{"id":1814,"date":"2025-05-10T10:07:17","date_gmt":"2025-05-10T08:07:17","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/?p=1814"},"modified":"2025-05-10T10:07:17","modified_gmt":"2025-05-10T08:07:17","slug":"begegnung-mit-grenzen-eine-muslima-auf-dem-kirchentag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/2025\/05\/10\/begegnung-mit-grenzen-eine-muslima-auf-dem-kirchentag\/","title":{"rendered":"Begegnung mit Grenzen: Eine Muslima auf dem Kirchentag"},"content":{"rendered":"<div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_1814 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_1814')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_1814').socialSharePrivacy({\"txt_help\":\"Wenn Sie diese Felder durch einen Klick aktivieren, werden Informationen an Facebook, Twitter, Flattr, Xing, t3n, LinkedIn, Pinterest oder Google eventuell ins Ausland \\u00fcbertragen und unter Umst\\u00e4nden auch dort gespeichert. 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F\u00fcr mich als Muslimin war der Kirchentag stets ein beeindruckendes Gro\u00dfereignis, kommen doch zehntausende \u00fcberwiegend evangelische Christ:innen zusammen, um \u00fcber Glauben, Gesellschaft und die Herausforderungen unserer Zeit nachzudenken. Auf dem Programm standen in diesem Jahr \u00fcber 1500 Angebote, von Bibelarbeiten \u00fcber Podien, Konzerten und Workshops bis hin zu kreativen und spirituellen Formaten wie Friedensgebeten, Nachtcaf\u00e9s oder Stadtpilgerwegen. Die Vielfalt war gerade f\u00fcr mich als Muslima zugleich faszinierend und herausfordernd.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie bereits an anderen Kirchentagen zuvor war ich auch dieses Mal eingeladen, selbst aktiv teilzunehmen: Als muslimische Referentin durfte ich zun\u00e4chst gemeinsam mit einer j\u00fcdischen Rabbinerin und einem christlichen Theologen eine trialogische Bibelarbeit zu Jeremia 29,1\u201314 gestalten. Der gemeinsame Blick auf den biblischen Text, die Auseinandersetzung mit Jeremia \u2013 den der Koran nicht als Propheten kennt \u2013 und unsere unterschiedlichen Herangehensweisen machten deutlich: Dialog ist m\u00f6glich. Voraussetzung daf\u00fcr ist jedoch, dass wir bereit sind, nicht nur nebeneinander zu sprechen, sondern einander wirklich zuzuh\u00f6ren. Gerade in solchen Momenten zeigt sich, wie wichtig Empathie und Perspektivwechsel f\u00fcr ein gelingendes Miteinander sind. Es reicht nicht aus, die eigene Sichtweise eloquent zu vertreten \u2013 es braucht die Bereitschaft, sich auf das Denken, F\u00fchlen und Glauben der anderen einzulassen. Im Gespr\u00e4ch mit meinen j\u00fcdischen und christlichen Kolleg:innen war es bereichernd zu erleben, wie sich neue Zug\u00e4nge er\u00f6ffnen, wenn wir den Text durch die Augen der anderen betrachten. Dabei m\u00fcssen am Ende nicht alle Unterschiede aufgel\u00f6st werden \u2013 im Gegenteil: In der ehrlichen Benennung dessen, was uns verbindet und unterscheidet, liegt eine besondere Tiefe. Die Reaktionen des Publikums am Ende der Bibelarbeit verdeutlichten mir wieder einmal, wie gro\u00df das Bed\u00fcrfnis nach solchen Begegnungen ist \u2013 nach R\u00e4umen, in denen religi\u00f6se Vielfalt nicht als Problem, sondern als Ressource erfahrbar wird. Viele Zuh\u00f6rende \u00e4u\u00dferten Dankbarkeit f\u00fcr die Offenheit des Gespr\u00e4chs und die pers\u00f6nliche Bedeutung des Textes in unserer derzeit politisch sehr bewegten Zeit, in der Populismus und Polarisierung zunehmend auch religi\u00f6se Diskurse durchdringen. Als Muslima sp\u00fcrte ich in diesen Gespr\u00e4chen besonders deutlich, wie wichtig es ist, sich nicht in Abgrenzung zu verlieren, sondern gemeinsame Werte zu betonen, etwa Gerechtigkeit, Geduld, Hoffnung und Verantwortung f\u00fcr unsere Gesellschaft.