Ein einziger Satz am Beginn des Markusevangeliums fällt ins Auge. Kaum beginnt Jesus zu predigen und Menschen zu heilen, wird sein Tod beschlossen. Geht man dem spontanen Eindruck analytisch nach, so zeigt sich auf atemberaubende Weise, welche formale Schlüsselrolle diesem einen Vers zukommt und welche Brisanz ein einziger Satz des Neuen Testaments enthalten kann. Doch der Reihe nach.
1. Ein Mordplan zu Beginn
Nestle-Aland bieten in der jüngsten Auflage folgenden Text: kai« e˙xelqo/nteß oi˚ Farisai√oi eujqu\ß meta» tw◊n ÔHrwˆdianw◊n sumbou/lion ™e˙di÷doun kat∆ aujtouv o¢pwß aujto\n aÓpole÷swsin.
Der textkritische Apparat gibt dazu folgende Auskunft: ™ epoihsan å C ∂ œ 892mg pc » epoioun A (W) Ï1 33  »poiounteß D a » txt B L Ï13 28. 565. 700. 892°vid. 2427 pc bomss |
Mit anderen Worten, Nestle-Aland gibt der Lesart der Codices Vaticanus aus dem 4. Jahrhundert und Regius aus dem 8. Jahrhundert sowie einiger Minuskeln (Ï13 u.a.) und einiger weniger Einzelhandschriften den Vorzug. Damit folgen sie dem Prinzip der lectio difficilior; denn der in der biblischen und außerbiblischen Literatur seltenere Ausdruck sumbou/lion e˙di÷doun legt den Akzent auf den Vorsatz der Handlung, so dass man besser übersetzt, «sie hielten einen Rat» als bereits abschließend «sie fassten einen Plan». Wichtige Zeugen kennen daneben auch das dem Prädikat e˙di÷doun syntaktisch gleichwertige e˙poi÷hsan, so der Codex Sinaiticus (4. Jahrhundert), der Codex Ephraemi Syri rescriptus (ein Palimpsest aus dem 5. Jahrhundert) und die jüngeren Codices Sangallensis und Coridethianus (beide aus dem 9. Jahrhundert) sowie die Minuskel 892. Andere dagegen schreiben statt des Aorist das Imperfekt e˙poi÷oun, das die Handlung wiederum als unabgeschlossen ansieht, und das auch der Vulgata als Vorbild dient (consilium faciebant), wie der Codex Alexandrinus (5. Jahrhundert), die Minuskeln Ï13 und Ï28 oder der sogenannte Mehrheitstext. Ausgerechnet der Codex Bezae Cantabrigiensis kennt sogar das Partizip poiounteß, was nur eine Verschreibung sein kann (angesichts der Ähnlichkeit etwa ein Homoioteleuton), da durch die Abwesenheit eines eigentlichen Prädikats der Hauptsatz fehlerhaft ist.
2. Drei sind genug
Drei architektonische Elemente überlagern sich im Vorfeld. Ein viertes wird uns später in einem übergreifenden Kontext beschäftigen. Vom Beginn des Markusevangeliums bis zu 3,6 zeigt sich folgende Gliederung:
1. Der Anfang Mk 1,1
2. Der Verheißende Mk 1,2–8
3. Der Verheißene Mk 1,9–15
4. Der Ort Mk 1,16–28
5. Die Jünger Mk 1,29–45
6. Die Sünden Mk 2,1–12
7. Die Nachfolge Mk 2,13–28
8. Der Plan Mk 3,1–6
Jesus unterstreicht seine Lehre durch Heilungswunder. Es handelt sich um zunächst vier Heilungen, die immer umfangreicher und eindringlicher beschrieben werden.
1,23–27 Exorzismus
1,29–31 Heilung der Schwiegermutter des Petrus
1,40–45 Heilung des Aussätzigen und «Messiasgeheimnis»
2,3–11 Heilung des Gelähmten
3,1–5 Heilung der verdorrten Hand
Danach folgt ein längerer Abschnitt, während dessen es um andere Dinge geht, eine retardatio (2,13–28). Dann tritt die climax ein: Ein kurzes Wunder und der Beschluss, ihn zu töten.
