{"id":1976,"date":"2026-02-27T11:39:18","date_gmt":"2026-02-27T10:39:18","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/?p=1976"},"modified":"2026-02-27T11:39:18","modified_gmt":"2026-02-27T10:39:18","slug":"mystik-als-gegenstand-des-interreligioesen-dialogs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/2026\/02\/27\/mystik-als-gegenstand-des-interreligioesen-dialogs\/","title":{"rendered":"Mystik als Gegenstand des interreligi\u00f6sen Dialogs"},"content":{"rendered":"<div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_1976 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_1976')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_1976').socialSharePrivacy({\"txt_help\":\"Wenn Sie diese Felder durch einen Klick aktivieren, werden Informationen an Facebook, Twitter, Flattr, Xing, t3n, LinkedIn, Pinterest oder Google eventuell ins Ausland \\u00fcbertragen und unter Umst\\u00e4nden auch dort gespeichert. 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[\u2026] Wenn eine Theologie als Lehre von Gott nicht zu einem reinen Wortgepl\u00e4nkel und Wiederholen von Lehrformen werden will, muss sie sich st\u00e4ndig von dort her neu befruchten und mit neuen Inhalten erf\u00fcllen lassen, wo Gott innerlich erfahren wird. In diesem Sinn muss sich die religi\u00f6se Lehre einer jeden Religion immer anpassen \u2013 nicht an einer unwandelbaren Tradition und nicht an einem st\u00e4ndig wandelnden Fortschritt, sondern an Gott, dessen unendliches Geheimnis sich in der religi\u00f6sen Erfahrung zu allen Zeiten je neu und zu aller Treue zu sich selbst je anders enth\u00fcllt.\u201c (Richard Gramlich, <em>Ethische und mystische Dimensionen islamischer Glaubenserfahrung<\/em>. Vortrag an der Tagung \u201eDas Ethos der Weltreligionen und das Christentum\u201c der Katholischen Akademie der Erzdi\u00f6zese Freiburg, 23. M\u00e4rz 1973)<\/p>\n\n\n\n<p>Unsere Welt war ethnisch, kulturell und religi\u00f6s vielleicht noch nie so vielf\u00e4ltig wie heute. Und nie war der Bedarf nach einem <em>gemeinsamen Wort<\/em> vielleicht so dringend und wichtig wie in unseren Tagen. Deshalb kann die Frage nach dem richtigen Platz der Theologie und der Religion in der gegenw\u00e4rtigen Zeit und in unseren religi\u00f6s sehr pluralen Gesellschaften \u2013 die aber leider von dem religi\u00f6sen Extremismus und Fundamentalismus aller Colour immer h\u00e4ufiger bedroht wird \u2013 letztlich nur <em>interreligi\u00f6s<\/em> <em>be<\/em>antwortet und <em>ver<\/em>antwortet werden: Das hei\u00dft, in einem konstruktiven Dialog zwischen den Theologien und Religionen. Vor dem Hintergrund dieser Herausforderung \u2013 die zugleich auch als eine Chance verstanden werden kann \u2013 l\u00e4sst sich eine der wichtigsten Aufgaben der Theologinnen und Theologen darin sehen, <em>R\u00e4ume der Begegnungen<\/em> zwischen Theologien, Religionen und Konfessionen zu schaffen. Mehr als je zuvor ben\u00f6tigen wir hierzu eine <em>Hermeneutik der gegenseitigen Verst\u00e4ndigung<\/em>, die nicht nur auf einer allgemeinen religi\u00f6sen Toleranz basiert, sondern durch <em>spirituelle Empathie<\/em> und <em>Hermeneutik der Offenheit<\/em> gepr\u00e4gt ist und in die Gesellschaft hineinwirkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der interreligi\u00f6se Dialog ist von zentraler Bedeutung f\u00fcr die friedliche Koexistenz zwischen Menschen verschiedener religi\u00f6ser Zugeh\u00f6rigkeit. Doch ein solcher Dialog kann viele Elemente und Komponente umfassen, die von theologischen Ann\u00e4hrungen bis hin zu spirituellen Ritualen und Erfahrungen reichen. Vor diesem Hintergrund k\u00f6nnen auch insbesondere mystische Erfahrungen \u201eGegenstand\u201c des interreligi\u00f6sen Dialogs sein. Denn, obwohl jede mystische Erfahrung in ihrem Wesen individueller, pers\u00f6nlicher