{"id":1984,"date":"2026-03-20T09:28:55","date_gmt":"2026-03-20T08:28:55","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/?p=1984"},"modified":"2026-03-20T09:35:23","modified_gmt":"2026-03-20T08:35:23","slug":"der-christliche-hilmi-adib-mein-erster-lehrer-der-koransure-a%e1%b8%8d-%e1%b8%8du%e1%b8%a5a","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/2026\/03\/20\/der-christliche-hilmi-adib-mein-erster-lehrer-der-koransure-a%e1%b8%8d-%e1%b8%8du%e1%b8%a5a\/","title":{"rendered":"Der christliche Hilm\u012b Ad\u012bb, mein erster Lehrer der Koransure a\u1e0d-\u1e0cu\u1e25\u0101"},"content":{"rendered":"<div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_1984 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_1984')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_1984').socialSharePrivacy({\"txt_help\":\"Wenn Sie diese Felder durch einen Klick aktivieren, werden Informationen an Facebook, Twitter, Flattr, Xing, t3n, LinkedIn, Pinterest oder Google eventuell ins Ausland \\u00fcbertragen und unter Umst\\u00e4nden auch dort gespeichert. 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Wenn ich heute die Sure 93 (<em>a<\/em><em>\u1e0d<\/em><em>&#8211;<\/em><em>\u1e0c<\/em><em>u<\/em><em>\u1e25<\/em><em>\u0101<\/em>) rezitiere, denke ich nicht nur an ihren Trost, ihre Sch\u00f6nheit und ihre Botschaft. Ich denke auch an einen Mann aus meiner Grundschulzeit in \u00c4gypten: an Hilm\u012b Ad\u012bb, den christlichen Schuldirektor, bei dem ich als muslimisches Kind eben diese Sure auswendig lernte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich besuchte damals eine staatliche Grundschule in \u00c4gypten. Unsere Klasse war konfessionell gemischt: Die meisten Kinder waren Muslime, einige wenige Christen. Im Religionsunterricht trennten sich unsere Wege. Die christlichen Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler gingen mit ihrem Lehrer in einen benachbarten Raum, w\u00e4hrend wir muslimischen Kinder im Klassenzimmer blieben und von unserem muslimischen Religionslehrer unterrichtet wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Der christliche Religionslehrer war zugleich unser Schuldirektor, Herr Hilm\u012b Addb. Er war klein, kr\u00e4ftig, ernst und streng. Beim morgendlichen Appell ging er zwischen den Reihen hindurch und kontrollierte unsere Uniformen, die L\u00e4nge unserer Fingern\u00e4gel, die Sauberkeit unserer Schuhe und unsere Frisuren. Er verk\u00f6rperte Ordnung, Disziplin und eine Form schulischer Autorit\u00e4t, die keinen Widerspruch duldete. Wir mieden unn\u00f6tige Gespr\u00e4che mit ihm und versuchten vor allem, nicht aufzufallen. Vielleicht war ich einer der wenigen muslimischen Sch\u00fcler, zu denen er eine besondere N\u00e4he hatte. Ich erinnere mich, wie ich meinen Vater bat, zu Herrn Ad\u012bb nach Hause gehen zu d\u00fcrfen, um an seinen Wiederholungsstunden im Fach Arabisch teilzunehmen. Diese Stunden waren eigentlich f\u00fcr seine christlichen Sch\u00fclergruppen gedacht. Mein Vater erlaubte es mir nur widerwillig. So sa\u00df ich dort als einziger muslimischer Sch\u00fcler mitten unter christlichen Kindern und h\u00f6rte seinem Unterricht zu.<\/p>\n\n\n\n<p>Eines Tages fehlte unser muslimischer Religionslehrer, Herr \u02bfAl\u012b. An diesem Morgen kam Hilm\u012b Ad\u012bb und blieb bei uns mit seiner christlichen Gruppe im Klassenraum. Er sagte mit seiner festen, unmissverst\u00e4ndlichen Stimme: \u201e\u00d6ffnet eure Religionsb\u00fccher!\u201c Dann fragte er: \u201eAuf welcher Seite ist Herr \u02bfAl\u012b stehen geblieben?\u201c Der Unterricht begann mit der Koranaure 93 (<em>a<\/em><em>\u1e0d<\/em><em>&#8211;<\/em><em>\u1e0c<\/em><em>u<\/em><em>\u1e25<\/em><em>\u0101<\/em>). Herr Adib rezitierte die Verse mit sprachlicher Klarheit und einer Sicherheit, die uns sofort zur Aufmerksamkeit zwang:<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eBei der Morgenhelle, und bei der Nacht, wenn sie still wird!<br>Dein Herr hat sich weder von dir verabschiedet noch verabscheut Er dich.<br>Wahrlich, das Jenseits ist besser f\u00fcr dich als das Diesseits.<br>Und dein Herr wird dir geben, und du wirst zufrieden sein.<br>Hat Er dich nicht als Waise gefunden und dir Zuflucht gew\u00e4hrt?<br>Und Er fand dich suchend und leitete dich recht.<br>Und Er fand dich bed\u00fcrftig und machte dich reich.<br>Darum weise die Waise nicht hart zur\u00fcck,<br>und den Bittenden fahre nicht an,<br>und von der Gnade deines Herrn \u2013 davon sprich!