
Gastbeitrag von Noelle Maicher-Hoff – FamilienServiceBüro der Universität Paderborn
Eine Promotion verläuft selten genau so, wie sie am Anfang geplant war. Und auch ein Familienleben lässt sich nur bedingt planen. Wenn beides zusammenkommt, wird es noch einmal ein Stück unvorhersehbarer – und viele Fragen stehen im Raum: Wann ist der richtige Zeitpunkt für ein Kind? Wie lässt sich die Promotion mit dem Familienalltag verbinden? Wann und wie viel Zeit bleibt noch für die Dissertation?
Aus meiner Arbeit im FamilienServiceBüro kenne ich viele dieser Fragen aus Gesprächen mit Promovierenden. Eine einfache Antwort gibt es meistens nicht. Dafür sind die Lebenssituationen und Promotionsverläufe zu unterschiedlich. Einige Gedanken können jedoch dabei helfen, die eigene Situation besser einzuschätzen.
Die Frage nach dem richtigen Zeitpunkt – oder was vielleicht die entscheidendere Frage ist
Vielleicht sollte erst die Dissertation fertig werden. Vielleicht vorher der Vertrag verlängert werden. Vielleicht erst die nächste berufliche Station geklärt sein. Diesen Gedanken kennen vermutlich viele. Gleichzeitig kann eine Promotion länger dauern als ursprünglich gedacht, und auch das Leben hält sich selten an einen perfekten Zeitplan. Eine Schwangerschaft lässt sich nicht vollständig planen. Auch wenn ein Kinderwunsch schon lange besteht, bleibt offen, wann eine Schwangerschaft eintritt, wie sie verläuft und wie der Alltag mit Baby später tatsächlich aussieht. Auch während der Schwangerschaft kann sich vieles verändern. Manche Frauen haben lange viel Energie und können gut an der Dissertation weiterarbeiten, andere leiden unter starker Übelkeit, sind erschöpft und müssen ihre Arbeit deutlich zurückfahren. Nach der Geburt ist ohnehin vieles neu.
Deshalb gibt es aus meiner Sicht nicht den perfekten Zeitpunkt für ein Kind. Wichtiger erscheint mir die Frage: Was brauche ich, damit beides in meiner aktuellen Lebenssituation möglichst gut zusammenpassen kann?
Es wird Phasen geben, in denen es gut läuft – und andere …
Gerade die erste Zeit mit einem Baby lässt sich nur begrenzt planen. Vielleicht schläft das Baby schnell mehrere Stunden am Stück – vielleicht auch nicht. Vielleicht findet sich rasch ein guter Rhythmus, vielleicht dauert es länger. Dazu kommen Vorsorgetermine, Impfungen, Infekte, schlaflose Nächte und all die kleinen Dinge, die im Alltag mit Kind plötzlich wichtig werden. Für eine Dissertation, die konzentriertes und selbstständiges Arbeiten erfordert, kann das eine echte Herausforderung sein. Deshalb finde ich es wichtig, sich von der Vorstellung zu verabschieden, während der Elternzeit oder mit einem kleinen Kind einfach genauso weiterarbeiten zu können wie vorher. Manchmal passiert an der Dissertation wochenlang kaum etwas. Und das ist kein persönliches Scheitern. Es gibt Phasen, in denen die Familie mehr Aufmerksamkeit braucht. In anderen Phasen kann die Dissertation wieder stärker in den Mittelpunkt rücken. Vielleicht gelingt an einem Vormittag mehr als erwartet. Vielleicht fällt ein ganzer Arbeitstag aus, weil das Kind krank ist. Vielleicht dauert ein Kapitel länger als gedacht. Vielleicht verschiebt sich ein Abgabetermin. Vielleicht muss ein Experiment oder ein Schreibprojekt unterbrochen werden. Das bedeutet nicht automatisch, dass die Promotion nicht funktioniert. Und manchmal ist die wichtigste Erkenntnis: Heute hat es nicht geklappt. Morgen ist ein neuer Tag.
Hilfreich kann sein, sich immer wieder zu fragen: Was ist gerade realistisch? Was hat Priorität und was kann warten? Hier kann die Betreuungsvereinbarung für Promovierende eine gute Möglichkeit sein, Erwartungen und Rahmenbedingungen (vorausschauend) mit der Promotionsbetreuung transparent festzuhalten und gemeinsam Maßnahmen zur besseren Vereinbarkeit zu besprechen.
Fokuszeiten und Auszeiten entstehen selten von allein
Ein paar Stunden konzentriertes Arbeiten oder einfach mal ein freier Nachmittag zum Durchatmen entstehen mit Kind selten zufällig. Dafür braucht es Planung – und Unterstützung. Und am besten nicht erst dann, wenn eigentlich schon gar nichts mehr geht. Entlastung kann ganz unterschiedlich aussehen. Ein wichtiger Faktor ist die partnerschaftliche Aufteilung der Sorgearbeit. Wenn beide Elternteile von Anfang an Verantwortung für die Care-Arbeit übernehmen, kann das im Alltag viel Druck herausnehmen. Unterstützung kann aber genauso von Großeltern oder anderen Bezugspersonen kommen.
