{"id":1802,"date":"2025-04-04T10:16:25","date_gmt":"2025-04-04T08:16:25","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/?p=1802"},"modified":"2025-04-04T10:20:54","modified_gmt":"2025-04-04T08:20:54","slug":"in-die-andere-richtung-jetzt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/2025\/04\/04\/in-die-andere-richtung-jetzt\/","title":{"rendered":"&#8222;In die andere Richtung jetzt&#8220;"},"content":{"rendered":"<div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_1802 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_1802')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_1802').socialSharePrivacy({\"txt_help\":\"Wenn Sie diese Felder durch einen Klick aktivieren, werden Informationen an Facebook, Twitter, Flattr, Xing, t3n, LinkedIn, Pinterest oder Google eventuell ins Ausland \\u00fcbertragen und unter Umst\\u00e4nden auch dort gespeichert. 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Tats\u00e4chlich ist den gelungenen Abend selbstverst\u00e4ndlich Navid Kermani, nicht zuletzt aber meinen Kollegen Yael Attia und Mohammed Abdelrahem zu verdanken, die das Buch verschlungen und sich gemeinsam mit mir Fragen \u00fcberlegt hatten, welche Interesse wecken sollten und Theologie und Gesellschaft ins Gespr\u00e4ch bringen sollten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Beim Lesen des Buches f\u00e4llt der Tagebuchcharakter seines Schreibens stark auf. Auf der einen Seite scheinen Teile schnell und mit wenig Reflexion geschrieben zu sein. Auf der anderen Seite begegnen Passagen, in denen er dann tiefgr\u00fcndig \u00fcber philosophische Themen wie Identit\u00e4t oder Menschenw\u00fcrde reflektiert. An vielen Stellen reflektiert Kermani mit einem starken Bewusstsein f\u00fcr kulturelle Normen und kulturpolitische Gedanken. So schreibt Kermani \u00fcber seine eigenen Vorurteile in Gedanken \u00fcber eine Beobachtung, dass die Menschen, die er begegnet, ein starkes Rhythmusgef\u00fchl haben: \u201eIst es rassistisch, wenn ich so denke? Schwarzen liegt die Musik und so weiter? Das ist es wohl und doch ist es, was ich denke\u201c (S. 54). Kermani kommt zu dem Schluss, dass man trotz aller Versuche, nicht rassistisch sein zu wollen, Menschen doch h\u00e4ufig nicht anders k\u00f6nnten, weil sie gelernt haben, so Kermani, Dinge zu verallgemeinern und zu kategorisieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kermani spricht einen kultursensiblen Punkt aus, der im Hinblick auf die Arbeit mit anderen religi\u00f6sen Traditionen in der Komparativen Theologie und der <em>postcolonial critique<\/em> bereits so hinreichend reflektiert wurde, dass wir uns in einer Zeit der <em>critique on the post-colonial critique <\/em>befinden. Wenn die notwendigen Kategorien, die wir uns schaffen, um Dinge zu beschreiben, nicht funktionieren, ja selbst das Kategorisieren an sich bereits ein Problem ist, dann verlieren wir eine wichtige heuristische akademische Funktion, die uns erm\u00f6glicht, Wissen zu produzieren. Forscher wie Catherine Bell pl\u00e4dieren daher, sich den Kategorien bewusst zu sein, und sensibel mit ihnen umzugehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In meiner Zeit in den USA habe ich im akademischen Kontext die Notwendigkeit kultureller Sensibilit\u00e4t, vor allem im Hinblick auf den Rassismus, auf eine ganz neue Art kennengelernt. W\u00e4hrend in Deutschland nach 1945 gesetzlich der Versuch unternommen wurde (mit der Betonung auf <em>Versuch<\/em>), Menschenrechte so in das Grundgesetz zu verankern, dass jegliche Form der systemischen Diskriminierung im Keim erstickt wird, ist der Rassismus systemisch tief im US-amerikanischen System verwurzelt. Ein kleines Beispiel zur Verdeutlichung: Die Rassentrennung (engl. <em>segregation<\/em>) ist noch immer mit Blick auf Landkarten zu finden \u2013 ganze St\u00e4dte findet man, die Anfang des 20. Jahrhunderts als \u201ewei\u00df\u201c konzipiert wurden, und in denen es f\u00fcr Afroamerikaner aufgrund der Einkommensschwellen nahezu unm\u00f6glich ist, zu wohnen. Diese Realit\u00e4t spiegelt sich im amerikanischen Kontext wider. Zwei Dinge habe ich in diesem Kontext in Gespr\u00e4chen mit meinen akademischen Kolleg:innen gelernt. Zum