Von der Fliege an der Wand und Affen im Kopf

Ursprünglich wollte ich in meinem Beitrag erörtern, ob Prophetengeschichten aus dem Koran das Potenzial haben, uns zu Fliegen an der Wand zu machen.

Die Metapher stammt aus dem Buch „Chatter“ von Ethan Kross, das ich vor Kurzem gelesen habe. Es sollte mir dabei helfen, besser mit Selbstzweifeln als Doktorand umzugehen. – Ich dachte zumindest, dass es solche sind.

Die „Fliege an der Wand“ ist ein Gedankenspiel für mehr emotionale Distanz. Man stellt sich vor, man sei nicht mitten im Geschehen, sondern eine unbeteiligte Fliege, die von außen beobachtet, was gerade passiert. Statt sich weiter im Problem zu verstricken, zoomt man heraus und nimmt das Geschehen wahr.

Das erinnerte mich an die Geschichte des Propheten Yūnus (Jonas), der es aus dem Bauch des Wals schaffte.

Ethan Kross bezieht sich im Zusammenhang seines Gedankenspiels auch auf das Potenzial von Narrativen. Durch Geschichten, so seine These, können wir Abstand gewinnen, ohne uns dabei von uns selbst zu entfernen. Sie helfen dabei, inneres Chaos zu strukturieren, geben Sprache für diffuse Zustände und ermöglichen Orientierung, wo Grübeln sonst endlos kreist.

Ich wusste, es würde mir schwerfallen, methodisch korrekt aufzuweisen, welche Auswirkungen koranische Narrative – in dem Fall eine Prophetengeschichte – auf die Psyche des Menschen haben.

Und da war er wieder, der Zweifel. Oder war es Sorge und Angst?

Auch wenn ich verunsichert war, gefiel mir der Gedanke, aus dieser möglichen Korrelation einen Beitrag für den ZeKK-Blog zu konzipieren. Ich tippte die Idee in mein Smartphone und fuhr weiter mit dem RE11 Richtung Paderborn.

Ich ließ die Idee für einige Zeit ruhen. Indes musste ich mich noch um den ersten Teil meiner Dissertation kümmern. Dieser sollte rechtzeitig zum Jahresende eingereicht sein, damit er im Februar Gegenstand eines Kolloquiums sein kann.

Nachdem ich meinen Text eingereicht hatte, stieß ich auf das Buch „Affen im Kopf“ von Ronald Schweppe und Aljosha Long. Ich fing an, es zu lesen und wusste gleich: Das gehört auch in meinen Blog-Beitrag.

Nach einer pointierten Einleitung beginnt das Buch mit der Begegnung von Herr K. und Dr. Rabe. Diese rahmt das Buch erzählerisch und zieht sich als Narrativ durch den gesamten Text.

Der eigentliche Einstieg erfolgt dann über die Vorstellung der Affen:

Der Affe der Angst, der Affe der Sorge, die Affen der Selbstzweifel, die Affen der Unzufriedenheit, die Affen des Ärgers, die Affen der Urteile, die Affen der Fantasie, die Affen der Vergangenheit, die Affen der Zukunft, die Affen der Gier, die Affen des Hasses, die Affen der Verwirrung.

Die Vorstellung der Affen setzt eine Selbstreflexion in Gang, die sich im nächsten Teil des Buches durch einen Selbsttest verdichtet. Durch die Beantwortung von 48 Fragen erhält man die Gelegenheit, sich mithilfe von Tabellen und Schemata der eigenen Affen im Kopf bewusst zu werden. Man nimmt dabei eine Außenperspektive ein – ähnlich wie die Fliege an der Wand.

Im Anschluss an den Test erfolgt eine zweite Präsentation der Affen, diesmal in ihren Konstellationen. Die Zusammenarbeit von jeweils drei besonders ausgeprägten Affen im Kopf wird von den beiden Autoren als „Mafia“ bezeichnet.

Ein Beispiel: Die Affen der Verwirrung, der Fantasie und der Unzufriedenheit ergeben als Bande die Verhinderungs-Mafia.

Im letzten Teil entfaltet sich das Buch schließlich als Ratgeber. Mit der W.A.H.L.-Methode wird begleitend vermittelt, wie es gelingen kann, die Affen im Kopf zu zähmen. Die Autoren bedienen sich dabei vorrangig buddhistischer Zugänge.

Die symbolisierte Wahl eröffnet vier Möglichkeiten:

W – wie Wahrnehmen,

A – wie Annehmen,

H – wie das Hier und Jetzt

und L – wie Loslassen.

Damit der Beitrag nicht lediglich als Buchempfehlung verbleibt, möchte ich mit einigen Denkanstößen abschließen.

  • Vielleicht liegt eine Stärke von Geschichten nicht darin, Antworten zu liefern, sondern Denkbewegungen zu ermöglichen, die sich begrifflich nur schwer erzwingen lassen. Geschichten wie die von Yūnus könnten genau darin ihre Kraft entfalten. Sie können Abstand zu den eigenen Gedanken und Problemen schaffen, ohne ihnen auszuweichen.
  • Wissenschaftliches Arbeiten lebt von kreativen Gedanken. Allerdings kann es hin und wieder passieren, dass die Fülle an Gedanken und der schwierige Umgang mit ihnen den produktiven Fluss behindern. Etwas mehr Ruhe im Kopf kann hier sicherlich weiterhelfen.
  • Vielleicht braucht es mehr Orte, an denen Zweifel, innere Unruhe und gedankliche Überforderung nicht sofort als individuelles Problem verstanden werden, sondern als Erfahrungen, die zum Denken, Lernen und Zusammenleben dazugehören. Orte, an denen Nachdenken nicht beschleunigt werden muss und Achtsamkeit kein Rückzug ist, sondern eine Form, gemeinsam mit Komplexität umzugehen.