{"id":1716,"date":"2024-11-08T09:52:09","date_gmt":"2024-11-08T08:52:09","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/?p=1716"},"modified":"2024-11-08T09:52:09","modified_gmt":"2024-11-08T08:52:09","slug":"die-wunde-muss-immer-bluten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/2024\/11\/08\/die-wunde-muss-immer-bluten\/","title":{"rendered":"DIE WUNDE MUSS IMMER BLUTEN"},"content":{"rendered":"<div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_1716 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_1716')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_1716').socialSharePrivacy({\"txt_help\":\"Wenn Sie diese Felder durch einen Klick aktivieren, werden Informationen an Facebook, Twitter, Flattr, Xing, t3n, LinkedIn, Pinterest oder Google eventuell ins Ausland \\u00fcbertragen und unter Umst\\u00e4nden auch dort gespeichert. 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In den ersten Jahrzehnten nach der Etablierung des Islam jedenfalls beten Muslime in Richtung dieser Heiligen Stadt alquds, \u0627\u0644\u0642\u062f\u0633.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr Juden ist Jerusalem ohne Frage der Mittelpunkt der Welt. Aber auch f\u00fcr Christen ist Jerusalem der Mittelpunkt der Welt.<\/p>\n\n\n\n<p>Jesus selbst allerdings identifiziert den Tempel, und damit \u05d0\u05b6\u05e8\u05b6\u05e5 \u05d9\u05b4\u05e9\u05b0\u05c2\u05e8\u05b8\u05d0\u05b5\u05dc\u00a0, das \u00abLand\u00bb, und damit auch \u00abIsrael\u00bb, mit <em>sich selbst<\/em> (Joh 2,19), so dass es naheliegt, die \u00abErw\u00e4hlung des Volkes Israel\u00bb nicht auf einen Landstrich auf der Erdoberfl\u00e4che zu beziehen, sondern auf eine Person. So dass das Heil, wenn es <em>von <\/em>\u00abden Juden kommt\u00bb (Joh 4,22), schon rein sprachlich nicht gleichzeitig nur <em>f\u00fcr<\/em> \u00abdie Juden\u00bb gedacht sein kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Nimmt man die unterschiedlichen alttestamentlichen oder modernen Gesetzgebungen in den Blick, so ist es auch nicht ganz einfach, wie man <em>J\u00fcdisch-Sein<\/em> definieren soll: Bezieht es sich auf eine biologische <em>Rasse<\/em>? Hier geraten die in der j\u00fcdischen Geschichte einander abwechselnden matrilinearen und patrilinearen Abstammungsvorstellungen leicht in einen Konflikt. Oder sind <em>Juden<\/em> auch diejenigen <em>Nichtjuden<\/em>, die den <em>j\u00fcdischen Glauben<\/em> durch die Beschneidung angenommen haben? Mit anderen Worten: Wer genau waren die Menschen, denen die <em>Balfour Declaration<\/em> im Jahr 1948 \u201cin Palestine \u2026 a national home for the Jewish people\u201c zuweist?<\/p>\n\n\n\n<p>Rasch merkt man, wie man in sprachliche Paradoxien ger\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch was der Begriff eines \u00abausgew\u00e4hlten Volkes\u00bb besagt, ist nicht immer ganz klar. In der Torah steht davon nichts. Verschiedene \u00e4hnlich klingende Formulierungen im Tanakh oder der j\u00fcdischen Liturgie jedenfalls weisen in ihrer Rede von einer <em>Besonderheit<\/em>, \u05e2\u05dd \u05e1\u05d2\u05dc\u05d4,<em> am segullah<\/em> (gesch\u00e4tztes Volk), \u05d0\u05b2\u05e9\u05b6\u05c1\u05e8 \u05d1\u05b8\u05bc\u05bd\u05d7\u05b7\u05e8 \u05d1\u05b8\u05bc\u05bd\u05e0\u05bc\u05d5,<em> ascher bachar banu<\/em>&nbsp;(der uns erw\u00e4hlt hat) eher auf eine <em>Funktion<\/em>: \u05d0\u05d5\u05e8 \u05dc\u05d2\u05d5\u05d9\u05d9\u05dd,<em> or la-goyim<\/em> (Jes 49,6) \u2013 ein Licht <em>f\u00fcr die V\u00f6lker<\/em>!