{"id":1906,"date":"2025-10-17T12:48:49","date_gmt":"2025-10-17T10:48:49","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/?p=1906"},"modified":"2025-10-17T12:52:13","modified_gmt":"2025-10-17T10:52:13","slug":"das-stuerzende-bild","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/2025\/10\/17\/das-stuerzende-bild\/","title":{"rendered":"DAS ST\u00dcRZENDE BILD"},"content":{"rendered":"<div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_1906 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_1906')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_1906').socialSharePrivacy({\"txt_help\":\"Wenn Sie diese Felder durch einen Klick aktivieren, werden Informationen an Facebook, Twitter, Flattr, Xing, t3n, LinkedIn, Pinterest oder Google eventuell ins Ausland \\u00fcbertragen und unter Umst\\u00e4nden auch dort gespeichert. 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Wer ist Kain?<br>Wer sind Kain und Abel? \u2013 Diese Frage bleibt.<br>Als Denkanst\u00f6\u00dfe zu einer Antwort stelle ich in der Art einer Collage kurz vor Schluss Zitate<br>aus einem Werk des ungarisch-j\u00fcdischen Arztes und Psychologen L\u00e9opold Szondi (eig.<br>Szondi Lip\u00f3t, 1893 \u2013 1986), dem Begr\u00fcnder der Schule der Schicksalspsychologie, nebeneinander. Sie weisen den Weg, in welche Richtung sich die Interpretation des Gedichtes bewegen k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Mathematik<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p>Der Zyklus der <em>Hebr\u00e4ischen Balladen <\/em>aus dem Jahr 1913 ist in seiner authentischen Reihenfolge symmetrisch angelegt. Er umfasst 17 Gedichte. Siebzehn ist eine Primzahl, eine Zahl, die nicht in zwei H\u00e4lften teilbar, sondern zwingend auf eine Mitte bezogen ist. Eine siebzehnteilige Konstruktion erzwingt <em>ein <\/em>Element in Zentralstellung. Diese Mitte der <em>Hebr\u00e4ischen Balladen<\/em> bildet das neunte Gedicht mit dem Titel <em>Eva<\/em>, hat also mit dem Gedicht <em>Abel<\/em> insofern zu tun, als es von der Mutter des Protagonisten handelt, die selbst durch die Zahl neun, die Zahl der Vollkommenheit bezeichnet ist. <em>Abel <\/em>selbst steht an zw\u00f6lfter Stelle. Wird in ihm der gesamte Kreis der <em>zw\u00f6lf <\/em>St\u00e4mme des Volkes Gottes erschlagen? Von seinem eigenen Bruder?<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li><em>Mein Volk<\/em><\/li>\n\n\n\n<li><em>Abraham und Isaak<\/em><\/li>\n\n\n\n<li><em>Jakob<\/em><\/li>\n\n\n\n<li><em>Esther<\/em><\/li>\n\n\n\n<li><em>Pharao und Joseph<\/em><\/li>\n\n\n\n<li><em>An Gott<\/em><\/li>\n\n\n\n<li><em>Ruth<\/em><\/li>\n\n\n\n<li><em>David und Jonathan<\/em><\/li>\n\n\n\n<li><em>Eva<\/em><\/li>\n\n\n\n<li><em>Zebaoth<\/em><\/li>\n\n\n\n<li><em>Jakob und Esau<\/em><\/li>\n\n\n\n<li><em>Abel<\/em><\/li>\n\n\n\n<li><em>Sulamith<\/em><\/li>\n\n\n\n<li><em>Boath<\/em><\/li>\n\n\n\n<li><em>Vers\u00f6hnung<\/em><\/li>\n\n\n\n<li><em>Moses und Josua<\/em><\/li>\n\n\n\n<li><em>Im Anfang<\/em><\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p>Die Anordnung ist auffallend. Nachdem der Eingang mit dem Gedicht <em>Mein Volk<\/em> programmatisch gesetzt ist, wechseln zun\u00e4chst regelm\u00e4\u00dfig ein Titel, der zwei Namen syndetisch verbindet, mit zwei nur aus <em>einem<\/em> Namen bestehenden Titeln ab. Ein Rhythmus entsteht \u2013 lang, kurz, kurz \u2013, einem Daktylus gleich. Dieser gemahnt an den Tod. Wie in dem kurzen Gedicht <em>Schluszst\u00fcck<\/em> (sic!) Rainer Maria Rilkes (<em>Das Buch der Bilder<\/em> II\/2, 1900), das diesem Metrum \u2013 lang, kurz, kurz \u2013 folgt.