{"id":718,"date":"2021-10-01T11:55:48","date_gmt":"2021-10-01T09:55:48","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/?p=718"},"modified":"2021-11-21T10:29:26","modified_gmt":"2021-11-21T09:29:26","slug":"buesra-und-ihre-heimat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/2021\/10\/01\/buesra-und-ihre-heimat\/","title":{"rendered":"B\u00fcsra und ihre Heimat"},"content":{"rendered":"<div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_718 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_718')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_718').socialSharePrivacy({\"txt_help\":\"Wenn Sie diese Felder durch einen Klick aktivieren, werden Informationen an Facebook, Twitter, Flattr, Xing, t3n, LinkedIn, Pinterest oder Google eventuell ins Ausland \\u00fcbertragen und unter Umst\\u00e4nden auch dort gespeichert. 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Sie wurde auf dem Friedhof in Dortmund beerdigt, einem Ort, \u00fcber den sie selbst gesagt hat, dass sie sich hier besonders wohl f\u00fchle. Ein Ort, den sie oft mit ihrer Familie, aber auch alleine aufgesucht hat. Regelm\u00e4\u00dfig kam sie her, um die Gr\u00e4ber auf dem muslimischem Grabfeld zu pflegen, um die sich niemand k\u00fcmmert.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ihr Grab ist mit bunten Blumen bedeckt, rechts und links wurden viele Veilchen gepflanzt. \u201eMenek\u015fe (\u00fcbersetzt Veilchen) war auch ihr Kosename\u201c, sagt ihre Tante. B\u00fc\u015fra hat nur 22 Jahre auf der Erde verweilen d\u00fcrfen und ist wieder zu ihrem Herrn, zu ihrem Ursprung, zur\u00fcckgekehrt. Sie ist in meinem Umfeld das j\u00fcngste Corona-Opfer. Ende Juli war sie mit ihrer Familie in den langersehnten Urlaub in die T\u00fcrkei geflogen. Dort angekommen, begann sie kurz darauf zu husten und bekam bereits nach 3 Tagen hohes Fieber. Das Testergebnis war Corona positiv, worauf hin sie sich in Quarant\u00e4ne begab. Ihr gesundheitlicher Zustand verschlechterte sich schlie\u00dflich so sehr, dass sie ins Krankenhaus eingeliefert werden musste. \u201eMeine liebe Familie, mein K\u00f6rper ist sehr schwach. Ich werde gleich ins k\u00fcnstliche Koma versetzt. Wenn ich Corona \u00fcberstehe, werden wir wieder zusammen sein. Eure Menek\u015fe\u201c, hatte sie auf eine Serviette geschrieben, die die Krankenschwester ihren Eltern sp\u00e4ter \u00fcbergab. Sie war eine junge, gesunde Frau, hatte keine Vorerkrankungen und umso gr\u00f6\u00dfer war die Hoffnung, dass ihr K\u00f6rper \u00fcber das Virus siegt. Einige Tage sp\u00e4ter jedoch verstarb sie unerwartet auf der Intensivstation. \u201eGanz alleine ist sie von dieser Welt gegangen. Obwohl sie so viele Menschen lieben, konnte niemand ihre Hand halten\u201c, hat ihre Cousine in den sozialen Medien geschrieben. In ihrer Familie ist sie das dritte Corona-Opfer. Nachdem die Familie im Winter den Gro\u00dfvater, im Fr\u00fchjahr die Tante verloren hat und noch nicht einmal die Trauer \u00fcber ihre Angeh\u00f6rigen verarbeitet war, wurde nun auch diese junge Frau aus dem Leben gerissen. Eine junge Frau, die dem Leben zugewandt war. Lehrerin wollte sie werden, demn\u00e4chst ein halbes Jahr in Frankreich studieren.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Als ihre Familie \u00fcberlegte, auf welchem Friedhof sie sie in der T\u00fcrkei beilegen sollen, erinnerte ihre j\u00fcngere Schwester ihre Eltern an B\u00fc\u015fras Wunsch: \u201eErinnert ihr euch nicht daran, was sie gesagt hat?