Monikas Entscheidung

„Na komm, Monika, stell Dich nicht so an, tue es doch einfach für uns alle, fürs Land, für Deine Freunde. Damit setzt Du doch ein Zeichen. Jetzt brauchen wir Zusammenhalt wie noch nie. Du, ich find’s auch übertrieben von den „da oben“, dass die Euch so Druck machen! Aber ein bisschen kann ich die auch verstehen. Es herrscht Unruhe im Land, Inflation wird immer schlimmer. Ohne Solidarität geht’s nun mal nicht im Moment. Da muss der einzelne zurücktreten und mitziehen. Machs einfach! Kriegste deine Bescheinigung und dann wars schon!“

Monika schaute die Freundin mit ihren schwarzen Augen an.

„Tja, ich tue mich damit auch nicht so leicht… Mir fehlen die Spaziergänge mit Euch Mädels durch die kleinen Lädchen, die Markthallen…“

„Komm, das geht schneller als gedacht. Und Du sagst doch selbst, dass Euer Gott Euch so liebt! Er wird’s schon verkraften, wenn Du unseren Staatsgöttern etwas opferst! Das versteht er! Oder ist es nicht genug, dass sein einziger Sohn schon für Euch gestorben ist? Ist doch nur ein Opfer! Ein Klacks ist das. Denn pass auf, der Druck wird steigen. Jetzt bedrängen die Euch mit Geldstrafen, aber du weißt nicht, was denen noch alles einfällt… Das Volk braucht jetzt einen Schuldigen! Panem et circenses! Die machen auch vor deinen schönen Augen nicht halt.“

Valeria umarmte ihre schwarzäugige Freundin und strich ihr die lockige Haarsträhne aus der Stirn. Monika hakte sich bei ihr ein und die Mädchen schritten fort. 

Monikas Familie ließ sich vor knapp zwei Monaten taufen. Monika war stolz auf ihren Glauben und doch machten ihr all die Schicksalsprüfungen, die dadurch plötzlich in ihr junges Leben kamen, auch zu schaffen. 

Kaiser Diokletian wollte durchgreifen. Er war ein beliebter homo politicus, stark, ein richtiger Macher, ein Kümmerer auch. Bodenständig. Ein Knallhartkaiser eben. Einen wie ihn brauchte das Imperium, um die Inflationswelle zu brechen, die vielen neuen Sekten in Schach zu halten und sich die Barbaren vom Leibe zu halten. Alle Religionen haben Existenzberechtigung, aber jeder muss den Staatsgöttern opfern. Das ist doch, bei Jupiter, nicht zu viel verlangt! Einfach sich aufraffen, dem Staat den nötigen Respekt zu zollen. Der Staat darf sich nun mal nicht erpressen lassen. Natürlich hatte er versprochen, dass es nie eine Pflicht geben würde, der religio romana anzugehören… Er brach sein Wort nur ungern. 

Das Opfern ist problemlos möglich, keinerlei Hindernisse, dauert ja auch nur ein paar Minuten. Und dann sollen sie doch weiter ihrem Jesus dienen. Soll mir recht sein.

Wenn die Zeit rum ist, müssen die halt nochmal hin, aber ihnen fallen doch nicht die Arme ab.

Das dachte sich der Diokletian beim Weinfrühstück. Ein Rubin-Ring schmückte seine grobe Soldatenhand. Er war eben ein Soldat geblieben, in seinem Herzen. Er machte das Handwerk des Kaisers gut, beim Jupiter! Und wenn manchmal Blut fließen musste, dann floss es eben. Schließlich gelten ja die gleichen Regeln für alle. 

Es war Zeit, sich zu verabschieden. Die schönen Römerinnen gaben sich je ein Wangenküsschen.

„Bis morgen, meine Liebe.“

„Bis morgen, Valeria.“

Monika konnte den Jupiter-Tempel sehen, keine Hundert Schritte entfernt… Die Sonne ließ ihre letzten roten Strahlen auf ihn fallen. Monika schloss die Augen und atmete tief aus.

Unter Diokletian (284 – 305) wurden alle Bewohner des Landes aufgefordert, den Staatsgöttern ein Opfer darzubringen. Der Vorgang wurde entsprechend dokumentiert und der Betroffene erhielt ein Nachweispapier, eine Bescheinigung darüber, dass er sein Opfer vollbracht hat. Es handelte sich um eine Formalie und einen Loyalitätsbeweis. 

Elizaveta Dorogova ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Seminar für Islamische Theologie der Universität Paderborn.

#Entscheidung #Gesellschaft #Individuum

Unterbrechungen

Die kürzeste Definition von Religion ist Unterbrechung; so hat der katholische Theologe Johann Baptist Metz formuliert. Der Abbruch des Erwartbaren, des Alltäglichen und Selbstverständlichen wird damit zur Kernbestimmung des Glaubens. Keinen Zeitpunkt im Kirchenjahr verbinde ich stärker mit dieser Definition als den Beginn der Fastenzeit. Der bewusste Verzicht auf dieses oder jenes für den Zeitraum von Aschermittwoch bis Ostern bedeutet in diesem Sinne in der christlichen Praxis immer mehr als bloße Askese. Beispielsweise auf Fleisch, Alkohol oder Süßigkeiten zu verzichten, unterbricht die Annehmlichkeiten des Alltags und sensibilisiert neu für ihren Wert. Das Fasten – so zeigt für mich immer wieder eindrucksvoll die islamische Fastenzeit – kann daher Gemeinschaft stärken, weil soziale und kulturelle Unterschiede im gemeinsamen Handeln von einer größeren Einheit umfasst werden. Das Fasten lehrt in einer theologischen Deutung zuletzt aber auch das Bewusstsein über den absoluten Abbruch des Erwartbaren durch Krankheit und Tod. Die Fastenzeit verweist uns darauf, dass die Dinge, die unseren Alltag schöner und womöglich überhaupt erst erträglich machen, nicht über ihre Vorläufigkeit und Zufälligkeit hinwegtäuschen können. Das Schöne und Gute im Leben ist zuletzt nur scheinbar selbstverständlich. Das Fasten kann so eine handfeste Einübung in ein letztes Loslassenmüssen, eine Anerkennung in die Unverfügbarkeit der eigenen Existenz sein. 

