{"id":1938,"date":"2025-12-31T12:05:02","date_gmt":"2025-12-31T11:05:02","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/?p=1938"},"modified":"2026-01-02T21:53:33","modified_gmt":"2026-01-02T20:53:33","slug":"und-kein-blatt-faellt-ohne-seine-erlaubnis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/2025\/12\/31\/und-kein-blatt-faellt-ohne-seine-erlaubnis\/","title":{"rendered":"Und kein Blatt f\u00e4llt ohne SEINE Erlaubnis!"},"content":{"rendered":"<div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_1938 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_1938')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_1938').socialSharePrivacy({\"txt_help\":\"Wenn Sie diese Felder durch einen Klick aktivieren, werden Informationen an Facebook, Twitter, Flattr, Xing, t3n, LinkedIn, Pinterest oder Google eventuell ins Ausland \\u00fcbertragen und unter Umst\\u00e4nden auch dort gespeichert. 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Dieser Vers thematisiert das Wissen und die Allmacht Allahs, zur Beschreibung seiner uneingeschr\u00e4nkten Herrschaft \u00fcber die Sch\u00f6pfung bzw. als Ausdruck eines umfassenden Verst\u00e4ndnisses von der immerw\u00e4hrenden Pr\u00e4senz und stetigen Sch\u00f6pfungsdynamik Allahs, des Ursprung allen Seins. \u00dcber die islamische Denkgeschichte hinweg ist aus dem Vers eine theologische Paraphrase entwickelt worden, die auch heute noch Popularit\u00e4t genie\u00dft: \u201eKein Blatt f\u00e4llt ohne Gottes Erlaubnis.\u201c, hei\u00dft es und verdeutlicht, dass das Wissen im koranischen Denken niemals passiv, sondern immer sch\u00f6pferisch und tragend ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch jenseits einer rein dogmatischen Lesart er\u00f6ffnet dieser Vers einen kontemplativen Raum. Er l\u00e4dt dazu ein, Gottes Wirken nicht nur im Au\u00dfergew\u00f6hnlichen, sondern im Allt\u00e4glichen, im scheinbar Nebens\u00e4chlichen wahrzunehmen. Gerade in der Natur wird sichtbar, wie sich Gottes Wissen und Wille in Ordnung, Sch\u00f6nheit und Zweckm\u00e4\u00dfigkeit ausdr\u00fccken. Die Sch\u00f6pfung erscheint als ein fein austariertes System von Harmonie und Balance. Der Koran versteht die Natur nicht neutral, sondern zeichenhaft. Jahreszeiten, Bl\u00e4tter, B\u00e4ume, Regen, Wachstum und Vergehen sind \u0101y\u0101t \u2013 Zeichen, also Hinweise auf Gott. Wer sie wahrnimmt, ist eingeladen zur tafakkur, zur tiefen nachdenklichen Betrachtung. Der Herbst, das Verf\u00e4rben und Fallen der Bl\u00e4tter, wird so zu einer stillen Predigt \u00fcber Verg\u00e4nglichkeit (fan\u0101\u02be) und Gottvertrauen (tawakkul).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Mensch ist Teil der nat\u00fcrlichen Ordnung und lebt mit diesen Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten und nutzt sie f\u00fcr sich. Sie werden als selbstverst\u00e4ndlich hingenommen. Alles entwickelt sich in seiner Ordnung, zuverl\u00e4ssig und zielgerichtet. Wie sch\u00f6n ist es doch, dass der Mensch darauf vertrauen kann, dass morgen die Sonne aufgeht, der Regen auf die Erde f\u00e4llt oder die Schwerkraft wirkt. Wenn die Bl\u00e4tter auf den Waldboden fallen, werden sie zersetzt, aber im n\u00e4chsten Fr\u00fchling, da werden neue entstehen &#8211; das ist sicher! Im koranischen Verst\u00e4ndnis werden diese Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten von Gott geschaffen und deshalb als \u201eSunnatullah\u201c bezeichnet. Ein System bzw. eine Ordnung in dem alles seinen Platz und seinen Sinn\/seine Aufgabe hat. Im Vertrauen darauf kann der Mensch sein Leben f\u00fchren und sein Handeln planen. Sie bilden die Basis unserer existenziellen Sicherheit. Der moderne Mensch wei\u00df um viele Prozesse und Abl\u00e4ufe und die Natur scheint kein gro\u00dfes Mysterium mehr zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Blatt entwickelt sich im Fr\u00fchling aus der Knospe, sie entfaltet sich zu einem Blatt und betreibt den ganzen Sommer \u00fcber Photosynthese. Es versorgt Menschen und andere Lebewesen mit dem Sauerstoff, den Baum, an dem es h\u00e4ngt mit Glykose. Es arbeitet still in einem komplexen \u00f6kologischen Gef\u00fcge, das Leben erm\u00f6glicht. Dieses scheinbar unscheinbare Blatt ist Teil eines Systems, das t\u00e4glich zum Segen f\u00fcr die Menschheit wird. Seine Aufgabe ist klar, sein Platz eindeutig. Ein h\u00e4ufig den Cree zugeschriebenes, modern formuliertes indigene Weisheitswort bringt eine Einsicht pr\u00e4gnant zum Ausdruck:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eErst wenn der letzte Baum gerodet,<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">der letzte Fluss vergiftet,<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">der letzte Fisch gefangen ist,<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">werdet ihr merken,<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">dass man Geld nicht essen kann.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch scheint es dem Menschen eigen, dass er sich den Wert einer Sache erst dann bewusst wird, wenn er ihn verliert. Es ist oft nur der Verlust, der daran erinnert, was wirklich Wert hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In leuchtenden Farben verabschiedet sich jedes Blatt von dem Ast, an dem es hing. Alles Seiende ist verg\u00e4nglich. Ob Galaxien, menschliches Leben oder das Blatt einer Eiche \u2013 alles hat seine Zeit. Doch im religi\u00f6sen Horizont geschieht dieses Vergehen nicht bedeutungslos oder unbeachtet. Das Blatt f\u00e4llt nicht achtlos, sondern steht in der Aufmerksamkeit seines Sch\u00f6pfers. Gerade hier gewinnt der Gedanke der Allmacht eine neue Tiefe: als liebevolle Zuwendung, nicht als distanzierte Kontrolle. Allmacht zeigt sich nicht in Willk\u00fcr, sondern in f\u00fcrsorglicher N\u00e4he. So zu lieben vermag nur Gott.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In allen Phasen des Seins k\u00f6nnen seine Gesch\u00f6pfe sich seiner N\u00e4he sicher sein. Weiter durch die raschelnden Bl\u00e4tterberge gehend, finde ich Trost in dem Gedanken. Doch mit dem Menschen ist wohl nicht so einfach, wie mit einem Blatt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er ist ein Wesen mit Freiheit. Er handelt nicht einfach gem\u00e4\u00df einer vorgegebenen Bestimmung, sondern reflektiert sein eigenes Sein, trifft Entscheidungen, \u00fcberschreitet Grenzen \u2013 zum Guten wie zum Zerst\u00f6rerischen. Tragisch ist, dass er dabei oft vergisst, dass Freiheit untrennbar mit Verantwortung verbunden ist. Der Mensch neigt dazu, sich die Welt anzueignen, als geh\u00f6re sie ihm, und richtet mit Gedankenlosigkeit und Gier gro\u00dfen Schaden an.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zugleich ist der Mensch das einzige Wesen, das um seine eigene Endlichkeit wei\u00df. Dieses Wissen um den Tod pr\u00e4gt \u2013 oder sollte pr\u00e4gen \u2013 die Qualit\u00e4t seines Lebens. Doch viele leben, als betr\u00e4fe das Sterben stets nur die anderen. Sie fliehen vor der Endlichkeit in Illusionen von Erfolg, Konsum, Sichtbarkeit und sozialer Anerkennung. Ein Leben nach au\u00dfen, das h\u00e4ufig mehr Schein als Sein ist. Die existenziellen Fragen bleiben unbeantwortet: Wo bin ich selbst? Worin liegt meine Freiheit, wo meine Verantwortung? Was ist der Sinn meines Lebens \u2013 und meines Sterbens? Ohne eine Auseinandersetzung mit diesen Fragen bleibt auch der Umgang mit Gewalt, Unrecht und Tod defizit\u00e4r. Es ist letztlich der Mensch selbst, der der Welt ihre W\u00fcrde raubt \u2013 und es ist ebenso der Mensch, der berufen ist, ihr diese W\u00fcrde zur\u00fcckzugeben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Buddha soll gesagt haben: \u201eVon allen Fu\u00dfspuren, ist die des Elefanten die gr\u00f6\u00dfte. Von allen Achtsamkeits-Meditationen ist die \u00fcber Verg\u00e4nglichkeit die gr\u00f6\u00dfte\u201c. In s\u00e4kularer Sprache lie\u00dfe sich hinzuf\u00fcgen: Niemand kommt hier lebend raus. Gerade deshalb gilt es, die Zeit, die uns gegeben ist, im Einklang mit uns selbst und unserer Mitsch\u00f6pfung zu verbringen. Was uns die fallenden Bl\u00e4tter im Herbst \u00fcber uns erz\u00e4hlen kann?