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Der Tod ist gro\u00df.<br>Wir sind die Seinen<br>lachenden Munds.<br>Wenn wir uns mitten im Leben meinen,<br>wagt er zu weinen<br>mitten in uns.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><br>Erst dem Gedicht <em>Sulamith <\/em>\u2013 der prominenten Figur des freilich erst 1945 entstandenen Gedichts <em>Todesfuge <\/em>von Paul Celan \u2013 bricht die beschriebene Periodizit\u00e4t ab. Statt eines Personenpaars nennt der Titel wiederum eine einzelne Person. Auf diese folgt zum ersten Mal kein Name, sondern ein Abstraktum. Die Ordnung scheint zu zerbrechen, wird aber sogleich durch den <em>Inhalt <\/em>dieses Abstraktums \u2013 <em>Vers\u00f6hnung <\/em>\u2013 aufgefangen: Wieder ein Doppeltitel \u2013<em> Moses und Josua <\/em>\u2013 und dann der Schluss. Der aber tr\u00e4gt den Titel<em> Im Anfang<\/em>. Eine solche paradoxe Inversion, hier erst als Topos erscheinend, wird sich im Laufe des Gedichtes als Programm erweisen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>2. Abel<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Kains Augen sind nicht gottwohlgef\u00e4llig,<br>Abels Angesicht ist ein goldener Garten,<br>Abels Augen sind Nachtigallen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em><br>Immer singt Abel so hell<br>Zu den Saiten seiner Seele,<br>Aber durch Kains Leib f\u00fchren die Gr\u00e4ben der Stadt.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em><br>Und er wird seinen Bruder erschlagen \u2013<br>Abel, Abel, dein Blut f\u00e4rbt den Himmel tief.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em><br>Wo ist Kain, da ich ihn st\u00fcrmen will:<br>hast du den S\u00fc\u00dfvogel erschlagen<br>In deines Bruders Angesicht?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Durch dein dumpfes Herz<br>Klagt Abels flatternde Seele.<br>Warum hast du deinen Bruder erschlagen, Kain?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>3. Symmetrie<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das Gedicht <em>Abel <\/em>besteht aus f\u00fcnfzehn Zeilen. Wie die Zahl siebzehn ist auch die Zahl f\u00fcnf<br>zehn \u2013 obschon nat\u00fcrlich keine Primzahl \u2013 nicht in zwei H\u00e4lften teilbar, sondern ebenfalls auf eine Mitte hin angelegt. Wie setzt die Dichterin die sich aufdr\u00e4ngende Symmetrie um?<\/p>\n\n\n\n<p><br>Zwei Dreizeiler umrahmen symmetrisch einen Zweizeiler. Die erste Strophe beschreibt den<br>Gegensatz von Kain und Abel: <em>\u00abAugen\u00bb<\/em> umkleiden symmetrisch das<em> \u00abAngesicht\u00bb<\/em> Abels. Die<br>zweite Strophe kehrt die Anfangsstellung der Handlungstr\u00e4ger um und verschiebt damit subtil die Perspektive: Sie beschreibt den Gegensatz von <em>Abel und Kain<\/em>.<br>Die dritte Strophe \u00abbegeht\u00bb eine Zeitraffung und bildet die Symmetrieachse. Hier findet der<br>Umschwung zwischen zukunftsbezogener und vergangenheitsbezogener Sprache statt. <em>\u00ab\u2026<br>wird seinen Bruder erschlagen.\u00bb \u2026<\/em> \u2014 <em>\u00ab\u2026 hast du den S\u00fc\u00dfvogel erschlagen.