{"id":1810,"date":"2025-04-18T19:16:48","date_gmt":"2025-04-18T17:16:48","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/?p=1810"},"modified":"2025-05-10T10:10:58","modified_gmt":"2025-05-10T08:10:58","slug":"die-menschheitsfamilie-und-der-begriff-der-umma-islamische-perspektiven-im-interreligioesen-dialog","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/2025\/04\/18\/die-menschheitsfamilie-und-der-begriff-der-umma-islamische-perspektiven-im-interreligioesen-dialog\/","title":{"rendered":"Die Menschheitsfamilie und der Begriff der Umma \u2013 Islamische Perspektiven im interreligi\u00f6sen Dialog"},"content":{"rendered":"<div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_1810 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_1810')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_1810').socialSharePrivacy({\"txt_help\":\"Wenn Sie diese Felder durch einen Klick aktivieren, werden Informationen an Facebook, Twitter, Flattr, Xing, t3n, LinkedIn, Pinterest oder Google eventuell ins Ausland \\u00fcbertragen und unter Umst\\u00e4nden auch dort gespeichert. 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Menschheitsfamilie\u201c, sagte Annette Schavan. \u201eWo kann man so einen sch\u00f6nen Begriff haben au\u00dfer im Kontext der Religion?\u201c, setzte die ehemalige Bundesministerin f\u00fcr Bildung und Forschung am 11. April 2025 in einem Interview zum Jahresempfang der Bischofskonferenz in Hamburg fort. \u201eMenschheitsfamilie\u201c war auch das Thema der Botschaft von Papst Benedikt XVI. zum Weltfriedenstag 2008 in Rom, wo der Papst sich auf das Zweite Vatikanische Konzil bezog und hervor hob, dass alle V\u00f6lker eine einzige Gemeinschaft bilden, da sie denselben Ursprung \u2013 n\u00e4mlich die Sch\u00f6pfung durch Gott \u2013 und dasselbe letztendliche Ziel \u2013 die Vereinigung mit Gott \u2013 teilen. F\u00fcr Benedikt XVI. verk\u00f6rperte die \u201aMenschheitsfamilie\u2018 somit eine universale Gemeinschaft des Friedens, die auf der gemeinsamen Abstammung und dem gemeinsamen Ziel der Menschheit gr\u00fcndet.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Vorstellung ist jedoch keineswegs exklusiv christlich. Auch der islamische Glaube kennt eine zentrale Kategorie, die in vielfacher Hinsicht an diese Idee anschlie\u00dft \u2013 die \u201eUmma\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Umma: Zwischen spiritueller Gemeinschaft und m\u00fctterlicher Verbundenheit<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im Islam verk\u00f6rpert der Begriff \u201eUmma\u201c das Verst\u00e4ndnis einer ethisch-spirituellen Gemeinschaft. Doch er reicht weit \u00fcber das hinaus, was moderne \u00dcbersetzungen wie \u201eGemeinschaft\u201c, \u201eVolk\u201c oder \u201eNation\u201c zu vermitteln verm\u00f6gen. Sprachlich leitet sich \u201eUmma\u201c von \u201eUmm\u201c ab \u2013 dem arabischen Wort f\u00fcr Mutter. Diese etymologische Verbindung verleiht dem Begriff eine zus\u00e4tzliche Tiefe: So wie die Mutter f\u00fcr F\u00fcrsorge, Urspr\u00fcnglichkeit und Verbundenheit steht, so beschreibt auch die Umma nicht nur eine organisatorische Einheit, sondern einen geistigen Ort der Geborgenheit, Verantwortung und Zugeh\u00f6rigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Umma ist demnach mehr als eine konfessionell gebundene Gemeinschaft \u2013 sie ist ein m\u00fctterliches Prinzip im Denken des Islam, das getragen ist von gegenseitiger Verantwortung, Schutz, moralischer Verpflichtung und spiritueller N\u00e4he. Diese Dimension geht in politischen oder nationalen Lesarten oft verloren, ist jedoch zentral f\u00fcr das Selbstverst\u00e4ndnis islamischer Gemeinschaften.