Derzeit werden wir regelmäßig von Unterbrechungen des Selbstverständlichen überwältigt: Noch immer hat uns eine Pandemie im Würgegriff und neuerdings steht die für die meisten von uns alltäglich gewordene Friedensordnung Europas infrage. Die Dramatik der Ereignisse zeigt die Fragilität und Vorläufigkeit unserer Pläne und Absichten, sie konfrontiert uns mit Elend und Tod und damit zugleich mit dem, was nicht in unserer Macht ist. Es scheint ein guter Zeitpunkt für ein bewusstes Fasten, für eine Einübung in die Annahme, dass unsere Erwartungen jederzeit unterbrochen werden können, eine Einübung in die Frage, was wirklich von Bedeutung für uns ist. In christlicher Sicht ist dieses zuerst und zuletzt Bedeutungsvolle das In-Beziehung-Sein mit anderen, Freundschaft, Familie, Gemeinde etc. Darin wird bereits im Fasten Ostern antizipiert als die Hoffnung auf das Nicht-Selbstverständliche schlechthin, dass nicht der absolute Abbruch, sondern das In-Beziehung-Sein, das hier und jetzt schon unser Leben begründet, das letzte Wort behält.

Prof. Dr. Aaron Langenfeld ist Professor für Fundamentaltheologie und vergleichende Religionswissenschaften an der Theologischen Fakultät Paderborn.

#Fastenzeit #Aschermittwoch #Ostern #Verzicht #Unterbrechung #Religionen #Pandemie #Krieg

On the Nature of Evil as “Imagined Portent”

Twenty years ago, when I read Henry James’ the Turn of the Screw for the first time as a young teenager, I remember finishing the book and telling myself, “Hmm… another typical English horror tale…What a waste of time!” The story was about a young woman who was appointed as a governess by a young gentleman to take care of the education of the gentleman’s small nephew and small niece, Miles and Flora, whose parents had died, and who were living with a housekeeper in an old family house in the countryside. The story went on with the young governess’ discovery of the presence of two evil ghosts in the house who did all they could to possess Miles and Flora, who appeared to prove themselves more and more evil, in the eyes of the governess, throughout the course of the narrative. The story was actually a first-person narration by the governess. The reader could empathize with all the fears and the sorrows that she went through until the final scene, when, despite all the motherly efforts of the governess to protect the children, ten-year-old Miles, after the exchange of a few ambiguous sentences with the governess, dies in her arms, leaving a teenage reader of the novella with the judgment: scary, but nonsense!  

Nevertheless, it took almost fifteen years until a key towards a deeper understanding of this story was offered to me, and this in an extraordinary book by Daryl Koehn, titled The Nature of Evil, in which she had dedicated each chapter to the analysis of the portrait of evil as depicted in a world-renowned literary work, from Dr. Jekyll and Mr. Hyde to the New Testament. You can imagine the great degree of my surprise when I saw that one full chapter of that book was dedicated to the uncovering of the face of evil in the above-mentioned novella. The title of the chapter was “Evil as Imagined Portent”.

In her reading of the story, Koehn had tried to distance herself from the governess’ narrative and to examine her actions with the help of the clues which were artfully hidden by Henry James between the lines of the narration to conclude the madness of the young governess and that she herself was actually the evil she tried too hard to combat throughout the whole story. The madness of the governess, which leads to her killing Miles in her own arms in the final scene of the story, is, however, unrecognizable to the reader who is deeply steeped in her narrative taking part in her madness. 

Reminding the reader of the apparently unimportant point in the beginning of the story regarding the governess’ feelings for the uncle of the children, that “handsome” “bold” gentleman who had assigned to her the huge responsibility of taking care of the children of his deceased brother,[1] Koehn brings under the limelight the kind of persona that the governess, in her own fantasies, had fabricated for herself to fulfil the role that was granted to her as a “favour” from her sweetheart. Taken over by the wild running of her own imagination, the governess paranoidly seeks, and naturally finds, every slightest possible piece of evidence in the children’s normal course of behaviour to confirm their role, in the eyes of the governess, as the poor, though malicious, victims in the story and her own role as a hero, as their saviour. The more she tries to “master the imagined crisis” by controlling the situation, the more violent she gets, the more afraid of her the children become, and the more assured she becomes of their malignity.[2]

The most crucial point made in this chapter by Koehn is that, according to her, the reader of this story, by feeling attached to the illogical course of the governess’ narrative and by empathizing with her and protecting her persona, as the central figure of the story, has proven herself/himself not to be immune from the disease by which the young woman in this story is inflicted. Although the governess of James’ story is configured to depict an extreme case, her emotional connection to the identity she defined for herself is familiar to every reader confronting this story for the first time. As Koehn makes clear in this chapter, we are normally prone to place evil wherever we recognize a “violative threat to our identity” is taking place. The human ego is ready to do whatever imaginable to protect this identity and this is where the real evil could grow in the forms of, as Koehn enumerates, the creation of enemies, mad courage, attempts to master ambiguity, manipulative control of vulnerable people, etc. Among many wise comments that Koehn provides in this chapter of her book regarding how to deal with this tragic human situation, I found two of them, practically, most important: first, to explore further and further the nature of evil (beyond the boundaries of our personal discernment of identity-threat) “instead of accusing particular individuals of being wicked”,[3] and second, to ask ourselves and to wonder in the face of those who seem to fear us: “have we become akin to the very evil we seek to defeat?”[4]