Inmitten dieser Wunderepisoden kommt es zu einer entscheidenden Wende: «Deine Sünden sind Dir vergeben.» (kai« i˙dw»n oJ ∆Ihsouvß th\n pi÷stin aujtw◊n le÷gei twˆ◊ paralutikwˆ◊: te÷knon, aÓfi÷entai÷ sou ai˚ amarti÷ai. 2,5) Das ist neu – und unerträglich, denn 26: «Wer kann Sünden vergeben als Gott allein?» (ti÷ ou∞toß ou¢twß lalei√`; blasfhmei√: ti÷ß du/natai aÓfie÷nai amarti÷aß ei˙ mh\ ei–ß oJ qeo/ß 2,6). Genug, dass Jesus Dinge tut, aufgrund deren sich die Leute «entsetzen» (e˙qambh/qhsan 1,27a) – immerhin erkennen sie an, dass er dies mit Vollmacht tut (1,27b); und offensichtlich lehnen sie dies nicht ab (1,32.33; 1,45). Doch nun ist die Grenze überschritten. Jesus sagt, was allein Gott vorbehalten ist. Das ist nicht zu dulden!
Seitdem das Wort von der «Sünde» (2,5) gefallen ist, sind Schriftgelehrte oder Pharisäer immer in der Nähe. Kurze Gespräche ergeben sich zwischen ihnen und Jesus (2,6–10; 2,16–17; 2,24–28): Wer kann allein Sünden vergeben? Isst dieser mit Sündern? Warum tun seine Jünger, was am Schabbat nicht erlaubt ist? Doch dreimal ist genug. 3,2–6: Das vierte Zusammentreffen gerät zum Eklat.
Soll man am Schabbat Gutes tun? Sie lauern. Jesus spricht sie an. Sie schweigen. Dann verlassen sie die Szene und fassen einen Plan. Poetisch unnachahmlich übersetzt Luther (1545):
Vnd er gieng abermal in die Schule. Vnd es war da ein Mensch, der hatte eine verdorrete Hand. Vnd sie hielten auff jn, ob er auch am Sabbath jn heilen wuerde, Auff das sie eine sache zu jm hetten. Vnd er sprach zu dem Menschen mit der verdorreten hand, Trit erfur. Vnd er sprach zu jnen, Sol man am Sabbath gutes thun, Oder boeses thun? Das leben erhalten oder toedten? Sie aber schweigen stille[1]. Vnd er sahe sie vmbher an mit zorn, vnd war betruebet vber jrem verstockten Hertzen, vnd sprach zu dem Menschen, Strecke deine hand aus. Vnd er strackte sie aus, Vnd die hand ward jm gesund wie die ander. Vnd die Phariseer giengen hin aus, vnd hielten als bald einen Rat mit Herodis diener, vber jn, wie sie jn vmbbrechten.
3. Der Schlüssel
Mk 3,6 bildet die climax der gesamten Einleitung und verweist zugleich auf die climax des gesamten Evangeliums.
a) Der Anfang: Mk 1,1
Dies ist eine Überschrift, die mit dem Substantiv eujagge÷lion sowohl die Gattung als auch den Inhalt der folgenden Schrift bestimmt.
b) Der Verheißende: Mk 1,2–8
Unter Rückgriff auf alttestamentliche Verheißung wird der eingeführt, der das Kommen eines noch ungleich Größeren vorbereitet. Haltung und Habitus des Wegbereiters werden gezeichnet; zu ihm kommen pa◊sa hJ ∆Ioudai÷a cw¿ra kai« oi˚ ÔIerosolumi√tai pa¿nteß und schließlich der Verheißene selbst (1,9).
c) Der Verheißene: Mk 1,9–15
Dieser, obwohl als Sohn Gottes proklamiert, fügt sich in der Taufe dem, was geschehen muss (Mt 3,15) und stellt sich denen gleich, für die er gekommen ist (Lk 3,21); denn peplh/rwtai oJ kairoß (Mk 1,15).