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gleichzeitig war mir bewusst, dass ich als muslimische Stimme in einem mehrheitlich christlich gepr\u00e4gten Raum spreche \u2013 eingeladen, geh\u00f6rt, aber doch auch fremd. Ich bringe eine andere religi\u00f6se Sprache mit, eine andere spirituelle Praxis, andere Erfahrungen mit gesellschaftlicher Wahrnehmung und auch mit Ausgrenzung. Dass ich als Muslima auf einem Evangelischen Kirchentag eine Bibelarbeit mitgestalten darf, ist ein starkes Zeichen. Doch es bleibt ein Spannungsfeld: zwischen Mitgestaltung und Gaststatus, zwischen echter Teilhabe und symbolischer Repr\u00e4sentation.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Befl\u00fcgelt von der erlebten positiven Resonanz ging es danach f\u00fcr mich weiter mit dem Thema Gendergerechtigkeit, auch hier in trialogischer Perspektive im christlich-j\u00fcdischen Lehrhaus. Ein Vorfall auf dem Podium dort hat mich tief irritiert: Eine Besucherin \u00e4u\u00dferte sich offen abwertend \u00fcber die religi\u00f6se Kleidung von muslimischen Frauen und damit auch meine eigene. Hier lag also kein sachlicher Beitrag vor, sondern eine \u00fcbergriffige und rassistische Abwertung meiner Person, wie ich sie in \u00e4hnlicher Form leider schon viel zu oft erlebt habe.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr mich wurde deutlich, dass eine muslimische Stimme wie meine zwar auf dem Kirchentag pr\u00e4sent war, aber auch in eine erkl\u00e4rende Rolle gedr\u00e4ngt wurde. Wenn ich eingeladen werde, m\u00f6chte ich aber NICHT als Vertreterin DES Islam sprechen, m\u00f6chte mich nach drei\u00dfig Jahren nicht immer wieder f\u00fcr meine Bekleidungsvorlieben verantworten m\u00fcssen. Und schon gar nicht in einem Forum, das genau das auch zum Thema gemacht hatte. Als Muslimin, die sich seit Jahren im interreligi\u00f6sen Dialog einbringt, schmerzte diese Erfahrung besonders an einem Ort, den ich mit Vertrauen, Offenheit, dem Bem\u00fchen um Gerechtigkeit und gesellschaftlicher Verantwortung verbinde. Es stellt sich die Frage: Wer \u00fcbernimmt Verantwortung, wenn R\u00e4ume, die als sicher gelten sollen, es in der Realit\u00e4t nicht sind? Wer sch\u00fctzt marginalisierte Stimmen \u2013 und wer schweigt, wenn sie angegriffen werden?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Kirchentag ist ein starkes Zeichen zivilgesellschaftlichen und religi\u00f6sen Engagements. Er hat mir gezeigt, wie herausfordernd echter interreligi\u00f6ser Dialog immer noch ist und durch das Erstarken der Rechten in unserer Gesellschaft auch bleiben wird. Es braucht Mut \u2013 und davon war in Hannover viel zu sp\u00fcren. Vielleicht wird der n\u00e4chste Schritt sein, dass dieser Mut auch darin besteht, den Dialog jenseits der intellektuellen Ebene st\u00e4rker mit dem Dialog des Lebens zu f\u00fcllen \u2013 einem Dialog, der Schutz, Anerkennung und Augenh\u00f6he nicht nur verspricht, sondern verl\u00e4sslich einl\u00f6st.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"771\" src=\"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2025\/05\/Kirchentag-1-1024x771.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1815\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2025\/05\/Kirchentag-1-1024x771.jpg 1024w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2025\/05\/Kirchentag-1-300x226.jpg 300w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2025\/05\/Kirchentag-1-768x578.jpg 768w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2025\/05\/Kirchentag-1-1536x1157.jpg 1536w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2025\/05\/Kirchentag-1-398x300.jpg 398w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2025\/05\/Kirchentag-1.jpg 2040w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-blue-color has-text-color has-link-color wp-elements-4190b1b5f9a707fe2c1843c1d6573d72 wp-block-paragraph\">Jun.-Prof. Dr. Naciye Kamcili-Yildiz ist Professorin im Fachbereich Islamische Religionsp\u00e4dagogik und ihre Fachdidaktik am Paderborner Institut f\u00fcr Islamische Theologie.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">#Kirchentag\u00a0 # interreligi\u00f6ser Dialog #antimuslimischer Rassismus<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der 39. 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