\u00bb<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><br>Im Gedankenstrich \u2014 geschieht der Mord.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Die vierte Strophe ist Gottesrede. Aus der Perspektive Gottes erklingt anklagende und rhetorische Frage. Auch die f\u00fcnfte ist Gottesrede. Doch sie nimmt die Perspektive Kains ein und beschreibt seine \u00abinnere Verfolgung\u00bb. Die Dichterin verf\u00e4hrt \u00e4hnlich wie sie im symmetrisch gegen\u00fcberliegenden Teil des Gedichts verfahren wird: Je zwei Strophen lang wird ein Thema <em>durchgef\u00fchrt<\/em>: Statt weitergesponnen zu werden, wird ihm lediglich von Strophe zu Strophe mit leicht \u00abverr\u00fccktem\u00bb Blickwinkel eine neue Farbe abgewonnen.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Aber auch<em> in sich<\/em> sind die Au\u00dfenglieder symmetrisch gebaut. Eine Inklusion verbindet die<br>ersten beiden Strophen zu einem eigenen symmetrischen Gebilde: Eine negative Aussage \u00fcber Kain er\u00f6ffnet das Gedicht (<em>\u00abKains Augen sind nicht gottwohlgef\u00e4llig\u00bb<\/em>); dann folgen in vier Zeilen drei positive Aussagen \u00fcber Abel, und die letzte Zeile stellt Abel wieder (durch die Adversativkonjunktion <em>\u00ababer\u00bb<\/em>) die Abgr\u00fcndigkeit Kains entgegen.<br><\/p>\n\n\n\n<p>Auf diese Weise besitzen auch die letzten beiden Strophen einen Rahmen. Sie bestehen nur aus zwei Fragen, deren erste und letzte Zeile dem Namen Kains nennt. Damit ist der zweite Teil des Opus auch mit dessen Beginn zu einem Ganzen verwoben, ja verschlossen: <em>\u00abKain\u00bb<\/em> ist das erste und das letzte Wort im Gedicht. Der Widersacher Abels als Einklang und Ausklang. Die Dichterin stiftet Unsicherheit: Von wem handelt das Gedicht wirklich?<\/p>\n\n\n\n<p><br>Und dann beginnt sie, diese Symmetrie zu verst\u00f6ren. Das <em>\u00abAngesicht\u00bb<\/em> der ersten Strophe,<br>schon beim ersten H\u00f6ren als Schl\u00fcsselbegriff zu erkennen, kehrt, unerwartet fr\u00fch, schon zu<br>Beginn der zweiten Gedichth\u00e4lfte, in der vierten Strophe, wieder. Die <em>\u00abSeele\u00bb<\/em> jedoch, von der in der zweiten Strophe zu h\u00f6ren ist, begegnet nicht, wie wir erwarten, unmittelbar nach dem mittleren Zweizeiler wieder, sondern erst in der Schlu\u00dfstrophe. Diese l\u00e4sst das Gedicht \u00fcberraschend mit einer Frage ausklingen,<em> \u00abWarum hast du deinen Bruder erschlagen?\u00bb<\/em>, ohne in einer erl\u00f6senden Antwort zur Ruhe zu kommen.<br><\/p>\n\n\n\n<p>Im R\u00fcckblick auf die dritte Strophe erweist sich die Inversion als eine \u00abSonderform\u00bb der Symmetrie. Unmittelbar nach dem Umschwung erklingt die Frage: <em>\u00abWo ist Kain, da ich ihn st\u00fcrmen will.\u00bb<\/em> Was ist gemeint? Das <em>Deutsche W\u00f6rterbuch<\/em> von Jacob und Wilhelm Grimm (1862 ff.) erkl\u00e4rt: <em>St\u00fcrmen<\/em> ist <em>\u00abdas kriegerische Anrennen gegen den (meist verschanzten, befestigten) Feind, gegen<\/em> <em>eine Festung u.s.f.\u00bb<\/em> Im lyrischen Werk Lasker-Sch\u00fclers sind immer wieder Beispiele von Inversion zu finden. Die Dichterin verkehrt Episoden des \u05ea\u05e0\u05f4\u05da<br>in ihr Gegenteil, um durch diese \u00abEntfremdung\u00bb unsere Aufmerksamkeit auf das Besondere in dem scheinbar Gewohnten zu lenken. Nein, eine <em>befestigte Festung<\/em> muss Gott in Gen 4,11 ff. nicht st\u00fcrmen. <em>Verfluchen <\/em>wird er Kain \u2013 demzufolge ist es dieser, der sich in <em>Bewegung <\/em>setzen wird; Rastlosigkeit wird sein Los sein (Gen 4,14), doch Gott wird ihn nicht \u00fcberw\u00e4ltigen, sondern sch\u00fctzen (Gen 4,15).