James II, For my Son the Prince of Wales (1692)
Beitrag von Marcel Güniker

Papier, Ledereinband, 19,7 x 13,7 x 1,6 cm , RCIN 1006012.
Digitalisat: https://www.rct.uk/collection/search#/15/collection/1006012/for-my-son-the-prince-of-wales-1692
Das Jahr 1692 dürfte für Jakob II. ein bitteres gewesen sein. Hatte er wenige Jahre zuvor noch als König über England, Schottland und Irland regiert, lebte er nun fern seiner Heimat im französischen Schloss Saint-Germain-en-Laye. Zwar hatte Ludwig XIV. seinem Verbündeten diese großzügige Unterkunft und eine komfortable Pension gewährt, doch konnte selbst dieses prächtige Schloss nicht darüber hinwegtäuschen, dass Jakob alles verloren hatte, seinen Thron, seine politische Macht und nach der gescheiterten Rückeroberung Irlands auch noch die Aussicht auf eine baldige Rückkehr. Dennoch verstand sich Jakob II. auch im Exil weiterhin als legitimer König, dessen Krone ihm nicht durch eine Niederlage oder einen Parlamentsbeschluss genommen werden konnte. Aus dieser Überzeugung heraus entstand das Dokument: For my Son the Prince of Wales.
Das heute vom Royal Collection Trust aufbewahrte Manuskript umfasst 35 handgeschriebene Seiten und wirkt äußerlich überraschend schlicht, da es weder von kunstvollen Verzierungen noch von prächtigen Illustrationen geschmückt ist. Kaum verwunderlich, war es doch nicht für die
Öffentlichkeit bestimmt, sondern für einen einzigen Leser: James Francis Edward Stuart, den jungen Sohn des gestürzten Königs. Tragischerweise hatte dieser Hoffnungsträger der Dynastie die politische Krise des Jahres 1688 ohne eigenes Zutun entscheidend verschärft und die Gegner Jakobs II. wurden nicht müde, Gerüchte über den Thronfolger zu verbreiten und dessen Legitimität infrage zu stellen, wie vor allem das Ausstellungsstück der Polemik auf die Geburt des Thronfolgers illustriert.
Für Jakob II. standen jedoch weder seine eigene Legitimität noch die seines Sohnes infrage. So ist zumindest dieses Manuskript kein Versuch, die Öffentlichkeit von seiner Sache zu überzeugen. Es ist vielmehr ein Vermächtnis an seinen Sohn, das diesen anleiten soll, wie ein katholischer König zu regieren. Es veranschaulicht auch, welche Pflichten er gegenüber Gott und seinen Untertanen besitze, wie Minister auszuwählen seien, wie mit Schottland und Irland umzugehen sei und welche Fehler des Vaters er selbst niemals wiederholen sollte. Als die Tinte getrocknet war und Jakob die Feder niedergelegt hatte, war so letztendlich eine Mischung aus politischem Testament und persönlicher Lebensbeichte entstanden.
Des Öfteren blickt Jakob II. dabei auf sein eigenes Leben zurück. Er berichtet von Menschen, denen er vertraute oder misstraute, von Fehlentscheidungen und persönlichen Schwächen – Passagen, die erstaunlich offen wirken und ihn vor allem nach dem eigenen Maßstab des selbst propagierten religiösen Moralverständnisses schlecht dastehen lassen. Doch dienen diese Stellen nicht der Selbstrechtfertigung, sondern sollen seinem Sohn als Warnung dienen; der gestürzte König verarbeitet seine Niederlagen und Unzulänglichkeiten zu einem an die Tradition der Fürstenspiegel erinnernden normativen Lehrstück für den künftigen Herrscher.
