand des Glaubens und mit der anglikanischen Theologie über Grundlagen von Kirchengemeinschaft. Der Austausch zwischen englischsprachiger und deutschsprachiger Theologie lag ihm dabei seit den frühen Jahren in London bis zur letzten Zeit in St. Andrews am Herzen. Interreligiös war ihm das Gespräch mit jüdischer Theologie besonders wichtig. Er nahm den Gedanken von Abraham Joshua Heschel auf, Toleranz aus Glauben zu pflegen und religiösen Pluralismus aus theologischen Wahrheitsüberzeugungen zu bejahen. So förderte er mit Methoden des „Scriptural and Doctrinal Reasoning“ die Verständigung zwischen christlichen und islamischen Theologien über Kernthemen des Glaubens und baute Brücken, an denen heute andere weiterbauen.
Diese dialogische Theologie zeichnet sich schließlich durch eine dritte praxisorientierte Gesprächsrichtung aus, über Praktiken gelebten Glaubens in Gottesdienst und Gebet, theologische Bildungsaufgaben und die politische Gestaltung des Zusammenlebens in einer pluralistischen Gesellschaft. In der heutigen Situation nehme ich diese dreifache Ausrichtung dialogischer Theologie wahr als einen Weg zurück nach vorne. Zurück nach vorne ins Gespräch. Als Beitrag zu dieser Dialogkultur wird gerade am Lehrstuhl für Systematische Theologie und Ökumene am Institut für Evangelische Theologie an einer Veröffentlichung gearbeitet mit Beiträgen von Christoph Schwöbel zu „Arbeit am Orientierungswissen“. Dies geschieht im Gespräch mit Menschen in Paderborn, St. Andrews und Tübingen in dankbarer Erinnerung und in der Hoffnung, damit zum Dialog der Theologien und Kulturwissenschaften beizutragen.

Vertr.-Prof. Dr. Katrin König ist Vertretungsprofessorin am Institut für Evangelische Theologie der Universität Paderborn.









