Formulieren einer Fragestellung

Carla Bohndick & Andrea Karsten 

Wie sie auch in dem Kapitel Planung lesen können, ist es für Ihre Forschungsarbeit wichtig, eine Forschungsfrage zu formulieren. Die Forschungsfrage leitet Sie durch Ihren Forschungsprozess und ist die Grundlage für spätere Entscheidungen, wie die Entscheidung für ein Forschungsdesign. Beispiele für Forschungsfragen finden Sie hier im Unterkapitel Fragestellung. In diesem Kapitel zeigen wir Ihnen eine Möglichkeit, wie Sie zu Ihrer Fragestellung kommen können.

Bevor Sie sich an die Formulierung Ihrer Fragestellung machen können, brauchen Sie allerdings ein Thema. Ideen für dieses Thema können Sie auf ganz unterschiedliche Wege bekommen: Sie sollten sich z. B. fragen, was Sie besonders interessiert und womit Sie sich gerne länger beschäftigen würden. Folgende Fragen können Ihnen dabei helfen:

  • Welche Seminare und Vorlesungen, die Sie bisher besucht haben, fanden Sie besonders spannend? Welche Themen wurden dort behandelt?
  • Was erschien Ihnen im Studium unklar, paradox oder unerforscht? Welche Themen werden in Ihrem Fach besonders stark diskutiert?
  • Welche praktischen Probleme oder schwierigen Situationen ergeben sich in Ihrer Praxis? Was könnten Gründe für diese schwierigen Situationen sein?
  • Welches Wissen werden Sie später brauchen? Wozu genau?
  • Welche Projekte, Methoden oder Situationen gelingen in der pädagogischen Praxis besonders gut und welche Gelingensbedingungen könnten hierfür relevant sein?
  • Welche Forschungsinteressen teilen Sie mit den Mentor/-innen oder der Schulleitung?

Schreiben Sie zu jeder Frage 5 Minuten so viel wie Ihnen einfällt und suchen Sie nach Überschneidungen und Dopplungen. Kreisen Sie beispielsweise wiederkehrende Begriffe oder Fragen ein. So können sich erste Themenideen herauskristallisieren, mit denen Sie im Folgenden weiterarbeiten können. Um Ihr Forschungsvorhaben weiter zu konkretisieren, formulieren Sie schließlich eine Fragestellung, mit der Sie einen Aspekt Ihres Themas auswählen und bearbeitbar machen (Beispiele für Themen und passende Fragestellungen finden Sie hier).

Es ist hilfreich, die Fragestellung nicht „losgelöst vom“ oder „zusätzlich zum“ eigenen Forschungsthema zu formulieren, sondern sie in Balance mit anderen Aspekten der thematischen Planung Ihres Textes zu entwickeln. Hierfür bietet sich das Pentagon-Modell von Rienecker und Stray Jørgensen (2013) an. Das Modell stellt bildlich die fünf zentralen Aspekte eines Themas dar: die Fragestellung (um die es hier ja hauptsächlich geht) (1), das Forschungsziel oder Erkenntnisinteresse (2), das Material oder der Gegenstand, die untersucht werden sollen (3), die theoretischen und empirischen Werkzeuge, mit denen gearbeitet wird (4), sowie das methodische Vorgehen (5).

Bild 1

Das Feld „Forschungsfrage“ bezieht sich auf die Fragestellung, die Sie bearbeiten werden. Das Feld „Erkenntnisinteresse und Forschungsziel“ umfasst die Forschungslücke, die mit Ihrem Projekt geschlossen wird und ordnet Ihr Thema in einen Forschungsdiskurs ein. Eventuell müssen Sie hierfür Literatur recherchieren, um den bisherigen Forschungsstand zu Ihrem Thema abschätzen zu können. Mit „Forschungsgegenstand“ sind das Material und die Daten gemeint, die Sie untersuchen. „Werkzeuge“ bezeichnet alle Theorien, Modelle, Begriffe und Methoden, auf die Sie sich beziehen und die Ihnen bei der Bearbeitung Ihrer Fragestellung helfen. Mit „methodisches Vorgehen ist schließlich der Ablauf Ihres Forschungsprojekts gemeint und die Art und Weise, wie Ihre Forschungsvorgehen im fertigen Text dargestellt wird.

