Archiv der Kategorie: WISE 25/26

Selbstportrait. Einer/Eine von Euch unter Euch mit EuchEinführung in die Malerei – Atelierstudien zum Thema Rabbit Hole

Ammar Redžović: Selbstportrait, Tinte auf Kraftpapier, 12 x 13 cm

Anna-Lena Tebrügge: Selbstportrait, Acryl auf Malpappe, 31 x 21 cm

Leah Schnitzler: In their wake, Acryl auf LW, 80 x 120 cm

Leni Colleen Betten: o.T., Acryl auf LW, 90 x 70 cm

Spätestens seit der Renaissancezeit ist das Selbstporträt als Gattung in der Malerei präsent. In dieser Epoche verändert sich die Selbstwahrnehmung von Künstler:innen, die sich nun nicht mehr bloß als Handwerker:innen, sondern als selbstbewusste Künstler:innen verstehen – gleichwertig den Philosoph:innen, Literat:innen und Wissenschaftler:innen ihrer Zeit. Neben der Auseinandersetzung mit der eigenen Physiognomie zeugen viele Selbstbildnisse von einer inneren Auseinandersetzung der Künstler:innen mit sich selbst, ihren Stimmungen, Bedürfnissen und ihrer Vergänglichkeit. Von Rembrandt Harmensz van Rijn (1606–1669) sind rund 80 Selbstporträts überliefert, die er im Laufe von etwa 40 Jahren gemalt hat. Oft stellte er sich lachend, lächelnd oder grinsend dar – zum Beispiel mit einer jungen Gattin in unbekümmerter Fröhlichkeit bei einem intimen Gelage. Die Lust an quasi karnevalesken Verkleidungen spiegelt sich in kostbaren Kostümen wider. Samt, Brokat, Glitzern und Funkeln verdeutlichen eine Neigung zu barocker Lebensfreude. Sie ergänzen nicht nur das Mimische und Gestische in der Anlage der Figuren, sondern sind Ausdruck einer grundsätzlichen Gemütsverfassung bzw. seelischer Befindlichkeiten. Diese bestimmen den geistigen „Blickwinkel“ der malenden Person – ihre „Sicht der Dinge“.

Artemisia Gentileschi hingegen zeigt in ihrem Gemälde Das Selbstporträt als Allegorie der Malerei von 1638/39 ein feministisches Thema – in einer Zeit, in der Frauen selten beruflich tätig waren, geschweige denn öffentlich Anerkennung fanden. Ihre Darstellung ihrer selbst als personifizierte Malerei war eine kühne Aussage für die damalige Zeit.

Rund 300 Jahre später malt Martin Kippenberger 1981 ein Bild, das ihn mit bandagiertem Kopf zeigt. Zuvor hatte ihm „Ratten-Jenny“, eine Berliner Punkerin, ein Bierglas ins Gesicht geschlagen, weil er als Betreiber der Kneipe S.O. 36 die Getränkepreise erhöht hatte. Das Gemälde mit dem Titel Dialog mit der Jugend ist eine ironische Neuinterpretation des berühmten Selbstporträts mit bandagiertem Ohr von Vincent van Gogh aus dem Jahr 1889. Mit dem Spruch „Ich kann mir doch nicht jeden Tag ein Ohr abschneiden“ kritisiert Kippenberger den Geniekult, der das 19. und 20. Jahrhundert prägte, und persifliert damit die Erwartung an Kunstschaffende, sich ständig neu zu erfinden.

Seitdem die Kameras in Smartphones immer besser geworden sind und die Verknüpfung mit sozialen Medien dank schneller Datennetze reibungslos funktioniert, ist das „Selfie“ allgegenwärtig. Aber wie kann ein Selbstporträt im Jahr 2025 aussehen? Welche Geschichten und Subkontexte lassen sich über die Malerei erzählen – durch die Auseinandersetzung mit der eigenen Physiognomie, der Kleidung, der Inszenierung, der Malweise oder dem Raum, in dem das Selbstporträt stattfindet? 

