„In den inneren Schichten aber, wo die Religion erfahren wird, kommen sich die Geister immer näher und die Verschiedenheit der Bekenntnisse versinkt schließlich in einer göttlichen Wahrheit, in der einen göttlichen Wirklichkeit. […] Wenn eine Theologie als Lehre von Gott nicht zu einem reinen Wortgeplänkel und Wiederholen von Lehrformen werden will, muss sie sich ständig von dort her neu befruchten und mit neuen Inhalten erfüllen lassen, wo Gott innerlich erfahren wird. In diesem Sinn muss sich die religiöse Lehre einer jeden Religion immer anpassen – nicht an einer unwandelbaren Tradition und nicht an einem ständig wandelnden Fortschritt, sondern an Gott, dessen unendliches Geheimnis sich in der religiösen Erfahrung zu allen Zeiten je neu und zu aller Treue zu sich selbst je anders enthüllt.“ (Richard Gramlich, Ethische und mystische Dimensionen islamischer Glaubenserfahrung. Vortrag an der Tagung „Das Ethos der Weltreligionen und das Christentum“ der Katholischen Akademie der Erzdiözese Freiburg, 23. März 1973)
Unsere Welt war ethnisch, kulturell und religiös vielleicht noch nie so vielfältig wie heute. Und nie war der Bedarf nach einem gemeinsamen Wort vielleicht so dringend und wichtig wie in unseren Tagen. Deshalb kann die Frage nach dem richtigen Platz der Theologie und der Religion in der gegenwärtigen Zeit und in unseren religiös sehr pluralen Gesellschaften – die aber leider von dem religiösen Extremismus und Fundamentalismus aller Colour immer häufiger bedroht wird – letztlich nur interreligiös beantwortet und verantwortet werden: Das heißt, in einem konstruktiven Dialog zwischen den Theologien und Religionen. Vor dem Hintergrund dieser Herausforderung – die zugleich auch als eine Chance verstanden werden kann – lässt sich eine der wichtigsten Aufgaben der Theologinnen und Theologen darin sehen, Räume der Begegnungen zwischen Theologien, Religionen und Konfessionen zu schaffen. Mehr als je zuvor benötigen wir hierzu eine Hermeneutik der gegenseitigen Verständigung, die nicht nur auf einer allgemeinen religiösen Toleranz basiert, sondern durch spirituelle Empathie und Hermeneutik der Offenheit geprägt ist und in die Gesellschaft hineinwirkt.
Der interreligiöse Dialog ist von zentraler Bedeutung für die friedliche Koexistenz zwischen Menschen verschiedener religiöser Zugehörigkeit. Doch ein solcher Dialog kann viele Elemente und Komponente umfassen, die von theologischen Annährungen bis hin zu spirituellen Ritualen und Erfahrungen reichen. Vor diesem Hintergrund können auch insbesondere mystische Erfahrungen „Gegenstand“ des interreligiösen Dialogs sein. Denn, obwohl jede mystische Erfahrung in ihrem Wesen individueller, persönlicher und subjektiver Natur ist, gibt es etwas Grundlegendes, das als Impuls dienen und intersubjektiv kommuniziert werden kann. Dieses Grundlegende mystischer Erfahrungen ist eben das, was verbindet und eint, und wodurch auch unser (inter)religiöses Verständnis an Tiefe gewinnen kann. Mystische Erfahrungen können also eine fruchtbare Grundlage für den interreligiösen Dialog bieten, insofern sie einen ansprechenden, verbindenden und nicht selten auch inspirierenden Charakter haben.
Obwohl also mystische Erfahrungen unbedingt subjektiv-individueller Natur sind – weil sie sich darauf beziehen, was ein Individuum in der Tiefe seines Inneren auf ganz persönliche Art und Weise erlebt und fühlt –, zeigen sie zugleich eine grundlegende Erfahrungsdimension und eine besondere Wahrnehmungsfähigkeit auf, die bei den Anhängern verschiedener Religionen und spiritueller Traditionen vorzufinden ist. Vor diesem Hintergrund ist es den Mystikerinnen und Mystikern trotz ihrer unterschiedlichen religiösen Zugehörigkeiten und kulturellen Prägungen grundsätzlich möglich, ihre inneren Erfahrungen und mystischen Zustände in einer sehr ähnlichen symbolischen Sprache zum Ausdruck zu bringen. Somit weisen mystische Erfahrungen auch interreligiöse Relevanz auf, die nämlich darin besteht, sowohl die grundlegenden religiösen Empfindungen als auch die gemeinsamen, universellen Wahrheiten und Werte (wie Einheit, Liebe, Ekstase, Gottessehnsucht, Überwältigung, Ehrfurcht, innere Freiheit, Gelassenheit, Ichlosigkeit, Glückseligkeit und Frieden) konfessionsübergreifend zu vermitteln. Solche tiefgreifenden Transzendenzerfahrungen, die über verschiedene Glaubensgrundsätze und religiöse Dogmen hinweg reichen, können als Brücke zwischen den Glaubensgemeinschaften und Religionen dienen, insofern sie einerseits auf die grundlegende Erfahrungsdimension des Menschen hinweisen und ein tieferes Verständnis vom Religiösen erwecken können und andererseits die spezifischen Differenzen in den Lehrgrundsätzen und Praktiken der jeweiligen Religionstraditionen überbrücken.
