{"id":2104,"date":"2026-08-28T15:37:02","date_gmt":"2026-08-28T13:37:02","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/?p=2104"},"modified":"2026-08-28T16:35:25","modified_gmt":"2026-08-28T14:35:25","slug":"wir-leben-in-bildern1-warum-die-bibel-anders-spricht-als-wir-denken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/2026\/08\/28\/wir-leben-in-bildern1-warum-die-bibel-anders-spricht-als-wir-denken\/","title":{"rendered":"Wir leben in Bildern \u2013 Warum die Bibel anders spricht, als wir denken"},"content":{"rendered":"<div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_2104 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_2104')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_2104').socialSharePrivacy({\"txt_help\":\"Wenn Sie diese Felder durch einen Klick aktivieren, werden Informationen an Facebook, Twitter, Flattr, Xing, t3n, LinkedIn, Pinterest oder Google eventuell ins Ausland \\u00fcbertragen und unter Umst\\u00e4nden auch dort gespeichert. 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Im Alltag, so k\u00f6nnte man meinen, reden wir dagegen normalerweise ganz direkt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber stimmt das \u00fcberhaupt?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir sprechen ganz selbstverst\u00e4ndlich in Bildern. Besonders deutlich zeigt sich das beim Argumentieren. Wir \u201egreifen\u201c ein Argument an, \u201everteidigen\u201c unsere Position, suchen nach den \u201eSchwachstellen\u201c der Gegenseite oder versuchen, einen Einwand zu \u201eentkr\u00e4ften\u201c. Eine Diskussion kann man \u201egewinnen\u201c oder \u201everlieren\u201c, man kann sich \u201egeschlagen geben\u201c oder mit einer bestimmten \u201eStrategie\u201c vorgehen. Das sprachliche Bildfeld ist also das des Krieges.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00c4hnlich verh\u00e4lt es sich in anderen Bereichen. Zeit erscheint wie ein kostbarer Besitz, den wir \u201esparen\u201c, \u201everschwenden\u201c oder \u201einvestieren\u201c k\u00f6nnen. Probleme werden zu Lasten, die wir \u201etragen\u201c oder die uns \u201ebedr\u00fccken\u201c. Verstehen wird als Sehen beschrieben, wenn uns etwas \u201eeinleuchtet\u201c, wir einen Zusammenhang \u201eerkennen\u201c oder pl\u00f6tzlich \u201eklarer sehen\u201c. Solche Wendungen fallen im Alltag kaum auf. Gerade darin zeigt sich, wie tief Bildsprache unser Denken und Sprechen pr\u00e4gt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nat\u00fcrlich denken wir dabei meist weder an einen tats\u00e4chlichen Krieg noch an wirklichen Besitz, k\u00f6rperliche Lasten oder optisches Sehen. Trotzdem verstehen wir unmittelbar, was gemeint ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bilder sind deshalb mehr als sprachlicher Schmuck. Sie helfen uns zu denken.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading has-black-color has-text-color has-link-color wp-elements-7e1867707a773ae812f423ee6d509c12\">Wenn abstrakte Dinge pl\u00f6tzlich sichtbar werden<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Besonders deutlich wird das dort, wo wir \u00fcber Dinge sprechen, die sich einer einfachen Beschreibung entziehen. Was ist Hoffnung? Was ist Liebe? Was ist Schuld? Was bedeutet Vertrauen? Und wie soll man eigentlich von Gott sprechen?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Man k\u00f6nnte versuchen, m\u00f6glichst abstrakte Definitionen zu bilden. Doch selbst dann geraten wir erstaunlich schnell wieder in Bilder.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Bibel macht daraus kein Geheimnis. Im Gegenteil: Sie spricht geradezu im \u00dcberfluss in Bildern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gott ist ein Hirte (Ps 23,1; Joh 10,11).<br>Gott ist ein Fels (Dtn 32,4; Ps 18,3).<br>Gott ist Licht (Ps 27,1; 1 Joh 1,5).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>Menschen k\u00f6nnen auf einem Weg gehen oder vom Weg abkommen (Ps 1,1\u20136; Spr 4,11\u201319; Mt 7,13\u201314). Das Reich Gottes gleicht einem Senfkorn (Mt 13,31\u201332), einem Schatz (Mt 13,44) und einem Festmahl (Mt 22,1\u201314; Lk 14,15\u201324). Jesus spricht vom Brot des Lebens (Joh 6,35), vom Weinstock (Joh 15,1\u20135), von Schafen (Joh 10,1\u201316) und von der T\u00fcr (Joh 10,7.9).