<\/p>\n\n\n\n<p><strong>4. Kontrast<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Mit den symmetrischen Mustern korrespondieren kontrastierende Elemente. Schon am Beginn prallen zwei W\u00f6rter in den ersten beiden Zeilenauskl\u00e4ngen aufeinander, deren Klang<br>alliteriert \u2013 <em>\u00abgottwohlgef\u00e4llig\u00bb<\/em>, <em>\u00abgoldener Garten\u00bb<\/em> \u2013 deren Sinngehalte indes, da das erste von beiden negiert ist \u2013 \u00abnicht <em>gottwohlgef\u00e4llig<\/em>\u00bb \u2013, einander widerstreben \u2013 ganz so, wie Kain und Abel einander widerstreben. Der \u00abSchwung\u00bb der positiven Bilder \u00fcber Abel aber tr\u00e4gt weiter, bis \u00fcber die erste Strophe hinaus und in die zweite hinein, vergr\u00f6\u00dfert sich gar, in dem nach zwei einzeiligen Aussagen eine zweizeilige folgt:<\/p>\n\n\n\n<p>1) \u00b0<em> Abels Angesicht ist ein goldener Garten,<\/em><br>2) \u00b0 <em>Abels Augen sind Nachtigallen.<\/em><br>3) \u00b0 <em>Immer singt Abel so hell<br>\u00b0 Zu den Saiten seiner Seele<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Doch scharf und pl\u00f6tzlich wird diese Sch\u00f6nheit gebrochen: <em>\u00abAber durch Kains Leib f\u00fchren die Gr\u00e4ben der Stadt\u00bb<\/em>, und was semantisch sich erg\u00e4nzen sollte \u2013 <em>\u00abSeele\u00bb <\/em>\/ <em>\u00abLeib\u00bb<\/em> \u2013 (<em>\u00abZu den Saiten seiner Seele \/ Aber durch Kains <\/em>Leib <em>f\u00fchren die Gr\u00e4ben der Stadt.\u00bb<\/em>) ist Abbild der Trennung.<\/p>\n\n\n\n<p><br>In der zweiten H\u00e4lfte des Gedichts bedient sich die Dichterin \u00e4hnlicher Mittel. In Gegensatz<br>zueinander stehen Alliteration und Assonanz und Sinn: <em>\u00abst\u00fcrmen \/ S\u00fc\u00dfvogel\u00bb<\/em>. In der letzten<br>Strophe dann, wo die Vokale zun\u00e4chst \u00abihre Ordnung verlieren\u00bb, wie wir sehen werden, er<br>f\u00e4hrt der Kontrast abermals eine feine Raffinesse: Obwohl im Zeilenausklang <em>\u00abHerz\u00bb<\/em> und<br><em>\u00abSeele\u00bb<\/em> harmonieren, beziehen sich die beiden Substantive doch auf den jeweils anderen der feindlichen Br\u00fcder.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>5. Synthese<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Symmetrien erweisen sich als tragende Pfeiler, die \u2013 eine Zeitlang \u2013 daf\u00fcr sorgen, dass die Kontraste das Bild nicht sprengen. Die Syntax der Frages\u00e4tze zwingt den beiden letzten<br>Strophen ihre Wortstellung auf, doch sind sie durch ihre Wortwahl mit dem Zentrum des Ge<br>dichtes verbunden, in ihm verankert, gleichsam selbst zentral.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Doch dann st\u00fcrzt das Bild. Drei Strophen lang klagt das Wort, das Kain und Abel verbindet,<br>der <em>\u00abBruder\u00bb<\/em>; drei Strophen lang h\u00e4mmert das Verb <em>\u00aberschlagen\u00bb<\/em>. Die Stellung der beiden W\u00f6rter ist wiederum symmetrisch angeordnet: <em>\u00abUnd er wird seinen Bruder erschlagen.\u00bb<\/em> \u2013 <em>\u00abHast du den S\u00fc\u00dfvogel erschlagen\u00bb \/ \u00abIn deines Bruders Angesicht?\u00bb<\/em> \u2013 <em>\u00abWarum hast du deinen Bruder erschlagen?