Geschichte machen und deuten als Freizeitvergnügen

Kartenspiel (1688/89)

Beitrag von Mattis Menne

Papier, Kupferstich, jeweils ca. 8,8 x 5,3 cm, The British Museum, London, Nr. 1896,0501.920.1-51.

Digitalisat: https://www.britishmuseum.org/collection/object/P_1896-0501-920-1-51

Es ist der 23. August im Jahre 1692. Ein schöner, warmer Sommertag geht zu Ende und du möchtest dir zum Abschluss deines freien Tages noch einen Gin in einem Pub genehmigen, ein Getränk, das in den letzten Jahren vor allem durch den neuen englischen König Wilhelm II. an Beliebtheit gewonnen hat und zum Glück auch für kleines Geld zu haben ist.1 Nachdem du an der Theke von dem etwas in die Jahre gekommenen Wirt dein Getränk erhalten hast, kommt ein junger Mann auf dich zu. Er trägt lange graue Wollsocken und braune Kniehosen. Seine ebenfalls braune Weste sowie das darunter befindliche, etwas schmutzige Leinenhemd und sein unrasiertes Gesicht lassen dich vermuten, dass er der Arbeiterschicht angehört. Mit einem freundlichen Lächeln spricht er dich an und lädt dich zu einer Runde Whist ein. Überrascht, aber trotzdem erfreut über die Einladung, folgst du ihm in eine ruhigere Ecke des Pubs, wo seine zwei Freunde bereits auf euch warten. Nachdem du dir kurz die Regeln des Spiels hast erklären lassen, die stark denen des heutigen Bridge-Spiels ähneln, geht es los.

Zum Anfang des Spiels müssen die Teams bestimmt werden. Dafür zieht jeder Spieler eine Karte aus dem gesamten Deck. Als Gast darfst du beginnen und ziehst eine Karte. Sofort fällt dir auf, dass die Karten anders gestaltet sind, als du es gewohnt bist. Nicht nur unterscheiden sich die Bilder, auch sind kleine Texte auf den Karten abgebildet. Auf dem Kreuz-Buben, den du nun in der Hand hältst, ist eine Flotte abgebildet, die offensichtlich auf Festland zuhält. Der Text unter der Karte verrät dir: »The French wayting an apertunity to Land in England but are prevented by the Dutch« (dt.: Die Franzosen warten auf eine Gelegenheit, in England zu landen, werden jedoch von den Niederländern daran gehindert). Sofort wird dir klar, dass dieses Kartenspiel auf die »Glorious Revolution«  anspielt, welche vor nicht allzu langer Zeit in England ausgetragen wurde. Auch die Karten, die die anderen Spieler nun auf den Tisch legen, behandeln offensichtlich die Geschehnisse der Revolution. Die beiden dir noch unbekannten Männer haben mit der Karo-Zwei und der Karo-Drei die beiden niedrigsten Karten und bilden somit nun ein Team. Die beiden Karten zeigen einen der Anlässe der Revolution, die Geburt des Sohnes von Jakob II., und die Reaktion Wilhelms von Oranien, der nun nach England übersetzt, um den Thron zu übernehmen. Der junge Mann, der dich gebeten hat mitzuspielen, legt die Karo-Acht auf den Tisch, auf der zu sehen ist, wie die niederländischen Truppen in England landen. Da ihr die beiden höchsten Karten des Spiels gezogen habt, bildet ihr nun ein Team und wechselt so die Plätze, dass ihr euch gegenübersitzt. Nun bekommt jeder Spieler 13 Karten, und das Spiel beginnt richtig.

Diese Imagination soll zeigen, wie in der Zeit unmittelbar in und nach der »Glorious Revolution« Massenmedien genutzt wurden, um Politik zu betreiben. Zum einen wird klar, dass sich das Kartenspiel in dieser Zeit auch an untere Bevölkerungsschichten richtete. Dazu trug vor allem bei, dass solche Spiele in hoher Stückzahl herzustellen waren.2 Dadurch konnten sie zu einem Massenmedium werden, in dem, wie vorliegenden Fall, politische Botschaften verbreitet wurden. Dabei stehen diese jedoch keineswegs im Mittelpunkt, sondern sollen beim Spielen nebenbei vermittelt werden. Zudem ist auch das Design der Karten auf eine nicht lesekundige Zielgruppe angepasst: Durch den großen Bildteil sind die Karten auch ohne Text verständlich, der Text kann auch vorgelesen, also gemeinschaftlich rezipiert werden. Der weit verbreitete Analphetismus war also kein Rezeptionshindernis.3

Geprägt sind die Karten vom Umfeld Wilhelms von Oranien, das sich besonders eindrucksvoll an der Karo-Zwei zeigt (siehe Abbildung oben). Auf dieser ist im großen Bild ein Ehebett zu sehen und darunter folgender Satz zu lesen: »The Queen is brought to bed of a Boy – Reported so« (dt.: Die Königin hat einen Jungen zur Welt gebracht – so wird berichtet). Demnach wird auf dieser Karte eine verbreitete Polemik aufgegriffen, dass der Sohn Jakobs II. unehelich gezeugt und somit illegitim sei.

Das Konzept erinnert deshalb an gegenwärtige Social Media, denn auch dort werden politische Botschaften oft nebenbei vermittelt. Denkt man an Plattformen wie Instagram findet man durchaus Ähnlichkeiten zu dem Kartenspiel. Vor allem das im Mittelpunkt stehende Bild mit kleiner Bildunterschrift ist eine markante Übereinstimmung, ebenso die mehr oder weniger subtile Vermittlung politischer Botschaften in streng verknappter Form und die damit einhergehende Polarisierung öffentlicher Meinung(en). Daher kann man sagen, dass Art und Gebrauch des Kartenspiels auf eine durchaus ›moderne‹ Medienpraxis vorausweisen.

  1. https://www.topdrinks.de/blog/die-geschichte-des-gins#introductie-engeland [27.07.26]. ↩︎
  2. https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/content/blog/spielkarten-von-teuflischen-gebetsbuechern-trionfi-und-regionalen-blaettern [27.07.26]. ↩︎
  3. https://pastandpresent.org.uk/the-rabble-that-cannot-read-ordinary-peoples-literacy-in-seventeenth-century-england [27.07.26]. ↩︎