d) Der Ort: Mk 1,16–28
Ländliche Gegend, gelegen am Meer. Im Land der Galiläer, königlicher Verkündigung (Mt 2,2) gänzlich unangemessen. Doch an diesem Ort geht Jesus erstmals auf die Menschen zu. Fischer und Tagelöhner hören zuerst metanoei√te kai« pisteu/ete e˙n twˆ◊ eujaggeli÷wˆ» (1,15) – und Feinde der basilei÷a touv qeouv erkennen ihn zuerst (1,23f), Besessene, Ausgestoßene, in der Stadt Unerwünschte.
e) Die Jünger: Mk 1,29–45
Enger wird der Kreis: Die Jünger kommen in den Blick, ihr Alltag, ihre Familien. Der Alltag der Begegnung mit Jesus.
f) Die Sünden: Mk 2,1–12
Und zum ersten Male tritt er heraus aus dem Kreis derer, die zu seiner Zeit ebenso wie er Wunder wirken (Mt 12,27)[2]. Jetzt fallen Worte, die nur Gott sprechen kann: te÷knon, aÓfi÷entai÷ sou ai˚ amarti÷ai.»
g) Die Nachfolge: Mk 2,13–28
Und erst nach diesem eröffnet er seinen Jüngern das, was er von ihnen fordert und was er möglich macht – und die Jünger tun es sogleich: kai« le÷gei aujtwˆ◊: aÓkolou/qei moi. kai« aÓnasta»ß hjkolou/qhsen aujtwˆ◊.
Und nun folgen Reden und Taten, in denen Jesus sich als der zeigt, der (didach\ kainh\, 1,27) etwas ganz Neues lehrt als das Gesetz der Schriftgelehrten – gerade indem er das Gesetz lehrt: oujde÷pote aÓne÷gnwte; (2,25)
h) Der Plan: Mk 3,1–6
Und so kann es nicht ausbleiben, dass es auf Dauer nur eine einzige Möglichkeit gibt:
… oi˚ Farisai√oi … meta» tw◊n ÔHrwˆdianw◊n sumbou/lion e˙di÷doun kat∆ aujtouv o¢pwß aujto\n aÓpole÷swsin.
Dieser Satz ist nichts weniger als der Schlüsselsatz des ganzen Evangeliums, sowohl des «historischen» Berichts als auch der guten Botschaft. Gleichsam den Angelpunkt bildend, hören ihn die einen als Befreiung von einem, der das Alte zerreißt (2,22), die anderen als Befreiung durch einen, der alles neu macht (Mk 1,27; Apk 21,5). Am Anfang stehend, weist er auf das Ende. Sodann «entweicht»[3] Jesus (3,7).
4. Sprache, Theologie und Mathematik
Liest man Markus 3,1–6 im Licht seiner Parallelen – Mt 12,9–14 und Lk 6,6–11 – so zeigt sich, wie Matthäus ganz frei mit seiner Vorlage umgeht. Ein nicht unfreundlicher Dialog entspinnt sich, und natürlich wollen die Pharisäer (sie kennen wir aus Vers 2) Jesus in eine Falle laufen lassen; aber man ist am Ende doch überrascht, wenn ihnen nichts anderes in den Sinn kommt, als seinen Tod zu beschließen.
Wie anders Lukas: Die wichtigsten Handschriften bezeugen, wie sich Lukas in seiner Schilderung des Vorfalls genauestens an die Satzstruktur seiner Vorlage hält. Anzahl der Sätze, parataktische und hypotaktische Bauformen übernimmt Lukas modellhaft. Selbst den Ablauf des Geschehens, seine einzelnen Stationen, den Konflikt, tastet Lukas nicht an. Und doch hat die Episode bei ihm einen gänzlich anderen Charakter als bei Markus.