und subjektiver Natur ist, gibt es etwas <em>Grundlegendes<\/em>, das als Impuls dienen und intersubjektiv kommuniziert werden kann. Dieses <em>Grundlegende<\/em> mystischer Erfahrungen ist eben <em>das<\/em>, was verbindet und eint, und wodurch auch unser (inter)religi\u00f6ses Verst\u00e4ndnis an Tiefe gewinnen kann. Mystische Erfahrungen k\u00f6nnen also eine fruchtbare Grundlage f\u00fcr den interreligi\u00f6sen Dialog bieten, insofern sie einen <em>ansprechenden<\/em>, <em>verbindenden<\/em> und nicht selten auch <em>inspirierenden<\/em> Charakter haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl also mystische Erfahrungen unbedingt subjektiv-individueller Natur sind \u2013 weil sie sich darauf beziehen, was ein Individuum in der Tiefe seines Inneren auf ganz pers\u00f6nliche Art und Weise erlebt und f\u00fchlt \u2013, zeigen sie zugleich eine grundlegende <em>Erfahrungsdimension<\/em> und eine besondere <em>Wahrnehmungsf\u00e4higkeit<\/em> auf, die bei den Anh\u00e4ngern verschiedener Religionen und spiritueller Traditionen vorzufinden ist. Vor diesem Hintergrund ist es den Mystikerinnen und Mystikern trotz ihrer unterschiedlichen religi\u00f6sen Zugeh\u00f6rigkeiten und kulturellen Pr\u00e4gungen grunds\u00e4tzlich m\u00f6glich, ihre inneren Erfahrungen und mystischen Zust\u00e4nde in einer sehr \u00e4hnlichen symbolischen Sprache zum Ausdruck zu bringen. Somit weisen mystische Erfahrungen auch interreligi\u00f6se Relevanz auf, die n\u00e4mlich darin besteht, sowohl die grundlegenden religi\u00f6sen Empfindungen als auch die gemeinsamen, universellen Wahrheiten und Werte (wie Einheit, Liebe, Ekstase, Gottessehnsucht, \u00dcberw\u00e4ltigung, Ehrfurcht, innere Freiheit, Gelassenheit, Ichlosigkeit, Gl\u00fcckseligkeit und Frieden) konfessions\u00fcbergreifend zu vermitteln. Solche tiefgreifenden <em>Transzendenzerfahrungen<\/em>, die \u00fcber verschiedene Glaubensgrunds\u00e4tze und religi\u00f6se Dogmen hinweg reichen, k\u00f6nnen als Br\u00fccke zwischen den Glaubensgemeinschaften und Religionen dienen, insofern sie einerseits auf die grundlegende Erfahrungsdimension des Menschen hinweisen und ein tieferes Verst\u00e4ndnis vom Religi\u00f6sen erwecken k\u00f6nnen und andererseits die spezifischen Differenzen in den Lehrgrunds\u00e4tzen und Praktiken der jeweiligen Religionstraditionen \u00fcberbr\u00fccken.&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Mystische Erfahrungen \u2013 m\u00f6gen sie noch so unterschiedlich Gestalt annehmen \u2013 stellen einen grundlegenden Aspekt der menschlichen Beziehungen zur <em>letzten<\/em> Wirklichkeit dar, die im religi\u00f6sen Kontext als die g\u00f6ttliche Wirklichkeit bzw. die Gotteswirklichkeit aufgefasst wird. Anhand zahlreicher Aussagen der gro\u00dfen j\u00fcdischen, christlichen und islamischen Mystikerinnen und Mystiker wird es besonders deutlich, inwiefern eine durch tiefpers\u00f6nliche Gotteserfahrungen gepr\u00e4gte <em>Rede von Gott<\/em> den Glauben an Gott beleben, verfeinern, vertiefen und somit m\u00f6glichst auch <em>konkreter<\/em>, ja <em>authentischer<\/em> werden l\u00e4sst. Denn die <em>Authentizit\u00e4t<\/em> des in der subjektiv-individuellen Gotteserfahrung gegr\u00fcndeten Glaubens besteht darin, dass dieser nicht prim\u00e4r auf einem konfessionell-dogmatischen Boden beruht, der als solcher oft Gefahr l\u00e4uft auf Abgrenzung, Differenz und Exklusion hinauszulaufen, sondern aus der Lebendigkeit und Sinnhaftigkeit der inneren Erfahrung des Unendlichen sch\u00f6pft.