Ein Beispiel der BA-Arbeit einer Studentin im Bereich Anästhesiepflege kann mögliche Inhalte der fünf Felder verdeutlichen:

Bild 2

Das Pentagon-Modell eignet sich gut als Grundlage für die konzeptionelle Arbeit an Ihrem Thema und damit an Ihrer Fragestellung. Füllen Sie im Arbeitsblatt die fünf Felder an den Eckpunkten des Pentagons aus. Denken Sie daran, dass es sich bei diesem Schritt um eine Vorarbeit zur Generierung der Fragestellung und der Eingrenzung Ihres Themas handelt. Die Reihenfolge des Ausfüllens bestimmt nicht die Struktur Ihres späteren Textes. Beginnen Sie also zunächst dort, wo Ihnen etwas einfällt, es gibt kein vorgegebenes Feld für den Einstieg. Versuchen Sie, in jedes der Felder etwas Relevantes einzutragen. Wagen Sie ruhig auch eine erste Formulierung Ihrer Forschungsfrage. Wenn Lücken bleiben und Sie bestimmte Felder nicht ausfüllen können, ist das ein Hinweis, dass Sie an diesen Punkten weiterarbeiten sollten. Sprechen Sie mit ihrem/-r Betreuer-/in, recherchieren Sie, stellen Sie Analogien zu eigenen früheren Arbeiten oder zu fremden Texten her und tauschen Sie sich mit Kommilitonen/-innen aus.

Achten Sie beim Ausfüllen auf Stimmigkeit und Balance zwischen den Feldern. Möglicherweise können gute Texte, die zur selben Textsorte gehören wie Ihr geplanter Text, veranschaulichen, was Stimmigkeit in Ihrem Forschungsfeld und Fach bedeuten kann. Es empfiehlt sich auch, das ausgefüllte Pentagon mit anderen Studierenden und/oder Ihrem/-r Betreuer/-in zu besprechen. Grenzen Sie Ihr Thema in Bezug auf Breite und Tiefe ein, damit es bearbeitbar wird. Nutzen Sie schließlich die Felder als Leitfaden für den eigenen Text.

Quasi als „Nebenprodukt“ des Pentagons haben Sie eine erste Version einer Fragestellung (evtl. mit Unterfragestellungen) formuliert. Diese ist abgestimmt auf Ihr Forschungsprojekt: auf Ihr mit dem Projekt verfolgtes Forschungsziel, auf die Daten, die Sie untersuchen, auf die methodischen Werkzeuge, die Sie nutzen, und auf Ihr Forschungsdesign. Nun können Sie die Fragestellung weiter bearbeiten, sie schärfen und weiterentwickeln, beispielsweise, indem Sie sich folgende Fragen stellen:

  • Ist die Fragestellung verständlich und präzise formuliert?
  • Ist die Fragestellung relevant, d. h. ist die Antwort auf die Fragestellung aus wissenschaftlicher Sicht interessant?
  • Können Sie die Fragestellung mit den Ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln beantworten? Denken Sie dabei auch an folgende Aspekte
    • Haben Sie genug Wissen/Können um die Fragestellung zu beantworten, bzw. genug Zeit dieses Wissen zu erwerben?
    • Haben Sie genug Zeit, um die Fragestellung zu beantworten?
    • Können Sie die notwendigen materiellen Ressourcen (Forschungsmaterialien, Ausdrucke, Geld) bereitstellen?
    • Haben Sie Zugang zu den zu beforschenden Personen? Machen Sie sich hierfür auch mit den datenschutzrechtlichen und forschungsethischen Grundprinzipien der empirischen Forschung bekannt.
    • Sind Ihre Betreuer/-in, die Schulleitung und Mentor/-innen mit dem Forschungsprojekt einverstanden?

Überlegen Sie an dieser Stelle auch nochmal, warum die Beantwortung der Fragestellung wichtig ist und welches Ziel Sie mit der Beantwortung der Fragestellung verfolgen. Dies wird Ihnen dabei helfen, weiterhin fokussiert vorzugehen und auch Ihren Schreibprozess unterstützen.

 

Literatur

Hug, T. & Poscheschnik, G. (2015). Empirisch forschen. Die Planung und Umsetzung von Projekten im Studium (2. Aufl.). Konstanz: UVK-Verl.-Ges.

Rienecker, L. & Stray Jørgensen, P. (2013). The good paper. A handbook for writing papers in higher education. Frederiksberg: Samfundslitteratur.

Voss, R. (2011). Wissenschaftliches Arbeiten … leicht verständlich! (2. Aufl.). Konstanz: UVK/Lucius.

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