<\/p>\n\n\n\n<p>Sicher ist, dass Gott \u00abden Kindern Abrahams ein Volk\u00bb verhei\u00dfen hat (R\u00f6m 11,2) \u2013 und zwar <em>beiden<\/em> Kindern, nicht nur Isaak (Gen 21,12), sondern auch Ismael (Gen 21,13). Und nicht die beiden Knaben streiten miteinander, sondern ihre M\u00fctter \u2026 (Gen 16,4f.; 21,10).<\/p>\n\n\n\n<p>Sogar Christen ist etwas verhei\u00dfen: Das Reich Gottes. Erwachsene erlangen es unter bestimmten Bedingungen; die Bergpredigt z\u00e4hlt dazu Arme, Verfolgte und solche, die das und das tun. Auch Kindern sagt Jesus das Reich Gottes zu; ihnen aber einfach so \u2013 ganz ohne Grund (Mk 10,14).<\/p>\n\n\n\n<p>II<\/p>\n\n\n\n<p>Die Wunde der Welt hei\u00dft Jerusalem.<\/p>\n\n\n\n<p>In Jerusalem, im Heilgen Land und in weiten Teilen des Nahen und Mittleren Ostens (der Eurozentrismus dieser Redewendung bewirkt bereits Verzerrungen) liegen <em>alle <\/em>miteinander im Streit.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht in erster Linie \u2013 wie es die Medien den Menschen einfl\u00fcstern \u2013 Juden und Muslime. Auch gegen\u00fcber Christen kommt es von staatlich-israelischer Seite immer wieder zu Schikanen.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Kirche <em>Vom Heiligen Grab<\/em> kommt es zu Schl\u00e4gereien zwischen den M\u00f6nchen verschiedener <em>christlicher<\/em> Konfessionen. Wegen dieser Streitigkeiten werden die Schl\u00fcssel zur Grabeskirche nicht von ihnen verwahrt, sondern von zwei <em>muslimischen<\/em> Familien.<\/p>\n\n\n\n<p>In Jerusalem, genauer: \u00abnahe bei der Stadt\u00bb (Joh 19,20), ist Jesus Christus gekreuzigt worden. Die schon rein sprachlichen Komplikationen, in die das Sprechen von <em>den<\/em> Juden, von <em>den <\/em>Christen, von <em>den <\/em>Muslimen an diesem einen, \u00abauserw\u00e4hlten\u00bb Ort f\u00fchrt, finden ihr Spiegelbild in der Paradoxie der sich schneidenden Vertikalen und Horizontalen des KreuzesJesu.<\/p>\n\n\n\n<p>Und wenn im Verlauf dieser Kreuzigung \u00abWasser und Blut aus seiner Seite flie\u00dfen\u00bb (Joh 19,33), stirbt er nicht nur f\u00fcr einige wenige \u00abAuserw\u00e4hlte\u00bb, sondern \u00ab<em>pro multis<\/em>\u00bb, wie es die katholische Liturgie singt; f\u00fcr \u00abdie Vielen\u00bb also, die, nach semitischem Sprachverst\u00e4ndnis, nicht durch eine <em>Selektion<\/em> (Juden schaudert bei diesem Begriff!) bestimmt sind, sondern durch das Umfassen a<em>ller<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>III<\/p>\n\n\n\n<p>Der Bezugspunkt der ganzen Welt liegt also in Jerusalem.<\/p>\n\n\n\n<p>Kann es angesichts solcher semantischer Verwicklungen verwundern, dass Jerusalem bleibender Bezugspunkt bitterster Bedrohungen \u00abbis ans Ende der Welt\u00bb bleiben muss?<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn Juden sich in und nach den Gaskammern des <em>Holocaust<\/em> (Ps 50,21 Vulgata!) nach <em>Pal\u00e4stina<\/em> (also nach <em>Jerusalem<\/em>) sehnen \u2013 denken sie dabei nur an einen geographischen Zufluchtsort, oder ringt hier eine tiefere Sehnsucht um Ausdruck?<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn bestimmte <em>Gruppen<\/em> der Hamas (also nicht <em>die<\/em> \u1e24arakat al-Muq\u0101wamah al-\u2018Isl\u0101miyyah) j\u00fcdische Menschen (mit ganz verschiedenen Reisep\u00e4ssen) verschleppen \u2013 geht es dabei nur um die <em>nakba <\/em>und<em> alquds<\/em>, oder lassen solche Taten in tiefere Abgr\u00fcnde blicken?