{"id":1757,"date":"2025-01-24T12:32:26","date_gmt":"2025-01-24T11:32:26","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/?p=1757"},"modified":"2025-01-24T12:32:26","modified_gmt":"2025-01-24T11:32:26","slug":"gucken-sie-nach-vorne-und-bewaeltigen-sie-die-gegenwart","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/2025\/01\/24\/gucken-sie-nach-vorne-und-bewaeltigen-sie-die-gegenwart\/","title":{"rendered":"\u201eGucken Sie nach vorne und bew\u00e4ltigen Sie die Gegenwart.\u201c"},"content":{"rendered":"<div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_1757 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_1757')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_1757').socialSharePrivacy({\"txt_help\":\"Wenn Sie diese Felder durch einen Klick aktivieren, werden Informationen an Facebook, Twitter, Flattr, Xing, t3n, LinkedIn, Pinterest oder Google eventuell ins Ausland \\u00fcbertragen und unter Umst\\u00e4nden auch dort gespeichert. N\\u00e4heres erfahren Sie durch einen Klick auf das <em>i<\\\/em>.\",\"settings_perma\":\"Dauerhaft aktivieren und Daten\\u00fcber-tragung zustimmen:\",\"info_link\":\"http:\\\/\\\/www.heise.de\\\/ct\\\/artikel\\\/2-Klicks-fuer-mehr-Datenschutz-1333879.html\",\"uri\":\"https:\\\/\\\/blogs.uni-paderborn.de\\\/zekkblog\\\/2025\\\/01\\\/24\\\/gucken-sie-nach-vorne-und-bewaeltigen-sie-die-gegenwart\\\/\",\"post_id\":1757,\"post_title_referrer_track\":\"%E2%80%9EGucken+Sie+nach+vorne+und+bew%C3%A4ltigen+Sie+die+Gegenwart.%E2%80%9C\",\"display_infobox\":\"on\"});}});\n\/* ]]> *\/<\/script><\/div>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der mehrfach ausgezeichnete Kurzfilm \u201eMasel Tov Cocktail\u201c (2020, derzeit in der ARD-Mediathek abrufbar) zeigt am Beispiel des Protagonisten Dimitri Lieberman (Dima) eindrucksvoll, mit welchen Herausforderungen, Stereotypen und Vorurteilen Menschen j\u00fcdischen Glaubens in Deutschland konfrontiert werden. Der Film beleuchtet dabei nicht nur die individuellen Erfahrungen von J\u00fcdinnen*Juden, sondern h\u00e4lt auch der deutschen Gesellschaft einen Spiegel vor, indem er subtile wie offene Formen von Antisemitismus kritisch hinterfragt und in ihren historischen wie aktuellen Kontext stellt. Gegen Ende des Films widmet sich Dima dem Thema \u201eErinnern und Gedenken\u201c und stellt am Beispiel der Stolpersteine als Erinnerungssymbole f\u00fcr die Vergangenheit die Frage, ob wirklich alles aufgearbeitet ist. Seine Antwort darauf ist eindeutig: \u201e<a href=\"https:\/\/www.ardmediathek.de\/video\/film\/masel-tov-cocktail\/swr\/Y3JpZDovL3N3ci5kZS9hZXgvbzIxMDQ4NjU\">Ich habe da einen Tipp f\u00fcr Sie. Gucken Sie nach vorne und bew\u00e4ltigen Sie die Gegenwart. [\u2026] Ach ja, die neuen Nazis, aber mit ihnen hat es ja nichts zu tun, oder?\u201c<\/a> Mit der Neuen Rechten hat auch die Forderung nach einem \u201eSchlussstrich\u201c unter die Erinnerungskultur an die Zeit des Nationalsozialismus Einzug gehalten, \u2013 ein Anliegen, dem angeblich mittlerweile mehr als die H\u00e4lfte der Deutschen zustimmen soll. Die Gefahren einer solchen Verdr\u00e4ngung werden jedoch deutlich, etwa durch Dimas Notwehrhaltung gegen die antisemitische Provokation seines Mitsch\u00fclers Tobias auf der Schultoilette oder durch die Begegnung mit seinem Gro\u00dfvater am Stand einer blauen Partei, die unverkennbar der Alternative f\u00fcr Deutschland (AfD) \u00e4hnelt. Diese Partei instrumentalisiert J\u00fcdinnen*Juden unter dem Vorwand der Antisemitismusbek\u00e4mpfung, w\u00e4hrend sie tats\u00e4chlich antimuslimischen Rassismus normalisiert. Auch die Ergebnisse der amerikanischen NGO Anti-Defamation League (ADL) zeigen eindringlich, wohin eine unzureichende Auseinandersetzung mit der Geschichte f\u00fchren kann. Sie kommt der <em>J\u00fcdischen Allgemeinen<\/em> zufolge \u201e<a href=\"https:\/\/www.juedische-allgemeine.de\/politik\/46-prozent-aller-erwachsenen-auf-der-welt-haben-antisemitische-ansichten\/\">zu einem alarmierenden Ergebnis: Fast die H\u00e4lfte aller Erwachsenen auf der Welt soll antisemitische Ansichten haben.