Englands Beitrag zur europäischen Zukunft – eine Geschichtsfiktion?

James Thornhill, William and Mary Presenting the Cap of Liberty to Europe (Entwurf, um 1710)

Beitrag von Kim Sudahl

Öl auf Leinwand, 121 x 90 x 9 cm (ohne Rahmen: 96,5 x 66 cm), Victoria & Albert Museum London, Nr. 812-1877.

Fotografie: https://collections.vam.ac.uk/item/O77738/william-and-mary-presenting-the-oil-painting-thornhill-james-sir/

Wir schreiben das Jahr 1710. Das Greenwich Hospital befindet sich im Bau – doch der große Speisesaal, die »Painted Hall«, wird seinem Namen noch nicht gerecht. Sir James Thornhill und seine Mitarbeiter haben im Jahr 1707 die Ausschreibung für die Bemalung des Speisesaals gewonnen. Es soll jedoch bis 1726 dauern, bis sie ihre Arbeit fertigstellen. In diesem Jahr feiert die Painted Hall des Old Royal Naval College (ORNC) das 300. Jubiläum ihrer Fertigstellung. Vor allem das Deckengemälde ist ein Kunstwerk, welches bis heute Millionen von Besuchern begeistert. Was als Speisesaal für Marineveteranen begann, ist heutzutage als »Englands Sixtinische Kapelle« bekannt. Verständlich, dass dieses Werk Thornhill den Ritterschlag sowie eine Zahlung von 6.685 Pfund einbrachte. Das entsprach etwa der Kaufkraft von 74.277 Tagessätzen eines gelernten Handelskaufmannes, rund 1.200 Pferden oder heutzutage (Stand 2017) bis zu 1.000.000 €.1

Doch wie überzeugt man die britische Krone von einem solchen Vorhaben? Wie kann man die eigene Vision veranschaulichen und auch für die eigenen Mitarbeiter greifbar machen? Hierzu fertigte Thornhill einen vereinfachten Entwurf in Form eines Ölgemäldes an, welches schon für sich genommen ein Kunstwerk darstellt und heute im Victoria & Albert Museum ausgestellt wird. Dies war zu jener Zeit zwar üblich, ist aber dennoch bemerkenswert. Ein Laie würde wohl kaum vor dem Gemälde stehend vermuten, dass dies das künstlerische Äquivalent zu einem Bauplan oder gar einem Bewerbungsschreiben darstellte.

Thornhill wurde in seiner Ausgestaltung mit dem Spiel von Licht und Schatten und der Ergänzung von Tiefe in seinem Werk durch italienische Deckenmalereien der Barockzeit inspiriert. Um das Jahr 1700 stand die barocke Deckenmalerei auf ihrem Höhepunkt, und zahlreiche Bauwerke in ganz Europa wurden von, vorwiegend italienischen, Künstlern gestaltet. Thornhill selbst soll stark durch Künstler wie Antonio Verrio (der wohl an der Ausmalung der Staatsgemächer von Windsor Castle beteiligt war), vor allem aber durch Louis Laguerre beeinflusst worden sein. Dessen bekanntestes Werk war die Ausgestaltung des Salons von Blenheim Palace um 1720.

Das Gemälde weist typische Gestaltungselemente auf, beispielsweise die Fülle an Personifikationen von Werten, Künsten und historischen Persönlichkeiten. Der Entwurf ist im Oval angefertigt und zeigt das englische Königspaar Maria II. und Wilhelm III. gemeinsam im Zentrum, welche Europa die Krone der Freiheit überreichen. Sie werden von den Kardinaltugenden umgeben, und Wilhelm tritt mit seinem Fuß auf die Tyrannei und die Willkür, während weitere Figuren das Böse bekämpfen und die Sternzeichen und die Jahreszeiten das Gemälde entlang des Ovals umranden.

Die Tyrannei, die Wilhelm mit seinem Fuß zu Boden stößt, ist im finalen Deckengemälde eindeutig als Ludwig XIV. zu identifizieren. Dieser verkörpert hier die absolutistische, kontinentale und katholische ›Willkür‹ als einflussreichster Monarch Europas, der dennoch von Wilhelm scheinbar mühelos am Boden gehalten wird. Im Entwurf ist die Pose beinahe identisch, die Ausgestaltung der Tyrannei, Ludwigs XIV., jedoch nicht deutlich. Dementsprechend könnte dieses Detail auch während des Malvorganges hinzugefügt worden sein.

Bis heute rätseln Kunsthistoriker:innen darüber, ob Thornhill in sein Werk – in der Körperhaltung der Königin – eine Anspielung auf das Sternbild Cassiopeia einbaute, das ein »W« (bzw. auch ein »M«) bildet, also als himmlische Initiale des Königspaars gelesen werden kann. Zunächst scheint nur eine Darstellung Wilhelms geplant gewesen zu sein. Nach dem Tod Marias (1694), auf deren Initiative die Gründung des Greenwich Hospitals zurückging, änderte Thornhill seine Entwürfe und fügte die Königin hinzu.2 Dies verdeutlicht, dass Thornhill sowohl etwas von Astronomie verstand als auch von antiker römischer und griechischer Mythologie.