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch die Mystik lehrt uns nicht nur Demut bez\u00fcglich \u00fcberzogener Wahrheitsanspr\u00fcche und religi\u00f6se Toleranz, sondern sie kann in uns auch das Staunen erwecken und unsere <em>Resilienz<\/em> st\u00e4rken. Denn ein Gro\u00dfteil mystischer Schriften, die von spirituellen Aspirationen und Bem\u00fchungen, aber auch von tiefen Sehns\u00fcchten, ekstatischen Wirklichkeitserfahrungen und \u201eGottesber\u00fchrungen\u201c handeln, kann eine gro\u00dfe Trost und- Inspirationsquelle f\u00fcr die gl\u00e4ubigen Menschen bedeuten. Dabei geht es meistens um eine <em>lebendige Literatur<\/em>, die gew\u00f6hnlich von starker Leidenschaft und leidensvoller Liebe zu Gott gepr\u00e4gt ist und auf die Leserin \/ den Leser einen gro\u00dfen und unmittelbaren Einfluss aus\u00fcben kann. Oft avanciert die Lekt\u00fcre solcher Texte daher bereits selbst zu einer <em>transformativen Erfahrung<\/em>, deren positive Folge sich in einer Umwandlung des Gem\u00fcts und des Denkens manifestieren kann. Die Texte bedeutender Mystikerinnen und Mystiker k\u00f6nnen daher selbst <em>resilienzf\u00f6rdernd<\/em> fungieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Die <em>mystische Literatur <\/em>bietet jedenfalls viele Themenkomplexe und Fragestellungen, die sich in einem interdisziplinaren Austausch weiter erforschen und sowohl f\u00fcr den interreligi\u00f6sen als auch f\u00fcr den interkulturellen Dialog fruchtbar machen lassen. In diesem Sinne kann das <em>mystische Sprechen<\/em> \u2013 das in den spirituell-mystischen Erfahrungen gegr\u00fcndet und daher wenigstens im Prinzip frei von den Machtstrukturen reindogmatischer Theologie ist \u2013 als eine Brucke zwischen den konfessionsgebundenen Diskursen dienen und als Grundlage f\u00fcr die Ausarbeitung universell-spiritueller Werte.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir k\u00f6nnen zusammen mit dem gro\u00dfen franz\u00f6sischen Katholiken und Orientalisten Louis Massignon (gest. 1962) behaupten, dass, um den Anderen wirklich verstehen zu wollen, man ihn nicht vereinnahmen darf, sondern, man muss sein <em>Gast<\/em> werden. In dieser Hinsicht kann gerade auch <em>Mystik<\/em> als eine Einladung an Juden, Christen und Muslime dienen, einander G\u00e4ste zu werden \u2013 in Erfahrung, gelebter Praxis und Sehnsucht nach Gott. Mystik l\u00e4dt uns ein, <em>Hermeneutik der spirituellen Offenheit<\/em> zu lernen, die uns erm\u00f6glicht, \u00fcber das Andere fasziniert zu sein, ohne das Eigene zu verlassen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"576\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2026\/02\/\u00a9TheUjulala_Wall-Light-576x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1977\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2026\/02\/\u00a9TheUjulala_Wall-Light-576x1024.jpg 576w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2026\/02\/\u00a9TheUjulala_Wall-Light-169x300.jpg 169w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2026\/02\/\u00a9TheUjulala_Wall-Light-768x1365.jpg 768w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2026\/02\/\u00a9TheUjulala_Wall-Light-864x1536.jpg 864w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2026\/02\/\u00a9TheUjulala_Wall-Light.jpg 1080w\" sizes=\"auto, (max-width: 576px) 100vw, 576px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-blue-color has-text-color has-link-color wp-elements-0c7cce528eedf712f680a468a657eb61\">PD Dr. Raid Al-Daghistani ist Vertretungsprofessor am Paderborner Institut f\u00fcr Islamische Theologie der Universit\u00e4t Paderborn und Lehrbeauftragter am Institut f\u00fcr Islamische Theologie und Religionsp\u00e4dagogik der Universit\u00e4t Innsbruck.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eIn den inneren Schichten aber, wo die Religion erfahren wird, kommen sich die Geister immer n\u00e4her und die Verschiedenheit der Bekenntnisse versinkt schlie\u00dflich in einer g\u00f6ttlichen Wahrheit, in der einen g\u00f6ttlichen Wirklichkeit. 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