
Abraham kann Dämonen abhalten, Kühe vor Krankheiten schützen und geflohene Sklaven zurückholen! Jedenfalls dachte man das in der Antike, als die biblische Figur des Abraham viele neue Facetten zugeschrieben bekam und sowohl im Judentum als auch im Christentum und im Islam als Figur weiterentwickelt und interpretiert wurde. Die Rezeptionsgeschichte der Abraham-Figur, vor allem in Bezug auf Rituale, untersucht jetzt ein neuer Sammelband, der im März 2025 bei Brill erschienen ist. Imitating Abraham. Ritual and Exemplarity in Jewish and Christian Contexts ist der 42. Band der etablierten Jewish and Christian Perspectives Series und wurde von den Herausgeber:innen Claudia D. Bergmann (Universität Paderborn) und Thomas R. Blanton (John Carroll University) verantwortet.
Der Band betrachtet verschiedenste Texte von der Antike bis zur Gegenwart, die Abraham als rituelles Modell benutzen und vereint die Stimmen von Wissenschaftler:innen aus verschiedenen Ländern. So schreibt Alexey Somov zu Abraham als Gastgeber in frühchristlicher Literatur. Leon Mock diskutiert rabbinische Gebete und Rituale, die Abraham erwähnen. Christoph Bultmann schlägt einen Bogen von Gen 22 zur Weisheit Salomons und zu Voltaire. George Pattison arbeitet zur Abrahamgestalt in Kierkegaard. Weiter zurück in die Vergangenheit gehen Marcel Poorthuis (zum „halachischen“ Abraham), Günter Stemberger (zu Abraham in Ritualen wie Beschneidung, Gebet und Priesterschaft in der rabbinischen Tradition), Clayton J. Killion (zu Abraham in Ambrosiaster und Ambrosius von Milan), Laura S. Lieber (zu Gen 12 in spätantiker jüdischer Poesie), Michael Zellmann-Rohrer (zu Abraham in mittelalterlicher Magie) und Clare E. Wilde (zu Abraham als Modell für Mohammed in frühen christlich-arabischen Kontexten). Biblische Bilder von Abraham diskutieren Claudia D. Bergmann und May May Latt in einem Beitrag zur (überwundenen) Kinderlosigkeit von Abraham und Sara. Mika S. Pajunen nimmt die Abraham-Figur im Genesis Apokryphon und im Jubiläenbuch in den Blick. Stephen O. Smoot untersucht Bilder von Abraham als Astronomen im Judentum des Zweiten Tempels und im rabbinischen Judentum. Karl-Wilhelm Niebuhr betrachtet das Abrahambild von Römer 1. Jan Willem van Henten schreibt zu Abraham im 4. Makkabäerbuch. Weitere Einblicke gibt es auf der Verlagshomepage: https://brill.com/display/title/71766
Aber warum beim Erzvater Abraham bleiben? Bergmann und Blanton setzen ihre bewährte Zusammenarbeit fort und starten nun ein weiteres gemeinsames Projekt zur Rezeptionsgeschichte der Figuren Sara und Hagar. Es beginnt mit einer Vortragsserie im Oberseminar am Institut für Evangelische Theologie und einem Workshop in Paderborn im November 2025. Kooperationspartner sind das ZeKK in Paderborn, das Tuohy Center for Interreligious Understanding und die John Carroll University in den USA. Erwartet werden Wissenschaftler:innen aus Deutschland, den USA und Israel. Nähere Informationen dazu finden sich unten im Blog des Instituts für Evangelische Theologie.