Der christliche Hilmī Adīb, mein erster Lehrer der Koransure aḍ-Ḍuḥā

Manche Erinnerungen aus der Kindheit verlieren mit den Jahren an Schärfe. Andere hingegen bleiben seltsam lebendig. Sie kehren wieder, oft ausgelöst durch einen Geruch, einen Klang, einen Satz – oder, wie in meinem Fall, durch eine Koransure. Wenn ich heute die Sure 93 (auā) rezitiere, denke ich nicht nur an ihren Trost, ihre Schönheit und ihre Botschaft. Ich denke auch an einen Mann aus meiner Grundschulzeit in Ägypten: an Hilmī Adīb, den christlichen Schuldirektor, bei dem ich als muslimisches Kind eben diese Sure auswendig lernte.

Ich besuchte damals eine staatliche Grundschule in Ägypten. Unsere Klasse war konfessionell gemischt: Die meisten Kinder waren Muslime, einige wenige Christen. Im Religionsunterricht trennten sich unsere Wege. Die christlichen Schülerinnen und Schüler gingen mit ihrem Lehrer in einen benachbarten Raum, während wir muslimischen Kinder im Klassenzimmer blieben und von unserem muslimischen Religionslehrer unterrichtet wurden.

Der christliche Religionslehrer war zugleich unser Schuldirektor, Herr Hilmī Addb. Er war klein, kräftig, ernst und streng. Beim morgendlichen Appell ging er zwischen den Reihen hindurch und kontrollierte unsere Uniformen, die Länge unserer Fingernägel, die Sauberkeit unserer Schuhe und unsere Frisuren. Er verkörperte Ordnung, Disziplin und eine Form schulischer Autorität, die keinen Widerspruch duldete. Wir mieden unnötige Gespräche mit ihm und versuchten vor allem, nicht aufzufallen. Vielleicht war ich einer der wenigen muslimischen Schüler, zu denen er eine besondere Nähe hatte. Ich erinnere mich, wie ich meinen Vater bat, zu Herrn Adīb nach Hause gehen zu dürfen, um an seinen Wiederholungsstunden im Fach Arabisch teilzunehmen. Diese Stunden waren eigentlich für seine christlichen Schülergruppen gedacht. Mein Vater erlaubte es mir nur widerwillig. So saß ich dort als einziger muslimischer Schüler mitten unter christlichen Kindern und hörte seinem Unterricht zu.

Eines Tages fehlte unser muslimischer Religionslehrer, Herr ʿAlī. An diesem Morgen kam Hilmī Adīb und blieb bei uns mit seiner christlichen Gruppe im Klassenraum. Er sagte mit seiner festen, unmissverständlichen Stimme: „Öffnet eure Religionsbücher!“ Dann fragte er: „Auf welcher Seite ist Herr ʿAlī stehen geblieben?“ Der Unterricht begann mit der Koranaure 93 (auā). Herr Adib rezitierte die Verse mit sprachlicher Klarheit und einer Sicherheit, die uns sofort zur Aufmerksamkeit zwang:

„Bei der Morgenhelle, und bei der Nacht, wenn sie still wird!
Dein Herr hat sich weder von dir verabschiedet noch verabscheut Er dich.
Wahrlich, das Jenseits ist besser für dich als das Diesseits.
Und dein Herr wird dir geben, und du wirst zufrieden sein.
Hat Er dich nicht als Waise gefunden und dir Zuflucht gewährt?
Und Er fand dich suchend und leitete dich recht.
Und Er fand dich bedürftig und machte dich reich.
Darum weise die Waise nicht hart zurück,
und den Bittenden fahre nicht an,
und von der Gnade deines Herrn – davon sprich!“

 Wir sprachen sie nach, konzentriert und vorsichtig, bemüht, keinen Fehler zu machen. Merkwürdigerweise dachten wir nicht darüber nach, dass ein christlicher Direktor uns, muslimischen Kindern, eine Koransure beibrachte. Entscheidend war für uns nicht sein Glauben, sondern seine Autorität als Lehrer und unser Wunsch, richtig nachzulesen.

In der folgenden Woche kam Herr Adīb erneut in unsere Religionsstunde. Er wollte sehen, was geblieben war. In Anwesenheit unseres eigentlichen Religionslehrers fragte er jeden Einzelnen von uns die Sure auā ab. Was er uns beigebracht hatte, sollte sitzen. Es war, als hätte er für diesen Moment nicht nur eine Vertretung übernommen, sondern auch eine Verantwortung: dafür, dass Lernen ernst genommen wird, dass Sprache Sorgfalt verlangt und dass religiöse Bildung mehr ist als die bloße Weitergabe von Stoff.

Ein Jahr später beschloss mein sehr religiöser Vater, mich von der staatlichen Schule auf die islamische Azhar-Schule zu versetzen. Als er kam, um den Schulwechsel zu beantragen, versuchte Herr Adīb, ihn von dieser Entscheidung abzubringen. Ich sehe die Szene noch heute vor mir: Ich stand zwischen den beiden Männern und hörte ihrem Gespräch zu, bis Herr Adīb die Unterlagen schließlich widerwillig unterschrieb.

An der Azhar-Schule lernte den Koran vollständig auswendig. Doch die Sure auā hatte ich längst mitgenommen – von meinem christlichen Lehrer Hilmi Adīb. Bis heute begleitet mich diese Erinnerung. Wenn ich die Sure lese, mit meinen Kindern rezitiere oder im Gebet spreche, erscheint manchmal sein Gesicht vor meinem inneren Auge. Dann lächle ich. Zwischen den Zeilen meines Muṣḥaf steht für mich auch eine Erinnerung an diesen Mann, der meiner religiösen Biographie an einem unerwarteten Punkt eingeschrieben ist.

Vielleicht liegt gerade darin eine tiefe Einsicht für religionspädagogisches Nachdenken heute. Religiöse Bildung vollzieht sich nicht nur in konfessioneller Eindeutigkeit, institutioneller Trennung oder klaren Zuständigkeiten. Sie geschieht auch in Begegnungen, in Haltungen, in sprachlicher Sorgfalt, in verkörperter Autorität und in jener Form des Respekts, die den anderen nicht vereinnahmt, ihm aber dennoch etwas Wertvolles vermittelt. Ein christlicher Direktor, der muslimischen Kindern eine Koransure beibringt, mag auf den ersten Blick ungewöhnlich erscheinen. In meiner Erinnerung ist diese Szene jedoch ein Beispiel dafür, wie selbstverständlich religiöse Koexistenz im Alltag werden kann, wenn sie von Ernsthaftigkeit, pädagogischer Integrität und menschlicher Achtung getragen ist.

So ist die Sure auā für mich Teil einer Erinnerung an gelebte Nachbarschaft zwischen Christentum und Islam, an schulische Disziplin und an eine Form stiller Anerkennung, die weit über das Klassenzimmer hinausreicht.