Gott und Steuern oder: Warum Steuerfragen uns zum Kern von Religionen führen 

Was haben Steuern mit Religion zu tun? Diese Frage stellten sich zu Beginn sämtliche Teilnehmende des Seminars „Gott und Steuern. Eine Reise durch die Geschichte von Recht und Religion“, geleitet von Prof. Idris Nassery aus der islamischen Normlehre und Prof. Dr. Korinna Schönhärl aus der Neueren/Neuesten Geschichte. Wo sollte es wohl Berührungspunkte zwischen zwei so völlig verschiedenen Feldern geben, was hat das eine mit dem anderen zu tun? Um so mehr staunten unsere Studierenden, als sie erfuhren, dass die beiden Dozierenden für den 29.2./1.3.2024 zu genau diesem Thema auch noch eine internationale Konferenz „God, Taxes, and Societies: Exploring Intersections of Religion and Taxation in History“ planten. Um über ein so verrücktes Thema zu diskutieren, sollten sogar Wissenschaftler*innen aus dem Ausland eingeladen werden? 

Im Verlauf des Seminars wurde deutlich, dass Theologen und Gelehrte aller drei großen monotheistischen Religionen – Judentum, Christentum und Islam – sich mit der Frage auseinandergesetzt haben, ob und wann Gläubige Steuern zahlen sollen, wann die Forderungen des Staates legitim sind und wann man sich ihnen widersetzen darf. Die Grundlage dafür ergibt sich aus den Texten dieser Religionen, die soziale Utopien entwerfen, Gesellschaftsideale, die durch einen transzendenten Bezugspunkt („Gott“) legitimiert werden. Die entworfenen Gesellschaftsordnungen können monarchisch, autokratisch oder demokratisch sein, je nach dem, wie sie sich legitimieren: durch Gottes Gnade, durch überlegene Gewalt, durch einen Sozialvertrag. Alle Gesellschaftsentwürfen müssen aber Antworten geben auf die Frage, wie mit sozialer Ungleichheit umzugehen ist: Soll sie bestehen bleiben, oder ist ein Ausgleich, eine Umverteilung zwischen bestimmten Gruppen notwendig, um die Ordnung zu stabilisieren? Alle drei Religionen empfehlen eine Umverteilung in unterschiedlichem Ausmaß. Damit geht automatisch eine Stellungnahme zum Steuerzahlen einher, denn Steuern sind nicht erst seit der Etablierung des modernen Staates im 19. Jahrhundert DAS Instrument zur Umverteilung von Reichtum. Die Art der Steuern, sei es auf Konsum, Einkommen, Vermögen oder Erbe, ist das Ergebnis komplexer Aushandlungsprozesse, die von politischen, kulturellen und historischen Faktoren abhängen. 

Dieser Fokus auf die Steuerfrage führt uns schnell zu grundlegenden Fragen darüber, wie viel gesellschaftliche Ungleichheit eine bestimmte Glaubensgemeinschaft für erträglich hält und welche Umverteilung als notwendig erachtet wird. Diese Fragen werden auf der geplanten Konferenz mit Expert*innen aus Theologie, Geschichts-, Rechts- und Politikwissenschaft diskutiert, die sich auf jüdische, muslimische und christliche Gesellschaftsentwürfe und Steuersysteme in Geschichte und Gegenwart spezialisiert haben.

Die Konferenz wird von Teilnehmer*innen aus Deutschland, Griechenland, Italien, Israel, der Schweiz und den USA besucht. Zusätzlich konnte mit Fabio Rambelli (Santa Barbara) ein Experte für Steuern im Buddhismus gewonnen werden, der zum Thema Egalität und Umverteilung im Buddhismus referieren wird. 

Interessierte Zuhörer*innen und Mitdiskutierende sind herzlich willkommen. Eine Anmeldung bis zum 25. Februar unter zekk@upb.de wird erbeten.

#god #taxes #societies