Manchmal braucht es Unterstützung, die über das persönliche Umfeld hinausgeht
Auch an der Universität Paderborn gibt es verschiedene Anlaufstellen und Unterstützungsmöglichkeiten. Das FamilienServiceBüro berät rund um die Vereinbarkeit von Studium, Beruf und Familie und unterstützt bei der Suche nach passenden Betreuungsmöglichkeiten. Die Kinderkurzzeitbetreuung PUKi kann kleinere Betreuungsengpässe überbrücken. Auch Babysitter*innen oder ehrenamtliche Ersatzgroßeltern können zusätzliche Entlastung bieten. Manchmal sind es nur ein paar zusätzliche Stunden, die den notwendigen Freiraum schaffen und einen wichtigen Unterschied machen.
Weiterhin gibt es an der UPB Angebote für Austausch, Vernetzung und die eigene wissenschaftliche Weiterentwicklung. Das Gleichstellungsbüro bietet über das Jahr verteilt Veranstaltungen und Angebote im Rahmen des Qualifizierungsprogramms „Karriere als Wissenschaftlerin“ an. Im vergangenen Jahr gab es beispielsweise einen Workshop zum Thema „Promovieren mit Kind: Wie passen Doktorarbeit und Kind unter einen Hut?“ Auch das Mentoring-Programm für Doktorandinnen schafft Raum für den Austausch mit anderen Wissenschaftlerinnen und die Möglichkeit, verschiedene Vorbilder für Vereinbarkeit zu finden. Das Kompetenzzentrum Schreiben und ProLernen bieten zudem Unterstützung beim wissenschaftlichen Arbeiten, beispielsweise mit dem Workshop „Academic Writing Mom“. Weitere Möglichkeiten für Austausch und Vernetzung bietet die Lokalgruppe „Mutterschaft & Wissenschaft“, sowie das Peer-Coaching des Paderborn PhD & Postdoc Support Office „Promovieren mit Kind“.
Solche Angebote können keine Patentlösung für die Vereinbarkeit von Promotion und Familie liefern. Aber sie können dabei helfen, nicht alles allein herausfinden zu müssen und Menschen zu finden, die ähnliche Fragen kennen. Im FamilienServiceBüro der UPB sind wir sehr gern die ersten Ansprechpartnerinnen und informieren zu jeglichen Vereinbarkeitsfragen, während das Personaldezernat bei arbeitsrechtlichen Fragen (z.B. bei Vertragsverlängerungen) berät.
Was ich Doktorandinnen mitgeben möchte, die über eine Promotion mit Kind nachdenken
Promotion und Elternschaft schließen sich nicht aus. Beides miteinander zu verbinden, kann herausfordernd sein – aber es ist möglich. Und Care-Arbeit bringt nicht nur zusätzliche Aufgaben mit sich. Sie kann auch Fähigkeiten stärken, die in der Promotion und später im Berufsleben wertvoll sind: Prioritäten zu setzen, Zeit bewusst einzuteilen, flexibel auf Veränderungen zu reagieren und auch in herausfordernden Situationen handlungsfähig zu bleiben. Oft entstehen dabei ganz nebenbei Strategien, die auch im wissenschaftlichen Arbeitsalltag hilfreich sein können.
Entscheidend ist aus meiner Sicht weniger, alles von Anfang an perfekt zu planen, sondern die eigene Situation immer wieder ehrlich in den Blick zu nehmen: Was funktioniert gut? Wo wird es gerade schwierig? Was brauche ich, damit es wieder besser funktioniert? Welche Unterstützung ist bereits vorhanden und wo kann gegebenenfalls noch Unterstützung hinzukommen? Hilfreich kann es sein, sich frühzeitig über Betreuungsmöglichkeiten und verschiedenen Angebote – auch an der UPB – zu informieren.
Vereinbarkeit ist kein Zustand, der einmal hergestellt ist und dann dauerhaft funktioniert. Die Bedürfnisse verändern sich, Kinder werden größer, die Promotion geht in unterschiedliche Phasen über und auch die eigenen Prioritäten können sich verschieben. Was heute gut passt, kann in einigen Monaten schon wieder anders aussehen. Deshalb darf ausprobiert, verändert und auch wieder verworfen werden. Vielleicht funktioniert eine neue Routine nicht so gut wie gedacht. Vielleicht braucht es eine andere Aufteilung der Sorgearbeit oder regelmäßig ein geplantes Wochenende „frei“. Den eigenen Weg zu finden, kann ein Prozess sein – und Umwege gehören dazu.
Vielleicht ist das am Ende die schönste Seite daran: Die Promotion bleibt ein wichtiges Ziel, aber sie ist nicht mehr das Einzige, was zählt. Zwischen Dissertation, Familienalltag und all den kleinen Abzweigungen entsteht etwas, das sich nicht planen lässt – ein Leben, das vielleicht anders aussieht als gedacht. Und vielleicht liegt genau darin ein besonderer Zugewinn: Die Promotion läuft nicht trotz des Familienlebens weiter, sondern entwickelt sich gemeinsam mit ihm – manchmal chaotisch, aber mit Erfahrungen, die weit über die Dissertation hinausreichen.








