{"id":481,"date":"2020-11-06T09:05:29","date_gmt":"2020-11-06T08:05:29","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/?p=481"},"modified":"2021-11-26T08:44:04","modified_gmt":"2021-11-26T07:44:04","slug":"gedanken-ueber-kamele-und-die-illusion-monetaerer-reichweitenvergroesserung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/2020\/11\/06\/gedanken-ueber-kamele-und-die-illusion-monetaerer-reichweitenvergroesserung\/","title":{"rendered":"Gedanken \u00fcber Kamele und die Illusion monet\u00e4rer Reichweitenvergr\u00f6\u00dferung"},"content":{"rendered":"<div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_481 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_481')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_481').socialSharePrivacy({\"txt_help\":\"Wenn Sie diese Felder durch einen Klick aktivieren, werden Informationen an Facebook, Twitter, Flattr, Xing, t3n, LinkedIn, Pinterest oder Google eventuell ins Ausland \\u00fcbertragen und unter Umst\\u00e4nden auch dort gespeichert. 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Unabh\u00e4ngig vom Fehlen meiner pers\u00f6nlichen Leidenschaft f\u00fcr monet\u00e4re\nBereicherung und einer Grundskepsis gegen\u00fcber kapitalistischen\nWirtschaftssystemen, die mich als Erbin der Kritischen Theorie ausweist, hat\nauch Jesus Christus mich gemahnt, dass eher ein Kamel durch ein Nadel\u00f6hr gehen\nw\u00fcrde, denn ein Reicher ins Himmelreich kommt. Und auch Buddha lacht \u00fcber\njeden, der an irdischen G\u00fctern festh\u00e4lt und so sein Gl\u00fcck oder die Freiheit zu\nfinden sucht. Ob Aristoteles oder Al Ghazali \u2013 alle haben erkannt, dass Geld\nund Besitzt\u00fcmer eben nicht gl\u00fccklich machen. Nicht zuletzt erinnert mich auch\nPapst Franziskus immer wieder an den Paarhufer mit den langen Wimpern und\nkritisiert die strukturellen und sozialethische Dimensionen dieses Gierens nach\nGeld, seine katastrophalen Konsequenzen f\u00fcr uns Menschen, unsere Solidarit\u00e4t\nuntereinander und unsere Beziehung zur Sch\u00f6pfung. Ja, Geld stinkt, verdirbt den\nCharakter und es hei\u00dft, was Du besitzt, wird dich besitzen. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber: Ist das wirklich der Fall? Ist Onkel Dagobert\nwirklich eine so moralisch verderbte Ente? Warum wollen wir f\u00fcr uns selbst\n(oder wahlweise unsere sogenannten \u201eLieben\u201c) dennoch immer mehr von dem bunt\nbedruckten Papier? Ist es alleine der weltweite Systemdruck der uns dazu\nveranlasst, oder gibt es doch m\u00f6glicherweise <em>positive Effekte des Geldes<\/em>? Ist Geld also ein <em>intrinsece malum<\/em> oder kann es doch auch gut sein?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was motiviert mich zu diesen Fragen? J\u00fcrgen Habermas,\nder sich in seinen kritischen Gesellschaftsanalysen immer wieder mit den\nGrundbedingungen f\u00fcr Befreiung und Gerechtigkeit auseinandersetzt, hat einmal\nerw\u00e4hnt, dass die hochkomplexen Gesellschaften der Sp\u00e4tmoderne, ihre\nDifferenzierung, ihre Reproduktion und auch ihre Evolution (so sehr man diese\nangesichts gegenw\u00e4rtiger politischer Entwicklungen anzweifeln mag), auf einer\nfunktionierenden, stabilen Wirtschaft basieren. Nicht wenige Psycholog*innen,\nargumentieren zudem daf\u00fcr, dass (moderater) Wettbewerb ein Motor f\u00fcr Innovation\nund Kreativit\u00e4t ist. Komplement\u00e4r dazu zeigt sich im Blick der Armutsforschung\nau\u00dferdem, dass es Menschen ohne Geld und stabiles Einkommen kaum m\u00f6glich ist,\nan Gesellschaft und \u00f6ffentlichem Leben teilzunehmen, dass ihre Welt klein wird\nund sie \u2013 durch die t\u00e4gliche Notwendigkeit sich mit Geldbeschaffung und\n-Verwaltung besch\u00e4ftigen zu m\u00fcssen \u2013 ihre kognitiven Ressourcen binden. Kein\noder kaum Geld zu haben f\u00fchrt also ebenso in die Enge und blockiert. