Die Inszenierung eines Gründungsmythos

Benjamin West, The Battle of the Boyne (1778)

Beitrag von Florian Kaup

Öl auf Leinwand, 162,5 x 210,8 cm, Privatsammlung des Duke of Westminster, Eaton Hall, Cheshire.

Fotografie: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:William_III_at_the_Battle_of_the_Boyne.jpg

Ein König reitet auf einem weißen Pferd durch das Chaos und den Pulverdampf einer weiten Schlachtenszene. Sein ausgestreckter Degen weist nach vorn, bewaffnete Reiter folgen seinem entschlossenen Blick. Auf seinem Weg finden sich Verwundete und Gefallene. Obwohl das Schlachtfeld zunächst chaotisch anmutet und voller Bewegung ist, verliert der Betrachter den Protagonisten der Darstellung nie aus den Augen. Wilhelm III. beherrscht die Komposition uneingeschränkt. Er erscheint uns als siegreicher Feldherr an der Spitze seines Heeres, dessen Tatkraft und Entschlossenheit den Ausgang der Ereignisse bestimmen.

In dieser Form der Darstellung zeigt sich deutlich das politische Programm des Bildes. Benjamin West präsentiert uns nicht etwa eine authentische Schlachtenszenerie, vielmehr gestaltet er den Sieg Wilhelms zum heroischen Gründungsmythos eines modernen Großbritanniens. Die »Glorious Revolution« erscheint als Ausgangspunkt der neuen politischen Ordnung, die sich durch protestantische Dominanz und eine an das Parlament gebundene Monarchie auszeichnet. Das Gemälde lässt sich somit als Versuch interpretieren, der britischen Geschichte einen klar definierten Anfang zu geben. Der militärische Sieg am Boyne wird hier zum nationalen Gründungsmythos stilisiert.

Als Benjamin West The Battle of the Boyne 1778 malte, lag die Schlacht bereits fast neunzig Jahre zurück. Erinnert wird hier somit nicht die Vergangenheit selbst, sondern eine ganz bestimmte Deutung des historischen Geschehens. Das Gemälde ist damit weniger Quelle für das Geschehen von 1690 als ein Ausdruck britischer Erinnerungskultur des späten 18. Jahrhunderts, wo aus den Ereignissen der Vergangenheit eine politische Erzählung konstruiert wurde.

Die eigentliche Schlacht am Boyne fand am 11. Juli 1690 bei Oldbridge im Nordosten Irlands statt und war Teil der Konflikte, die unmittelbar auf die »Glorious Revolution« von 1688 folgten. Das Heer des Wilhelm III. von Oranien traf dort auf die Anhänger des abgesetzten katholischen Königs Jakob II. Der Sieg Wilhelms sicherte die neue Herrschaftsordnung im britischen Königreich auch militärisch ab und gilt somit als ein entscheidender Schritt zur Sicherung der Ergebnisse der Revolution. Für Irland bedeutete der Ausgang der Schlacht jedoch die Festigung protestantischer Vorherrschaft und den Beginn einer langen Phase politischer wie konfessioneller Unterdrückung. Die Erinnerung an das Ereignis bleibt dementsprechend bis in unsere Gegenwart umstritten. Während die Schlacht in der britisch-protestantischen Tradition gemeinhin als Triumph legitimer Herrschaft gefeiert wird, gilt sie in der irischen Erinnerung vielfach als Symbol von Eroberung und Fremdherrschaft.

West greift diese Ambivalenz der Perspektiven nicht auf. Er inszeniert das Schlachtgeschehen als klar geordnete Bühne. Wilhelm III. bildet mit seinem weißen Pferd und dem leuchtend roten Rock den unübersehbaren Mittelpunkt des Motivs. Der König erscheint wie ein Dirigent, der mit seinem ausgestreckten Degen sein ›Orchester‹ aus Soldaten und Offizieren in eine gemeinsame Richtung lenkt und damit das Schlachtfeld zu einer insgesamt harmonischen Komposition formt. Die Darstellung des verwundete Friedrich von Schomberg, Wilhelms Vertrautem und Stellvertreter, in der unteren rechten Ecke des Bildes, erinnert zwar an die Opfer der Schlacht, stellt den Sieg der Protestanten jedoch in keiner Weise infrage. Stattdessen erscheint er hier als offenbar notwendiges Opfer für den Sieg und die damit einhergehende Festigung der neuen politischen Ordnung. Die Vergangenheit wird hier nicht neutral erinnert, sondern politisch gedeutet und entsprechend geformt.