Mk 3,1 / Lk 6,6: Lukas schreibt hohen Stil. Während Markus in seiner Aufzählung der Ereignisse wie bis anhin auf schlichte Weise (kai) fortfährt, hebt Lukas an: e˙ge÷neto.
Mk 3,2 / Lk 6,7: Die Frage der Anklage lautet bei Markus lediglich: iºna kathgorh/swsin aujtou. Lukas indes braucht ein weiteres Verb, das ihm ermöglicht, das Verb, um das es geht, infinitivisch zu «erheben»: iºna eu¢rwsin kathgorei√n aujtouv.
Mk 3,3 / Lk 6,8: Die schlichte Aufforderung, hervorzutreten – e¶geire ei˙ß to\ me÷son», wird bei Lukas nicht nur «eingekleidet» in die Formulierung aujto\ß de« hØ¡dei tou\ß dialogismou\ß aujtw◊n, sondern auch die Reaktion des Kranken wird hervorgehoben: e¶geire kai« sthvqi ei˙ß to\ me÷son kai« aÓnasta»ß e¶sth.
Mk 3,4 / Lk 6,9: Und in dem nunmehr anhebenden Fragment eines Dialoges belässt es Lukas nicht bei der Frage Jesu, sondern eine Selbsteinleitung in seine Frage wird ihm in den Mund gelegt: ei•pen aujtw.
Von besonderem Interesse jedoch ist, was nun folgt:
Mk 3,5 / Lk 6,10: Die Wendung kai« peribleya¿menoß aujtou\»ß wird bei Lukas angereichert mit einem schmückenden, inhaltlich freilich pleonastisch anmutenden pa¿ntaß. Doch wie Jesus sich nun verhält, zeigt ihn bei Markus ganz als Menschen, mit komplexen Empfindungen, voller Trauer und Zorn: met∆ ojrghvß, sullupou/menoß e˙pi« thØv pwrw¿sei thvß kardi÷aß aujtw◊n. Dies aber schwächt Lukas nicht nur ab, sondern enthält es seinen Lesern ganz vor, so dass bei ihm die Parallele einfach lautet: kai« peribleya¿menoß pa¿ntaß aujtou\ß ei•pen aujtwˆ◊: e¶kteinon th\n cei√ra¿ sou.
Mk 3,6 / Lk 6,11: Ganz gleich verfährt Lukas mit dem «Schlüsselsatz». Zwar schreibt er den Pharisäern zu, sie seien e˙plh/sqhsan aÓnoi÷aß, also erfüllt mit Unverstand, vulgo: von Sinnen. Doch im Hinblick auf Jesus lässt er sie nur dielalei√n[4], ti÷ a·n poih/saien twˆ◊ ∆Ihsouv. Obwohl man ahnt, worauf es hinauswill, wagt er es nicht, den Vorsatz beim Namen zu nennen.
Markus schreibt einen Text, der in seiner schlichten Naivität über weite Strecken beinahe unbeteiligt wirkt. Und doch, gerade weil er sparsam mit Emotionen umgeht, entfaltet er eine berührende Wirkung, wenn es unversehens und jäh zu Ausbrüchen kommt oder eben dann, wenn unerwartet ein einziges Wort fällt, das der Brutalität des Leidens Jesu ungeschminkt Ausdruck verleiht. Der Stil entspricht seiner Theologie. Der sich zuvor ganz als Gott Erwiesene (1,11; 2,7; 2,28) zeigt sich in seiner Heftigkeit und seiner Trauer als Mensch. Und offenbar muss Jesus sterben: Der Satz Mk 3,6 wird sich als Leidensankündigung erweisen; denn in Kapitel 11, Vers 18 begegnet er nochmals in beinahe wörtlicher Übereinstimmung; kaum ist Jesus in Jerusalem eingetroffen, da schreibt Markus:
kai« h¡kousan oi˚ aÓrcierei√ß kai« oi˚ grammatei√ß kai« e˙zh/toun pw◊ß aujto\n aÓpole÷swsin: e˙fobouvnto ga»r aujto/n, pa◊ß ga»r oJ o¡cloß e˙xeplh/sseto e˙pi« thØv didachØv aujtouv.[5]
Sprachlich ist es fast ein Leitmotiv. Die theologische Bedeutung indes ist reziprok: Wir sollen wissen, dass das, was geschehen wird, geschehen muss (Lk 24,26).