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Koran erscheint der Begriff Umma in verschiedenen Bedeutungsfeldern: Mal bezeichnet er die Gemeinschaft der Muslime, mal die Gesamtheit der Gl\u00e4ubigen in einem universaleren Sinn. In jedem Fall aber steht er f\u00fcr eine Einheit, die durch den Glauben an Gott und durch ethisches Handeln konstituiert wird. Die islamische Theologie begreift den Menschen als Kalifen \u2013 als Stellvertreter Gottes auf Erden \u2013 der gemeinsam mit anderen Menschen Verantwortung f\u00fcr die Sch\u00f6pfung tr\u00e4gt. Die Scharia als ethisch-rechtliche Ordnung dient dabei nicht nur der Regelung individueller Pflichten, sondern soll die Grundlagen f\u00fcr eine gerechte und solidarische Gesellschaft schaffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Zentrum dieser Ordnung steht die Umma: eine Gemeinschaft, die auf gemeinsamen Werten, gegenseitiger F\u00fcrsorge und der Verpflichtung zur Wahrhaftigkeit aufbaut. Ein besonders sch\u00f6ner Ausdruck dieser Vorstellung findet sich in Koran 23:52, in der es \u2013 nach der Erw\u00e4hnung von Moses, Jesus und Maria \u2013 hei\u00dft: <em>\u201eDiese ist eure Umma, eine einheitliche Umma, und Ich bin euer Herr,<\/em> <em>so handelt ehrf\u00fcrchtig Mir gegen\u00fcber! \u201c <\/em>(kalligraphisches Bild: \u0648\u0623\u0646 \u0647\u0630\u0647 \u0623\u0645\u062a\u0643\u0645 \u0627\u0645\u0629 \u0648\u0627\u062d\u062f\u0629 \u0648\u0623\u0646\u0627 \u0631\u0628\u0643\u0645 \u0641\u0627\u062a\u0642\u0648\u0646)<\/p>\n\n\n\n<p>Hier wird deutlich, dass die g\u00f6ttliche Ordnung keine Exklusivit\u00e4t kennt. Alle Gesandten Gottes und ihre Anh\u00e4nger bilden eine Einheit \u2013 getragen vom gemeinsamen Ursprung und Ziel. Die Umma wird so zur Ausdrucksform einer Menschheitsfamilie, die sich durch Glauben, Gerechtigkeit und gegenseitige Verantwortung definiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese inklusive Vision wurde bereits in der Fr\u00fchzeit des Islam politisch konkret. Nach seiner Auswanderung nach Medina im Jahr 622 verfasste der Prophet Muhammad das sogenannte Medina-Dokument \u2013 eine Art Verfassung f\u00fcr die multiethnische und multireligi\u00f6se Stadtgemeinschaft. Darin hei\u00dft es bemerkenswerterweise: <em>\u201eDie Muslime und die Juden bilden eine gemeinsame Umma.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Satz sprengte das konfessionelle Verst\u00e4ndnis von Gemeinschaft und legte den Grundstein f\u00fcr ein fr\u00fchislamisches Modell des interreligi\u00f6sen Zusammenlebens. Die Umma wurde hier nicht \u00fcber den Glauben allein definiert, sondern \u00fcber gegenseitige Verantwortung, Schutz und soziale Ordnung.&nbsp; Das Medina-Dokument ist damit ein fr\u00fches Zeugnis f\u00fcr die F\u00e4higkeit des Islam, Gemeinschaft auch in religi\u00f6ser Vielfalt zu denken \u2013 eine F\u00e4higkeit, die im interreligi\u00f6sen Dialog der Gegenwart neue Aktualit\u00e4t gewinnt.<\/p>\n\n\n\n<p>In zeitgen\u00f6ssischen theologischen Debatten wird der Begriff Umma zunehmend unter neuen Perspektiven beleuchtet. So argumentiert der islamische Gelehrte Shahin in seinem Beitrag <em>\u201eVom theologischen Konstrukt zum globalen Akteur?