\u00bb<\/em> Die Balance der ersten H\u00e4lfte des Gedichtes ist zerrissen, das Bild ist gest\u00fcrzt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>6. Klang<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Else Lasker-Sch\u00fcler ist eine Komponistin. Ihr Text lebt von Assonanz und Alliteration (besonders zart: <em>\u00abSaiten meiner Seele\u00bb<\/em>). Ihre Sprache ist Klangrede. (Auch andernorts nimmt Else Lasker-Sch\u00fcler in Gedichttiteln oder Zyklen Bezug auf musikalische Termini: <em>Mein blaues Klavier, Konzert <\/em>\u2026) H\u00e4ufig h\u00f6ren wir Wortsch\u00f6pfungen, neue, freie Komposita: <em>\u00abSoviel Gott str\u00f6mt \u00fcber\u00bb <\/em>(in: <em>Vers\u00f6hnung<\/em>), <em>\u00abgottgeboren\u00bb<\/em> \/ <em>\u00abgottgeborgen\u00bb<\/em> (in: Im Anfang), <em>\u00abgottosten\u00bb<\/em> (in: Joseph). <\/p>\n\n\n\n<p>Hier also schon in der ersten Gedichtzeile: <em>\u00abgottwohlgef\u00e4llig\u00bb<\/em>. Da klingt die Farbe schon an, in der die zweite Zeile ergl\u00e4nzen wird: ein <em>\u00abgoldener Garten\u00bb<\/em>. So entwickelt sich die erste Strophe als eine Et\u00fcde \u00fcber dunkle und helle Kl\u00e4nge. Die Worte, die auf den Zeilenbeginn folgen, lauten symmetrisch: <em>\u00abAugen\u00bb<\/em> \u2013<em> \u00abAngesicht\u00bb<\/em> \u2013 <em>\u00abAugen\u00bb<\/em>. Die zweite und dritte Zeile beginnen und schlie\u00dfen mit <em>\u00abAbel\u00bb<\/em> und <em>\u00abGarten\u00bb<\/em> und <em>\u00abAbel\u00bb<\/em> und <em>\u00abNachtigallen\u00bb<\/em>. Die Vokale lassen gleichsam das Leben h\u00f6ren, das noch bl\u00fcht.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Die zweite Strophe differenziert die Kl\u00e4nge. Zu dem Kontrast der o- und a-Laute treten e<br>Laute in ihren vielf\u00e4ltigen Schattierungen: <em>\u00abhell\u00bb<\/em>, <em>\u00abSeele\u00bb<\/em>, <em>\u00abGr\u00e4ben\u00bb<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Die mittlere Strophe erz\u00e4hlt von einem Mord, ohne ihn zu nennen. Hart klingt sie, den Klang<br>des Zeilenendes nimmt sie zu Beginn der n\u00e4chsten Zeile anaphorisch auf:<em> \u00aberschlagen\u00bb<\/em> \u2013 <em>\u00abAbel, Abel\u00bb<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Die vierte Strophe erweitert das Repertoire um eine weitere Lautklasse: Umlaute. Der \u00fc-Laut<br>dominiert: <em>\u00abSt\u00fcrmen\u00bb<\/em> will Gott, den \u00abS\u00fc\u00dfvogel\u00bb<sup data-fn=\"cd97ced1-4319-4729-9908-1f1da72ccf00\" class=\"fn\"><a href=\"#cd97ced1-4319-4729-9908-1f1da72ccf00\" id=\"cd97ced1-4319-4729-9908-1f1da72ccf00-link\">1<\/a><\/sup> r\u00e4chen.<\/p>\n\n\n\n<p><br>In der letzten Strophe herrscht der Tod. Die Vokale haben M\u00fche, noch eine Ordnung zu bilden. Matt erklingen die Stabreime der Konsonanten: <em>\u00abDurch dein dumpfes Herz\u00bb<\/em>. Doch selbst hier noch erweist die zweite Zeile sich als alliterierende Reminiszenz an den Schluss der Eingangsstrophe \u2013 und als eine Metamorphose des Lebens in den Tod: Aus <em>\u00abAbels Augen sind Nachtigallen\u00bb<\/em> ist <em>\u00abAbels flatternde Seele\u00bb<\/em> geworden.<br><\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende nur dunkel in u-Laute geh\u00fcllt die Frage: <em>\u00abWarum hast du deinen Bruder erschlagen?\u00bb<\/em> <\/p>\n\n\n\n<p>In diese Finsternis hinein klingt klagend das helle a: <em>\u00abWarum?