Inhaltlich ist es vollkommen plausibel, warum Markus den Satz aus 3,6 an dieser Stelle «wiederholt». So scheint es denn überflüssig, genauer hinzusehen. Doch im Verhältnis der beiden Sätze 3,6 und 11,18 zueinander gibt es eine Überraschung. Die beiden analogen Sätze Mk 3,6 und 11,18 markieren einen Raum und teilen ihn in zwei ungleiche Teile. Unterzieht man sich der Mühe, die Anzahl der Wörter zu bestimmen, die zwischen dem ersten und dem zweiten aÓpo/llumi-Satz (ca. 6300) sowie zwischen diesem und dem Schluss Mk 16,8 (ca. 4700) stehen, so findet man, dass die beiden so abgesteckten Räume in einem Verhältnis stehen, das dem Goldenen Schnitt sehr nahekommt!
6. Syntax und Psychologie
o¢pwß …
Die meisten Übersetzer verstehen den Nebensatz als Finalsatz, und da von einem Mordkomplott zuvor nie die Rede gewesen war, nehmen sie an, er sei an dieser Stelle vereinbart worden.
Die Vulgata und Luther dagegen übersetzen den Nebensatz als indirekte Frage und übertragen das o¢pwß wörtlich. Dieser Auffassung möchte ich mich anschließen. Aus folgendem Grund: Wie die meisten Übersetzer richtig erkennen, erörtert die Frage, «wie sie ihn umbrächten», nicht die Ausführung der Tat. Aber wie feiner als ein finales «Dass» zeichnet das modale «Wie» die Psychologie dieser Szene!
Im Gegensatz zu iºna kann o¢pwß «wie» und «dass» bedeuten. Der Verfasser des Markusevangeliums gebraucht – im Gegensatz zu den übrigen neutestamentlichen Autoren – immer iºna. Offenbar zieht er die unzweideutige Konjunktion vor. Nur einmal greift er zu dem Wörtchen o¢pwß – an dieser Stelle! Das gleichsam «schwebende» des Augenblicks sucht er einzufangen: Ihre Meinung steht längst fest, und doch fragen sie einander: «Was sollen wir tun?»
eujqu\ß …
Gegen die überwältigende Mehrheit der Übersetzer bezieht Menge[6] das eujqu\ß auf die Bewegung der Pharisäer. Philologisch ist das nicht unmöglich, und es erfährt eine gewisse Abstützung durch den punktuellen Aorist des Partizipiums e˙xelqo/nteß, auch wenn die Stellung des eujqu\ß in diesem Fall der Erklärung bedarf. Angesichts der Emphase der Szene überzeugt diese Lösung sehr!
Unter diesem Gesichtspunkt ist es als dem Subjekt nachgestellt aufzufassen. So inkludieren die beiden handelnden Gruppen ein Zentrum, und zusammen mit den beiden äußeren Verbalausdrücken des Hauptsatzes ergibt sich ein erster Chiasmus. An der Nahtstelle zum Finalsatz aber dann erst recht:
statt
kat∆ aujtouv o¢pwß aÓpole÷swsin aujto\n.
wie zu erwarten wäre[7],
schreibt Markus
kat∆ aujtouv o¢pwß aujto\n aÓpole÷swsin.
«Er», um den es geht, inkludiert das «Wie», um das es geht. Das Ergebnis ist am Ende eine chiastische Zuordnung des Nebensatzes zum Hauptsatz:

Und so wirkt das nachgestellte aÓpole÷swsin wie ein Donnerschlag! Und das Wie zeigt sich als das Kreuz.
7. Semantik und Akteure
Der Wortschatz der Perikope bildet einen unauffälligen Hintergrund, vor dem Schlüsselwort aÓpole÷swsin deutlich abhebt.