\u201c<\/em> (im Sammelband <em>Kirche und Umma<\/em>, 2014), dass die Umma nicht l\u00e4nger ausschlie\u00dflich theologisch-normativ interpretiert werden d\u00fcrfe. Er pl\u00e4diert f\u00fcr eine \u00d6ffnung hin zu einem ethischen, globalen Begriff von Gemeinschaft, in dem alle Menschen \u2013 unabh\u00e4ngig von Religion \u2013 Teil einer Menschheits-Umma sein k\u00f6nnen, sofern sie sich zu gemeinsamen Werten wie Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Frieden bekennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleichzeitig verweist er auf die Herausforderungen eines solchen Paradigmenwechsels: Die theologische Aufladung des Begriffs sei tief verankert, ein neutraler Gebrauch noch nicht voll etabliert. Doch Shahins Ansatz zeigt, dass die Umma Potenzial f\u00fcr inklusives Denken birgt, und dass ein Dialog \u00fcber ihre Bedeutung dringend notwendig ist.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Schlussgedanken: Umma als Wegweiser f\u00fcr eine pluralistische Zukunft<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In einer Welt, die zunehmend durch gesellschaftliche Spaltungen, religi\u00f6se Abgrenzungen und Identit\u00e4tsk\u00e4mpfe gepr\u00e4gt ist, kann die Umma \u2013 in ihrer urspr\u00fcnglichen, spirituell gepr\u00e4gten Bedeutung \u2013 zu einem Leitbild f\u00fcr Vers\u00f6hnung und gegenseitige Anerkennung werden. Die Verbindung zur Wurzel <em>\u201eUmm\u201c<\/em> erinnert uns daran, dass wahre Gemeinschaft nicht durch Abgrenzung, sondern durch F\u00fcrsorge, Vertrauen und Verantwortung entsteht.<\/p>\n\n\n\n<p>So wie eine Mutter ihr Kind nicht nach Status, Herkunft oder Leistung liebt, sondern allein um seiner selbst willen, so l\u00e4dt uns die Idee der Umma dazu ein, auch unsere Mitmenschen als Geschwister in der Sch\u00f6pfung zu erkennen. Wenn wir diese tiefere Dimension des Umma-Begriffs annehmen, k\u00f6nnen wir \u2013 \u00fcber den islamisch-christlichen Dialog hinaus \u2013 zu einer truly interreligi\u00f6sen und menschenzentrierten Verst\u00e4ndigung gelangen: Eine Verst\u00e4ndigung, die nicht auf Ausgrenzung, sondern auf Verbundenheit in Vielfalt gr\u00fcndet, und die die Menschheitsfamilie nicht nur als sch\u00f6nes Ideal beschreibt, sondern praktisch erfahrbar macht.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"526\" height=\"509\" src=\"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2025\/04\/Koran_23.52.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1811\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2025\/04\/Koran_23.52.jpg 526w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2025\/04\/Koran_23.52-300x290.jpg 300w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2025\/04\/Koran_23.52-310x300.jpg 310w\" sizes=\"auto, (max-width: 526px) 100vw, 526px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-blue-color has-text-color has-link-color wp-elements-edc376cbbef264e6b494523d718a27c7\">Dr. Mohammed Abdelrahem ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Paderborner Institut f\u00fcr Islamische Theologie und am Zentrum f\u00fcr Komparative Theologie und Kulturwissenschaften.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eReligionen besch\u00e4ftigen sich mit wundervollen Begriffen, mit denen man nirgendswo anders begegnet ist, wie z.B. 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