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Solche Aussagen funktionieren gerade deshalb, weil wir aus unserer Lebenswelt bereits etwas mitbringen. Wer h\u00f6rt: \u201eDer Herr ist mein Hirte\u201c, erh\u00e4lt keine Definition Gottes. Stattdessen \u00f6ffnet sich eine ganze kleine Welt: Ein Hirte f\u00fchrt, sch\u00fctzt, sucht Verlorenes, kennt seine Tiere und sorgt f\u00fcr sie. Das Bild sagt damit zugleich weniger und mehr als eine Definition. Weniger, weil Gott selbstverst\u00e4ndlich kein Hirte im w\u00f6rtlichen Sinn ist. Mehr, weil das Bild zahlreiche Beziehungen gleichzeitig sichtbar machen kann.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Auch unangenehme Bilder geh\u00f6ren dazu<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Denn biblische Bildsprache ist keineswegs immer idyllisch.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Neben Hirten, Licht und Festm\u00e4hlern stehen Feuer (Jes 30,27\u201330; Jer 21,12; Offb 14,10; 20,9), Schwerter (Jes 34,5\u20136; Jer 25,31; Offb 1,16; 19,15), Blut (Jes 63,3; Ez 35,6; Offb 14,20; 16,6), Keltern (Jes 63,2\u20133; Joel 4,13; Offb 14,19\u201320; 19,15) und Becher (Ps 75,9; Jes 51,17.22; Jer 25,15\u201317; Offb 14,10; 16,19; 17,4; 18,6). Besonders die prophetischen Texte des Alten Testaments und die Johannesapokalypse entfalten eine dichte, h\u00e4ufig miteinander verbundene Bildwelt, in der Gericht, Zorn und Gewalterfahrung durch sinnlich-konkrete Bilder dargestellt werden. Gerade die Johannesapokalypse greift dabei vielfach prophetische Bildtraditionen auf, verbindet und steigert sie, sodass ihre Sprache heutigen Rezipierenden fremd oder sogar verst\u00f6rend erscheinen kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch hier lohnt es sich, zun\u00e4chst beim Bild selbst zu bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Becher etwa ist zun\u00e4chst etwas Allt\u00e4gliches. Jemand f\u00fcllt ihn. Jemand reicht ihn weiter. Jemand trinkt daraus. Was im Becher ist, gelangt in den K\u00f6rper und entfaltet dort seine Wirkung. Wein kann Freude bedeuten, aber auch Rausch und Kontrollverlust.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Biblische Texte k\u00f6nnen aus genau solchen Alltagserfahrungen theologische Bilder formen. Dann wird etwa Gottes Gericht als ein Becher beschrieben, den Menschen trinken m\u00fcssen. Die abstrakte Aussage \u201eGott richtet\u201c wird dadurch geradezu k\u00f6rperlich vorstellbar: Das Gericht wird gereicht, aufgenommen und erlitten. Es bleibt nicht irgendwo au\u00dferhalb des Menschen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ob wir dieses Bild angenehm finden, ist dabei zun\u00e4chst zweitrangig. Seine Aufgabe besteht gerade darin, etwas sichtbar und sp\u00fcrbar zu machen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Bilder ver\u00e4ndern unseren Blick<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vielleicht ist das \u00fcberhaupt der entscheidende Punkt: Metaphern beschreiben die Wirklichkeit nicht nur. Sie lassen uns Wirklichkeit auf eine bestimmte Weise sehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer sein Leben als \u201eWeg\u201c versteht, fragt nach Richtung, Abzweigungen und Ziel.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer eine Krise als \u201eSturm\u201c bezeichnet, denkt vielleicht an Durchhalten, Schutz und die Hoffnung darauf, dass der Sturm vor\u00fcberzieht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer Gott als \u201eVater\u201c anspricht, aktiviert andere Vorstellungen als jemand, der von Gott als \u201eFels\u201c oder \u201eRichter\u201c spricht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Keine dieser Metaphern sagt alles. Jede hebt etwas hervor und l\u00e4sst anderes in den Hintergrund treten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Deshalb verwenden die Verfasser der biblischen Texte auch nicht nur ein einziges Bild f\u00fcr Gott, den Menschen oder die Welt. Die Vielzahl von Bildern sch\u00fctzt gerade davor, Gott auf eine einzige Vorstellung festzulegen. Gott ist Hirte \u2013 aber Gott ist nicht nur Hirte. Gott ist K\u00f6nig \u2013 aber Gott ist nicht nur K\u00f6nig. Gott wird als Fels bezeichnet, als Licht, als Vater, als Feuer.