Es ist außerdem von großer Bedeutung, dass das Gemälde eines von mehreren in der Painted Hall ist. Diese zeigen unterschiedliche Perioden protestantischer Herrschaft im englischen Königshaus, wobei die Upper Hall George I. mit seiner Familie vorstellt – und somit eine Herrschaftslinie, die im Deckengemälde mit Wilhelm und Maria beginnt und von der »Glorious Revolution« bis in die Gegenwart Thornhills reicht. Der Entwurf des Deckengemäldes richtet seinen inhaltlichen Blick also deutlich auf die Vergangenheit, während die übrigen Malereien einerseits einen Gegenwartsbezug und durch Georges Familie andererseits auch Zukunftsaussichten eröffnen. Die Komposition der Skizze im Kontext der gesamten Painted Hall ist als Kontinuitätsbehauptung zu verstehen: Maria und Wilhelm haben durch die Thronbesteigung begonnen, was durch Georg II. nun fortgeführt werden soll. Die Inszenierung zeigt die ›Gründerfiguren‹ daher nicht von ungefähr mythologisch überhöht, als Götter.

Karl II. plante ursprünglich den Bau eines neuen Palastes, ehe dieser aber aufgrund finanzieller Engpässe eingestellt werden musste. Erst unter Wilhelm III. wurde der Bau fortgeführt und wohl durch Maria letztendlich als das Marinehospital erbaut, als das es im frühen 18. Jahrhundert genutzt wurde. James Thornhill war mit 32 Jahren noch recht unbekannt, als er die Ausschreibung für die Deckenmalerei 1707 gewann. Womöglich erhielt er den Zuschlag eben deshalb, weil man ihm aufgrund seiner geringen Bekanntheit weniger zahlen musste als anderen international renommierten Künstlern der Zeit. Auch sein protestantischer Glaube dürfte sich positiv auf die Entscheidung ausgewirkt haben. Ob Thornhills Entwurf auch bereits zur Ausschreibung vorlag, ist nicht bekannt, allerdings ist hervorzuheben, dass Entwurf und finale Fassung bis auf kleinere Anpassungen strukturell sehr ähnlich aufgebaut sind.

Das Deckengemälde war vorerst hauptsächlich für die Marineveteranen sichtbar, die in diesem Saal aßen und zahlenden Gästen geführte Touren durch die Painted Hall anboten. Hier wird deutlich, dass ab Fertigstellung der Painted Hall auch die kommerzielle Nutzung eine Rolle spielte. Von 1824 bis 1924 bildete Thornhills Deckengemälde mehr den Rahmen für die ›eigentliche‹ Kunst, da die Painted Hall für als Ausstellungsort für über 300 Werke der National Gallery of Naval Art genutzt wurde. Zwischen 1937 und 1997 war sie wiederum Speisesaal: Die Pensionäre waren in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ausgezogen, doch nun dinierten hier auszubildende Offiziere der britischen Flotte. Lange Zeit nach seiner Fertigstellung wachte das Deckengemälde nun also über die Zukunft der britischen Marine. Seit 1997 ist die Painted Hall erneut Museum.

Thornhill profitierte offenbar von der – neu entfachten? – Liebe der Briten zur barocken Form. Weitere Arbeiten finden sich etwa in Chatsworth House in Derbyshire, Hampton Court Palace oder dem Blenheim Palace. Die Phase barocker Deckenmalereien war eine kurze, dafür allerdings eine rentable. England machte zu dieser Zeit vom Barock als »Kommunikationspraxis«3 Gebrauch, von der das Royal Naval College bis heute profitiert. Die bewusste Überwältigung, die pathetische Aufladung von Bildern, die heroische Darstellung Wilhelms und Marias, die beinahe himmlische Tugendhaftigkeit beider Monarchen als Ausgangspunkt einer protestantischen Herrschaftslinie – all dies wurde in der Painted Hall verarbeitet. Vielleicht mag es auch ein Ausdruck eines in gewissem Maße absolutistischen Weltbildes sein, welches sich durch barocke Dekorationen manifestiert, vergleichbar mit dem Schloss Het Loo, das Wilhelm sich in den Niederlanden erbauen ließ.

Es scheint denkbar, dass der Entwurf derart prunkvoll ist, da Maria das Krankenhaus im Wissen um die Bedeutung der Flotte für die englische Krone, als auch aus Respekt gegenüber den Seefahrern selbst errichten und gestalten ließ. Entscheidend war gewiss die langfristige Integration der beiden Monarchen in die Neuerzählung englischer bzw. britischer Geschichte, die hier zugleich deutlich europäisiert wurde.

  1. https://www.nationalarchives.gov.uk/currency-converter [28.07.26]. ↩︎
  2. Davies, Simon: Love Written in the Stars – Did James Thornhill Hide a Celestial Secret in the Painted Hall Ceiling? In: Old Royal Naval College Greenwich. 8. Februar 2024. Online: https://ornc.org/stories/love-written-in-the-stars [13.07.26]. ↩︎
  3. Ehland, Christoph; Lothar van Laak, Andreas Münzmay, Sabine Schmitz und Johannes Süßmann: Barock im Norden. Kommunikationspraxis und Kulturtransfer. In: Christoph Stiegemann (Hg.): Peter Paul Rubens und der Barock im Norden. Katalog zur Ausstellung im Erzbischöflichen Diözesanmuseum Paderborn. Petersberg 2020, S. 198–215. ↩︎