- e˙xerco/mai 34 Vorkommen in NT, davon 18 mal e˙xelqo/nteß
- Farisai√oß 98 Vorkommen (vor allem bei Mt), davon 50 mal im Nominativ Plural Farisai√oi
- eujqu\ß 51 Vorkommen, davon 40 mal (!) bei Mk und nur 5 mal bei Mt, 3 mal bei Joh, 1 mal bei Luk & in der Apg
- ÔHrwˆdia¿doß[8] 9 Vorkommen (nur Mt & Mk), davon 3 mal im Genitiv Plural
- sumbou/lion 7 Vorkommen (nur Mt & Mk), stets zu lesen als Akkusativ Singular
- di÷domi 28 Vorkommen, als Imperfekt der 3. Person Plural (eigentlich e˙di÷dosan) nur bei Markus
Pharisäer und Herodianer: Eine Mehrheit von zwei Gruppen, welche einerseits Jesu eigenes Volk, andererseits das der Heiden vertreten, ergreift Partei gegen «ihn», den lediglich das Personalpronomen vertritt. Ein Hinweis darauf, dass die «gesamte Welt» gegen Jesus steht.
Verben der Bewegung, des Sprechens, der Aktion: Hinausgehen, beraten, umbringen.
Die Reihenfolge ist sprechend. Nur die namentlich Genannten handeln. Er ist passiv, erleidet.
Die Wahl der Worte prägt die Perikope, verleiht ihr eine erdrückende Eindeutigkeit.
Der Text übt Verzicht auf Bilder und Metaphern, spricht karg und knapp.
Das Schlimmste steht zwischen den Zeilen:
Halten sie miteinander einen Rat, wie sie ihn umbringen, so ist, dass sie ihn töten, im Herzen jedes Einzelnen längst beschlossen.


PD Dr. habil. Mathias Kissel ist Privatdozent am Institut für Evangelische Theologie der Universität Paderborn.
[1] Dass Luther bis 1545 das Partizip e˙siw¿pwn als praesens historicum übersetzt, ist schlicht genial. Dadurch nimmt er gleichsam den Leser mit in die Handlung. Spätere Revisionen haben das Tempus leider an die Umgebung assimiliert.
[2] Vgl. Apg 19,13
[3] Für aÓnacworei√n gebe ich dem «Entweichen» den Vorzug vor dem einfachen Fortgehen. Der Bezug zu dem, was sich soeben ereignet hat, erscheint mir allzu offensichtlich, nicht nur aufgrund der Konjunktion kai«. Auch erinnert es an Lk 4,29.30, eine Szene, in der Jesus der Mordabsicht der Gegner «entweicht». Die sprachliche Konstruktion freilich ist bei Lukas eine andere.
[4] Auffälligerweise findet sich die Flexion diela¿loun an keiner anderen Stelle der Bibel.
[5] Obwohl der Text uneinheitlich bezeugt ist: ¢aÓrcierei√ß kai« oi˚ grammatei√ß›…™e˙xeplh/sseto e˙pi« thØv didachØv aujtouv. ¢ 4 2 3 1 N © Ï13 1241  syh » gramm. kai oi Farisaioi 1424 pc | ™ exeplhssonto å ∂ 579. 892. 1424. 2542 al c vgmss |
[6] Über Hermann Menge (1841 – 1939) lohnt sich, ein Wort zu verlieren. Menge hatte zeitlebens das Amt eines Schullehrers inne, ist Verfasser einer Reihe nicht unerheblicher Lehrwerke zur griechischen und lateinischen Sprache und befasste sich erst während seines Ruhestandes mit der Übersetzung der Bibel.
[7] Vgl.etwa V. 2 kai« pareth/roun aujto\n ei˙ toi√ß sa¿bbasin qerapeu/sei aujto/n, iºna kathgorh/swsin aujtouv.
[8] eine jüdische Minderheit, die die Herrschaft des Tetrarchen Herodes Antipas (4 v.Chr. – 39 n.Chr.) unterstützte (Mt 22,16)