[1] This description is not mentioned in detail by Koehn, but the reader can see it in: James, Henry, The Turn of the Screw and Other Stories, ed. by T.J. Lustig, Oxford & New York: Oxford University Press, 1992, p.120

[2] Koehn, Daryl, The Nature of Evil, New York, Palgrave Macmillan, 2005, pp. 117-149

[3] Ibid., p. 149

[4] Ibid., p. 145

Nasrin Bani Assadi promoviert in Komparativer Theologie an der Universität Bonn.

#Thenatureofevil #epistemicevil #DarylKoehn #TheTurnoftheScrew

Auf synodalen Wegen

Ob wir aktuell in bewegten Zeiten leben oder am Ende des Weges nicht doch – egal, wie schnell der synodale Hase läuft – immer schon der kirchenamtliche Igel wartet, der sich über den unnützen (und totbringenden) Lauf des Hasen ins Pfötchen lacht, kann jetzt noch niemand sagen. Ich spreche vom synodalen Weg, der vor gut einem Jahr, im Dezember 2019, eröffnet wurde und diesen Monat seine dritte Synodalversammlung abgehalten hat. Stimmen wie die des Wiener Theologen Jan-Heiner Tück verweisen auf die demokratischen Strukturen des synodalen Reformprozesses, „die nicht mit der Verfasstheit der katholischen Kirche vereinbar seien“[1] und die Weihe- und Hirtengewalt der Bischöfe als „vermittelnde Größe zwischen den Ortskirchen und der Weltkirche“[2] unterminieren würden. Der Sprecher der Initiative Pontifex, Benno Schwaderlapp, nennt den synodalen Weg eine „Jodelsynode“[3] ohne kirchenrechtliche Verbindlichkeit. Tatsächlich hält die Satzung des synodalen Weges selbst fest, dass die Beschlüsse der Synodalversammlung „von sich aus keine Rechtswirkung“[4] entfalten, wenn die jeweiligen Diözesanbischöfe die Beschlüsse auch als Impulse für das Handeln in den jeweiligen Ortskirchen verstehen können. 

Aus dieser Sicht scheint es nicht unberechtigt, von einer groß angelegten Gesprächstherapie des deutschen Katholizismus zu sprechen, die letztendlich von der Katholizität der Gesamtkirche geschluckt wird. So wird mitunter der Größenwahn der deutschen Kirche belächelt, die meint, mit ihren regional geprägten Reformbestrebungen die Weltkirche beeinflussen zu können. 

Die Konzentration auf die fehlende Rechtswirksamkeit und die Regionalität des synodalen Wegs scheint jedoch außer Acht zu lassen, dass in jeder kirchenamtlich noch so unbedeutenden Stimme pastoral gesprochen die Stimme Jesu Christi selbst zum Ausdruck kommt. Biblische Impulse hierfür gibt es genug („Lasst die Kinder und hindert sie nicht, zu mir zu kommen!“ (Mt 19,14) / „Viele Erste werden Letzte sein und Letzte Erste.“ (Mt 19,30) („Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ (Mt 25,40)). Oder wie Schwaderlapp nur wenige Zeilen nach seiner Kritik an der fehlenden Effizienz des „Ungetüms“[5] synodaler Weg sagt: „Mehrheit ist nicht die Sprache Christi, ähnlich wie Erfolg. Jede Seele ist unendlich kostbar und jede Nachricht von jungen Menschen in unserem Postfach, die sich durch unsere Arbeit angesprochen, bestärkt oder ermutigt fühlen, ist es wert die Wahrheit zu verkünden.“ Ich kann ihm da nur zustimmen – jede Stimme ist es wert, gehört zu werden, was die Initiative #outinchurch eindrucksvoll bezeugt. Am Ende des synodalen Wegs erhält hoffentlich nicht einfach nur jeder sein „Jodeldiplom“, damit man was Eigenes hat (frei nach Loriot). Jede einzelne Stimme hat das Potential, große Veränderungen in der Gesamtkirche zu bewirken, da man nie wissen kann, welche Wortmeldungen gerade „einen Strahl jener Wahrheit erkennen lassen, die alle Menschen erleuchtet“ (NA 2). 


[1] Jan-Heiner Tück, Wiener Theologe Tück kritisiert Reformprojekt Synodaler Weg, in: https://www.katholisch.de/artikel/31945-wiener-theologe-tueck-kritisiert-reformprojekt-synodaler-weg; 04.04.2022.

[2] Ebd.

[3] https://de.catholicnewsagency.com/story/initiative-pontifex-der-synodale-weges-ist-eine-art-jodelsynode-5440; 04.04.2022.

[4] Satzung des synodalen Weges, Artikel 11, Absatz 5. Einzusehen auf synodalerweg.de.

[5] https://de.catholicnewsagency.com/story/initiative-pontifex-der-synodale-weges-ist-eine-art-jodelsynode-5440; 04.04.2022.

Dr. Cornelia Dockter ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Bonn.

