{"id":1934,"date":"2025-12-12T14:30:40","date_gmt":"2025-12-12T13:30:40","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/?p=1934"},"modified":"2025-12-12T14:30:40","modified_gmt":"2025-12-12T13:30:40","slug":"den-kritischen-blick-schulen-differenzsensible-fallarbeit-zum-religionsunterricht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/2025\/12\/12\/den-kritischen-blick-schulen-differenzsensible-fallarbeit-zum-religionsunterricht\/","title":{"rendered":"Den kritischen Blick schulen: Differenzsensible Fallarbeit zum Religionsunterricht"},"content":{"rendered":"<div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_1934 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_1934')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_1934').socialSharePrivacy({\"txt_help\":\"Wenn Sie diese Felder durch einen Klick aktivieren, werden Informationen an Facebook, Twitter, Flattr, Xing, t3n, LinkedIn, Pinterest oder Google eventuell ins Ausland \\u00fcbertragen und unter Umst\\u00e4nden auch dort gespeichert. 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Ihre Bearbeitung ist alles andere als trivial und f\u00fchrt unweigerlich zu Anfragen nach neuen didaktischen Konzepten sowie nach neuen Ausbildungs- und Fortbildungsformaten f\u00fcr Studierende und Lehrkr\u00e4fte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So begehen wir in der Paderborner Religionsdidaktik seit einigen Semestern den Weg, mit Praxissemesterstudierenden an konkreten Erfahrungen in Form von \u201eFallvignetten\u201c zu arbeiten. Mithilfe von kasuistischen Verfahrensweisen praxistheoretischer und praxisreflexiver Fallarbeit k\u00f6nnen ethnografische Beobachtungen von Studierenden aus dem RU rekonstruktiv erfasst, fachwissenschaftlich und fachdidaktisch untersucht und im Hinblick auf die eigene Professionalisierung ergr\u00fcndet werden. Ein besonderes Interesse der Studierenden und ein besonderes religionsdidaktisches Potenzial zeigt sich bei F\u00e4llen, in denen ein unterrichtliches (Problem-)Szenerio im Umgang mit religi\u00f6ser bzw. weltanschaulicher Differenz geschildert wird. Hieran lassen sich sowohl didaktische Grundfragen im Hinblick auf konfessionelle Kooperation oder interreligi\u00f6ses Lernen diskutieren, als auch kritische Diskurse, wie religi\u00f6se Differenzkonstruktion und Othering sowie Antisemitismus und Antimuslimischen Rassismus im Religionsunterricht, reflektieren. Als exemplarisches Beispiel soll im Folgenden eine Unterrichtssituation aus dem Kontext einer Berufsschule skizziert werden, die k\u00fcrzlich in einer Sitzung des Begleitseminars unter Facetten gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit und Islamophobie thematisiert wurde:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">W\u00e4hrend einer Weihnachtsfeier in einem weltanschaulich gemischten Religionskurs kommt es zu verbalen \u00dcbergriffen eines Sch\u00fclers gegen\u00fcber einem Mitsch\u00fcler mit muslimischem Hintergrund. Es fallen S\u00e4tze wie \u201eWas hat er als <em>Moslem<\/em> mit <em>unserem<\/em> Weihnachten zu tun?\u201c, \u201eWarum nimmt er \u00fcberhaupt an <em>unserem<\/em> RU teil?\u201c, \u201eEr soll zu seinen <em>anderen<\/em> <em>muslimischen<\/em> Freunden gehen\u201c und \u201eDu musst arbeiten und deine Frau steht mit <em>Kopftuch<\/em> zu Hause am Herd\u201c. Die Formulierungen des Sch\u00fclers weisen gruppenbezogene Ausgrenzungspraktiken auf, bei denen entlang religi\u00f6ser Zugeh\u00f6rigkeiten eine Trennlinie gezogen wird, die schlie\u00dflich in eine Gegen\u00fcberstellung eines christlich-kulturellen \u201eWir\u201c und eines als <em>fremd<\/em> konstruierten \u201eIhr\u201c m\u00fcndet. Der Mitsch\u00fcler wird als religi\u00f6s und kulturell \u201eAnderer\u201c (Othering) gekennzeichnet und wegen seiner muslimischen Abstammung sowohl von der Teilhabe am christlichen Brauch (Weihnachten) als auch am vermeintlich \u201echristlichen\u201c RU ausgeschlossen. Insgesamt werden in den Aussagen islamfeindliche und antimuslimische Denkmuster sichtbar, die einer rassistischen Logik folgen: Ein bestimmtes Differenzmerkmal \u2013 hier die religi\u00f6se Zugeh\u00f6rigkeit \u2013 wird essentialisiert und zur Abwertung eines Menschen bzw. einer Menschengruppe genutzt. Besonders auff\u00e4llig ist die spezifische islambezogene Feindbildkonstruktion des Sch\u00fclers, welche den