Für den Betrachter von besonderem Interesse ist somit, dass das Manuskript Einblicke in das Herrschaftsverständnis des gestürzten Monarchen ermöglicht. Schon die einleitenden Worte vermitteln dies ausdrücklich. »Kings being accountable for none of their actions but to God and themselves.«1 Daraus folgt zugleich die Pflicht der Untertanen, ihrem Herrscher Gehorsam und Loyalität entgegenzubringen: »‘tis the duty of Subjects to pay true allegiance to him, and to observe his Laws.«2 Für Jakob ist königliche Herrschaft somit kein Vertrag zwischen Herrscher und Volk, sondern einer zwischen Gott und König, gar eine göttliche Berufung.
Dennoch bedeutet diese selbstpostulierte uneingeschränkte Autorität für ihn keineswegs Willkür. Ein guter König muss sich um seine Untertanen kümmern. So fordert er seinen Sohn auf, ihnen mit »fatherly love and care«3 zu begegnen. Der König erscheint hier als Vater seines Volkes und dem damit verbundenen Bild; stark, beschützend und fürsorglich zugleich. Es sei verziehen, wenn man sich an das antike Ideal des pater patriae, an den »Vater des Vaterlandes«, erinnert fühlt. Deutlich wird, dass die Verantwortung gegenüber den Untertanen für Jakob ebenso zum Königsein dazu gehört wie die Autorität. Entscheidend ist jedoch, dass nicht das Volk darüber urteilt bzw. dass es für einen König nicht von Relevanz ist, wie das Volk darüber empfindet, ob er dieser Verantwortung gerecht geworden ist oder nicht, sondern wie Gott dies beurteilt.
Dennoch ermahnt er seinen Sohn ausdrücklich, Eigentum und Gewissensfreiheit seiner Untertanen zu achten. »Disturbe not the Subject in their property, nor conscience«.4 Das klingt für einen Monarchen zunächst erstaunlich modern und scheint sich mit Gedanken, die der Zeitgenosse John Locke in seinen Two Treatises of Government entwickelte, zu decken, doch der Teufel steckt im Detail. Für Locke besitzt der Mensch diese Rechte von Natur aus und sie begrenzen die Macht des Herrschers. Für Jakob dagegen sind Eigentum und Gewissensfreiheit keine Rechte gegenüber dem König. Vielmehr sind sie Ausdruck seiner christlichen Verantwortung. Der Monarch schützt sie nicht, weil seine Macht eingeschränkt wäre, sondern weil Gott dies von einem guten Herrscher erwartet: »do as you would be done to, for that is the law and the Prophets«.5
Das Manuskript zeigt also, dass Jakob II. sich mit denselben Fragen wie seine politischen Gegner beschäftigte: Wodurch wird Herrschaft legitim? Welche Verantwortung trägt ein König? Wie soll ein guter Monarch regieren und handeln? Doch die Antworten fallen vollkommen verschieden aus. Während sich im Zeitraum um die Glorious Revolution zunehmend die Vorstellung durchsetzte, dass königliche Macht rechtlich begrenzt sein müsse, hielt Jakob am Gottesgnadentum fest. Gleichzeitig passt er sein Herrschaftsmodell an die neuen Herausforderungen an. Er verbindet traditionelle Legitimität mit Forderungen nach verantwortungsvoller Regierung und versucht damit zwar nicht, die Monarchie neu zu erfinden, aber für eine veränderte politische Welt zu bewahren.
Gerade deshalb ist dieses Manuskript weit mehr als ein privates Dokument eines gestürzten Königs. Es verdeutlicht, wie ein Monarch im Exil versuchte, seine Vorstellungen von Herrschaft zukunftsfähig zu machen und an die nächste Generation weiterzugeben. Zugleich wird daran deutlich, dass die Glorious Revolution keineswegs von allen Zeitgenossen als endgültiger Sieg einer neuen Ordnung verstanden wurde. Für Jakob II. und seine Anhänger war sie vielmehr der Beginn eines jahrzehntelangen Ringens um Legitimität, Religion und Dynastie. Dass diese Gegenperspektive noch lange nach dem Tod Jakobs II. lebendig blieb, zeigen auch andere Objekte dieser Ausstellung, etwa das Amen Glass.