{"id":1920,"date":"2025-11-14T09:53:43","date_gmt":"2025-11-14T08:53:43","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/?p=1920"},"modified":"2025-11-14T09:53:43","modified_gmt":"2025-11-14T08:53:43","slug":"ein-blumenstrauss-und-die-frage-nach-der-weltbegegnung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/2025\/11\/14\/ein-blumenstrauss-und-die-frage-nach-der-weltbegegnung\/","title":{"rendered":"Ein Blumenstrau\u00df und die Frage nach der Weltbegegnung"},"content":{"rendered":"<div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_1920 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_1920')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_1920').socialSharePrivacy({\"txt_help\":\"Wenn Sie diese Felder durch einen Klick aktivieren, werden Informationen an Facebook, Twitter, Flattr, Xing, t3n, LinkedIn, Pinterest oder Google eventuell ins Ausland \\u00fcbertragen und unter Umst\\u00e4nden auch dort gespeichert. 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Rechts von ihr steht ihre Kollegin, die ich aufgrund ihres Ruhrgebiet-Akzents als Mitglied der Mehrheitsgesellschaft verorte. Sie schaut zu uns her\u00fcber und sagt: \u201eHier steht aber nichts vom 31.10. als Feiertag. Da musst du dich geirrt haben. Ich wei\u00df auch nicht, woher du das hast.\u201c<br>Ich drehe mich zu ihr um und frage: \u201eSprechen Sie gerade \u00fcber den 31. Oktober als Feiertag?\u201c \u2013 \u201eJa\u201c, sagt sie. Ich erkl\u00e4re: \u201eDas ist ganz einfach, in Nordrhein-Westfalen ist der 31. Oktober kein Feiertag, sondern der 1. November, Allerheiligen, ein katholischer Feiertag. In manchen Bundesl\u00e4ndern, etwa in Niedersachsen, ist der 31. Oktober allerdings ein Feiertag. Er wurde nach 500 Jahren Reformation eingef\u00fchrt.\u201c Ich erl\u00e4utere ausf\u00fchrlich, wie die Feiertagsregelungen in den verschiedenen Bundesl\u00e4ndern aussehen. Die Floristin sieht mich die ganze Zeit mit gro\u00dfen Augen an, nickt mehrfach und sagt zwischendurch nur: \u201eJa!\u201c Vermutlich speist sich ihr Staunen daraus, dass eine Muslimin mit Kopftuch \u00fcber christliche Feiertage und ihre Regelungen besser informiert ist als sie, die Mitglied der Mehrheitsgesellschaft ist. Als die junge Floristin mir den Strau\u00df reicht, verabschiede ich mich freundlich und gehe Richtung Kasse. Aus der Entfernung h\u00f6re ich, wie die Dame zu der jungen Frau sagt: \u201eNa, jetzt hast du\u2019s verstanden, ne?\u201c<br>Diese Szene zeigt, wie in allt\u00e4glicher Kommunikation Macht, Wissen und Religion miteinander verwoben sind. Die Floristin, die den Feiertag offenbar erw\u00e4hnt hatte, wird von ihrer Kollegin belehrt. Und das, obwohl diese selbst kein gesichertes Wissen besitzt. Es ist eine Geste sozialer \u00dcberlegenheit, nicht des Verstehens. Was ihr fehlt, ist religi\u00f6ses Wissen als eine Ressource f\u00fcr den Weltzugang. Religi\u00f6se Bildung bedeutet nicht, Feiertage korrekt zu benennen, sondern Deutungsr\u00e4ume zu er\u00f6ffnen: zu verstehen, warum ein Datum wie der Reformationstag f\u00fcr das kulturelle Selbstverst\u00e4ndnis einer Gesellschaft bedeutsam ist. Dazu geh\u00f6rt auch das Wissen, wie religi\u00f6se Feiertagsregelungen in Deutschland \u00fcberhaupt entstehen im Spannungsfeld von staatlicher Gesetzgebung, kirchlicher Tradition und regionaler Geschichte.<br>Ohne diese Deutungsf\u00e4higkeit verflacht Welt zu einer Ansammlung von Fakten, Daten und Irrt\u00fcmern, die man berichtigt, ohne sie wirklich zu verstehen. Religi\u00f6se Bildung zielt dagegen auf ein tieferes Begreifen: Sie bef\u00e4higt dazu, historische, kulturelle und existenzielle Bez\u00fcge zu erkennen und dadurch Resonanz mit der Welt zu entwickeln.<br>.Hartmut Rosa beschreibt Bildung als Resonanzbeziehung zur Welt als eine F\u00e4higkeit, sich ansprechen zu lassen und antworten zu k\u00f6nnen. Religi\u00f6se Bildung im \u00f6ffentlichen Raum kann genau das f\u00f6rdern: Sie sensibilisiert f\u00fcr geschichtliche Tiefendimensionen, f\u00fcr die symbolische Bedeutung von Ritualen, Zeiten und Festen. Wo sie fehlt, verliert Welt ihre Vielstimmigkeit und Resonanz.<br>Die Szene im Blumengesch\u00e4ft steht damit exemplarisch f\u00fcr eine Gesellschaft, in der religi\u00f6se Sprach- und Deutungskompetenz zunehmend verloren geht. Religi\u00f6se Bildung h\u00e4tte hier nicht nur Wissen vermitteln, sondern Resonanz erm\u00f6glichen k\u00f6nnen. Sie h\u00e4tte einen Raum er\u00f6ffnen k\u00f6nnen, in dem unterschiedliche Perspektiven nicht als Konkurrenz erscheinen, sondern als Angebot zum Verstehen: Warum feiern manche Menschen den Reformationstag als Erinnerung an religi\u00f6se Erneuerung? Warum ist Allerheiligen f\u00fcr andere ein Tag des Gedenkens und der Hoffnung? Und warum ist es f\u00fcr wieder andere, etwa Muslim:innen, J\u00fcd:innen oder konfessionslose Menschen dennoch bedeutsam, diese Traditionen zu kennen?<br>Gerade im Alltag entstehen solche Momente, in denen Religion oft ungeplant zu einem Pr\u00fcfstein gesellschaftlicher Verst\u00e4ndigung wird. Die Szene im Blumengesch\u00e4ft zeigt, dass religi\u00f6se Unkenntnis nicht nur ein Mangel an Wissen ist, sondern ein Verlust an Orientierung. Wenn Religion als kulturelle Ressource nicht mehr verstanden wird, verliert man den Zugang zu den Geschichten, Bedeutungen und Symbolen, die eine Gesellschaft \u00fcber Jahrhunderte gepr\u00e4gt haben.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"576\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2025\/11\/bunch-of-flowers-4564355_1280-576x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1921\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2025\/11\/bunch-of-flowers-4564355_1280-576x1024.jpg 576w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2025\/11\/bunch-of-flowers-4564355_1280-169x300.jpg 169w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2025\/11\/bunch-of-flowers-4564355_1280.jpg 720w\" sizes=\"auto, (max-width: 576px) 100vw, 576px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-blue-color has-text-color has-link-color wp-elements-8e2aef714f6fcea9bd9cb952cb10762e wp-block-paragraph\">Jun.-Prof. Dr. Naciye Kamcili-Yildiz ist Professorin im Bereich Islamische Religionsp\u00e4dagogik am Paderborner Institut f\u00fcr Islamische Theologie der Universit\u00e4t Paderborn.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ende Oktober. 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