#synodalerweg #kirche #katholisch #outinchurch #reform

Sch(m)utz

Die Maske gehört mittlerweile zu meiner Alltagsroutine. „Schlüssel, Portemonnaie, Handy…“ wiederhole ich in meinen eingeübten – ja fast rituellen – Sprüchen, bevor ich das Haus verlasse, „…und die Maske! Ich hab‘ alles!“ Ja, die Maske ist in gewissem Maße effektiv, da sie die Virusbelastung eines Gegenübers um bis zu 70% reduziert. Zudem sagen einige Menschen, dass sie oft die Anonymität hinter der Maske und den „Schutz“ genießen, die sie vor analysierenden Blicken bietet. Dank der Maske schaue ich Menschen viel mehr in die Augen. Ich habe sogar gelernt, dass das Lächeln, welches sich an den Augenringmuskeln und den Lachfältchen um die Augen erkennen lässt, das eigentliche echte Lächeln ist und den Namen „Duchenne-Lächeln“[1] nach einem französischen Wissenschaftler trägt. Grundsätzlich gibt es also viele positive Effekte der Masken.

Es gibt aber auch eine sehr dunkle Seite des Tragens der Schutzmasken – und vor allem deren Entsorgung – auf die ich in diesem Beitrag hinauswill. Einigen Studien zufolge stellt die falsche Entsorgung der Masken eine Katastrophe für unsere Umwelt dar. Mehr als 8 Millionen Tonnen Plastikmüll haben wir Menschen in der Pandemie produziert. Eine Großzahl davon sind die Masken, die wir so achtlos und nicht ordnungsgemäß entsorgen. Diese werden aus langlebiger Plastik hergestellt. Die falsche Entsorgung der Masken führt dazu, dass die Mikroplastik über Flüsse in die Ozeane gelangt, und ein langanhaltendes Problem für die Meeresumwelt darstellt. Ein großer Anteil dieses Abfalls landet wieder an den Stränden. Fotos und Tauchervideos dieses ökologischen Unheils sind überall im Netz zu sehen. Einige Meeresaktivisten sprechen sogar davon, dass wir „mehr Masken als Quallen im Mittelmeer haben werden,“ wenn sich unser Verhalten bezüglich der Entsorgung dieser Masken nicht ändert.

Als ich letztens einige Artikel zu diesem Problem gelesen habe, erinnerte ich mich an einen Koranvers, in dem das Erscheinen des „Unheils“ (fasād) auf der Welt als direkte Konsequenz dessen beschrieben wurde, was der Mensch „mit seinen Händen“ tut. In Sure Ar-Rūm (Q 30:41) steht: „Unheil ist auf dem Land und im Meer erschienen wegen dessen, was die Hände der Menschen gewirkt haben: und so wird Er sie einiges von dem kosten lassen, was sie getan haben, auf daß sie zurückkehren mögen.“ 

Auch das aktuelle „Unheil“ mit den Masken haben tatsächlich wir Menschen mit unseren Händen verursacht. Nicht jeder in gleichem Maße, aber alle zusammen doch nur wir! In seinem Korankommentar schreibt Muhammad Asad, dass das menschliche Stiften des Unheils auf Erden damit zusammenhängt, dass der Mensch Gott vergessen hat. Einen Auszug aus seinem Kommentar möchte ich an dieser Stelle teilen: „So wird die zunehmende Verderbnis und Zerstörung unserer natürlichen Umwelt, die sich in unserer Zeit so schrecklich – wenn auch erst nur teilweise – erweist, hier vorausgesagt als ‘ein Ergebnis dessen, was die Hände der Menschen gewirkt haben’, d.h. jener selbstzerstörerischen – weil gänzlich materialistischen – Erfindungsgabe und rasenden Aktivität, die nun die Menschheit mit zuvor unvorstellbaren ökologischen Katastrophen bedroht: eine zügellose Verschmutzung von Land, Luft und Wasser durch industriellen und städtischen Abfall, eine zunehmende Vergiftung des Pflanzen- und Meereslebens, alle Arten von genetischen Mißbildungen in den Körpern der Menschen selbst durch einen immer weiter wachsenden Gebrauch von Drogen und scheinbar „nützlichen“ Chemikalien und das allmähliche Aussterben vieler Tierarten, die für das menschliche Wohlergehen notwendig sind…“[2]

Obwohl die Masken uns auf verschiedene Weisen schützen, bleibt es in unserer Verantwortung, sie ordnungsgemäß zu entsorgen, um dem ökologischen Unheil entgegenzuwirken – auch wenn es scheint, dass wir alleine nicht viel bewirken können. In den Sufi-Kreisen ist die Geschichte von einem Spatzen bekannt, der versucht hat, das Feuer, in welches der Prophet Abraham geworfen wurde, zu löschen. Als ihm andere Vögel erklären wollten, dass er mit einem mickrigen Tropfen in seinem Schnabel nichts erreichen kann, antwortete der Spatz: „Ich weiß, dass ich das Feuer nicht löschen kann. Ich bin aber für mich verantwortlich, und will zeigen, auf wessen Seite ich stehe.“


[1] https://lexikon.stangl.eu/22684/duchenne-laecheln

[2] Asad, Muhammed, Die Botschaft des Korans, S. 779.

Ahmed Husic ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Seminar für Islamische Theologie an der Universität Paderborn.