<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn israelische Soldaten arabische Menschen zu Zehntausenden t\u00f6ten, weil einige wenige unter ihnen eine wirkliche Bedrohung darstellen k\u00f6nnten \u2013 handelt es sich dabei um eine <em>Milit\u00e4roperation<\/em> (ein interessanter Begriff, der auch in anderen Zusammenh\u00e4ngen der Gegenwart eine Rolle spielt) von <em>Juden<\/em> gegen <em>Muslime<\/em>? Werden nicht auch <em>christliche<\/em> Araber in gleicher Weise erschossen?<\/p>\n\n\n\n<p>Und sterben dabei nicht auch Kinder? Die, die Jesus der Zugeh\u00f6rigkeit zum Reich Gottes versichert hatte? Arabische christliche und muslimische Kinder, die sterben m\u00fcssen, weil andernfalls aus ihnen \u00abpal\u00e4stinensische Terroristen\u00bb werden? So wie vor achtzig Jahren j\u00fcdische Kinder sterben mussten, weil sonst aus ihnen \u00abj\u00fcdische Bolschewisten\u00bb geworden w\u00e4ren?<\/p>\n\n\n\n<p>IV<\/p>\n\n\n\n<p>Die Wunde der Welt hei\u00dft Jerusalem \u2013 der Mittelpunkt der Welt.<\/p>\n\n\n\n<p>In Jerusalem zeigt sich die Welt, wie sie wirklich ist. Hier zeigen sich die Menschen, wie sie jederzeit und \u00fcberall auf der Welt ihr wahres Gesicht aufdecken k\u00f6nnen: im st\u00e4ndigen Gef\u00fchl, bedroht zu sein, zerrissen von Angst, voller Hass, entw\u00fcrdigt von ihrer eigenen Niedertracht. Eine unstillbare blutende Wunde.<\/p>\n\n\n\n<p>In Jerusalem zeigt sich auch Jesus Christus, wie er wirklich ist. Immer wieder aufs Neue erschossen in den unschuldigen j\u00fcdischen, muslimischen und christlichen Kindern, l\u00e4sst er sich t\u00f6ten \u00abf\u00fcr die Vielen\u00bb. In Jerusalem zeigt sich Jesus Christus, wie er wirklich ist. In Jerusalem nimmt Jesus Christus die Menge der unsagbaren Taten der Menschen \u00fcberall auf der Welt auf sich selbst und \u00f6ffnet seine Wunde, damit Blut und Wasser heraustreten.<\/p>\n\n\n\n<p>Darum muss die Wunde immer bluten. Damit durch diese Wunde (Jes 53,5) die Welt \u00abheil\u00bb \u2013 \u0633\u0644\u0627\u0645, \u05e9\u05b8\u05c1\u05dc\u05d5\u05b9\u05dd \u2013 wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Weil Gott <em>im Angesicht<\/em> des Hasses Heil wirkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Weil er durch Wunden Wunder wirkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Darum muss die Wunde immer bluten.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\" id=\"_ftn1\">[1]<\/a> Vgl. die Skulptur \u05d9\u05b0\u05e8\u05d5\u05bc\u05e9\u05b8\u05c1\u05dc\u05b7\u05d9\u05b4\u05dd \u05de\u05b6\u05e8\u05b0\u05db\u05b7\u05bc\u05d6 \u05d4\u05b8\u05e2\u05d5\u05b9\u05dc\u05b8\u05dd (Jerusalem as the Center of the World) von David Breuer-Weil (2013).<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"700\" height=\"288\" src=\"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2024\/11\/Blokk-Kissel.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1719\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2024\/11\/Blokk-Kissel.jpg 700w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2024\/11\/Blokk-Kissel-300x123.jpg 300w, https:\/\/blogs.uni-paderborn.de\/zekkblog\/files\/2024\/11\/Blokk-Kissel-500x206.jpg 500w\" sizes=\"auto, (max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-blue-color has-text-color has-link-color wp-elements-30b1229e46825f4208a27788aeedb696\">PD Dr. Mathias Kissel ist Privatdozent am Evangelischen Institut der Universit\u00e4t Paderborn.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Mittelpunkt der Welt ist Jerusalem, \u05d9\u05b0\u05e8\u05d5\u05bc\u05e9\u05b8\u05c1\u05dc\u05b7\u05d9\u05b4\u05dd.[1] Dies ist f\u00fcr Muslime der Fall, zumindest ist es f\u00fcr sie ein Mittelpunkt der Welt. 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