Mystische Erfahrungen – mögen sie noch so unterschiedlich Gestalt annehmen – stellen einen grundlegenden Aspekt der menschlichen Beziehungen zur letzten Wirklichkeit dar, die im religiösen Kontext als die göttliche Wirklichkeit bzw. die Gotteswirklichkeit aufgefasst wird. Anhand zahlreicher Aussagen der großen jüdischen, christlichen und islamischen Mystikerinnen und Mystiker wird es besonders deutlich, inwiefern eine durch tiefpersönliche Gotteserfahrungen geprägte Rede von Gott den Glauben an Gott beleben, verfeinern, vertiefen und somit möglichst auch konkreter, ja authentischer werden lässt. Denn die Authentizität des in der subjektiv-individuellen Gotteserfahrung gegründeten Glaubens besteht darin, dass dieser nicht primär auf einem konfessionell-dogmatischen Boden beruht, der als solcher oft Gefahr läuft auf Abgrenzung, Differenz und Exklusion hinauszulaufen, sondern aus der Lebendigkeit und Sinnhaftigkeit der inneren Erfahrung des Unendlichen schöpft.
Doch die Mystik lehrt uns nicht nur Demut bezüglich überzogener Wahrheitsansprüche und religiöse Toleranz, sondern sie kann in uns auch das Staunen erwecken und unsere Resilienz stärken. Denn ein Großteil mystischer Schriften, die von spirituellen Aspirationen und Bemühungen, aber auch von tiefen Sehnsüchten, ekstatischen Wirklichkeitserfahrungen und „Gottesberührungen“ handeln, kann eine große Trost und- Inspirationsquelle für die gläubigen Menschen bedeuten. Dabei geht es meistens um eine lebendige Literatur, die gewöhnlich von starker Leidenschaft und leidensvoller Liebe zu Gott geprägt ist und auf die Leserin / den Leser einen großen und unmittelbaren Einfluss ausüben kann. Oft avanciert die Lektüre solcher Texte daher bereits selbst zu einer transformativen Erfahrung, deren positive Folge sich in einer Umwandlung des Gemüts und des Denkens manifestieren kann. Die Texte bedeutender Mystikerinnen und Mystiker können daher selbst resilienzfördernd fungieren.
Die mystische Literatur bietet jedenfalls viele Themenkomplexe und Fragestellungen, die sich in einem interdisziplinaren Austausch weiter erforschen und sowohl für den interreligiösen als auch für den interkulturellen Dialog fruchtbar machen lassen. In diesem Sinne kann das mystische Sprechen – das in den spirituell-mystischen Erfahrungen gegründet und daher wenigstens im Prinzip frei von den Machtstrukturen reindogmatischer Theologie ist – als eine Brucke zwischen den konfessionsgebundenen Diskursen dienen und als Grundlage für die Ausarbeitung universell-spiritueller Werte.
Wir können zusammen mit dem großen französischen Katholiken und Orientalisten Louis Massignon (gest. 1962) behaupten, dass, um den Anderen wirklich verstehen zu wollen, man ihn nicht vereinnahmen darf, sondern, man muss sein Gast werden. In dieser Hinsicht kann gerade auch Mystik als eine Einladung an Juden, Christen und Muslime dienen, einander Gäste zu werden – in Erfahrung, gelebter Praxis und Sehnsucht nach Gott. Mystik lädt uns ein, Hermeneutik der spirituellen Offenheit zu lernen, die uns ermöglicht, über das Andere fasziniert zu sein, ohne das Eigene zu verlassen.

PD Dr. Raid Al-Daghistani ist Vertretungsprofessor am Paderborner Institut für Islamische Theologie der Universität Paderborn und Lehrbeauftragter am Institut für Islamische Theologie und Religionspädagogik der Universität Innsbruck.