\u00bb<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>7. Intertext<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>\u00abAbels Augen sind Nachtigallen.\u00bb<\/em> Warum Nachtigallen? Wie Abel besitzen sie eine Affinit\u00e4t zu Blumen, auch <em>ihr<\/em> Schall ist s\u00fc\u00df. Auch sie sind <em>\u00abS\u00fc\u00dfv\u00f6gel\u00bb<\/em>. Theodor Storm (1817 \u2013 1888) schreibt ein Gedicht, das wie ein fernes \u2013 freilich \u00abvorweggenommenes\u00bb \u2013 Echo auf Else Lasker-Sch\u00fclers <em>\u00abAbel\u00bb<\/em> klingt:<\/p>\n\n\n\n<p><br><em>Das macht, es hat die Nachtigall<br>Die ganze Nacht gesungen;<br>Da sind von ihrem s\u00fc\u00dfen Schall,<br>Da sind in Hall und Widerhall<br>Die Rosen aufgesprungen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><br><em>Sie war doch sonst ein wildes Blut,<br>Nun geht sie tief in Sinnen,<br>Tr\u00e4gt in der Hand den Sommerhut<br>Und duldet still der Sonne Glut<br>Und wei\u00df nicht, was beginnen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><br><em>Das macht, es hat die Nachtigall<br>Die ganze Nacht gesungen;<br>Da sind von ihrem s\u00fc\u00dfen Schall,<br>Da sind in Hall und Widerhall<br>Die Rosen aufgesprungen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><br><em>\u00abAber durch Kains Leib f\u00fchren die Gr\u00e4ben der Stadt.\u00bb<\/em> Was ist eine Stadt? Kein Ort f\u00fcr V\u00f6gel jedenfalls. Nur die umtriebige <em>\u00abWandergans\u00bb<\/em><sup data-fn=\"81a44f0e-d7d4-4bd6-969e-46eb921e90c0\" class=\"fn\"><a href=\"#81a44f0e-d7d4-4bd6-969e-46eb921e90c0\" id=\"81a44f0e-d7d4-4bd6-969e-46eb921e90c0-link\">2<\/a><\/sup> fliegt an ihr <em>vor\u00fcber<\/em>, ein Kain unter den V\u00f6geln, unstet und fl\u00fcchtig (Gen 4,12). Noch einmal Theodor Storm:<\/p>\n\n\n\n<p><em>Am grauen Strand, am grauen Meer\u2028<br>Und seitab liegt die Stadt;\u2028<br>Der Nebel dr\u00fcckt die D\u00e4cher schwer,\u2028<br>Und durch die Stille braust das Meer\u2028<br>Eint\u00f6nig um die Stadt.\u2028<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em><br>Es rauscht kein Wald, es schl\u00e4gt im Mai\u2028<br>Kein Vogel ohn Unterla\u00df;\u2028<br>Die Wandergans mit hartem Schrei\u2028<br>Nur fliegt in Herbstesnacht vorbei,\u2028<br>Am Strande weht das Gras.\u2028<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>8. Schicksal<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend die Psychoanalyse nach Sigmund Freud (1865 \u2013 1939) den Oedipuskomplex in das Zentrum ihrer forschenden Beschreibung der menschlichen Neurosen stellt, nimmt die Schicksalsanalyse den pentateuchischen Kain als Typos, um welchen, gleich einem Angelpunkt, sich die Beschreibung der menschlichen Triebstruktur dreht. Spricht sie von Kain, so klingt der Name Abel immer mit; die Schicksalsanalyse spricht von einem \u00abVorderg\u00e4nger\u00bb und einem \u00abHinterg\u00e4nger\u00bb (gelegentlich nennt Szondi sie \u00abGegenf\u00fc\u00dflern\u00bb) als zwei Facetten \u2013 w\u00f6rtlich: <em>Gesichtern <\/em>\u2013 ein und derselben Pers\u00f6nlichkeit eines Menschen. Nur wenigen Menschen gelingt dabei die Synthese von Gewalt und Aufopferung. Gelegentlich betritt die Weltgeschichte ein Mann, der den angerichteten Schaden wiedergutzumachen vermag: Dies ist der Mann Mose.