kultur & geschlecht #3

Body Politics

Körper und die Prozesse der Verkörperung sind grundlegend mit Medientechnologien verschränkt, die ihre Formierung, Normierung und Disziplinierung, aber eben auch ihre transformativen Dynamiken und Politisierungen mitbedingen. In ebendiesem Sinne sind Körper sedimentierte Geschichte(n), Orte der Bedeutungsproduktionen sowie Adressen und Effekte macht- und gewaltvoller Differenz- und Ungleichheitsverhältnisse. Doch sie sind zugleich konstitutiv für die Politisierung dieser Verhältnisse.

Dabei haben nicht zuletzt posthumanistische, (neo-)materialistische sowie affekttheoretische Arbeiten darauf verwiesen, dass ein Begriff des Körpers, der sich exklusiv auf Menschen und menschliche Körper bezieht, eine Engführung darstellt. Stattdessen verweist der Begriff des Körpers auf mannigfaltige Materialitäten. Prozesshaft formuliert rücken dabei schließlich Dynamiken der Materialisierung medientechnologischer Apparaturen wie Subjektivitäten und ihre multiplen Bedingungen in den Blick. In den konkreten, umkämpften Prozessen der Materialisierung bzw. Verkörperung zeigt sich deren politische Dimension. Die Beiträge der dritten Ausgabe nach dem Relaunch spüren den Bedingungen, Konstitutionen und Effekten von Körperpolitiken im wei-testen Sinne nach und zeigen, (in)wie(fern) Prozesse der Verkörperung und Materialisierung mit Grenzziehungen und damit zusammenhängenden Machtverhältnissen, Medientechnologien, gesellschaftlichen Transformationen, Ökonomien sowie Ästhetiken verschränkt sind. Die dabei entstehenden Körper materialisieren sich als voraussetzungsreiche Effekte soziomedialer Relationen. Sie bilden Gefüge im Spiel mit Sexualitäten und Begehrensformen, Subjektivierungsweisen, technischen Infrastrukturen, Medien und Interfaces. Die Beiträge diskutieren solche Szenen und Gefüge je mit dem Anspruch sie zu re-/politisieren.

Zu den Beiträgen

Sophia Boldts Beitrag widmet sich unter dem Titel Krise behaupten, Coaching verkaufen: Männlichkeitscoaches und die ‚Krise der Männlichkeit‘ der empirischen Analyse der medialen Aufrichtungs- und Stabilisierungsbegehren von Männlichkeit nach ihrem vermeintlichen Niedergang. Dabei treten essentialistische und mythopoetische Männlichkeitsvorstellungen und entsprechende Körperbilder hervor, die Männlichkeitscoaches entlang von Logiken individueller Selbstoptimierung adressieren. Diese Spuren werden von Boldt schließlich vor dem Hintergrund der Perspektive der soziologischen Zeitdiagnose für eine kritische Befragung der Konstitution und Wirkmächtigkeit der Diagnose einer allgemeinen Männlichkeitskrise eingesetzt.

Jenson Göbs Beitrag Phänomene (nicht-)behinderter Körper. Eine agentiell-realistische Perspektive auf dis/ability widmet sich einer Neuperspektivierung der ‚Gretchenfrage‘ in den Disability Studies: Ist Behinderung primär als körperliches Sein (impairment) oder als sprachlich-kulturelles Werden (disability) zu denken? Dabei tritt mittels Karen Barads agentiellem Realismus eine relationale Sichtweise hervor, die jene prozesshaften Intraaktionen in den Fokus rückt, durch die Körper innerhalb machtvoller, materiell-diskursiver Apparate – von technologischen Assistenzsystemen bis hin zu bürokratischen Gefügen wie dem Schwerbehindertenausweis – überhaupt erst als (nicht-)behindert hervorgebracht werden. Eben diese theoretische Neuperspektivierung wird schließlich genutzt, um dis/ability als spezifische Verschränkung materiell-diskursiver Praktiken diskutabel und somit politisierbar zu machen.