#Maske #Umwelt #Schutz #Schmutz

Nahtoderfahrungen und ihre Deutungen

Laut verschiedenen Umfragen hatten schätzungsweise mind. vier bis fünf Prozent der Menschen eine Nahtoderfahrung. Wenn über dieses Thema diskutiert wird, verläuft die Diskussionslinie oft an der Frage entlang, ob sie sich allein durch neuropsychologische Prozesse o.Ä. erklären lassen, das „letzte Atemholen“ in einem Abbauprozess darstellen, oder ob sie tatsächlich einen kleinen Blick auf ein womögliches Jenseits verschaffen, oder zumindest einen kleinen Vorgeschmack ermöglichen. Meiner Ansicht nach ist diese Debatte spannend, lässt allerdings wenig Raum für eine andere Fragedimension: Was macht eine Nahtoderfahrung mit einem Menschen? Hinterlässt sie eine freisetzende oder bedrückende Wirkung?[1] Wie verändern sich Deutungsmuster und Sichtweisen auf die Welt, wie beeinflussen sie das Leben? Von außen Deutungsmuster zu rationalisieren kann schnell übergriffig werden oder zumindest Dimensionen wegrationalisieren, was dann dazu führt, dass diese Erfahrungen manchmal selbst im engsten Familienkreis nicht miteinander geteilt werden, weil sie schließlich „nur Hirnprozesse“ beschreiben oder als irrational angesehen werden, oder dass ihnen zumindest für sich selbst nicht weiter nachgespürt wird, obwohl sie doch eigentlich etwas sehr Bereicherndes sein können.

Das Thema ist für mich besonders interessant, weil ich selbst im Alter von 7 Jahren einer solchen Erfahrung begegnet bin. Die Frage war für mich als Kind nicht, welche Hirnprozesse ablaufen, noch, ob das, was ich wahrgenommen habe, „wahr“ oder „falsch“ war. Da war überhaupt gar kein Gedanke. Nur tiefe Ruhe und Stille, wie ich so eine Art von Stille im Leben nie wieder vernommen habe, auch wenn ich sie mir immer wieder versuche ins Gewahrsein zu rufen. Und auch sehr viel Demut, Gleichmut, Sanftmut, ein liebevolles und ruhiges Gewahrsein der Welt trotz und gerade wegen einer lebensbedrohlichen Situation. Diese Erfahrung war ein außergewöhnliches Geschenk für mich, da dort etwas war, was ich selbst mit größter Mühe und Anstrengung niemals selbst hervorrufen oder herstellen könnte.

Ich lese mir gern Berichte von anderen durch, die über ihre Nahtoderlebnisse berichten und ihre Erfahrung, oder das, was sie aus dieser Erfahrung mitnehmen, teilen. Denn die Erfahrung selbst lässt sich weder ganz teilen noch in Worte fassen, aber die Konsequenzen und persönlichen Erträge für die eigene Weltdeutung lassen erahnen, dass ein innerlicher Prozess stattgefunden hat, der aus oder von dieser Erfahrung nachhaltig geprägt ist. Zwar lässt sich aus meiner Sicht nie ganz rekonstruieren, ob nun gewisse Erfahrungen allein ein bestimmter Auslöser für Entscheidungen und Inhalte im Leben sind oder nicht, aber doch müssen sie unabweislich einen Einfluss auf uns genommen haben. Hin und wieder stelle ich mir z. B. die Fragen: Hätte ich wohl Philosophie und Theologien im Dialog studiert, wenn ich diese Erfahrung nicht erlebt hätte? Wie wäre mein Leben dann wohl verlaufen, ähnlich oder ganz anders? Wie hätte ich diese Erfahrung nicht anders als ein Geschenk deuten können, christlich geprägt? Hätte ich mich wirklich so sehr mit dem Buddhismus beschäftigt, wenn mich diese Stille nicht innerlich so ergriffen hätte? 

Auch mit Menschen aus anderen Traditionen habe ich gesprochen oder von ihren Berichten gelesen. Dabei ging es gar nicht primär um eine Übereinstimmung oder Unterschiede des Erlebten auf inhaltlicher Ebene, wie eine gemeinsame Erfahrung eines sanften und hellen Lichts, noch um ein rationalisierendes Erklärungsmuster, sondern vielmehr um Deutungsmuster vor dem Hintergrund der eigenen religiösen Tradition (wenn sich aus einer Tradition heraus verstanden worden ist) und persönlichen, zaghaften Deutungsversuchen. Denn sind diese Berichte nicht gerade so spannend und bereichernd, weil sie Offenheit zur Deutung und zum Staunen lassen, wenn wir ihnen diesen Raum gewähren, in einer Zeit, in der wir am liebsten alles erklären und verstehen möchten? Und sind sie nicht gerade ein Anlass zum interreligiösen und interdisziplinären Dialog, weil sie sich von so vielen Perspektiven aus adressieren lassen, weil sie auf unterschiedliche Weise herausfordern und anregen?


[1] Beides scheint z. B. nach den Schilderungen der Befragten von Moody möglich zu sein. Vgl. Raymond A. Moody, Nachgedanken über das Leben nach dem Tod. 3. Aufl., Reinbek: Rowohlt 2012.

Sarah Lebock ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Komparative Theologie und Kulturwissenschaften (ZeKK).

#Nahtoderfahrungen #Licht #Stille #Staunen

Back to the roots – Zwischen Sport und Reisemagazin

In den Medien ist oft der Satz zu hören, dass die Pandemie uns als Gesellschaft verändern wird. Persönlich kann ich die Aussage nur bestätigen. Seit Beginn der pandemischen Situation habe ich eine neue Leidenschaft: Todesanzeigen lesen. Sie sind in meiner Tageszeitung jeden Samstag als Beilage zwischen dem Sportteil und dem Reisemagazin zu finden. Durch die starken Kontakteinschränkungen im Frühjahr 2020 waren die Todesanzeigen für mich ein wichtiges Informationsmedium, um Kenntnis von dem Tod von Menschen aus dem Bekanntenkreis oder stadtbekannten Persönlichkeiten zu nehmen. Mittlerweile lese ich nicht nur die Namen in den größeren Anzeigen, sondern betrachte jede noch so kleine Anzeige. Meine Gedanken kreisen um jeden Einzelnen und was von ihnen durch die Anzeige übrigbleibt. „Jede Seele wird den Tod schmecken“ (Sure 21, Vers 156). Mit dem Tod ist das Ende ihres irdischen Daseins markiert und ihre Seele ist zu ihrem Ursprung zurückgekehrt, so wie der Koran es in Sure 2, Vers 156 sagt. 