<br><\/p>\n\n\n\n<p>Eine Deutung des Gedichts sollen die folgenden Denkanst\u00f6\u00dfe anregen: Zitate \u2013 nicht aus dem Hauptwerk Szondis, der <em>Schicksalsanalyse<\/em> aus dem Jahr 1944<sup data-fn=\"1a43b84d-a463-4e8d-95c3-f55792e66c57\" class=\"fn\"><a href=\"#1a43b84d-a463-4e8d-95c3-f55792e66c57\" id=\"1a43b84d-a463-4e8d-95c3-f55792e66c57-link\">3<\/a><\/sup> \u2013 sondern aus dem Werk, das, mehr als zwanzig Jahre sp\u00e4ter noch einmal <em>in extenso<\/em>, die Gestalt des Kain zu beschreiben sich anschickt: <em>Kain <\/em>\u2013 <em>Gestalten des B\u00f6sen<\/em>.<sup data-fn=\"1a44639a-54f4-44ba-b63c-eae86ec15208\" class=\"fn\"><a href=\"#1a44639a-54f4-44ba-b63c-eae86ec15208\" id=\"1a44639a-54f4-44ba-b63c-eae86ec15208-link\">4<\/a><\/sup><br><\/p>\n\n\n\n<p><em>Kain regiert die Welt.<\/em> (7)<\/p>\n\n\n\n<p><br><em>Nicht Gott, sondern Kain namens Mensch manifestiert sich in der Weltgeschichte<\/em>. (7)<\/p>\n\n\n\n<p><br><em>Jedwelcher Unterschied unter den Menschen \u2013 und sei er noch so gering \u2013 gen\u00fcgt, um den ewigen Kain zu wecken.<\/em> (7)<\/p>\n\n\n\n<p><br><em>Kain dr\u00e4ngt<\/em> \u2026<em> grenzenlos nach Geltung. Alles, was Wert hat, will er in Besitz nehmen und seine Macht im Haben und Sein ma\u00dflos vermehren. <\/em>(8)<\/p>\n\n\n\n<p><br><em>Der Kain ist an erster Stelle nicht durch Aggression, sondern durch seine Affekte und sein Ich gekennzeichnet. Affektiv staut der Kain Wut und Ha\u00df, Neid und Eifersucht, Zorn und Rache \u2026 bis zur Explosion in sich auf. <\/em>(17)<\/p>\n\n\n\n<p><br><em>Nur selten treten Gestalten auf die Weltb\u00fchne, die den Kain wiedergutmachen wollen, meistens, nach dem sie selber kainitisch gehandelt haben. Diese Gegenf\u00fc\u00dfler Kains bringen das Gesetz gegen das T\u00f6ten. Wir nennen sie symbolisch Mose\u2013Gestalten. Sie sind die Gesetzgeber in der Religion, im Staat, in Kunst und Wissenschaft.<\/em> (8)<\/p>\n\n\n\n<p><br><em>Diese st\u00e4rkere Abel-Anlage kam sp\u00e4ter in Mose zur Manifestation, nachdem er seine Kain-Natur ausgelebt hatte.<\/em> (12)<\/p>\n\n\n\n<p><br><em>Gut und B\u00f6se, Heiligkeit und Unreinheit bilden miteinander keine sich wechselseitig ausschlie\u00dfenden, kontradiktorischen, sondern sich erg\u00e4nzende, komplement\u00e4re Gegens\u00e4tzlichkeiten.<\/em> (11)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>9. Br\u00fcder<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201cAs someone who survived the darkest chapter of our shared history, I know what it means to be stripped of dignity, of land, of home. That is why I remain steadfast in my commitment to the Palestinian people. Their struggle for freedom, justice, and return is not separate from mine. It is a part of the same cry for humanity. I will not be silent while oppression persists. Liberation is not a gift we wait for, it is a right we demand together.\u201d <\/em>(Stephen Kapos)<br><\/p>\n\n\n\n<p>An demselben Ort wie im IV. Kapitel Buches \u05d1\u05b0\u05bc\u05e8\u05b5\u05d0\u05e9\u05b4\u05c1\u05d9\u05ea wird auch im Jahr 2025 Abel von Kain<br>get\u00f6tet. Und am selben Ort \u00abklagen flatternde Seelen durch dumpfe Herzen\u00bb. Warum haben<br>sich dort die Br\u00fcder erschlagen? <\/p>\n\n\n\n<p>In diese Finsternis hinein klingt klagend das helle a: <em>\u00abWarum?