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Bl\u00e4tter erinnern uns an die Gegenwart Gottes. Sie fallen nicht, weil sie m\u00fcssen, sondern \u2013 religi\u00f6s gesprochen \u2013 weil sie d\u00fcrfen. Ihre Aufgabe\/ ihr Lebenssinn ist erf\u00fcllt. Eine tiefe theologische Wahrheit offenbart sich hier: Werden und Vergehen vollziehen sich im Wissen und in der Zuwendung des Sch\u00f6pfers. Gottesbewusst (taqw\u0101) zu leben hei\u00dft zeitlebens eine Beziehung zu seinem Sch\u00f6pfer gestalten und seine N\u00e4he zu suchen. Gottesbewusstsein ist der Kern islamischer Fr\u00f6mmigkeit. Sie kann den Gl\u00e4ubigen vielleicht nicht alle Angst vor dem Tod nehmen, aber in jedem Fall gibt sie ihnen Vertrauen in die Widrigkeiten dieses Lebens, aber auch \u00fcber das Ende hinaus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch der Satz \u201eUnd dein Wille geschehe\u201c l\u00e4sst sich in diesem Licht lesen \u2013 nicht als Ausdruck eines autorit\u00e4ren Willens, sondern als Hingabe und Vertrauen an eine unendliche Barmherzigkeit. Wir sind in Gottes Hand geborgen. Als seine Gesch\u00f6pfe leben wir in dem Raum, den er uns in Liebe er\u00f6ffnet. Wenn Gott entscheidet, dann als Segen, in F\u00fcrsorge, aus einer Weisheit heraus, die menschliches Verstehen \u00fcbersteigt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Herbst verwandelt das einst so produktive Blatt in eine Erinnerung \u2013 und f\u00fcr die Achtsamen in eine Mahnung. Ein Leben im Gottesbewusstsein hei\u00dft, Verantwortung zu \u00fcbernehmen: f\u00fcr sich selbst, f\u00fcr andere und f\u00fcr die Welt. Am Ende fallen wir alle wie Bl\u00e4tter. Die Erde nimmt uns auf, doch unser Wirken bleibt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was wollen wir hinterlassen?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vielleicht beginnt es im Kleinen: in mehr Achtsamkeit, mehr Mitgef\u00fchl, mehr Demut und mehr Natur. Und in der Bereitschaft, die unscheinbaren Wunder dieser Welt wieder als das zu erkennen, was sie sind \u2013 Zeichen einer Liebe, die alles tr\u00e4gt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2025\/12\/20251231_095716-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1939\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2025\/12\/20251231_095716-768x1024.jpg 768w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2025\/12\/20251231_095716-225x300.jpg 225w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2025\/12\/20251231_095716-1152x1536.jpg 1152w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2025\/12\/20251231_095716-1536x2048.jpg 1536w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2025\/12\/20251231_095716-scaled.jpg 1920w\" sizes=\"auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-blue-color has-text-color has-link-color wp-elements-93fc520fb9607e5567443be231125fe7 wp-block-paragraph\">G\u00fclbahar Erdem ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Paderborner Institut f\u00fcr Islamische Theologie im Bereich Islamische Religionsp\u00e4dagogik der Universit\u00e4t Paderborn.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bei einem Herbstspaziergang im Wald fielen die bunten Bl\u00e4tter von den B\u00e4umen. 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