Auf der Suche nach einem komplexen, feministischen Konzept von sexueller Selbstbestimmung stellt Maria-Theresa Prachts Beitrag Feminist and Submissive? Über weibliche Submissivität, Macht und patriarchale Klischees im feministischen Porno von Erika Lust den Dualismus von Aktivität und Passivität radikal in Frage, der die Debatten um sexuelle Submissivität und Dominanz beherrscht. Hierfür analysiert sie einen feministischen Pornofilm und vollzieht den Kontext der feministischen Sex Wars und der PorNO-Kampagne nach, um mittels queertheoretischer Bezugnahmen eine machtkritische Perspektive vorzuschlagen, in welcher auch der feministische Porno von Erika Lust an einer zweigeschlechtlichen Mikropolitik der Sexualität mitarbeitet.

Mona Rosenberg begibt sich auf Spurensuche nach Körpern im Spannungsfeld von Fat Studies, Affekttheorie und neoliberaler Kritik. In ihrem Beitrag From Shame to Celebration? Tracing Fat Body Politics in Lizzo’s Watch Out for the Big Grrrls fokussiert Rosenberg auf affektive Medientechnologien zwischen Reality TV und Plattformökonomie und ihre Sichtbarkeitsregime mit Blick auf dicke, Schwarze, queere Körper. Dabei arbeitet Rosenberg ein ‘post-body-positive regime’ heraus und beschreibt die Verzahnung von Empowerment, Diversität und Authentizität mit Kontrolle und neoliberalem Affektmanagement, die uns aufruft, die multiplen Bedingungen der Hierarchisierung von Körpern neu zu befragen.

In der aktuellen kritischen Debatte um die gesellschaftlichen Auswirkungen von sogenannter generativer KI widmet sich Sedat Taşatans Beitrag KI-generierte Kultur? Über die Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz in der Kulturindustrie dem Junior Eurovision Song Contest als Fallbeispiel, das zeigt, in welcher Weise sich Arbeits- und Produktionsverhältnisse in der Kulturindustrie durch den Einsatz von KI verändern: Diese Veränderungen gehen mit einer Intensivierung struktureller gesellschaftlicher Ungleichheitsverhältnisse einher. Mit Bezug auf Yarden Katz’ Konzept der Whiteness von KI kritisiert Taşatan die digitalmedial proliferierenden, rassialisierenden und normalisierenden Körperpolitiken, die sich beispielhaft im JESC materialisieren.

Florian Trompke analysiert in seinem Aufsatz Fledermäuse ‚im Orbit‘ und im Abbaugebiet. Sensing und Intra-Agieren zwischen extraktiver Zone, Chiroptera und TerraSAR-X das Verhältnis zwischen der Bechsteinfledermaus und Radarsatelliten im Hambacher Tagebau als Teil eines komplexen extraktiven Gefüges. Körperpolitisch wird aufgezeigt, inwiefern sich der Bergbau in mannigfaltiger Weise, wie etwa durch Schadstoffe oder durch die geologische sowie ökologische Zerstörung des Hambacher Forsts, in die Körper der Fledermäuse einschreibt. Die Arbeit stellt den entkörperlichten, technisch-universellen ‚God Trick‘ der Satelliten dem lokal situierten, materiell-diskursiven In-Beziehung-Setzen zur extraktiven Zone der Fledermaus gegenüber. Abschließend lässt der Beitrag mit dem Begriff des Kritter-Sensing neue Formen der Sorge um prekäre Lebensräume, wie extraktive Zonen, denkbar und somit auch politisierbar werden.

Jasmin Degeling, Jennifer Eickelmann & Isabelle Sarther

Krise behaupten, Coaching verkaufen: Männlichkeitscoaches und die ‚Krise der Männlichkeit‘

Sophia Boldt

Der Beitrag untersucht, wie die vielfach zitierte ‚Krise der Männlichkeit‘ im Diskurs eines prominenten deutschsprachigen Männlichkeitscoaches konstruiert und gedeutet wird. Auf Grundlage einer qualitativen Inhaltsanalyse öffentlich zugänglicher Medienbeiträge von Sven Philipp wird rekonstruiert, welche Problemlagen als Ausdruck dieser Krise gelten, auf welche Ursachen sie zurückgeführt werden und welche Lösungsangebote daraus abgeleitet sind. Darüber hinaus macht der Beitrag einen paradoxen Mechanismus diskursiver Selbstverwirklichung sichtbar: Obwohl empirisch-soziologisch umstritten ist, ob von einer kollektiven Krise der Männlichkeit gesprochen werden kann, entfaltet die Krisendiagnose erhebliche diskursive Wirkmacht. Auf diese Weise entsteht ein diskursiver Resonanzraum, der zugleich die ökonomische Verwertung des Krisennarrativs ermöglicht.