\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;Wir sprachen sie nach, konzentriert und vorsichtig, bem\u00fcht, keinen Fehler zu machen. Merkw\u00fcrdigerweise dachten wir nicht dar\u00fcber nach, dass ein christlicher Direktor uns, muslimischen Kindern, eine Koransure beibrachte. Entscheidend war f\u00fcr uns nicht sein Glauben, sondern seine Autorit\u00e4t als Lehrer und unser Wunsch, richtig nachzulesen.<\/p>\n\n\n\n<p>In der folgenden Woche kam Herr Ad\u012bb erneut in unsere Religionsstunde. Er wollte sehen, was geblieben war. In Anwesenheit unseres eigentlichen Religionslehrers fragte er jeden Einzelnen von uns die Sure <em>a<\/em><em>\u1e0d<\/em><em>&#8211;<\/em><em>\u1e0c<\/em><em>u<\/em><em>\u1e25<\/em><em>\u0101<\/em> ab. Was er uns beigebracht hatte, sollte sitzen. Es war, als h\u00e4tte er f\u00fcr diesen Moment nicht nur eine Vertretung \u00fcbernommen, sondern auch eine Verantwortung: daf\u00fcr, dass Lernen ernst genommen wird, dass Sprache Sorgfalt verlangt und dass religi\u00f6se Bildung mehr ist als die blo\u00dfe Weitergabe von Stoff.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Jahr sp\u00e4ter beschloss mein sehr religi\u00f6ser Vater, mich von der staatlichen Schule auf die islamische Azhar-Schule zu versetzen. Als er kam, um den Schulwechsel zu beantragen, versuchte Herr Ad\u012bb, ihn von dieser Entscheidung abzubringen. Ich sehe die Szene noch heute vor mir: Ich stand zwischen den beiden M\u00e4nnern und h\u00f6rte ihrem Gespr\u00e4ch zu, bis Herr Ad\u012bb die Unterlagen schlie\u00dflich widerwillig unterschrieb.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Azhar-Schule lernte den Koran vollst\u00e4ndig auswendig. Doch die Sure <em>a<\/em><em>\u1e0d<\/em><em>&#8211;<\/em><em>\u1e0c<\/em><em>u<\/em><em>\u1e25<\/em><em>\u0101<\/em> hatte ich l\u00e4ngst mitgenommen \u2013 von meinem christlichen Lehrer Hilmi Ad\u012bb. Bis heute begleitet mich diese Erinnerung. Wenn ich die Sure lese, mit meinen Kindern rezitiere oder im Gebet spreche, erscheint manchmal sein Gesicht vor meinem inneren Auge. Dann l\u00e4chle ich. Zwischen den Zeilen meines Mu\u1e63\u1e25af steht f\u00fcr mich auch eine Erinnerung an diesen Mann, der meiner religi\u00f6sen Biographie an einem unerwarteten Punkt eingeschrieben ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht liegt gerade darin eine tiefe Einsicht f\u00fcr religionsp\u00e4dagogisches Nachdenken heute. Religi\u00f6se Bildung vollzieht sich nicht nur in konfessioneller Eindeutigkeit, institutioneller Trennung oder klaren Zust\u00e4ndigkeiten. Sie geschieht auch in Begegnungen, in Haltungen, in sprachlicher Sorgfalt, in verk\u00f6rperter Autorit\u00e4t und in jener Form des Respekts, die den anderen nicht vereinnahmt, ihm aber dennoch etwas Wertvolles vermittelt. Ein christlicher Direktor, der muslimischen Kindern eine Koransure beibringt, mag auf den ersten Blick ungew\u00f6hnlich erscheinen. In meiner Erinnerung ist diese Szene jedoch ein Beispiel daf\u00fcr, wie selbstverst\u00e4ndlich religi\u00f6se Koexistenz im Alltag werden kann, wenn sie von Ernsthaftigkeit, p\u00e4dagogischer Integrit\u00e4t und menschlicher Achtung getragen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>So ist die Sure <em>a<\/em><em>\u1e0d<\/em><em>&#8211;<\/em><em>\u1e0c<\/em><em>u<\/em><em>\u1e25<\/em><em>\u0101<\/em> f\u00fcr mich Teil einer Erinnerung an gelebte Nachbarschaft zwischen Christentum und Islam, an schulische Disziplin und an eine Form stiller Anerkennung, die weit \u00fcber das Klassenzimmer hinausreicht.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"683\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2026\/03\/BloKK_M.Abdelrahem_Bild-683x1024.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-1985\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2026\/03\/BloKK_M.Abdelrahem_Bild-683x1024.png 683w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2026\/03\/BloKK_M.Abdelrahem_Bild-200x300.png 200w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2026\/03\/BloKK_M.Abdelrahem_Bild-768x1152.png 768w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2026\/03\/BloKK_M.Abdelrahem_Bild.png 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 683px) 100vw, 683px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-blue-color has-text-color has-link-color wp-elements-71f86caa191d4c4d84878202c8aef5db\">Dr. Mohammed Abdelrahem ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Paderborner Institut f\u00fcr Islamischen Theologie der Universit\u00e4t Paderborn.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Manche Erinnerungen aus der Kindheit verlieren mit den Jahren an Sch\u00e4rfe. 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