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Gedanken und Hinweise fokussieren jedoch prim\u00e4r <em>wirtschaftliche Systeme<\/em> bzw. deren\nproblematische Pervertierung unter neoliberalen Vorzeichen und die globalen Wechselwirkungen\nund Systemzw\u00e4nge, die sie hervorrufen. Die Frage, warum und was uns \u2013 jenseits\nder Tatsache, dass wir offenbar in <em>Strukturen<\/em>\nleben, die Geld erforderlich machen, um in ihnen bestehen zu k\u00f6nnen \u2013 auf der <em>pers\u00f6nlichen<\/em> Ebene dazu motiviert Geld\nanh\u00e4ufen und vermehren zu wollen trotz seines negativen Rufes, wird damit nicht\nbeantwortet. Mir scheint aber, dass nur wenn man auf dieser pers\u00f6nlichen Ebene\ndie mit Geld verbundenen Dynamiken, die mit ihm adressierten Bed\u00fcrfnisse und\ndie mit ihm entstehenden Abh\u00e4ngigkeiten versteht, sich auch auf der\nstrukturellen Ebene Ver\u00e4nderungen vornehmen, sinnvolle Alternativen entwickeln\nund so auch die religi\u00f6sen Hinweise und Pr\u00e4skriptionen mit den Bedingungen\ngegenw\u00e4rtiger Lebenswelt neu ins Gespr\u00e4ch bringen lassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In den letzten Jahren hat der Soziologe Hartmut Rosa\nmit seiner Gesellschaftsanalyse entlang der Kategorien von Resonanz und\nEntfremdung m.E. f\u00fcr diese Fragen eine hilfreiche kriteriologische Spur gelegt.\nEr argumentiert, dass Individuen f\u00fcr ihre Pers\u00f6nlichkeitsentwicklung und ein gelingendes\nLeben auf <em>resonante<\/em> Weltbeziehungen\nangewiesen sind, d.h. solche Erfahrung mit der Welt (mit Dingen, den Anderen\nund sich Selbst) machen m\u00fcssen, in denen sie sich einerseits als unvertretbare,\nmit eigener Stimme sprechende Einzelsubjekte wahrnehmen und andererseits das\nGegen\u00fcber in umgekehrtem Bezogensein <em>zum\nSchwingen<\/em> bringen, d.h. als ein Antwortendes gewahr werden k\u00f6nnen. Ein\nsolches <em>dynamisch-responsives\nInteraktionsgeschehen<\/em> wird (auch) deshalb als positiv, ber\u00fchrend, bedeutsam\noder sinnstiftend erlebt, weil das Universum langl\u00e4ufig zum Geschick des\nEinzelnen schweigt, die Welt stumm ist. Auch wenn die Erfahrung der Resonanz\ngrunds\u00e4tzlich nicht hergestellt werden kann, d.h. gerade in der <em>Unverf\u00fcgbarkeit<\/em> des Moments der\nVerfl\u00fcssigung von Weltdeutungen, des Verstehens, der Selbstwirksamkeit, <em>besonders<\/em> \u2013 oder um eine religi\u00f6se\nKategorie zu w\u00e4hlen \u201egeschenkt\u201c \u2013 ist, erschweren bestimmte Haltungen es,\nsolche Resonanzerfahrungen machen zu k\u00f6nnen. Dazu geh\u00f6rt die Haltung des\nKonsums, der Verzwecklichung und der Verobjektivierung. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit Geld \u2013 so Rosas Gedanke \u2013 verfolgen wir auf der\nkulturellen bzw. pers\u00f6nlichen Ebene nun ein Programm der\nReichweitenvergr\u00f6\u00dferung: Wir kaufen, wir investieren, wir vereinnahmen Dinge,\nAndere, uns selbst in der Hoffnung Resonanz und Beheimatung zu finden, die\nStummheit der Welt durchbrechen zu k\u00f6nnen. Darin liegt jedoch das Problem: Der\noberfl\u00e4chliche Genuss einer Wellness-Behandlung, die kurzweilige Faszination\nf\u00fcr neuste Technik oder Mode, der fl\u00fcchtige Rausch den Geld erkaufen kann, ist <em>performativ<\/em> zum Scheitern verurteilt. Weltverh\u00e4ltnisse\nn\u00e4mlich, deren Beziehungsmodus ein vornehmlich <em>aneignender<\/em> ist, d.h. die durch einen Weltbezug gekennzeichnet\nsind, in