{"id":1911,"date":"2025-10-24T15:54:06","date_gmt":"2025-10-24T13:54:06","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/?p=1911"},"modified":"2025-10-24T15:58:53","modified_gmt":"2025-10-24T13:58:53","slug":"wenn-woertlichkeit-zur-engfuehrung-wird-plaedoyer-fuer-ein-genaues-und-historisch-bewusstes-bibellesen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/2025\/10\/24\/wenn-woertlichkeit-zur-engfuehrung-wird-plaedoyer-fuer-ein-genaues-und-historisch-bewusstes-bibellesen\/","title":{"rendered":"Wenn W\u00f6rtlichkeit zur Engf\u00fchrung wird \u2013 Pl\u00e4doyer f\u00fcr ein genaues und historisch bewusstes Bibellesen"},"content":{"rendered":"<div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_1911 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_1911')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_1911').socialSharePrivacy({\"txt_help\":\"Wenn Sie diese Felder durch einen Klick aktivieren, werden Informationen an Facebook, Twitter, Flattr, Xing, t3n, LinkedIn, Pinterest oder Google eventuell ins Ausland \\u00fcbertragen und unter Umst\\u00e4nden auch dort gespeichert. N\\u00e4heres erfahren Sie durch einen Klick auf das <em>i<\\\/em>.\",\"settings_perma\":\"Dauerhaft aktivieren und Daten\\u00fcber-tragung zustimmen:\",\"info_link\":\"http:\\\/\\\/www.heise.de\\\/ct\\\/artikel\\\/2-Klicks-fuer-mehr-Datenschutz-1333879.html\",\"uri\":\"https:\\\/\\\/blogs.uni-paderborn.de\\\/zekkblog\\\/2025\\\/10\\\/24\\\/wenn-woertlichkeit-zur-engfuehrung-wird-plaedoyer-fuer-ein-genaues-und-historisch-bewusstes-bibellesen\\\/\",\"post_id\":1911,\"post_title_referrer_track\":\"Wenn+W%C3%B6rtlichkeit+zur+Engf%C3%BChrung+wird+%E2%80%93+Pl%C3%A4doyer+f%C3%BCr+ein+genaues+und+historisch+bewusstes+Bibellesen\",\"display_infobox\":\"on\"});}});\n\/* ]]> *\/<\/script><\/div>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ob beim Planen von Lehrveranstaltungen zu Beginn eines neuen Semesters oder beim Schreiben an der Doktorarbeit \u2013 in der bibelwissenschaftlichen Praxis stellen sich f\u00fcr mich immer wieder dieselben Grundfragen: Wie verstehe ich die Bibel \u00fcberhaupt? Wie l\u00e4sst sich der von Lessing beschriebene \u201egarstige Graben\u201c zwischen historischem Ursprung und heutiger Rezeption \u00fcberbr\u00fccken, ohne den theologischen Gehalt zu verflachen? Welcher (methodische) Zugang vermag der Komplexit\u00e4t des Textes gerecht zu werden?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dabei f\u00e4llt auf, wie schnell W\u00f6rtlichkeit zur Engf\u00fchrung wird. Bilder werden zu Befehlen, Gleichnisse zu Gesetzen, Visionen zu Fahrpl\u00e4nen der Gegenwart. So kippen Trostworte in Drohungen, und poetische Sprache wird als Gesetz gelesen. Besonders deutlich wird das, wenn zu fr\u00fch aufgeh\u00f6rt wird zu lesen: Der Dekalog kann ohne seinen Befreiungsprolog (Ex 20,2) wie eine Last wirken: Mit dem Auftakt der bereits geschehenen Befreiung werden die \u201ezehn Worte\u201c (Ex 20,3\u201317; Dtn 5,7\u201321) als Antwort auf geschenkte Freiheit, nicht als Voraussetzung, erschlossen. Exemplarisch konkretisiert das Sabbatgebot (Ex 20,8\u201311; Dtn 5,12\u201315) diese Freiheit als soziale Schutzregel. Die Talionsformel \u201eAuge f\u00fcr Auge, Zahn f\u00fcr Zahn\u201c (Lev 24,19\u201320) ist im altorientalischen Rechtskontext als Begrenzung der Strafe und als Ausgleichsprinzip gemeint, nicht als Einladung zur Vergeltung. Dar\u00fcber hinaus drohen Texte