Mitsch\u00fcler als einen patriachalen \u201eMoslem\u201c mit kopftuchtragender (d.h. \u201eunterdr\u00fcckter\u201c) Frau markiert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ebenfalls auff\u00e4llig ist das Verhalten der Religionslehrkraft im Fallbeispiel, denn sie \u00fcbergeht die Diskriminierungen mehrfach als \u201eRuhest\u00f6rung\u201c des Unterrichts bis sie schlie\u00dflich aus Schock \u00fcber die Heftigkeit der letzten Aussage in ein Stillschweigen verf\u00e4llt. Bedauerlicherweise endet die Unterrichtsstunde abrupt durch das Einsetzen der Schulklingel, sodass eine Reaktion der Lehrkraft ausbleibt. Auch im Nachgang der Konfliktsituation findet keine umfassende Kl\u00e4rung des islamfeindlichen \u00dcbergriffs statt. Alles in allem bleibt das rassistische Moment von der Religionslehrkraft unangesprochen und unaufgedeckt, sodass sie ungewollt zur Reproduktion diskriminierender Wirkmechanismen und Strukturen beigetragen hat. Gerade unter diesem Gesichtspunkt ist das Verhalten der Lehrkraft als problematisch einzusch\u00e4tzen. Warum sie das hegemoniale Verhalten des Sch\u00fclers mehrfach \u00fcbergeht und nicht einschreitet, bleibt offen. Deutlich ist jedoch, dass sie sich in diesem Fall, sei es aus Unwissenheit oder Unsicherheit, nicht kritisch positioniert und damit ihre demokratiebildende Aufgabe als Religionslehrkraft vernachl\u00e4ssigt. Sicherlich lie\u00dfe sich zur Unterrichtssituation, den beteiligten Personen und sozialen Dynamiken noch mehr sagen, doch belassen wir es zun\u00e4chst bei dieser knappen Einordnung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der vorliegende Fall verdeutlicht, als ein Fallbeispiel unter vielen, die Wichtigkeit einer professionellen Auseinandersetzung mit religi\u00f6s-weltanschaulicher Differenz(ziehung) im RU. Das Konzept von religionsp\u00e4dagogischer Fallarbeit bietet hierf\u00fcr gro\u00dfes Potenzial und ein neues Format zur Bearbeitung dieser Herausforderung: Es erm\u00f6glicht, das Bewusstsein f\u00fcr heterogenit\u00e4ts- und differenzsensible Ans\u00e4tze und Theorien zu sch\u00e4rfen und im Rahmen einer gemeinsamen sozialen Praxis der Faller\u00f6rterung eine eigene reflexive Haltung (Habitus) zu entwickeln. Auch im Hinblick auf kritische Diskurse erweist sich die Zugangsweise \u201eam Fall\u201c als vielversprechend, da (angehende) Lehrkr\u00e4fte in wechselseitiger Erschlie\u00dfung von Theorie und Praxis lernen k\u00f6nnen, Praktiken der Differenzkonstruktion, Machtf\u00f6rmigkeit und hegemoniale Abwertung aufzudecken und zu durchbrechen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2025\/12\/Bild1-1024x683.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-1935\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2025\/12\/Bild1-1024x683.png 1024w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2025\/12\/Bild1-300x200.png 300w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2025\/12\/Bild1-768x512.png 768w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2025\/12\/Bild1-450x300.png 450w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2025\/12\/Bild1.png 1054w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Zum Weiterlesen:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Religionsp\u00e4dagogische Beitr\u00e4ge. (2024). Bd. 47, Nr. 2: Special Issue: \u201eOthering in interreligi\u00f6sen Lern- und Bildungsprozessen\u201c. Bamberg: University of Bamberg Press. <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.20377\/rpb-2024-47-2\">https:\/\/doi.org\/10.20377\/rpb-2024-47-2<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">narrt \u2013 Netzwerk antisemitismus- und rassismuskritische Religionsp\u00e4dagogik und Theologie (<a href=\"http:\/\/www.narrt.de\">www.narrt.de<\/a>). &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-blue-color has-text-color has-link-color wp-elements-b83e94f071db483fb3391a418f0c5784 wp-block-paragraph\">Franziska Veer ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut f\u00fcr Katholische Theologie im Bereich Religionsdidaktik der Universit\u00e4t Paderborn.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im schulischen Religionsunterricht (RU) stellt die religi\u00f6s-weltanschauliche Heterogenit\u00e4t der Lerngruppen eine zunehmend gr\u00f6\u00dfere Herausforderung f\u00fcr Lehrkr\u00e4fte dar. 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