dem das Individuum sich die Welt unter dem Aspekt der Verzweckbarkeit,\nBeherrschbarkeit, oder N\u00fctzlichkeit aneignet, k\u00f6nnen keine Resonanz erzeugen,\nweil das Gegen\u00fcber konsumiert wird, nicht mit eigener Stimme antworten kann\noder darf \u2013 und so maximal das <em>Echo<\/em>\nder eigenen Bed\u00fcrfnisse ist. Geld vergr\u00f6\u00dfert also vielleicht die Reichweite,\nder mit der <em>Logik von Geld<\/em> als\nstummen Tauschmittel performativ verbundene Beziehungsmodus zur Welt ist jedoch\nf\u00fcr Resonanz undurchl\u00e4ssig. Sich also dem Glauben hinzugeben, Geld k\u00f6nne in der\nReichweitenvergr\u00f6\u00dferung alleine Resonanz bef\u00f6rdern, ist nicht nur der <em>Logik von Resonanzbedingungen<\/em> nach\nunm\u00f6glich, sondern f\u00fchrt in die <em>Illusion<\/em>\nGeld k\u00f6nne Sinn und Beheimatung kaufen, verl\u00e4ngert so blo\u00df die Stummheit der\nWelt und gef\u00e4hrdet den Menschen in seinem Bed\u00fcrfnis nach resonanten Beziehungen\nbis hin zur Depression. Umgekehrt kann Geld dann und dort die Resonanzachsen\nvon Blockaden zu befreien helfen, wo es eingesetzt wird, um bei der\nAnverwandlung der Welt \u2013 nicht ihrer Aneignung! \u2013 zu helfen. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In diesem Sinne kann Rosas Theorie klarer machen, welche Hoffnungen wir mit Geld auf pers\u00f6nlicher, psychologischer Ebene zu verbinden scheinen und warum diese Hoffnungen nicht nur entt\u00e4uscht werden m\u00fcssen, sondern auch welche Gefahren sich damit verbinden auf Geld als Therapiemittel zu setzen. Nur wenn wir es schaffen das Nadel\u00f6hr f\u00fcr <em>alle<\/em> zu weiten, kann man das Kamel verantwortet zur Oase traben lassen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1920\" height=\"1280\" src=\"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2020\/11\/poverty-4561704_1920.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-483\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wen diese skizzenhaften Ausz\u00fcge aus Hartmut Rosas Werk neugierig gemacht haben, kann ihn zur Frage nach den <em>Weltverh\u00e4ltnissen und der Digitalisierung<\/em> am heutigen Freitag 06.11.2020 im Rahmen der Tagung des Graduiertenkollegs \u201eKirche in Zeiten der Ver\u00e4nderung\u201c h\u00f6ren. Das Kolleg hat die die Ehre ihn dort zu einem online-Vortrag begr\u00fc\u00dfen zu d\u00fcrfen. Zur Anmeldung, die auch kurzfristig noch m\u00f6glich ist, und zu weiteren Informationen geht es hier: <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed-wordpress wp-block-embed is-type-wp-embed is-provider-theologische-fakultat-paderborn\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\nhttps:\/\/www.thf-paderborn.de\/veranstaltungen\/oeffentlicher-abendvortrag-kritik-der-resonanzverhaeltnisse-weltverhaeltnisse-im-zeitalter-der-digitalisierung\/\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed-wordpress wp-block-embed is-type-wp-embed is-provider-theologische-fakultat-paderborn\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\nhttps:\/\/www.thf-paderborn.de\/veranstaltungen\/graduiertenkolleg-systematisch-theologische-online-tagung\/\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-blue-color has-text-color wp-block-paragraph\">Dr. Anne Weber ist Kollegiatin im Graduiertenkolleg \u201eKirche-Sein in Zeiten der Ver\u00e4nderung\u201c an der Theologischen Fakult\u00e4t Paderborn. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gerne behaupte ich kein Geld zu brauchen, denn was sollte ich mir kaufen wollen, wozu w\u00fcrde es mir oder einem gl\u00fccklichen Leben dienen? 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