Polemik auf die Geburt James Edward Stuarts (1688)
Beitrag von Lukas Bödefeld und Julie Rogas

Papier, Mezzotinto, 25 x 18,3 cm, The British Museum, London, Nr. 1868,0808.3314.
Digitalisat: https://www.britishmuseum.org/collection/object/P_1868-0808-3314
Es ist ein kühler Sommerabend in Hellevoetsluis, einem Vorort von Rotterdam, dem Ort, von dem aus Wilhelm III. von Oranien nur einige Monate später seine Invasion Englands starten wird. Zwei Soldaten sitzen vor einer Kneipe: »Heb je het gehoord? De prins van Wales is eigenlijk de zoon van pater Peters!«, amüsiert ein niederländischer Soldat seine Kameraden. Ein anderer entgegnet: »Ik heb gehoord dat de prins eigenlijk de zoon is van de vrouw van een molenaar!«
Es ist das Jahr 1688, in dem zwei Niederländer scherzhaft die englische Thronfolge kommentieren, möglicherweise unwissend, was ihnen bald bevorsteht. Bezug genommen haben könnten sie auf einen antijakobitischen Druck aus Amsterdam der Gerüchte der Zeit aufgreift und verbreitet. Als Jakob II. im Juni 1688 überraschend ein Sohn geboren wurde, ersetzte dieser die protestantische Tochter des Königs, Maria, als Thronanwärter. Gegner fürchteten nun das Entstehen einer neuen katholischen Dynastie und somit die Rekatholisierung Englands. Infolge der Geburt des Thronfolgers entstanden Gerüchte, die dessen Legitimität infrage stellten.
Die im Druck abgebildete Szene stellt ein Schlüsselereignis für die »Glorious Revolution« dar: ein katholischer Thronfolger der Stuart-Dynastie und damit die Sorge vor einer langfristigen Rekatholisierung Englands machten die Geburt unmittelbar zu einem Gegenstand politischer Kontroversen. Das Ausstellungsobjekt macht gerade diese Auseinandersetzungen sichtbar: Es zeigt nicht einfach die Königin mit dem Thronfolger, sondern inszeniert die dynastische Geburt als Verdachtsfall ehelicher Untreue und katholischer Konspiration mittels eines Mediums, das die Legitimität der Thronfolge in einem öffentlichen Raum diskutierbar macht. Genauer gesagt, lässt sich diese satirische Darstellung in direkten Bezug mit zwei konkreten Gerüchten über die Illegitimität des Prinzen setzen: Einerseits wird ein sexuelles Verhältnis zwischen Maria von Modena und dem Jesuitenpater Edward Petre (zeitgenössisch auch »Father Peters« genannt) durch ihre körperliche Nähe und Vertrautheit in der Darstellung angedeutet. Somit wird hier der Verdacht geäußert, der Prinz sei nicht der Sohn Jakobs II., sondern das Kind von Father Peters und das Ergebnis ehelicher Verfehlung und Täuschung. Andererseits nimmt die Windmühle in der Wiege Bezug auf ein Gerücht, dem zufolge der Prinz das Kind einer Müllersfrau sei und Maria ihre Schwangerschaft nur vorgetäuscht habe. Beide Gerüchte spiegelt die niederländische Bildlegende. Zusammengefasst beschreibt der kurze Kommentar Father Peters als Meister der Täuschung, der die königliche Familie und ganz England in den Schlaf wiege. Derweil mahle die Mühle des Kindes den König, die Königin und den Thronfolger selbst aus England heraus.1
Da die »Glorious Revolution« in der Forschung unter anderem als »erste moderne Revolution« apostrophiert wird2, ist gerade dieses Objekt im Zusammenhang mit modernen Formen öffentlicher politischer Kommunikation interessant. Verhandelt werden an sich keine explizit modernen Themen wie die Legitimitätsfrage innerhalb von Monarchien. Das Medium,in dem die Thronfolge diskutiert wird, lässt sich jedoch deutlich als eine neuere Form der Kommunikation in einem öffentlichen Raum betrachten. Es handelt sich um einen satirischen Druck, im Format eines Flugblattes. Bezeichnend hierfür ist das Potenzial zu hoher Vervielfältigung und schnell erkennbarem Thema. Beides dient dem Ziel, die Botschaft des Drucks einem möglichst großen Publikum zugänglich zu machen. Der Druck