{"id":1927,"date":"2025-11-28T13:24:51","date_gmt":"2025-11-28T12:24:51","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/?p=1927"},"modified":"2025-11-28T13:24:51","modified_gmt":"2025-11-28T12:24:51","slug":"vom-wollen-und-nicht-wollen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/2025\/11\/28\/vom-wollen-und-nicht-wollen\/","title":{"rendered":"Vom Wollen und Nicht-Wollen"},"content":{"rendered":"<div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_1927 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_1927')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_1927').socialSharePrivacy({\"txt_help\":\"Wenn Sie diese Felder durch einen Klick aktivieren, werden Informationen an Facebook, Twitter, Flattr, Xing, t3n, LinkedIn, Pinterest oder Google eventuell ins Ausland \\u00fcbertragen und unter Umst\\u00e4nden auch dort gespeichert. 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Eine der teilnehmenden Personen bemerkte, sie k\u00f6nne \u00fcberhaupt nicht verstehen, wie so viele der Teilnehmenden in der Vorstellungsrunde gesagt h\u00e4tten, dass sie sich auf den Auschwitz-Besuch \u201efreuen\u201c w\u00fcrden.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch ich geh\u00f6rte zu dieser Gruppe, seitdem l\u00e4sst mich das Thema nicht los. Es klingt irritierend, wenn man \u201egerne\u201c nach Auschwitz fahren m\u00f6chte. Auch beim Schreiben dieses Artikels merke ich stark, mit welchem Widerstand ich die Worte \u201eAuschwitz\u201c und \u201efreuen\u201c in einen Satz schreibe. Wir alle scheinen aber einen inneren Drang versp\u00fcren, dorthin zu fahren, wir wollen also dahin, sonst h\u00e4tten wir uns nicht angemeldet. Mir ist es pers\u00f6nlich ein gro\u00dfes Anliegen, am Ort der grauenhaften Ermordung all jener Menschen diesen zu gedenken. Freut man sich denn nicht, wenn ein Drang oder ein Wille vorliegt? Au\u00dferdem wird der Besuch voraussichtlich dazu f\u00fchren, dass ich mich noch viel mehr f\u00fcr andere Menschen einsetzen werde, weil ich gesehen haben werde, wozu Menschenhass f\u00fchren kann. Ich m\u00f6chte aber weder auf dem R\u00fccken dieser ermordeten Menschen selbst ein besserer Mensch werden, noch m\u00f6chte ich generell, dass das Vernichtungslager Auschwitz je existiert hat. Ich will also die Erfahrungen erleben, die ich dort machen werde und gleichzeitig will ich es nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Aleida Assmann schreibt dazu: <em>\u201eUm das kritische Moment in der Erinnerungskultur zu retten, haben wir gelernt, in Paradoxien zu denken\u201c<a href=\"#_ftn1\" id=\"_ftnref1\"><strong>[1]<\/strong><\/a>. <\/em>Sie bezieht es insbesondere darauf, dass erst durch den Schrecken der Schoa und das Erinnern daran die Allgemeine Erkl\u00e4rung der Menschenrechte entstanden ist. Assmann bezeichnet das als <em>\u201etransformierende Kraft der Erinnerung\u201c<\/em>. Sie wurde f\u00fcr dieses Argument teilweise kritisiert. Gegnerische Stimmen werfen ihr vor, dass sie dadurch die Schoa unabdingbar f\u00fcr die Menschenrechte ansah. Ich frage mich allerdings, ob sie damit nicht eher historische Prozesse beschrieben und darin ein gewisses, sich wiederholendes Muster erkannt hat. Mir hat Assmanns Zitat zumindest geholfen, das Wollen und gleichzeitige Nicht-Wollen der Auschwitz-Reise als ein Ph\u00e4nomen einer Erinnerungskultur wahrzunehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht ist neben der Paradoxit\u00e4t auch eine psycho-soziale Eigenschaft in dieser Hinsicht von Belang. Else Frenkel-Brunswick f\u00fchrte 1949 den Begriff der <em>Ambiguit\u00e4tstoleranz<\/em> ein, welche ein Bestandteil einer emotional und kognitiv gefestigten Person sei. Damit ist die F\u00e4higkeit gemeint, mit der Personen widerspr\u00fcchliche Gef\u00fchle, negative wie positive Eindr\u00fccke in anderen Personen als auch in sich selbst erkennen und ertragen k\u00f6nnen. \u201eErtragen\u201c deutet schon an, dass dieser Prozess herausfordernd ist. Das trifft die Situation recht gut: Ich hadere mit der paradoxen Situation, die Auschwitz-Reise zu erfahren und gleichzeitig nicht erfahren zu wollen, darauf gespannt zu sein und gleichzeitig das Wort \u201efreuen\u201c in dem Kontext irritierend zu finden. Beides muss sich aber nicht ausschlie\u00dfen und das eine negiert nicht das andere.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht sind es schlie\u00dflich auch unterschiedliche Blickwinkel, die sich gezeigt haben: Die Person, die Unverst\u00e4ndnis gezeigt hat, hatte vielleicht den Besuch an sich vor Augen und den Grund, wieso wir dorthin fahren. Andere, wie ich, hatten vielleicht eher das vor Augen, was die Fahrt mit uns machen wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Ob ich mich nun auf die Reise nach Auschwitz \u201efreue\u201c oder \u201egerne\u201c dorthin fahren werde? Nein, das war im Nachhinein sprachlich ungenau und zu unsensibel. Ich m\u00f6chte aber dorthin fahren und mich dem Horror aussetzen. Und ich m\u00f6chte weiterhin daf\u00fcr sorgen, dass die Welt eine bessere, mitmenschlichere Welt wird.<\/p>\n\n\n\n<p>#Erinnerungskultur #Paradox #Ambiguit\u00e4tstoleranz<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"682\" src=\"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2025\/11\/arrow-3999792_1280-1024x682.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-1928\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2025\/11\/arrow-3999792_1280-1024x682.png 1024w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2025\/11\/arrow-3999792_1280-300x200.png 300w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2025\/11\/arrow-3999792_1280-768x512.png 768w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2025\/11\/arrow-3999792_1280-450x300.png 450w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2025\/11\/arrow-3999792_1280.png 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\" id=\"_ftn1\">[1]<\/a> Assmann, Aleida, Das neue Unbehagen an der Erinnerungskultur. Eine Intervention, M\u00fcnchen <sup>3<\/sup>2020, S. 70.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-blue-color has-text-color has-link-color wp-elements-9e8ee59c5c88e555eaa8eb5a97f18045\">Benedikt K\u00f6rner ist Referent f\u00fcr Interreligi\u00f6sen Dialog; Sekten und Weltanschauungsfragen am Erzbistum Paderborn.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich nehme bald an einer Studienreise nach Auschwitz teil. Ein erstes Vorbereitungstreffen hat bereits stattgefunden. Wie so oft bei solchen Treffen fand der bemerkenswerteste Moment kurz vor dem Ende statt. 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