Lehrender: Prof. Max Schulze

Marie Relecker: o.T., Acryl auf LW, 70 x 50 cm

Maximilian Picker: o.T., Acryl auf LW, 150 x 120 cm

Jessica Raabe: o.T., Acryl auf LW, 50 x 80 cm

Paula Pepping: Unfall bei Nacht, Acryl auf LW, 80 x 60 cm

Einführung in die Malerei – Atelierstudien zum Thema Nebel

Anna-Marie Merk: o.T., Acryl auf LW, 100 x 120 cm

Dragana Bajic: o.T., Acryl auf LW, 50 x 40 cm

Evelina Kireeva: Traumbad, Acryl auf LW, 40 x 50 cm

Giulia Mercedes Vogel: o.T., Acryl auf LW, 50 x 70 cm

Nebel – dieses atmosphärische Naturphänomen, das Sichtbares verhüllt und Grenzen auflöst – hat Künstlerinnen und Künstler seit Jahrhunderten fasziniert. In der Malerei steht Nebel nicht nur für meteorologische Gegebenheiten, sondern wirkt als Symbolträger für das Unbestimmte, das Rätselhafte und das Vergängliche. Seine ästhetische Qualität liegt in der Fähigkeit, Formen aufzulösen, Horizonte verschwinden zu lassen und ein Gefühl von Tiefe und Ungewissheit zu erzeugen. Nebel verschiebt die Perspektive, reduziert Kontraste und schafft eine Atmosphäre des Schwebezustands – zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit, Präsenz und Abwesenheit.

Im übertragenen Sinne wurde Nebel in der Kunst oft als Ausdruck innerer Zustände verstanden: Melancholie, Sehnsucht oder existenzielle Unsicherheit. Besonders in der Romantik nutzten Maler wie Caspar David Friedrich den Nebel, um eine metaphysische Dimension zu evozieren – das Sichtbare als Schleier über dem Unsichtbaren. Der Blick in die nebelverhangene Ferne wird dabei zum Symbol für die Suche nach Sinn, nach Transzendenz, nach dem, was jenseits des Erfassbaren liegt.

Im Laufe der Kunstgeschichte wandelte sich die Bedeutung des Nebels. Während er in der Romantik für das Erhabene, das Mystische stand, wurde er in der Moderne zunehmend zum Zeichen von Entfremdung oder Orientierungslosigkeit. In impressionistischen Werken – etwa bei Monet – erscheint Nebel als Teil einer neuen Sehweise: Licht, Luft und Atmosphäre lösen die festen Konturen der Welt auf und machen die Wahrnehmung selbst zum Thema. Nebel wird hier zum Instrument der Abstraktion, des Spiels mit Licht und Farbe, aber auch zur Metapher für das Ungewisse im modernen Leben.

Heute eröffnet das Thema „Nebel“ vielfältige künstlerische Perspektiven. Es lädt dazu ein, mit Übergängen, Auflösung und Mehrdeutigkeit zu arbeiten – sowohl technisch als auch inhaltlich. Nebel kann als Schutz dienen oder als Barriere, als Ruhepol oder als Ausdruck von Verwirrung. Er fordert dazu auf, das Unscharfe, das Nicht-Festgelegte zuzulassen – in der Kunst wie im Denken.

Im Atelier wollen wir diesen Aspekten nachgehen: Wie lässt sich Nebel malerisch darstellen? Welche Emotionen und Deutungen kann er hervorrufen? Und wie verändert sich unsere Sicht auf die Welt, wenn das Klare dem Diffusen weicht? Das Motiv des Nebels bietet eine spannende Möglichkeit, über Sichtbarkeit, Wahrnehmung und Bedeutung in der Malerei nachzudenken – und gleichzeitig über das, was sich unserem Blick entzieht.

Lehrender: Prof. Max Schulze

Mahruza Javadzade: Nebel, Öl auf LW, 60 x 50 cm

Marie Laukötter: Siedlung im Nebel, Acryl auf LW, 50 x 70 cm

Marlene Freese: o.T., Acryl auf LW, 80 x 60 cm