\u00bb<\/em><\/p>\n\n\n<ol class=\"wp-block-footnotes\"><li id=\"cd97ced1-4319-4729-9908-1f1da72ccf00\">Ein \u00e4hnliches Kompositum finden wir in \u00abDavid und Jonathan\u00bb: Die \u00abS\u00fc\u00dfnacht\u00bb <a href=\"#cd97ced1-4319-4729-9908-1f1da72ccf00-link\" aria-label=\"Zur Fu\u00dfnotenreferenz 1 navigieren\">\u21a9\ufe0e<\/a><\/li><li id=\"81a44f0e-d7d4-4bd6-969e-46eb921e90c0\">Eine freilich von Storm poetisch erfundene Untergattung der Spezies Gans. <a href=\"#81a44f0e-d7d4-4bd6-969e-46eb921e90c0-link\" aria-label=\"Zur Fu\u00dfnotenreferenz 2 navigieren\">\u21a9\ufe0e<\/a><\/li><li id=\"1a43b84d-a463-4e8d-95c3-f55792e66c57\">3SZONDI, L\u00e9opold, Schicksalsanalyse, Basel \/ Bern 1947 <a href=\"#1a43b84d-a463-4e8d-95c3-f55792e66c57-link\" aria-label=\"Zur Fu\u00dfnotenreferenz 3 navigieren\">\u21a9\ufe0e<\/a><\/li><li id=\"1a44639a-54f4-44ba-b63c-eae86ec15208\">SZONDI, L\u00e9opold, Kain \u2013 Gestalten des B\u00f6sen, Bern \/ Stuttgart \/ Wien 1969. Alle Zitate sind entnommen aus diesem Buch. Die Zahlen hinter den Zitaten beziehen sich auf die Seitenzahlen in diesem Band. <a href=\"#1a44639a-54f4-44ba-b63c-eae86ec15208-link\" aria-label=\"Zur Fu\u00dfnotenreferenz 4 navigieren\">\u21a9\ufe0e<\/a><\/li><\/ol>\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"719\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2025\/10\/Du\u0308rer_KainAbel-719x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1907\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2025\/10\/Du\u0308rer_KainAbel-719x1024.jpg 719w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2025\/10\/Du\u0308rer_KainAbel-211x300.jpg 211w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2025\/10\/Du\u0308rer_KainAbel-768x1093.jpg 768w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2025\/10\/Du\u0308rer_KainAbel.jpg 885w\" sizes=\"auto, (max-width: 719px) 100vw, 719px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-blue-color has-text-color has-link-color wp-elements-30b1229e46825f4208a27788aeedb696\">PD Dr. Mathias Kissel ist Privatdozent am Evangelischen Institut der Universit\u00e4t Paderborn.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beobachtungen am Gedicht Abel aus den Hebr\u00e4ischen Balladen(1913) (nach Gen \/\u05d1\u05b0\u05bc\u05e8\u05b5\u05d0\u05e9\u05b4\u05c1\u05d9\u05ea IV) von Else Lasker-Sch\u00fcler (1869 \u2013 1945) Einleitung Im folgenden m\u00f6chte ich ein paar Beobachtungen an Else Lasker-Sch\u00fclers Gedicht Abel aus dem Gedichtzyklus der Hebr\u00e4ischen Balladen protokollieren.Wer ist Abel? &hellip; <a href=\"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/2025\/10\/17\/das-stuerzende-bild\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":9271,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"[{\"id\":\"cd97ced1-4319-4729-9908-1f1da72ccf00\",\"content\":\"Ein \\u00e4hnliches Kompositum finden wir in \\u00abDavid und Jonathan\\u00bb: Die \\u00abS\\u00fc\\u00dfnacht\\u00bb\"},{\"id\":\"81a44f0e-d7d4-4bd6-969e-46eb921e90c0\",\"content\":\"Eine freilich von Storm poetisch erfundene Untergattung der Spezies Gans.\"},{\"id\":\"1a43b84d-a463-4e8d-95c3-f55792e66c57\",\"content\":\"3SZONDI, L\\u00e9opold, Schicksalsanalyse, Basel \\\/ Bern 1947\"},{\"id\":\"1a44639a-54f4-44ba-b63c-eae86ec15208\",\"content\":\"SZONDI, L\\u00e9opold, Kain \\u2013 Gestalten des B\\u00f6sen, Bern \\\/ Stuttgart \\\/ Wien 1969. 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