ihre Bedeutung zu verlieren, wenn \u00dcbersetzungen nicht hinterfragt werden: \u201eRache\u201c (\u05e0\u05b8\u05e7\u05b8\u05dd\/n\u0101q\u0101m, z. B. Dtn 32,35; Jes 61,2) meint g\u00f6ttliche Rechtsschaffung\/Vergeltung im Sinn von Wiederherstellung der Ordnung, \u201eEifersucht\u201c (\u05e7\u05b4\u05e0\u05b0\u05d0\u05b8\u05d4\/qin\u02be\u0101h, z. B. Ex 20,5; Dtn 4,24) bezeichnet eifernde Bundestreue, nicht kleinliche Missgunst. Und in Jes 7,14 spricht der hebr\u00e4ische Text von einer \u201ejungen Frau\u201c (\u05d4\u05b8\u05e2\u05b7\u05dc\u05b0\u05de\u05b8\u05d4\/h\u0101-\u02bfalm\u0101h); die Jungfrauendeutung geht auf die griechische \u00dcbersetzung (\u03c0\u03b1\u03c1\u03b8\u03ad\u03bd\u03bf\u03c2\/parthenos) zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Unerl\u00e4sslichkeit eines genauen Lesens der Texte zeigt sich u.a. auch darin, wie stark sich tradierte Vorstellungen, die \u00fcber den Textbefund hinausgehen, verselbstst\u00e4ndigen: So berichtet Mt 2 tats\u00e4chlich nicht von \u201eK\u00f6nigen\u201c und nennt keine Zahl; die Rede ist von \u201eMagiern aus dem Osten\u201c (\u03bc\u03ac\u03b3\u03bf\u03b9\/m\u00e1goi), und die sp\u00e4tere Dreizahl leitet sich lediglich aus den drei Gaben ab (Mt 2,1\u20132.11; die K\u00f6nigstitel stammen aus der Wirkungsgeschichte, vgl. Ps 72,10\u201311; Jes 60,3.6). Der \u201eLieblingsj\u00fcnger\u201c wird im Johannesevangelium mehrfach erw\u00e4hnt (Joh 13,23; 19,26; 20,2\u20138; 21,7.20\u201324), ohne je namentlich als Johannes identifiziert zu werden. Die Gleichsetzung ist sp\u00e4tere Tradition, nicht Textbefund. \u00c4hnlich gelagert ist die vertraute Krippenszene mit Ochse und Esel: Weder Lk 2 (Vv. 7.12.16) noch Mt 2 nennen diese Tiere. Der Topos entsteht aus der Relecture von Jes 1,3 und wird erst in apokryphen Kindheitsevangelien \u2013 etwa das apokryphe in das fr\u00fche 7. Jh. datierte Pseudo-Matth\u00e4us-Evangelium (PsMt) \u2013 erz\u00e4hlerisch ausgestaltet, bevor ihn Liturgie und Ikonographie verbreiten. So liegt in all diesen F\u00e4llen nicht der kanonische Text, sondern seine Wirkungsgeschichte den popul\u00e4ren Vorstellungen zugrunde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gef\u00e4hrlich wird W\u00f6rtlichkeit, wenn sie Interessen bedient. Der Herrschaftsauftrag (Gen 1,28) l\u00e4sst sich dann als Freibrief zur Ausbeutung lesen; die Zerst\u00f6rung Sodoms (Gen 19,1\u201329) wird zur pauschalen Verurteilung queerer Lebensweisen; das Etikett \u201ealttestamentarisch\u201c dient als Abwertung. Besonders heikel sind Stellen, die historisch f\u00fcr antij\u00fcdische Deutungen instrumentalisiert wurden: pauschal verwendete Formulierungen wie \u201edie Juden\u201c im Johannesevangelium oder der sogenannte \u201eBlutruf\u201c (\u201eSein Blut komme \u00fcber uns und \u00fcber unsere Kinder!\u201c; Mt 27,25) verlieren au\u00dferhalb ihres historischen und narrativen Rahmens schnell jede Differenzierung und werden zu Schuldzuweisungen, die dem Text nicht entsprechen. Auch innerkirchliche Rollenzuschreibungen sind anf\u00e4llig f\u00fcr Verk\u00fcrzung: Wird ein einzelner paulinischer Satz zum Schweigen von Frauen verabsolutiert (1 Kor 14,34\u201335), verschwinden die vielen Belege f\u00fcr ihre leitende und lehrende Mitarbeit in den Gemeinden; Spr 31,10\u201331 wird zur Folie einer \u201eidealen Hausfrau\u201c, wo eigentlich eine tatkr\u00e4ftige, wirtschaftlich versierte \u201estarke Frau\u201c