Längst verabschiedet habe ich mich von dem Gedanken, das Leben der Verstorbenen nach der Verweildauer auf der Erde nach dem Motto „Wer lange gelebt hat, hatte ein gutes Leben“ zu bewerten. In Gedanken hoffe ich, dass sie ein erfülltes Leben hatten. 

Jedes Mal, wenn ich im Freundes- und Bekanntenkreis von meiner Leidenschaft erzähle, nehme ich unterschiedliche Reaktionen darauf wahr, die auch vermutlich symptomatisch für den gesellschaftlichen Umgang mit diesem Thema sind. Ich wurde letztens gefragt, warum ich es mache. Ich antworte: Sie steigern meine Dankbarkeit für das Leben als ein Geschenk und anvertrautes Gut Gottes. Sie verändern meine Perspektive auf meine eigene Endlichkeit. Manchmal führt das Thema auch zu einer Stille und ist wie ein Stimmungskiller. In der Mehrheit der Gesellschaft wird das Thema oft wie etwas Privates, wie ein Tabuthema behandelt und führt zu einer erschrockenen Verschlossenheit und Zurückhaltung. Hängt die Verdrängung des Themas in unserer Gesellschaft damit zusammen, dass in unserer säkularisierten Gesellschaft kein Platz für die Endlichkeit und damit der Begrenztheit der menschlichen Existenz ist? Der Drang nach der Steigerung der Leistungsfähigkeit und Selbstoptimierung lässt eben keinen Platz für die Verletzlichkeit.

In vielen Todesanzeigen lese ich den Satz: „Die Beisetzung findet im engsten Familienkreis statt“. Eine Aussage, der viele Muslim*innen mehr als irritiert. Im muslimischen Kontext sind Bestattungen keine Privatangelegenheit der Familie. Sie haben immer einen Öffentlichkeitscharakter, zumal die islamische Jurisprudenz es als Aufgabe der Gemeindemitglieder definiert, ihre Toten zu beerdigen. In meinem Herkunftsland ist es Tradition, auf die Beisetzung eines Verstorbenen mit einem Gebetsruf zwischen den Gebetszeiten über Lautsprecher hinzuweisen und den Ort des Totengebetes und des Friedhofes so bekannt zu geben. Und wenn man sich zufällig in der Nähe aufhält, nimmt man an dem Begräbnis als Erinnerung daran teil, dass ein Mitglied der Menschheitsfamilie seine Reise zu seinem Schöpfer, angetreten hat, back to the roots.

Übrigens findet man Todesanzeigen von verstorbenen Muslim*innen ohne Migrationsgeschichte. Verstorbene mit einer Migrationsgeschichte werden mehrheitlich immer noch in ihre Heimatländer überführt. Wenn eine Bestattung in Deutschland erfolgen soll, legt man Wert auf eine zeitnahe Beisetzung, sodass die Beisetzung schneller erfolgt als das Erscheinen der Todesanzeige. Auch wird die Todesnachricht einer verstorbenen muslimischen Person oft über die sozialen Medien schneller und effektiver verbreitet. Hin und wieder werde ich von Mitgliedern der Mehrheitsgesellschaft gefragt, ob an dem Tag X eine bekannte muslimische Persönlichkeit auf dem muslimischen Grabfeld beigesetzt worden sei, da man dort eine große Menschenansammlung gesehen habe. In muslimischen Kontexten spielt die Fürsorge eine große Rolle, sodass Verwandte, Freunde oder Bekannte noch zum Teil wochenlang sich um die Hinterbliebenen kümmern und sie im Alltag unterstützen. 

Phillippe Ariés arbeitet in seinen Büchern historisch auf, dass in früheren Epochen in Europa die Gemeinschaftskomponente im Umgang mit dem Tod durchaus stärker war. Seit dem 20. Jahrhundert wird der Tod nach Ariés als ein notwendiges Übel angesehen, dass man nicht in die Öffentlichkeit trägt. Inwieweit solche Veränderungen auch in muslimischen Gesellschaften stattgefunden haben bzw. Muslim*innen als religiöse Minderheit in Europa von dem Umgang der dominanten Kultur beeinflusst werden, wäre eine empirische Untersuchung wert. 

Dr. Naciye Kamcili-Yildiz ist Mitarbeiterin am Seminar für Islamische Theologie der Universtität Paderborn.

#Tod #Islam #privat #Leben

„Sei mir nicht fern, denn die Not ist nahe …!“ (Ps 22,12)

Die Welt ist nun schon fast zwei Jahre fest im Griff des Coronavirus und die Infektionszahlen sind in Deutschland so hoch, wie nie zuvor. Da kann die Bitte in Psalm 22 nur allzugut nachvollzogen werden. Aber wo ist Gott? 

Biblisch wird die Nähe Gottes oft mit der heilenden Zuwendung zum Menschen verbunden (z.B. Gen 28,15). Die Abwesenheit und Distanz Gottes hingegen wird als schmerzhaft wahrgenommen und verspricht Unheil (z.B. Ri 6,13). Dabei ist den Menschen in biblischen Zeiten bewusst, dass Gott in seiner Präsenz immer unbegreifbar bleibt. Er ist zu herrlich, um vom Menschen gesehen zu werden (z.B. Ex 33,18). Die Geheimnishaftigkeit Gottes bleibt durch sein Erscheinen in Feuer und Wolken gewahrt (Ex 24,16-18).