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vielleicht braucht eine Wirklichkeit, die gr\u00f6\u00dfer ist als unsere Begriffe, auch mehr als ein Bild.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Vielleicht lesen wir die Bibel ohnehin bildlicher als wir denken<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn wir biblische Texte lesen, begegnen sich zwei Bildwelten. Da ist die Bildwelt des Textes \u2013 gepr\u00e4gt von Herden, Weinbergen, K\u00f6nigen, St\u00e4dten, Hochzeiten, Festen, Saat und Ernte. Und da ist unsere eigene Erfahrungswelt, aus der wir solche Bilder zun\u00e4chst verstehen. Manche davon sind uns bis heute unmittelbar zug\u00e4nglich, andere haben ihren selbstverst\u00e4ndlichen Platz im Alltag verloren. Gerade deshalb lohnt es sich, genauer hinzusehen: Was bedeutete ein Hirte, ein Weinberg, ein K\u00f6nig oder ein Festmahl innerhalb der Welt des Textes \u2013 und welche Vorstellungen verbinden wir heute damit?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Manches biblische Bild verstehen wir deshalb unmittelbar. Anderes m\u00fcssen wir erst wieder kennenlernen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gerade das kann spannend sein. Denn die Frage lautet dann nicht nur: \u201eWas bedeutet dieses Bild?\u201c, sondern zun\u00e4chst viel einfacher:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Was l\u00e4sst mich dieser Text sehen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer handelt?<br>Was geschieht?<br>Welche Erfahrungen aus dem Alltag werden aufgerufen?<br>Was ver\u00e4ndert sich, wenn ich Gott, einen Menschen oder die Welt durch dieses Bild betrachte?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vielleicht ist das eine gute Weise, biblische Texte zu lesen: nicht jedes Bild sofort in eine Lehrformel zu \u00fcbersetzen, sondern ihm f\u00fcr einen Moment zu erlauben, ein Bild zu bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Denn manchmal verstehen wir etwas gerade dann besser, wenn es uns nicht erkl\u00e4rt, sondern vor Augen gestellt wird.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"782\" height=\"523\" src=\"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2026\/08\/image.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2105\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2026\/08\/image.jpeg 782w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2026\/08\/image-300x201.jpeg 300w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2026\/08\/image-768x514.jpeg 768w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2026\/08\/image-449x300.jpeg 449w\" sizes=\"auto, (max-width: 782px) 100vw, 782px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size wp-block-paragraph\"><em>Abbildung 1 Dieses Bild wurde am 20.08.2025 mit ChatGPT generiert.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-blue-color has-text-color has-link-color wp-elements-345ff8eac1bd53f74483b9c7b5c8f04c wp-block-paragraph\">Daniel Wiebe ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut f\u00fcr Katholische Theologie im Fachbereich Biblische Theologie (Neues Testament) an der Universit\u00e4t Paderborn.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref1\" id=\"_ftn1\">[1]<\/a> In Anlehnung an George Lakoff\/Mark Johnson, <em>Metaphors We Live By<\/em>, Chicago 1980. Das Werk gab den entscheidenden Impuls f\u00fcr die kognitive Metapherntheorie und die Einsicht, dass Metaphern nicht nur Stilmittel, sondern grundlegend f\u00fcr menschliches Denken und Verstehen sind.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer von \u201eBildsprache\u201c h\u00f6rt, denkt vielleicht zuerst an Gedichte. An besonders sch\u00f6ne Formulierungen, an Metaphern, Gleichnisse und andere Stilmittel, die man irgendwann einmal im Deutschunterricht bestimmen musste. Im Alltag, so k\u00f6nnte man meinen, reden wir dagegen normalerweise ganz direkt. 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