<\/a>\u201c Weiterhin wird berichtet, dass jede*r F\u00fcnfte noch nie vom Holocaust geh\u00f6rt habe \u2013 eine ersch\u00fctternde Tatsache, insbesondere im Hinblick auf den bevorstehenden 80. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und so ist tats\u00e4chlich nicht ausgeschlossen, dass es unter den AfD-W\u00e4hler*innen und Sympathisant*innen wom\u00f6glich einige Menschen gibt, die sich bei den j\u00fcngst von der AfD in Karlsruhe verteilten niedertr\u00e4chtigen \u201eAbschiebetickets\u201c nicht an die \u201eZugtickets\u201c erinnert f\u00fchlen, die die Nazis 1933 zur Ausreise aus Deutschland an J\u00fcdinnen*Juden verteilten. Ein Jahr nachdem eine Ver\u00f6ffentlichung des Recherchenetzwerks \u201eCorrectiv ein geheimes Treffen von Rechtsextremisten im November 2023 in Potsdam aufgedeckt hatte, bei dem konkrete Pl\u00e4ne zur Vertreibung von Millionen Menschen aus Deutschland ausgetauscht wurden, ist die mutma\u00dflich rechtsextreme Partei bundesweit im Umfrage-Hoch \u2013 und buhlt, teilweise erfolgreich, auch um die Gunst wertkonservativer Christ*innen und J\u00fcdinnen*Juden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dabei sind Erinnern und Gedenken als religi\u00f6se und theologische Basiskategorie innerhalb der Religionen tief verwurzelt. Sie sind dabei nicht allein eine konservierende Praxis, sondern eine tiefgehende ethische und metaphysische Verpflichtung, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander in eine produktive Spannung setzt. Walter Benjamins Konzept des \u201eEingedenkens\u201c verleiht dieser Perspektive eine radikale Tiefe, indem es das Erinnern als einen Akt der Rettung versteht: Es gilt, das Leid der Vergangenheit nicht nur zu bewahren, sondern es aus der Verg\u00e4nglichkeit zu erl\u00f6sen. Das Eingedenken widersetzt sich der linearen Geschichtserz\u00e4hlung und mahnt, dass jede Vergangenheit in den H\u00e4nden der Gegenwart liegt \u2013 nicht zur Verkl\u00e4rung, sondern zur Transformation.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In diesem Verst\u00e4ndnis ist das Erinnern nicht blo\u00df retrospektiv, sondern zugleich gegenwarts- und zukunftsorientiert. Es fordert, die unterdr\u00fcckten Stimmen und Erfahrungen der Geschichte zu h\u00f6ren und ihre Forderungen in der Gegenwart wirksam werden zu lassen. Gerade die christliche Tradition verdeutlicht diese doppelte Ambivalenz: Sie war Tr\u00e4gerin einer Ethik der Solidarit\u00e4t, zugleich aber auch Ursprung und Verst\u00e4rker jahrhundertelanger Judenfeindschaft, die den modernen Antisemitismus und letztlich den Nationalsozialismus ideologisch vorbereitete. Hier zeigt sich die unerbittliche Forderung des Eingedenkens nach kritischer Selbstbefragung und der \u00dcberwindung jener Strukturen, die das Vergangene mit der Gegenwart verbinden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Vorstellung eines \u201eSchlussstrichs\u201c unter die Erinnerungskultur ist aus dieser Perspektive eine konzeptionelle Fehlannahme, ja eine ethische Zumutung. Sie reduziert das Erinnern auf ein historisches Relikt, das \u00fcberwunden werden soll, und verweigert ihm seine transformative Dimension. Benjamin mahnt, dass in einem solchen Bruch nicht Befreiung, sondern die Gefahr des Vergessens und der Wiederholung liegt. Erinnerung ist kein abgeschlossenes Kapitel, sondern ein immerw\u00e4hrendes Verh\u00e4ltnis, das sich in jedem Moment neu konstituiert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Religi\u00f6se Bildung tr\u00e4gt in diesem Spannungsfeld eine besondere Verantwortung. Sie darf Erinnerung nicht nur als rituelle Praxis vermitteln, sondern muss sie im Benjamin\u2019schen Sinne als dialektische Bewegung entfalten: ein fortw\u00e4hrender Versuch, das Vergangene in seiner Unabgeschlossenheit zu denken und aus ihm jene ethischen Verpflichtungen zu ziehen, die zur Gestaltung einer gerechteren Welt notwendig sind. Das \u201estetige Eingedenken des Leids\u201c wird so nicht zur Last, sondern zur Quelle einer radikalen Verantwortung, die das Vergangene mit einer besseren Zukunft vers\u00f6hnt \u2013 nicht durch Vergessen, sondern durch ein waches und sch\u00f6pferisches Erinnern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Angesichts