Häufiger noch als durch sichtbare Nähe teilt sich Gott durch sein Wort mit. Gott spricht zu den Erzeltern, Prophet*innen sowie zum Volk Israel. Doch rufen Gottes Wort und sein Erscheinen nicht nur Freude hervor, sondern auch Niederwerfung und Verhüllung (z.B. Ex 3,6). Die Nähe Gottes kann sogar als quälend empfunden werden, wie Hiob seine Erfahrung in großem Leid schildert: „Lass ab von mir, damit ich ein wenig heiter blicken kann.“ (Ijob 10,20) 

Christlich gesehen wird der Logos Gottes, seine Nähe, in seiner Menschwerdung in Jesus Christus erfahren. In ihm ist Gott in die Welt gekommen, um ihr Trost, Vergebung und Erlösung zu schenken. Doch auch die Jüngerinnen und Jünger müssen nach Jesu Tod durch den Engel erfahren: „Er ist nicht hier, […]“ (Mt 28,6). Schon das irdische Leben Jesu war voll von Abschieden (z.B. Joh 14-16). Auch wenn Jesus Christus auferstanden ist und sein bzw. Gottes Geist bei uns bleibt (1 Joh 4,13), so gehört doch die Erfahrung des „Er ist nicht hier“ zur Ostererfahrung hinzu.[1] In der Erzählung über die Emmausjünger zeigt sich eine Dialektik des Erscheinens Jesu im Verschwinden, des Geschenktwerdens in der Ungreifbarkeit.[2]

Aus dem Dialog mit Muslimen heraus fällt mir zur Nähe Gottes nicht nur die berühmte Zeile im Koran ein, dass Gott dem Menschen näher ist als seine Halsschlagader (Q 50:16). In Sure 93 findet sich die Zusage Gottes: „Dein Erhalter hat dich nicht verlassen…“. Dies kann als Antwort auf die Frage des Beters in Psalm 22 verstanden werden,[3] mit der der Psalm beginnt und den Jesus nach dem Markusevangelium am Kreuz gesprochen hat: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ 

Die Unbegreifbarkeit und Geheimnishaftigkeit gehören wohl in allen drei abrahamischen Religionen zur Größe und Herrlichkeit Gottes. Was wir dadurch gewinnen ist die Freiheit des Vertrauens, des Zweifels und der Liebe. Doch die Liebe und Nähe unserer Mitmenschen, in der wir christlich gesprochen durch Jesus Christus auch Gott begegnen können (Mt 25,35-40), fehlt in diesen Zeiten der Pandemie besonders. Hoffen wir, dass sich dies im Laufe des Jahres 2022 wieder ändert.


[1] Vgl. F. Meures, „Er ist nicht hier“. Osterglaube als Teilhabe an der Gottesferne. In: Herder Korrespondenz Spezial 1 (2014), 61-64, 62.

[2] Vgl. H. U. v. Balthasar, Die Abwesenheiten Jesu, in: Geist und Leben 44 (1971), 329–335, hier 335.

[3] Vgl. Zohar Handromi-Allouche, „My God? Your Lord!” A Qur´ānic Response to a Biblical Question, in: JIQSA 3 (2018): 79-110.

Dr. Cordula Heupts ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Bonn.

#Gott #Covid #Psalm 22 #Religionen

Eine talmudische Weisheit über Nachhaltigkeit, Gemeinschaft und Tod

In wenigen Tagen wird das jüdische „Neujahrsfest der Bäume“, Tu bischwat, (17.01.22) gefeiert. Seine mystische Tradition reicht bis ins Mittelalter zurück. Tu bischwat feiert den ersten Austrieb der Früchte der Bäume und zeigt einen kleinen Vorgeschmack auf das Ende des Winters. 

Der Baum ist eine Inspirationsquelle für viele Kulturen, er kann Kontinuität und Verwurzelung, Fruchtbarkeit, die Verbindung mit der Unterwelt, mit der Gegenwart und mit den göttlichen himmlischen Welten darstellen. Bei verschiedenen Völkern hat der Baum eine fast spirituelle Ähnlichkeit mit dem Menschen, er wird vergöttert und respektiert. Ihm werden magische und prophetische Eigenschaften zugeschrieben. Die biblische Tradition betrachtet den Baum als Rätsel und Spender von Früchten, die Wissen wecken (Genesis 2), sie personifiziert und politisiert den Baum (in der Fabel von Iotam, Richter 9), behandelt ihn als Belohnung und begehrtes Gut (in der Prophezeiung von Hoshea 14), bis hin zur ausgefeiltesten und wertvollsten Form innerhalb der jüdischen Tradition: der Betrachtung der Thora selbst als Baum des Lebens (Sprüche 3). 

In einer Erzählung aus dem babylonischen Talmud (Taanit 23a) schwingen zwei überraschend zeitgenössische Bedeutungen des Baumes und der Natur insgesamt mit, zu denen sich ein Appell gesellt, der sinnvollerweise aktuell ist. Hier in zusammengefasster Form:

Honi HaMe´aggel soll ein Weiser gewesen sein, der die Fähigkeit besaß, Regen fallen zu lassen, indem er sich auf einen Kreis (haMaagal) stellte und betete, dass in Zeiten der Dürre der Regen kommen möge. Eines Tages ging Honi die Straße entlang, als er einen Mann sah, der einen Johannisbrotbaum pflanzte.