Phänomene (nicht-)behinderter Körper. Eine agentiell-realistische Perspektive auf dis/ability

Jenson Göb

Referiert die Differenzkategorie Behinderung auf eine primär körperliche – also materielle – Beeinträchtigung oder wird die Kategorisierung eines Körpers als (nicht-)behindert vielmehr diskursiv hervorgebracht? Der Artikel greift diese zentrale Fragestellung der Disability Studies auf und versucht dabei, mithilfe des Agentiellen Realismus nach Karen Barad eine Perspektive auf dis/ability jenseits etablierter Dichotomien zu entwickeln. Durch eine neomaterialistisch geleitete und diffraktive Analyse wird dis/ability so als ein dynamisches und relationales Phänomen konzeptualisiert, das durch die Konfiguration spezifischer, grenzziehender und materiell-diskursiver Praktiken Bedeutung erlangt.

Feminist and Submissive? Über weibliche Submissivität, Macht und patriarchale Klischees im feministischen Porno von Erika Lust

Maria Pracht

Der Beitrag untersucht die Darstellung weiblicher Submissivität in Erika Lusts feministischem Pornofilm Feminist and Submissive. Mittels einer diskurs- und filmtheoretischen Analyse wird unter Rekurs auf Foucaults Konzept des Sexualitätsdispositiv und Bersanis Ausführungen zur Passivität deutlich, wie Lust versucht, weibliche Begehren ästhetisch zu legitimieren und Submissivität als Form feministischer Selbstermächtigung zu rahmen. Gleichzeitig offenbart die Analyse, dass der Film in seiner idealisierenden Inszenierung bestehende Geschlechternormen und patriarchale Machtverhältnisse stabilisiert und damit sein eigenes subversives Potenzial unterläuft.

From Shame to Celebration? Tracing Fat Body Politics in Lizzo’s Watch Out for the Big Grrrls

Mona Rosenberg

This article analyzes Lizzo’s Watch Out for the Big Grrrls (2022) through fat studies, affect theory, and neoliberal critique. It explores how the show celebrates fat, Black, and queer bodies, staging joy, confidence, and fat-flaunting as modes of visibility, while simultaneously reinscribing participants within commodified, body-positive frameworks of empowerment. The article interrogates the tension between radical fat embodiment and marketable affect, arguing that fat liberation must move beyond representational visibility toward structural and collective resistance.

KI-generierte Kultur? Über die Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz in der Kulturindustrie

Sedat Taşatan

Der Beitrag untersucht die Auswirkungen des Einsatzes von KI auf die Arbeitsbedingungen und Kulturgüter der Kulturindustrie. Am Beispiel des Junior Eurovision Song Contests wird illustriert, dass KI-generierte Kulturgüter eine normierende und rassifizierende Perspektive widerspiegeln, die auf weißen, cis männlichen, heterosexuellen und able-bodied Idealvorstellungen beruht. Mit Bezug auf Yarden Katz wird deutlich, dass KI als eine Technologie verstanden werden muss, die auf neoliberale Wertevorstellungen und die Ideologie von White Supremacy einzahlt. Dadurch legitimieren und verstärken KI-generierte Kulturgüter die bestehenden hegemonialen Machtstrukturen und ergänzen die Mechanismen der Kulturindustrie.

Fledermäuse ‚im Orbit‘ und im Abbaugebiet. Sensing und Intra-Agieren zwischen extraktiver Zone, Chiroptera und TerraSAR-X

Florian Trompke

Ausgehend von der Kohleextraktion im Tagebau Hambach untersucht dieser Text das Verhältnis zwischen der Bechsteinfledermaus, die durch den Abbau gefährdet wird und dem Radarsatelliten TerraSAR-X, welcher für die Überwachung von Bergbauschäden genutzt wird. Praktiken der Echoortung werden nachvollzogen, um ihre Einbindung in ein intra-aktives Gefüge aufzuzeigen und sie kritisch nach ihrer epistemologischen Situierung zu befragen. Darauf aufbauend wird das Konzept des Kritter-Sensing entwickelt als ein spekulativer Zugang zur extraktiven Zone.

Rezension | Sophie Lewis: Enemy Feminisms: TERFs, Policewomen, and Girlbosses Against Liberation

Melek Meltem Yalçın