Ein Glas für einen verbotenen König?

Amen Glass (nach 1720)

Beitrag von Ominya Bakir und Siserá Sis

Glas, 17,8 x 8,7 cm, The Metropolitan Museum of Art, New York, Nr. 41.164.

Fotografie: https://www.metmuseum.org/art/collection/search/198869

Ein Abend im Schottland des 18. Jahrhunderts. Nach dem Essen wird Wein eingeschenkt, Gespräche laufen, schließlich hebt jemand sein Glas. Der Trinkspruch gilt jedoch nicht dem amtierenden König, sondern einem Herrscher im Exil. Für Außenstehende bleibt dieser Moment unauffällig. Innerhalb der Gruppe ist er jedoch eindeutig: ein stilles politisches Bekenntnis.
Das Glas wird in diesem Moment mehr als ein Alltagsgegenstand. Es wird zum Träger einer gemeinsamen Erinnerung und einer Hoffnung, die sich nicht erfüllt hat – der Rückkehr der Stuart-Dynastie. In ihm verdichtet sich eine Form politischer Loyalität, die nicht über Institutionen, sondern über Dinge und Rituale funktioniert.

Das Amen Glass wirkt zunächst wie ein schlichtes, hochwertiges Trinkglas. Seine Bedeutung entsteht erst im Gebrauch. Eingravierte Trinksprüche und Segensformeln beziehen sich auf die vertriebenen Stuart-Könige und verbinden religiöse Sprache mit politischer Hoffnung. Verwendet wurde das Glas vor allem in privaten Räumen, bei gemeinsamen Treffen und Trinksituationen. Genau dort wurde es zum Medium politischer Kommunikation – nicht offen konfrontativ, sondern eingebettet in Alltag und Geselligkeit.

Im Zuge der »Glorious Revolution« von 1688/89 wurde Jakob II. abgesetzt. Seine Anhänger – die Jakobiten – erkannten die neue Herrschaft nicht an und hielten an der Legitimität der Stuarts fest. Ziel blieb die Rückkehr der Dynastie auf den britischen Thron. Das Amen Glass steht in diesem Kontext als Objekt, das diese politische Hoffnung im Alltag stabilisiert und weitergetragen hat.

Im Unterschied zu vielen anderen jakobitischen Objekten, die mit verdeckten Symbolen (»false loyalism«) arbeiteten, konnte das Amen Glass im privaten Raum vergleichsweise offen sprechen. Die politische Bedeutung musste hier nicht vollständig verschlüsselt werden. Entscheidend ist jedoch weniger die Verschlüsselung als die Funktion: Das Glas erzeugt ein wiederkehrendes Ritual. Jeder gemeinsame Trinkspruch aktualisiert die gleiche Idee: Die Stuart-Dynastie ist nicht vergangen, sondern bleibt als Hoffnung präsent.

Damit wird das Objekt zu einem Medium kollektiver Erinnerung, das politische Identität nicht behauptet, sondern immer wieder performativ herstellt.

Moderne Perspektive: Nostalgie als Strukturprinzip

Hier zeigt sich der eigentliche moderne Bezug des Objekts. Das Amen Glass funktioniert nicht nur politisch, sondern auch emotional: Es produziert Nostalgie. Diese Nostalgie richtet sich auf eine Ordnung, die verloren ist, aber im gemeinsamen Gebrauch des Objekts symbolisch weiterlebt. Genau darin liegt ein klarer Anschluss an moderne Formen von Erinnerungskultur.

Das Glas lässt sich deshalb fast wie ein frühes Fanobjekt lesen: Es stiftet Zugehörigkeit zu einer »Community«, den Jakobiten. Es materialisiert Loyalität zu einer Figur, Jakob II. und seinen Erben. Es hält eine gemeinsame Erzählung lebendig, trotz politischer Niederlage. Wie heutige Fanartikel oder Erinnerungsstücke (Trikots, Sammlerobjekte, Symbole) erzeugt es Bindung über Dinge. Der Unterschied liegt weniger in der Struktur als in der politischen Intensität. Das Moderne liegt hier also nicht im Objekt selbst, sondern in seiner Logik: Identität wird über materielle Dinge und geteilte Rituale stabilisiert.

In Verbindung mit dem Objekt For my Son the Prince of Wales zeigt sich eine doppelte Perspektive auf dieselbe dynastische Idee. Während Jakobs Schrift die Hoffnung und Legitimität der Stuart-Linie eher aus einer innerdynastischen, familiären Perspektive formuliert, zeigt das Amen Glass, wie diese Hoffnung im sozialen Alltag der Anhänger weitergetragen wird. Beide Objekte erzählen somit nicht unterschiedliche Geschichten, sondern zwei Ebenen derselben politischen Erinnerung: eine private-dynastische und eine soziale-rituelle.

Das jakobitische Amen Glass ist kein bloßes Trinkgefäß, sondern ein Ritualobjekt politischer Erinnerung. Es verbindet Alltag, Loyalität und Hoffnung in einer Form, die sich ständig im Gebrauch erneuert. Seine besondere Bedeutung liegt weniger in der Geschichte der Jakobiten selbst als in der Art, wie Geschichte hier bewahrt wird: nicht in Institutionen, sondern in Dingen, die gemeinsam benutzt werden.

Gerade darin wird das Objekt modern. Es zeigt früh eine Logik von Erinnerung und Zugehörigkeit, die bis heute existiert – als Nostalgie, als kollektive Identität und als fast fanartige Bindung an eine verlorene Idee.

Literatur

Cruickshanks, Eveline und Jeremy Black (Hgg.): The Jacobite Challenge. Edinburgh 1988.

Monod, Paul Kléber: Jacobitism and the English People, 1688–1788. Cambridge 1993.

Pittock, Murray: The Myth of the Jacobite Clans. The Jacobite Army in 1745. Edinburgh 2022.

Szechi, Daniel: The Jacobites. Britain and Europe, 1688–1788, Manchester 1996.