Die große Enttäuschung

Heute ist Karfreitag. Die Verlockung ist groß sich innerlich schon auf Ostern einzurichten. Dann feiern Christen endlich die Auferstehung, die Überwindung des Todes, das Ende von all den Schrecken. Aber heute ist Karfreitag. Heute erinnern sich Christen an die Kreuzigung und den Tod Jesu.

In den Jahren vor seinem Tod haben sich viele Menschen um Jesus geschart. Menschen sind ihm gefolgt, weil sie ihm und seiner Botschaft geglaubt haben. Jesus wendete sich ohne Angst Menschen zu, die häufig am Rande der Gesellschaft lebten. Er unterstützte Menschen darin, wieder ein Leben in Würde führen zu können. Das Besondere an ihm war, dass er dies mit dem Anbruch der Herrschaft Gottes verband. Er sagte von sich selbst: „Wenn ich aber die Dämonen durch den Finger Gottes austreibe, dann ist das Reich Gottes schon zu euch gekommen.“ (Lk 11,20) Jesu Deutung seines eigenen Handelns ist nicht zu überschätzen. Es ist zwar der Finger Gottes, der die Dämonen austreibt, doch Gott wirkt im Handeln Jesu. Und mit Jesu Handeln bricht das Reich Gottes an.

Viele Menschen, die Jesus gefolgt sind, werden daran geglaubt haben. Umso schockierender muss es gewesen sein, dass dieser Mensch, der doch eigentlich Leben in Fülle bringen sollte, plötzlich gewaltsam stirbt. Der evangelische Theologe Wolfhart Pannenberg markiert pointiert das Problem: Wenn Jesus für sich in Anspruch nimmt, dass die Herrschaft Gottes in seinem Handeln beginnt, wie kann er dann einen gewaltsamen Tod am Kreuz sterben, der offensichtlich genau das Gegenteil der Herrschaft Gottes ist?

Jesu Tod schockiert nicht nur, sondern provoziert schmerzhafte Fragen. Vielleicht haben sich die Menschen in Jesus getäuscht. Vielleicht hatte er einen gut gemeinten, aber letztlich überzogenen Anspruch, den er am Ende nicht einhalten konnte.

Die Liturgie des Karfreitags endet mit dem Tod Jesu. Die Hoffnungen, die Menschen auf das anbrechende Reich Gottes gesetzt haben, ergeben keinen Sinn mehr. Ihre Erwartungen wurden durch das Kreuz widerlegt. Das ist Karfreitag. Der Tod widerspricht immer wieder in grausamer Weise Erwartungen an das Leben. Wer Ostern feiern möchte, muss diese Einsicht todernst nehmen.