„Da fragte er ihn: Nach wie vielen Jahren trägt er? Jener erwiderte: Nach siebzig Jahren. Dieser fragte weiter: Bist du überzeugt davon, daß du noch siebzig Jahre leben wirst? Jener erwiderte: Ich habe Johannesbrotbäume auf der Welt vorgefunden; wie meine für mich pflanzten, ebenso will ich für meine Nachkommen pflanzen. Hierauf setzte er sich, aß sein Brot, worauf der in den Schlaf fiel.“ (b.Taanit 23a) 

Eine Felsenwand bildete sich um ihn, sodass er für niemanden sichtbar war und schlief siebzig Jahre lang. Als Honi erwachte, sah er einen Mann, der Johannisbrot von diesem Baum pflückte. Ḥoni fragte: Bist du derjenige, der diesen Baum gepflanzt hat? Der Mann antwortete ihm: Ich bin der Sohn seines Sohnes. 

Darauf ging Ḥoni nach Hause und fragte die Mitglieder des Hauses: Ist der Sohn von Ḥoni HaMe’aggel am Leben? Sie sagten zu ihm: Sein Sohn ist nicht mehr bei uns, aber der Sohn seines Sohnes lebt noch. Er sagte zu ihnen: Ich bin Ḥoni HaMe’aggel. Sie glaubten ihm nicht. Er ging in das Lehrhaus, wo er die Jünger über einen Gelehrten sagen hörte: Seine Halachot (Gesetze) sind so erhellend und so klar wie in den Jahren von Ḥoni HaMe’aggel. 

Ḥoni sagte zu ihnen: Ich bin es, aber sie glaubten ihm nicht und zollten ihm nicht den gebührenden Respekt. Ḥoni wurde sehr wütend, betete um Gnade und starb. Rava sagte: Dies erklärt die Volksweisheit, die die Menschen erzählen: (oChevruta o Mituta) Entweder Freundschaft oder Tod. 

Neben der Botschaft der Nachhaltigkeit und der Rücksichtnahme auf die Natur für unsere nächsten Generationen, die die Geschichte bietet, stellen wir fest, dass der Talmud (und die jüdische Tradition im Allgemeinen) Einsamkeit, Askese und alternative Formen zu der Gemeinschaft und des sozialen Lebens bekämpft. Im aramäischen Original klingt „o Chevruta o Mituta“ am stärksten nach. 

Wir erleben gerade paradoxale Zeiten, in denen „Chevruta“ (Gesellschaft) zu „Mituta“ (Tod) oder Krankheit führen kann und das Alleinsein zum Leben. Die Herausforderung ist nun, den Gegensatz zu durchbrechen, den Honis Geschichte darstellt und nach Mittelwegen zwischen den beiden Extremen zu suchen. Es ist meine Hoffnung, dass uns allen dies gelingt.

Liliana Furman ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Jüdischen Studien der Universität Paderborn.

#Feiertage #Natur #Baum #Nachhaltigkeit #Talmud #Covid #Gesellschaft #Verantwortung

Is God a Capricorn?

It recently dawned on me that God and I were really quite similar. You might think this claim warrants admission to a psychiatric ward for a suspected diagnosis of narcissistic personality disorder. But consider this: the son of God and I are both capricorns. Does this explain why all capricorns often feel like they are carrying the burdens of others? Of course, as a Muslim, I did also wonder if I might share a star sign with Muhmmad and what that might mean. Sadly, the Prophet (birthday 29 August 570, apparently) was a virgo. Still, I have the solace of knowing that the Prophet and I would be very compatible as spouses. These thoughts were sparked by a chance social encounter with a witch who, despite having never met me and only speaking to me for about twenty minutes, accurately informed me of my astrological and ascendant signs. How exactly does astrology fit into the worlds of religious dogma, new age mysticism, pseudo-science and hard science? 

Scholars of religion might scoff at calling Jesus a Capricorn, or Muhammad a virgo. The actual birth dates of these figures are shrouded in obscurity. There are lively controversies in both Christianity and Islam over the real birthdates of their central figures. Many religious believers also dismiss astrology as frivolous, or even worse, as a form of playing at (false) religion. Some sayings of the Prophet also condemn consulting astrologers, fortunetellers and necromancers. Nevertheless, the Islamic tradition is rich with scholars, rulers and ordinary believers investing considerable energies in attempting to learn the secrets of the cosmos by observing patterns in the movement of celestial bodies.   

Some contemporary practitioners of astrology also profess atheism and look down at traditional religion with contempt. Yet the conviction that the movement of the planets and the stars influences the course of human lives seems to assume a universe that has an organized, if not providential, structure. If my day, month or year is going to be influenced by the position of the moon or sun in their orbits, this would suggest that the universe is not a random arrangement of disconnected matter. Rather, there is an order, and indeed a non-material connection, between everything that exists. This is also what traditional religions have been saying for millennia. 

Scientists might consider themselves above the fray in these disputes. But the boundaries between science and pseudo-science are themselves shifting in light of advances in our understanding. What were once regarded as scientific impossibilities, such as the idea that a particle could act as both a particle and a wave at the same time, are now accepted as scientific truth. Because science is always concerned with undermining its own certainties, it is scientifically impossible to rule out that what is now regarded as pseudo-science, for instance Rupert Sheldrake’s notion of morphic resonance, the idea that there is an extrasensory connection between organisms, might one day be accepted as basic scientific knowledge. 

If you are someone who does new year’s resolutions (I don’t see the point myself), consider being more open to things that are dismissed as patently ridiculous, whether by religious believers, scientists or witches. Being open to what is dismissed as absurd is a great way to learn.

Dr. Abdul Rahman Mustafa ist Mitarbeiter am Seminar für Islamische Theologie der Universität Paderborn.

#astrology #science #open-minded