gezeichnet wird. Und in der Apokalyptik wird Symbolsprache vergegenst\u00e4ndlicht: Zahlen, Tiere und Farben, die als codierte Kritik unter imperialen Verh\u00e4ltnissen funktionieren, werden zu scheinbar exakten, zeitlich fixierten Ereignissen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aus solchen Beobachtungen ergibt sich f\u00fcr mich eine einfache, aber anspruchsvolle Praxis. Langsam lesen, bis zum Ende, ohne selektives Auslassen. Gattungen ernst nehmen, weil Poesie, Recht, Brief und Vision verschieden sprechen. Mehrere \u00dcbersetzungen vergleichen und strittige Begriffe nachschlagen, statt einem Deckwort zu viel zuzumuten. Popul\u00e4re \u201eFakten\u201c pr\u00fcfen, bevor sie als vermeintliche Tatsachen \u00fcbernommen werden. Und im Austausch lesen, weil andere Lesende andere blinde Flecken haben. Historisch-kritische Exegese ist daf\u00fcr kein Fremdk\u00f6rper des Glaubens, sondern das Werkzeug, mit dem Bilder als Bilder erkannt, Kontexte h\u00f6rbar und die innerbiblischen Gegenstimmen sichtbar werden. Auf diese Weise wird der Graben nicht durch Spr\u00fcnge, sondern durch viele kleine, methodisch kontrollierte Schritte schmaler \u2013 und die Bibel beh\u00e4lt ihre Kraft, zu tr\u00f6sten, zu korrigieren und zu orientieren, ohne zur Schablone zu werden.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"421\" height=\"421\" src=\"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2025\/10\/BloKK-Wiebe.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-1912\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2025\/10\/BloKK-Wiebe.png 421w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2025\/10\/BloKK-Wiebe-300x300.png 300w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2025\/10\/BloKK-Wiebe-150x150.png 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 421px) 100vw, 421px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-blue-color has-text-color has-link-color wp-elements-345ff8eac1bd53f74483b9c7b5c8f04c wp-block-paragraph\">Daniel Wiebe ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut f\u00fcr Katholische Theologie im Fachbereich Biblische Theologie (Neues Testament) an der Universit\u00e4t Paderborn.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ob beim Planen von Lehrveranstaltungen zu Beginn eines neuen Semesters oder beim Schreiben an der Doktorarbeit \u2013 in der bibelwissenschaftlichen Praxis stellen sich f\u00fcr mich immer wieder dieselben Grundfragen: Wie verstehe ich die Bibel \u00fcberhaupt? Wie l\u00e4sst sich der von &hellip; <a href=\"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/2025\/10\/24\/wenn-woertlichkeit-zur-engfuehrung-wird-plaedoyer-fuer-ein-genaues-und-historisch-bewusstes-bibellesen\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":9271,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-1911","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1911","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/9271"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1911"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1911\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1915,"href":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1911\/revisions\/1915"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1911"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1911"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1911"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}