erscheint an sich raffiniert, mit detaillierten Abbildungen und im aufwendigen Mezzo-Tinto-Verfahren gedruckt, jedoch ist die Botschaft der Polemik alles andere als subtil. Die Abbildung zeigt sehr eindeutig die Untreue der Königin und wirft Zweifel an der Abstammung des Prinzen auf. Auch der beigefügte Text nimmt auf beide Gerüchte um die Legitimität direkten Bezug und liest sich sehr eindeutig. Aus dieser Direktheit der Darstellung und des Textes ergibt sich eine niedrigschwellig zugängliche Kritik an der bestehenden Thronfolge, die potenziell für eine breitere Öffentlichkeit verständlich und zugänglich wäre. Die Tatsache, dass es sich um eine in Amsterdam gedruckte Polemik handelt, welche die englisch-schottische Thronfolge thematisiert und auf Niederländisch kommentiert, gibt Aufschluss darüber, dass diese Kontroverse über die Landesgrenzen Englands und Schottlands hinweg diskutiert wurde. Der Druck erzählt somit nicht einfach die Geschichte einer königlichen Geburt, die in einem öffentlichen Raum durch Gerüchte destabilisiert wird, sondern eröffnet Perspektiven auf eine transnationale Relevanz des Themas, die sich in den politischen Kontext der Niederlande und der Folgenden Invasion Wilhelm von Oraniens einordnen lässt.
Besonders die Inszenierung Marias von Modena macht dieses Ausstellungsstück zu einem interessanten Objekt im Kontext eines Wandels zur Moderne im Rahmen der »Glorious Revolution«. In ihrer Darstellung als verführte Ehebrecherin, mit der Andeutung eines unehelich geborenen Kindes, wird sie als exakt konträr zu einem weiblichen Ideal der Frühmoderne inszeniert. Im Zuge der Reformation gewann die Frau besonders in ihrer »Funktion« als Ehefrau und Mutter an Bedeutung.3 Die Entwicklung eines aus heutiger Perspektive traditionellen Rollenbildes der Frau ist eng mit protestantischen Vorstellungen von der Heiligkeit des Haushalts und der Familie im 16. Jahrhundert verbunden. Dieser neue Stellenwert der Frau als Mutter und Ehefrau im Protestantismus wird durch die Polemik umgekehrt, indem Maria von Modena, eine Katholikin, als untreue Ehefrau mit einem Kind ungewisser Abstammung dargestellt wird. Die Polemik stellt einen jesuitischen Geistlichen als Meister der Täuschung dar und bedient sich gezielt antikatholischer Narrative.
Die Polemik bespielt eine an sich bereits vorhandene Thematik, verhandelt sie jedoch durch ein vervielfältigbares Bildmedium, nutzt protestantische Vorstellungen der Rolle einer Frau und destabilisiert die Thronfolge in einem transnationalen Kommunikationsraum. Die Kombination aus vormoderner Thematik und modernen Praktiken macht sie zu einem wertvollen Objekt bei der Debatte über die Modernität der »Glorious Revolution«.
Dem entgegen steht die Frage nach der tatsächlichen Verbreitung dieses Flugblattes. Die Gerüchte, die das Bild thematisiert, existierten in England und mindestens auch in den Niederlanden und wurden zweifelsohne auch öffentlich diskutiert. Da es allerdings nur drei Quellenzeugen gibt und der Druck hochqualitativ ist bleibt die Reichweite dieser Quelle ungewiss. Außerdem werden ›nicht-moderne‹, das heißt traditionale Thematiken bedient: die Frage nach der Legitimität von Königen, Erben und Dynastien ist eindeutig kein Novum. Die Quelle bleibt also ambivalent in ihrer konkreten Einordnung als ›modern‹.
- Stephens, Frederic George: Catalogue of Prints and Drawings in the British Museum.
Division I: Political and Personal Satires (No. 1 to No. 1235). Vol. I: 1320 to April 11, 1689. London 1870, S. 716. ↩︎ - Pincus, Steven C. A.: 1688. The First Modern Revolution (= The Lewis Walpole Series in Eighteenth-Century Culture and History). New Haven, London 2009. ↩︎
- Todd, Margo: Humanists, Puritans and the Spiritualized Household. In: Church History 49, H. 1 (1980), S. 18–34. ↩︎