einen ist es wichtig, dass ich mir als wei\u00dfer Mann eingestehen muss, dass es mir unm\u00f6glich ist, nicht rassistisch zu sein. Schon die Tatsache, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass Afroamerikaner eine \u00e4hnliche Berufslaufbahn unter sehr erschwerten Bedingungen durchlaufen als ich, einfach nur, weil sie Afroamerikaner sind, l\u00e4sst mich notwendigerweise in eine Situation der Ignoranz geraten. Die Tatsache, dass ich mich bei der Organisation eines akademischen Panels auf der <em>American Academy of Religion<\/em> mit der Frage auseinandersetzen muss, ob ich einen Repr\u00e4sentanten \u201eof color\u201c habe, macht es mir unm\u00f6glich, nicht in Rassenkategorien zu denken. Ein solches Denken ist paradoxerweise, auch wenn ich es f\u00fcr notwendig halte, rassistisch, insofern, als dass ich in dieser Kategorie denken muss, um nicht rassistisch zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zweitens habe ich gelernt, sensibel aus dem Zentrum einer Diskussion zu ihrem Rand zu gehen. Mein Kollege Byron Wratee hat mich gelehrt, dass in jeglichen Formen des&nbsp; Dialogs \u2013 dabei ist es gleichg\u00fcltig, ob nun im akademischen Raum, im interreligi\u00f6sen Dialog, oder in einem trivialen Gespr\u00e4ch in einer gr\u00f6\u00dferen Gruppe \u2013 f\u00fcr mich die M\u00f6glichkeit besteht, mich zur\u00fcckzunehmen und jemandem \u201eof color\u201c den Raum zu bieten, seine Position einzubringen und wertzusch\u00e4tzen. Dieses Konzept nennt sich \u201eDezentralisierung.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Rassismus, wie jegliche Form der Diskriminierung, ist auch in Deutschland immer ein gesellschaftliches Thema. Auch wenn sich der afrikanische Sklavenhandel in Deutschland nicht in demselben Ma\u00dfe wie in den Vereinigten Staaten etabliert hat, sind Segregationen auch hier sichtbar (ob nun aufgrund von Fl\u00fcchtlingscamps oder aufgrund der st\u00e4dtischen Verteilung von Asylanten auf bestimmte Umgebungen. Rassismus, wenn auch weniger systemisch, ist t\u00e4glich sp\u00fcrbar. Manchmal habe ich den Eindruck, dass wir aufgrund unserer intensiven, wichtigen und richtigen Auseinandersetzung mit dem Holocaust in den vergangenen 50 Jahren den Fokus auf systemischen Rassismus in Deutschland etwas vernachl\u00e4ssigt haben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Navid Kermanis Auffassung, dass er rassistisch denkt, wenn er die Menschen in ostafrikanischen L\u00e4ndern f\u00fcr musikalisch h\u00e4lt, ist korrekt. Ein solches Denken ist eine Stereotypisierung und auf eine gewisse Weise rassistisch. Anstelle einer blo\u00dfen Hinnahme dieser Kategorie im Hinblick auf die Musik, ergibt sich hieraus ein Potenzial, diese Kategorie aufzubrechen und aus der Situation zu lernen und die Musikalit\u00e4t wertzusch\u00e4tzen. Kermani bestand darauf, Am Ende seiner Lesung das Lied <em>Y\u00e8k\u00e8rmo S\u00e8w<\/em> von Mulatu Astatke, einem renommierten Jazz-Musiker aus \u00c4thiopien, einzuspielen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2025\/04\/markus-spiske-QozzJpFZ2lg-unsplash-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1803\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2025\/04\/markus-spiske-QozzJpFZ2lg-unsplash-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2025\/04\/markus-spiske-QozzJpFZ2lg-unsplash-300x200.jpg 300w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2025\/04\/markus-spiske-QozzJpFZ2lg-unsplash-768x512.jpg 768w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2025\/04\/markus-spiske-QozzJpFZ2lg-unsplash-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2025\/04\/markus-spiske-QozzJpFZ2lg-unsplash-2048x1365.jpg 2048w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2025\/04\/markus-spiske-QozzJpFZ2lg-unsplash-450x300.jpg 450w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-blue-color has-text-color has-link-color wp-elements-132925dd429c7a29c70a4066af3b2c7d wp-block-paragraph\">Dr. Domenik Ackermann ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum f\u00fcr Komparative Theologie und Kulturwissenschaften.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 26. 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