\u201c, sagte sie. Als sie im Winter nach dem Tod des Gro\u00dfvaters dar\u00fcber diskutierten, ob sie seinen Leichnam in die T\u00fcrkei \u00fcberf\u00fchren sollen, hatte B\u00fc\u015fra gesagt, dass sie im Alter gerne in Dortmund beerdigt werden wollen w\u00fcrde. Ihr Gro\u00dfvater hingegen, der mindestens \u00fcber 50 Jahre hier gelebt hatte, wollte in seinem Heimatort in der T\u00fcrkei die letzte Ruhe finden. B\u00fc\u015fra jedoch f\u00fchlte sich vor allem mit Dortmund verbunden, dem Ort ihrer Herkunft, an dem sie aufgewachsen und der f\u00fcr sie zur Heimat geworden war. Ein Ort, der ihrem Gro\u00dfvater sowie vielen Gastarbeitern der ersten Generation fremd geblieben ist.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ihr Leichnam wurde schlie\u00dflich nach Deutschland \u00fcberf\u00fchrt und auf dem muslimischem Grabfeld in Dortmund beigesetzt, wo Familie und Freunde Abschied nahmen. Ein entgegengesetzter Weg vor dem Hintergrund, dass nur sehr wenige Musliminnen und Muslime in Deutschland beigesetzt werden und zum anderen auch, dass sie aus der T\u00fcrkei hierhin \u00fcberf\u00fchrt wurde.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Koran macht keine Aussagen zum Begr\u00e4bnisort und weist nur darauf hin, dass die \u201ewahre Heimat\u201c nicht irgendwo auf der Erde ist: \u201eVon ihm kommen wir und zu ihm kehren wir zur\u00fcck.\u201c Ein Freund hatte ihrer Tante bei der Beisetzung gesagt, dass B\u00fc\u015fras letzter Wille uns nachdenklich stimmen sollte \u00fcber den (Un-) Sinn von \u00dcberf\u00fchrungen in die Herkunftsl\u00e4nder.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Trauer und das Mitgef\u00fchl \u00fcber B\u00fc\u015fras unerwarteten und tragischen Tod sind gro\u00df. Neben der tiefen Best\u00fcrzung erm\u00f6glicht er in meinen Augen dennoch einen Lichtblick. Er erm\u00f6glicht ihrer Familie einen anderen Umgang mit der Trauer, den sie durch die regelm\u00e4\u00dfigen Besuche ihres Grabes haben. Dieser ist ihrer Familie nach der Beisetzung des Gro\u00dfvaters in der T\u00fcrkei nicht m\u00f6glich gewesen. Zum anderen macht B\u00fc\u015fras Tod uns aber auch darauf aufmerksam, dass f\u00fcr viele junge Musliminnen und Muslime Deutschland mehr und mehr zur Heimat geworden ist. Aus dieser Perspektive betrachtet h\u00e4lt der viel zu fr\u00fch erf\u00fcllte Beisetzungswunsch der jungen Muslima den Spiegel auf Identit\u00e4t und Zugeh\u00f6rigkeit.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>B\u00fc\u015fra und ihr Wunsch stehen somit als Beispiel f\u00fcr all jene, die sich danach sehnen, unsere multikulturelle und multireligi\u00f6se Gesellschaft mehr und mehr mitzugestalten und zusammenwachsen zu sehen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2021\/09\/20210915_093018-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-720\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2021\/09\/20210915_093018-768x1024.jpg 768w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2021\/09\/20210915_093018-225x300.jpg 225w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2021\/09\/20210915_093018-1152x1536.jpg 1152w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2021\/09\/20210915_093018-1536x2048.jpg 1536w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2021\/09\/20210915_093018-scaled.jpg 1920w\" sizes=\"auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-blue-color has-text-color\">Dr. Naciye Kamcili-Yildiz ist Mitarbeiterin am Seminar f\u00fcr Islamische Theologie der Universtit\u00e4t Paderborn.<\/p>\n\n\n\n<p>#Tod&nbsp;#Beerdigung&nbsp;#Islamisches Grabfeld #Heimat #Identit\u00e4t #Corona<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute besuchen wir B\u00fc\u015fra. \u201eWir gehen gleich rechts und dann sind wir da\u201c, sagt ihre Tante. 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