Die Schlacht am Boyne als Erinnerungsort der britischen Geschichte scheint besonders geeignet für eine solche politische Instrumentalisierung. Als West das Gemälde schuf, regierte in Großbritannien Georg III. aus dem Haus Hannover, dessen Herrschaft sich letztlich auf die Sukzession Wilhelms von Oranien und die politische Neuordnung der politischen Verhältnisse durch die »Glorious Revolution« berief. Historische Gemälde wie dieses konnten vor diesem Hintergrund dazu beitragen, die bestehende Dynastie zu legitimieren und eine vermeintlich gemeinsame nationale Erinnerung zu schaffen, die sich über den Protestantismus, die monarchische Tradition sowie, nicht zuletzt, über militärische Erfolge der Vergangenheit definierte. Wests Darstellung der Schlacht am Boyne vereint alle diese Motive in sich.

Hinzu kam die angespannte politische Lage des Jahres 1778. Großbritannien befand sich zu diesem Zeitpunkt bereits seit mehreren Jahren im Krieg gegen seine nordamerikanischen Kolonien. Die dortigen militärischen Rückschl.ge erschütterten die britische Gesellschaft zutiefst und stellten die Stärke des Empire zunehmend infrage. Vor diesem Hintergrund kommt der Wahl des Motivs eine besondere Bedeutung zu. Das Bild erinnert an einen historischen Moment, in dem sich die bestehende Ordnung bereits einmal gegen ihre Gegner behaupten konnte. Die Entstehungszeit des Bildes legt jedoch nahe, dass die Erinnerung an einen entscheidenden militärischen Erfolg auch zu einem Gefühl nationaler Geschlossenheit beitragen sollte.

Gerade hier scheint sich die politische Aussage des Gemäldes zu offenbaren. West erzählt ausschließlich die Geschichte der Sieger. Jakob II. und seine Anhänger erscheinen lediglich im Hintergrund, anonym und als geschlagene Gegner. Die katholische Bevölkerung Irlands bleibt völlig unsichtbar. Die Perspektive der Besiegten, die Enteignungen, die politische Ausgrenzung sowie die konfessionelle Benachteiligung der irischen Mehrheitsbevölkerung, findet keinen Platz in Wests Komposition. Sein Gründungsmythos braucht offenbar eine klare Trennung zwischen dem siegreichen Heroen und legitimen Herrscher Wilhelm und seinen geschlagenen Gegnern.

Vor dem Hintergrund des Titels dieser Ausstellung ist Wests Gemälde somit gleich von doppelter Relevanz. Als Rezeptionszeugnis erinnert es mit einigem zeitlichen Abstand an die politischen Umbrüche im Großbritannien des ausgehenden 17. Jahrhunderts. Zugleich zeigt es auf, wie historisches Geschehen mythisiert und politisch instrumentalisiert werden kann. Was an Wests Werk modern wirkt, ist vor allem die Art und Weise seiner Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Der Künstler erzählt die Geschichte als eine sowohl sinnhafte als auch zielgerichtete Entwicklung, aus der Ordnung und Stabilität hervorgingen und die letztlich eine nationale Identität begründete. Die Perspektive der Besiegten wird dabei systematisch und konsequent ausgeblendet. Damit stellt Wests Gemälde ein anschauliches Beispiel für die Entstehung nationaler Gründungsmythen dar, die sich grundsätzlich auf einer gezielten Auswahl und Deutung von historischem Geschehen gründen.

Literatur

Colley, Linda: Britons. Forging the Nation, 1707–1837. 3. Aufl. London 2012.

Erffa, Helmut von; Allen Staley: The Paintings of Benjamin West. London 1986.

Pincus, Steven C. A.: 1688. The First Modern Revolution (= The Lewis Walpole Series in Eighteenth-Century Culture and History). New Haven, London 2009.