der Verantwortung, die das Erinnern an die Vergangenheit mit sich bringt, ist die Teilnahme an der Bundestagswahl ein entscheidender Akt. Jede Stimme tr\u00e4gt dazu bei, eine Gesellschaft zu st\u00e4rken, die Antisemitismus, Geschichtsverf\u00e4lschung und Spaltung entgegenwirkt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Walter Benjamins Idee, dass die Vergangenheit in den H\u00e4nden der Gegenwart liegt, erinnert uns daran, dass politisches Handeln nicht nur unsere Zukunft pr\u00e4gt, sondern auch die Deutungshoheit \u00fcber unsere Geschichte. Ein \u201eSchlussstrich\u201c bedeutet das Risiko von Verdr\u00e4ngung und Wiederholung \u2013 eine Gefahr, der wir uns durch bewusste politische Entscheidungen entgegenstellen m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Wahl ist daher nicht nur ein Recht, sondern eine Verpflichtung: f\u00fcr eine Politik, die Erinnerungskultur sch\u00fctzt, Verantwortung ernst nimmt und eine gerechte, reflektierte Zukunft erm\u00f6glicht. Nutzen Sie diese Gelegenheit.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2025\/01\/BloKK_Erinnerung-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1758\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2025\/01\/BloKK_Erinnerung-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2025\/01\/BloKK_Erinnerung-300x225.jpg 300w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2025\/01\/BloKK_Erinnerung-768x576.jpg 768w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2025\/01\/BloKK_Erinnerung-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2025\/01\/BloKK_Erinnerung-2048x1536.jpg 2048w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2025\/01\/BloKK_Erinnerung-400x300.jpg 400w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Bild entstand auf einer Studienfahrt von Stephanie Lerke und Jan Christian Pinsch mit Paderborner Studierenden nach Auschwitz und zeigt das im Block 27 der Gedenkst\u00e4tte aufgestellte \u201eBook of Names\u201c mit den Namen von 4,8 der rund 6 Millionen J\u00fcdinnen*Juden, die w\u00e4hrend des Holocaust ermordet wurden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-blue-color has-text-color has-link-color wp-elements-b7ac8bee3e537b5d86c5f88f8cc21ed4 wp-block-paragraph\">Stephanie Lerke ist Studienr\u00e4tin im Hochschuldienst am Lehrstuhl\u00a0 f\u00fcr Religionsp\u00e4dagogik\u00a0 an der Evangelisch-Theologischen Fakult\u00e4t M\u00fcnster und Lehrbeauftragte am Institut f\u00fcr Evangelische Theologie und Religionsp\u00e4dagogik der Julius-Maximilians-Universit\u00e4t W\u00fcrzburg, Jan Christian Pinsch ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut f\u00fcr Evangelische Theologie der Universit\u00e4t Paderborn, Frederek Musall ist Professor f\u00fcr J\u00fcdische Studien\/Religionswissenschaft an der Julius-Maximilians-Universit\u00e4t W\u00fcrzburg.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der mehrfach ausgezeichnete Kurzfilm \u201eMasel Tov Cocktail\u201c (2020, derzeit in der ARD-Mediathek abrufbar) zeigt am Beispiel des Protagonisten Dimitri Lieberman (Dima) eindrucksvoll, mit welchen Herausforderungen, Stereotypen und Vorurteilen Menschen j\u00fcdischen Glaubens in Deutschland konfrontiert werden. Der Film beleuchtet dabei nicht &hellip; <a href=\"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/2025\/01\/24\/gucken-sie-nach-vorne-und-bewaeltigen-sie-die-gegenwart\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":9271,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-1757","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1757","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/9271"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1757"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1757\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1759,"href":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1757\/revisions\/1759"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1757"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1757"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1757"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}