The Dutch Boare Dissected (1665)
Beitrag von Fabio Hansmann und Alex Kröker

Papier, Kupferstich, 43 x 29,7 cm (Bild: 18,8 x 17,2 cm), The British Museum, Nr. 1868,0808.3278.
Digitalisat: https://www.britishmuseum.org/collection/object/P_1868-0808-3278
Dieses Flugblatt aus dem Jahr 1665 ist ein prägnantes Zeugnis der hollandophoben, von Stereotypen geprägten Polemik, die die Wahrnehmung der Niederlande in England während deren Konflikte im 17. Jahrhundert dominierte.
Der Konflikt, der maßgeblich aufgrund des harten wirtschaftlichen Wettbewerbs um die Vorherrschaft auf den Weltmeeren und des lukrativen Kolonialhandels entbrannte, wurde von einer aggressiven massenmedialen Kriegspolemik begleitet. Diese diente dazu, die historisch gewachsene Verbundenheit zwischen den protestantischen Seemächten zu dekonstruieren und neue Feindbilder an deren Stelle zu rücken. Dabei greift das Flugblatt auf ein Repertoire an Vorurteilen zurück, die sich bereits seit dem 16. Jahrhundert durch Reiseberichte und das elisabethanische Theater im englischen Bewusstsein verankert hatten.
Der Titel »The Dutch Boare Dissected or Description of Holland« wertet die Niederländer als (Wild-)Schweine ab, die sich in den Sumpflandschaften ihrer Heimat suhlen. Die Charakterisierung als »Boare« (Eber) verschmilzt dabei klanglich mit dem gleichlautenden niederländischen »Boor« (Bauer) und etabliert so ein Stereotyp der niederländischen Landbevölkerung als ungehobelt, ungebildet und insgesamt unzivilisiert, ja entmenschlicht.
Zudem nimmt das Flugblatt immer wieder Bezug auf Essgewohnheiten: Im Untertitel werden die Niederländer als »lüsterne, fette, zweibeinige Käsewürmer« beschrieben, die begierig Butter verschlingen und Fett trinken. Diese kulinarischen Zuschreibungen werden explizit mit ihrem angeblich schlüpfrigen Charakter verknüpft, wobei diese »Schlüpfrigkeit« für Unzuverlässigkeit bei Verträgen sowie für betrügerische Geschäftspraktiken steht.
Konkret stand hinter den Darstellungen der Niederländer die Kritik an der aggressiven Expansion des (kolonialen) Handels. Diese wurde als eklatanter Mangel an Dankbarkeit für die englische Unterstützung der Niederlande im Achtzigjährigen Krieg (1568–1648) empfunden. Schon 1652–1654 hatte man Krieg gegeneinander geführt; 1665, im Erscheinungsjahr des Flugblatts, kam es erneut zum militärischen Konflikt. Die englische Reaktion in Form der hier vorgeführten Stereotypen kann jedoch nicht als eine ausschließlich von staatlichen Akteuren ausgehende Entwicklung verstanden werden, die mit dem Bild des »Dutch Boare« abgeschlossen wäre. Die Stereotypen wurden meist von Privatpersonen in Form von Flugblättern verbreitet, teils basierend auf kollektiven Erinnerungsfiguren wie dem sogenannten »Amboyna Massacre« von 1623. Mit dem weiteren Verlauf des Konflikts, dem Aufstieg Frankreichs zur Hegemonialmacht und der »Glorious Revolution« entwickelten sich die Stereotype weiter und wurden angepasst.
»The Dutch Boare« lässt sich in die Frage der Ausstellung nach einer europäischen Entwicklung in die Moderne einordnen, da es als Zeichen einer sich entwickelnden öffentlichen Diskussionskultur gedeutet werden kann. Dadurch lassen sich Vergleiche mit dem heutigen Einfluss öffentlicher Diskussionskulturen, wie Social Media (siehe dazu auch das Kartenspiel von 1688/89), auf die Wahrnehmung von Gruppen ziehen.
Literatur
de Bruin, Lars: Defaming the Dutch: The Discourse of Hollandophobia in Early Modern England (1652–1690). Master Thesis, Universität Leiden 2018.
Games, Alison: Inventing the English Massacre: Amboyna in History and Memory. New York 2020.
Lamal, Nina und Klaas van Gelder: Addressing Audiences Abroad. Cultural and Public Diplomacy in Seventeenth-Century Europe. In: The Seventeenth Century 36, H. 3 (2021), S. 367–387. Online: https://doi.org/10.1080/0268117X.2021.1926651.
Pincus, Steven C. A.: Protestantism and Patriotism. Ideologies and the Making of English Foreign Policy, 1650–1668. Cambridge 1996.